Die nordfriesische Literatur als Literatur in nordfriesischer Sprache hat in Bezug auf die Ausgangssituation der Sprache und die Zahl der Sprecher eine bemerkenswerte Anzahl und Bandbreite an Werken hervorgebracht. Das Nordfriesische weist bzw. wies zehn zum Teil kaum untereinander verständliche Dialekte auf, die wegen der geographischen Verhältnisse lange Zeit nur sehr wenig miteinander in Kontakt kamen. Es gab nie ein kulturelles Zentrum in Nordfriesland, das für die Sprache oder Literatur vereinheitlichend hätte wirken können. Aufgrund dieser Zersplitterung haben bis heute literarische Erzeugnisse selbst innerhalb der nordfriesischen Sprachgruppe nur eine sehr geringe Reichweite, die fast ausschließlich auf ein einzelnes Dialektgebiet beschränkt ist. Daher kann im Prinzip von mehreren nordfriesischen Literaturen gesprochen werden. So haben sich in Nordfriesland Literaturen mit eigenen Schwerpunkten und Traditionen auf der Insel Sylt, auf der Insel Helgoland, auf Föhr und Amrum sowie auf dem Festland – in unterschiedlich ausgeprägter Form – herausgebildet.

Situation bis 1800 mini|Geographische Verteilung der Dialekte des Nordfriesischen. Die nordfriesische Literatur entsteht im Wesentlichen erst seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Zu diesem Zeitpunkt war das nordfriesische Sprachgebiet bereits auf die zehn Hauptdialekte auf den Inseln Helgoland, Sylt, Föhr, und Amrum sowie auf den Halligen und den Harden nördlich von Husum, also in den beiden Goesharden, der Karrharde, der Bökingharde und der Wiedingharde, reduziert. Aus der Zeit vor 1800 gibt es nur wenig schriftliche Überlieferungen des Nordfriesischen, altnordfriesische Texte fehlen vollkommen. Mündlich überliefert sind einige wenige Volkslieder, Märchen und Sagen, dagegen relativ viel Spruch- und Reimgut.

Das wohl älteste überlieferte Zeugnis ist die in alter Föhrer Sprache gehaltene Ballade A Bai a Redder (in etwa „Es tanzte ein Ritter“), vermutlich aus dem 15. Jahrhundert, deren Verfasser unbekannt ist. Die Ballade ist von zahlreichen archaischen Ausdrücken durchsetzt, die teilweise heute nicht mehr zufriedenstellend übersetzt werden können. Das Lied ist in verschiedenen Varianten überliefert und wurde erst im 19. Jahrhundert herausgegeben. Es ähnelt dänischen Volksballaden und zeigt die starke Einbindung Nordfrieslands in den skandinavischen Kulturraum.

Auffällig ist unter den frühen Texten eine Dominanz der Überlieferungen im Dialekt der 1634 durch die Burchardiflut zerstörten Insel Strand. Aus dem 17. Jahrhundert ist ein Spottlied, das Nordstrander Liet von Hans Tadesens Hammeldiebstahl, und aus der Zeit um 1600 ein Strander Katechismus überliefert, der auch in Ostföhrer Sprache vorliegt. Die Verfasser bzw. Übersetzer beider Texte sind heute nicht mehr bekannt. Bereits aus der Zeit nach der Burchardiflut stammen die beiden Lieder Yn Miren-Söngh und Yn Een-Söngh („Ein Morgenlied“ und „Ein Abendlied“), die vom Strander Pfarrer und Chronisten Anton Heimreich 1662 niedergeschrieben wurden. Dies lässt vermuten, dass durch den Untergang der wohlhabenden Insel zahlreiche weitere Texte verloren gingen.

Im 18. Jahrhundert nimmt die Überlieferung schließlich etwas zu. Es finden sich vor allem geistliche Texte wie eine Vaterunser-Übersetzung auf Föhrer oder Amrumer Friesisch, Di Tahierer Jesu („Der Zuhörer Jesu“) von Boy Jacobsen im Nordergoesharder Friesischen (1745), ein Zwiegespräch wegen der Buße Davids von Lorenz Lorenzen auf Halligfriesisch (1749) und andere. Daneben sind einige Gelegenheitsgedichte erhalten, z. B. Huldigungsgedichte auf den dänischen Monarchen im Bökingharder Friesisch und ein Hochzeitsgedicht. Auch studentische Stammbucheinträge in nordfriesischer Sprache sind überliefert, beispielsweise der Langenhorner Alexandriner des Harro Harring (1776).

Dabei ist auffällig, dass literarische Zeugnisse in sylterfriesischer Sprache vor 1800 nicht überliefert sind. Später sollte Sylt dagegen häufig die Vorreiterrolle in der literarischen Entwicklung übernehmen.

Die insgesamt dünne Überlieferungslage kann zu einem großen Teil aus der Tatsache erklärt werden, dass Friesisch bereits seit dem Mittelalter vor allem eine Sprache des Privatlebens war. Als Geschäfts-, Urkunden- und Kirchensprache wurde zunächst das Nieder-, später das Hochdeutsche – also die jeweilige Dachsprache – verwendet. Friesisch war die vor allem mündlich gebrauchte Varietät und in Schriftform unüblich. Dies wirkte auch der Entwicklung einer einheitlichen Orthographie entgegen. Eine solche wurde erst später entwickelt und ist bis in die Gegenwart nicht vollständig durchgesetzt.

Nach 1800 Mit dem Geitzhals des Sylters Jap Peter Hansen, der 1809 in Flensburg erstmals gedruckt wurde, setzte die moderne nordfriesische Literatur schließlich doch erstaunlich früh ein. Schon im 19. Jahrhundert spürten die Sprecher des Nordfriesischen, dass ihre Sprache bedroht war und gegenüber Dänisch, Niederdeutsch und Deutsch an Boden verlor. Ein Verantwortungsbewusstsein für den jeweiligen Ortsdialekt mag eine Erklärung für die überproportional rege Schreibtätigkeit sein. Sowohl Lyrik als auch Prosa, Theaterstücke, Liedgut und geistliche Literatur brachten die zahlenmäßig wenigen und kaum in ihrer Heimatsprache alphabetisierten Nordfriesen hervor.

Die Schaffung eines eigenen friesischen Nationalmythos durch Christian Peter Hansen 1858 ist ebenso außergewöhnlich wie die frühe Übersetzung des Neuen Testaments durch Peter Michael Clemens (1870). Nach aufklärerischen und (national-)romantischen Phasen erreichte die nordfriesische Literatur in den 1920er Jahren im Zuge der Heimatbewegung ihren Höhepunkt. Die friesische Sprache wurde zu dieser Zeit von offizieller Seite gefördert, um nach der Volksabstimmung in Schleswig die überwiegend „deutsche Gesinnung“ der Nordfriesen zu festigen. Für diesen Zenit der nordfriesischen Literatur stehen der sehr produktive Sylter Dichter Jens Emil Mungard sowie der Föhrer Lorenz Conrad Peters und der Bökingharder Nis Albrecht Johannsen der Jüngere. Insgesamt ist die Literatur zwar durch die Auseinandersetzung mit der Heimat geprägt, verfällt aber kaum in einen ausgeprägten schwankhaften Charakter, wie man ihn etwa von den zahlreichen niederdeutschen „Döntjes“ kennt.

In der Zeit des Nationalsozialismus kam die literarische Tätigkeit in nordfriesischer Sprache weitgehend zum Erliegen. Auch wenn die Nordfriesen im deutsch-dänischen Konflikt zuvor überwiegend deutscher und nur in geringerer Zahl dänischer Gesinnung gewesen waren, erkannten sie rasch, dass sie von den Nationalsozialisten nichts zu erwarten hatten. So machten die nordfriesischen Autoren die Hinwendung zur „Blut-und-Boden“-Literatur in der Heimatdichtung auch nicht mit und zogen sich nach der Gleichschaltung ihrer Vereine meist ins Privatleben zurück. Mungard betrieb sogar offene Opposition und starb im Konzentrationslager.

In der Nachkriegszeit ging die literarische Produktivität in nordfriesischer Sprache im Vergleich zu den 1920er Jahren zurück, versiegte aber nie. Erst ab 1970 fand die Literatur wieder Anschluss, als der Zeitgeist den Regional- und Minderheitensprachen wieder positiv gegenüberstand. Es gab sogar ausgeprägte Modernisierungsbemühungen. Aus der Arbeit eines nordfriesischen Studentenkreises an der Universität in Kiel ging im Jahr 1976 die ambitionierte gesamtnordfriesische Gedichtsammlung friisk fees („Friesische Verse“) hervor, die moderne Lyrik in verschiedenen Dialekten enthält. Im Rahmen eines Schreibwettbewerbs in den Jahren 1989/90 entstand schließlich die Erzählung Jonk Bradlep („Dunkle Hochzeit“) der Föhrer Autorin Ellin Nickelsen, die als herausragendes Werk der neueren nordfriesischen Prosa gilt.

Heutige Situation Die Nordfriesen, die ihre angestammte Sprache noch beherrschen, bemühen sich heute, auch eine lebendige Literatur zu erhalten, da diese als entscheidender Faktor für das Überleben des Nordfriesischen im 21. Jahrhundert angesehen wird. Da wegen der geringen Reichweite die Herausgabe von Büchern nur sehr selten wirtschaftlich umzusetzen ist, werden Veröffentlichungen häufig von staatlicher Seite unterstützt – die Förderung der friesischen Volksgruppe ist seit 1990 gesetzlich verankert, dies schließt vor allem die Sprachförderung ein. Das Buch bleibt nach wie vor das wichtigste Medium, erst wenige Werke sind etwa auf CD oder Kassette erschienen. Als Herausgeber und Verlage fungieren häufig die beiden großen friesischen Vereine – der Nordfriesische Verein und die Friisk Foriining – sowie insbesondere das Nordfriisk Instituut. Zahlreiche neue kurze Texte entstehen regelmäßig im alle zwei Jahre vom NDR und dem Instituut ausgerichteten Schreibwettbewerb Ferteel iinjsen ('Erzähl mal').

Autorentypen Zwischen den Biographien der nordfriesischen Autoren bestehen häufig auffällige Parallelen. So entsteht ein Großteil der nordfriesischen Schriften außerhalb Nordfrieslands. Die Fremde als prägendes Erlebnis findet sich wahrscheinlich bereits bei Hansens Geitzhals, der auf Seereisen seinen Ursprung fand, reicht über die produktive Phase der Helgoländer Sprachgemeinschaft nach der Evakuierung der Insel und endet bislang bei der Föhrer Schriftstellerin Ellin Nickelsen, die ihre preisgekrönte Erzählung Jonk Bradlep in Indien erdachte.

Zudem sind viele nordfriesische Schriftsteller Pastoren, Lehrer oder anderweitig dem Bildungsbürgertum angehörig. Auch diese „Tradition“ beginnt bereits mit Jap Peter Hansen, der nach seinen Seefahrerjahren in den Schuldienst trat. Bei vielen Autoren ist das Schreiben zudem eindeutig als Beitrag zu Sprachpflege und zum Spracherhalt gedacht. Dies gilt besonders für all diejenigen, die sich wissenschaftlich mit dem Nordfriesischen beschäftigen und daneben noch Literatur produzieren. Beispielhaft mögen hier Christian Johansen stehen, der ein Werk über den Amrumer Dialekt schrieb, und Bende Bendsen, der ein Standardwerk über die Mooringer Mundart herausbrachte. Ebenso in diese Reihe passt Otto Bremer, der sich allerdings als auswärtiger Sprachwissenschaftler für das Föhrer Friesisch starkmachte und Bücher in diesem Dialekt veröffentlichte.

Auch im frühen 20. Jahrhundert finden sich parallele Entwicklungen. So waren die einflussreichsten Autoren im deutsch-dänischen Grenzkonflikt der Regel mehr (Lorenz Conrad Peters) oder weniger (Albrecht Johannsen) fanatisch deutsch gesinnt und im Nordfriesischen Verein für Heimatkunde und Heimatliebe engagiert. Nach der Erfahrung des Nationalsozialismus relativierte sich diese Einstellung häufig. Zu dieser Zeit wurden auch immer mehr nordfriesische Frauen schriftstellerisch aktiv, die insbesondere unverheiratet und unabhängig waren.

Überblick nach Dialektgebiet Sylt Die sylterfriesische Literatur gilt als die am besten ausgebaute und umfangreichste der nordfriesischen Literaturen. Auch wenn kein sylterfriesisches Literaturzeugnis aus der Zeit vor 1800 überliefert ist, waren die Sylter Dichter in der modernen Literatur häufig in der Vorreiterrolle. Es wird angenommen, dass dies durch den früh einsetzenden Fremdenverkehr auf der Insel und der damit einhergehenden Bedrohung der Sprache begünstigt wurde, welche die Sylter für ihre Identität und Sprache sensibilisierte.

mini|Gedenkstein für Jap Peter Hansen in Alt-Westerland auf Sylt Die moderne nordfriesische Literatur setzt mit der Komödie Di Söl’ring Pir’rersdei („Der Sylter Petritag“) des Seemanns Jap Peter Hansen (1767–1855) ein. Sie erschien erstmals 1809 und erlebte drei weitere Auflagen, bei denen sie deutsche Titel wie Der Geitzhals oder der Silter Petritag oder Der Geitzhals auf der Insel Silt erhielt. Hansen kam auf seinen Fahrten offenbar mit der europäischen Literatur in Kontakt, denn das Stück ist erkennbar von Molière und Holberg beeinflusst.

Ebenfalls von Jap Peter Hansen stammt der einzige längere Roman, der je auf Nordfriesisch geschrieben wurde. Di lekkelk Stjüürman („Der glückliche Steuermann“) erschien 1833 als Fortsetzung zum Geitzhals. Hansen verfasste auch einige Gedichte und Lieder.