Der Chilcotin-Krieg war ein bewaffneter Konflikt zwischen Angehörigen der Tsilhqot'in (Chilcotin) (damals meist „Chilcotin“ genannt) und der Kolonialregierung von British Columbia im Jahr 1864. Ausgelöst wurde er durch den Bau einer Straße durch das Gebiet der Tsilhqot'in, die eine schnellere Verbindung zu den Goldfeldern im Landesinneren schaffen sollte. Der Konflikt kostete mindestens 25 Menschen das Leben und gilt als einer der bedeutendsten Widerstände indigener Völker gegen die koloniale Expansion im heutigen British Columbia.

Eine zentrale Rolle spielte dabei der Tsilhqot'in-Anführer Lhatŝ'aŝʔinDer Name könnte ein Verweis darauf sein, dass „Lhatŝ'aŝʔin (Klatsassin)“ für die Tsilhqot'in (Chilcotin) zudem ein mächtiger Schamane (Medizinmann) („Heiliger Mann“) war, der neben dem Prestige des Anführers (Häuptlings) auch über große spirituelle und geistige Kraft und Macht verfügte. Viele Athabasken – wie die Tsilhqot'in (Chilcotin) – waren überzeugt, dass Häuptlinge zugleich meist über besondere spirituelle/geistige Kraft verfügten bzw. verfügen mussten, um die ihnen anvertraute verantwortliche Stellung gewissenhaft und gut für die Stammesmitglieder ausfüllen zu können. Jedoch wurde diesen Personen bei Ausbleiben von Jagd- und Kriegserfolgen, Seuchen, unerklärlichen Toden, ihre „Doppelfunktion“ als Anführer und „Schamane/Heiler“ oft zum Verhängnis und sie wurden nun als „Hexer“ und „Zauberer“ bezeichnet (und mussten die Gemeinschaft verlassen bzw. wurden sogar getötet). Ein bekanntes Beispiel ist unter den Apachen, einer Gruppe der Südlichen Athabasken zu finden: Geronimo (span. Anrufung des Heiligen Hieronymus (Jerónimo), Apache-Name Gokhlayeh, Goyaałé bzw. Goyáálé - "Der Gähnende"), war zugleich Kriegshäuptling und Schamane (Diyin) einer Gruppe von Bedonkohe, Chihenne und Nednhi Bands der Chiricahua Apachen - unterstand jedoch während der Kämpfe immer der Führung der Häuptlinge Loco, Nana, Juh und Naiche; auf Grund der erfolgten Niederlage und der Exilierung der Apachen wurde auch von seinen Gegnern die Verschwörungstheorie verbreitet, er sei ein böser Hexer, der seinem Volk nur Unglück gebracht hätte. („Wir kennen seinen Namen nicht“ bzw. „Niemand kennt ihn“, in zeitgenössischen Quellen meist Klatsassin genannt), der den Widerstand gegen das Straßenbauprojekt anführte. Aus Sicht der Tsilhqot'in handelte es sich um einen Verteidigungskampf gegen das Eindringen von Fremden in ihr Land. Die Kolonialregierung betrachtete die Taten dagegen als Morde und reagierte mit militärischen Maßnahmen.

Vorgeschichte Mit dem Fraser-Canyon-Goldrausch ab 1858 und dem Cariboo-Goldrausch ab 1860 strömten Zehntausende Goldsucher nach British Columbia. Die Kolonialregierung und private Unternehmer suchten deshalb nach neuen Verkehrswegen zu den Goldfeldern im Landesinneren.

Der Unternehmer Alfred Waddington plante eine neue Straße vom Bute Inlet an der Pazifikküste bis nach Alexandria im Cariboo-Gebiet. Die sogenannte Bute Inlet Wagon Road sollte die Reisezeit erheblich verkürzen und langfristig möglicherweise sogar Teil einer transkontinentalen Verkehrsverbindung werden.

Die geplante Route verlief jedoch durch das traditionelle Gebiet der Tsilhqot'in, ohne dass diese um Zustimmung gebeten worden waren.

Ursachen des Konflikts Mehrere Faktoren führten zu den Spannungen: Der Straßenbau stellte einen direkten Eingriff in das Gebiet der Tsilhqot'in dar. Die Tsilhqot'in befürchteten, dass der neue Verkehrsweg weitere Siedler und Goldsucher in ihr Land bringen würde. Die verheerende Pockenepidemie von 1862 hatte in vielen indigenen Gemeinschaften große Verluste verursacht. Die Erinnerung daran verstärkte die Furcht vor einem erneuten Einschleppen von Krankheiten durch die zunehmende Zahl von Europäern und Amerikanern. Für viele Tsilhqot'in bedeutete die Straße daher nicht nur ein Bauprojekt, sondern eine unmittelbare Bedrohung ihrer Lebensweise und ihrer Kontrolle über das eigene Territorium.

Waddingtons Straßenbauprojekt Nach ersten Erkundungen erhielt Waddington 1862 von der Kolonialregierung die Erlaubnis zum Straßenbau. 1863 begannen die Arbeiten am Bute Inlet. Innerhalb weniger Monate wurden zahlreiche Brücken gebaut und die Trasse mehrere Dutzend Kilometer ins Inland vorangetrieben. Für die Arbeiten wurden auch Tsilhqot'in als Träger und Helfer beschäftigt. Dennoch verschlechterten sich die Beziehungen zwischen den Straßenbauern und Teilen der lokalen Bevölkerung zunehmend. Als die Bauarbeiten im Frühjahr 1864 wieder aufgenommen wurden, war die Lage bereits angespannt.

Ausbruch des Krieges Am 29. April 1864 eskalierte die Situation. Eine Gruppe von Tsilhqot'in unter der Führung von Lhatŝ'aŝʔin (Klatsassin) und Tellot traf an der Homathko-Fähre auf den Fährmann Timothy Smith. Nachdem dieser ihnen die Überfahrt und die Versorgung verweigert hatte, wurde er getötet. Sein Lager wurde geplündert, Vorräte wurden beschlagnahmt und die Fähreinrichtung unbrauchbar gemacht.

Am folgenden Morgen griffen die Tsilhqot'in ein nahegelegenes Lager der Straßenarbeiter an. Nur drei Männer konnten verletzt entkommen; die übrigen Arbeiter wurden getötet. Anschließend zog die Gruppe entlang der neuen Straßenroute weiter und griff weitere mit dem Bauprojekt verbundene Personen an, darunter den Vorarbeiter William Brewster und seine Mannschaft sowie den Siedler William Manning am Puntzi Lake. Auch ein Versorgungstrupp geriet später in einen Hinterhalt. Insgesamt kamen bei den Angriffen 19 Männer ums Leben.

Die Angriffe richteten sich gezielt gegen Personen, die mit dem Straßenbau und der weiteren Erschließung des Gebiets in Verbindung standen. Aus Sicht der Tsilhqot'in handelte es sich um den Versuch, das Vordringen der Kolonialgesellschaft in ihr Territorium aufzuhalten.

Als die Nachricht am 13. Mai die Kolonialregierung in New Westminster erreichte, entsandte Gouverneur Frederick Seymour mehrere Expeditionen in das Konfliktgebiet. Ein erster Trupp unter Chartres Brew scheiterte bereits am schwierigen Gelände. Auch eine zweite Expedition unter Gold Commissioner William Cox musste sich zunächst zurückziehen. Erst Anfang Juli 1864 vereinigten sich die Regierungstruppen im Gebiet der Tsilhqot'in. Während einer Erkundungsmission wurde der erfahrene Grenzgänger Donald McLean erschossen, was die Schwierigkeiten der Regierung verdeutlichte, die Kontrolle über die Region zu gewinnen.

Da eine militärische Entscheidung ausblieb, begannen schließlich Verhandlungen zwischen den Tsilhqot'in und der Kolonialregierung. Im Juli 1864 erschienen Klatsassin, Tellot und weitere Indianer-Anführer zu Gesprächen im Lager der Regierungstruppen. Obwohl ihnen im Vorfeld friedliche Verhandlungen und Freundschaft zugesichert worden waren, wurden sie sofort verhaftet.

Prozesse und Hinrichtungen Die gefangenen Tsilhqot'in wurden am 27. August nach Alexandria gebracht, von dort weiter nach Quesnel und dort 28. und 29. September wegen Mordes angeklagt. Das Verfahren fand vor Richter Matthew Baillie Begbie in Quesnel statt, der für seine schnellen und harten Urteile berüchtigt war. Die Angeklagten argumentierten, sie hätten sich im Krieg gegen Eindringlinge befunden und seien daher Krieger, nicht Verbrecher. Das Gericht folgte dieser Argumentation nicht und verurteilte sie wegen Mordes. Am 26. Oktober 1864 wurden die Anführer Lhatŝ'aŝʔin (Klatsassin), Telloot, Tah-pitt, Piele und Chessus öffentlich hingerichtet.

Zwei weitere Tsilhqot'in, Ahan (Kwutan) und Lutas, wurden später gefasst und im Juli 1865 ebenfalls zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Nachwirkungen und Neubewertung Nach dem Krieg forderte Alfred Waddington von der Kolonialregierung für den Verlust seines Straßenbauprojekts eine Entschädigung in Höhe von 50.000 Dollar. Die Regierung lehnte dies jedoch ab.

Über die Ursachen des Aufstands wurden bereits damals unterschiedliche Erklärungen diskutiert. Besonders häufig wurde auf die Angst vor einer erneuten Pockenepidemie sowie auf die Bedrohung des traditionellen Lebensraums der Tsilhqot'in verwiesen.

Lange Zeit galten die hingerichteten Tsilhqot'in offiziell als Mörder. Erst im späten 20. Jahrhundert setzte eine Neubewertung ein. 1993 erkannte die Provinz British Columbia an, dass die Männer im Rahmen eines bewaffneten Konflikts gehandelt hatten und daher als Kriegsgegner betrachtet werden müssen. Zugleich wurde das damalige Vorgehen der Kolonialbehörden kritisch aufgearbeitet. Die Gräber der Hingerichteten wurden exhumiert und ihre Überreste angemessen beigesetzt.

Heute wird der Chilcotin-Krieg überwiegend als Ausdruck des Widerstands der Tsilhqot'in gegen die koloniale Besetzung ihres Landes und als wichtiger Teil der indigenen Geschichte Kanadas verstanden.

Siehe auch Geschichte der First Nations Geschichte British Columbias

Weblinks Waddington's Road and the „Chilcotin War“, archive.org, 1. März 2014

We Do Not Know His Name – Klatsassin & The Chilcotin War

Einzelnachweise

Kategorie:Geschichte British Columbias Kategorie:Konflikt 1864