mini|hochkant|Percy Harrison Fawcett im Jahr 1911 in der peruanischen Stadt Juliaca

Percival Harrison Fawcett (* 18. August 1867 in Torquay; verschollen und vermutlich † im Sommer 1925 am Oberlauf des Rio Xingu) war ein britischer Forschungsreisender, Abenteurer und Ethnologe. Er war zunächst Soldat der britischen Armee und erlernte im Rang eines Oberstleutnants des Secret Intelligence Service (SIS) die Fertigkeit der Landesvermessung. Seine Expeditionen Anfang des 20. Jahrhunderts führten ihn mehrfach nach Südamerika. Der Nachwelt ist er vor allem durch sein spurloses Verschwinden zusammen mit seinem ältesten Sohn während seiner letzten Forschungsreise durch den brasilianischen Urwald in Erinnerung geblieben, was in Großbritannien Anlass zu vielen Spekulationen hinsichtlich seines Verbleibes führte. Dagegen sind seine erfolgreichen früheren Reisen nahezu in Vergessenheit geraten.

Führten ihn seine ersten Expeditionen noch im offiziellen Auftrag in den tropischen Regenwald, um internationale Grenzen und Flussläufe zu vermessen, richtete er sein Augenmerk auf späteren Fahrten – auf Grund von verschiedentlichen Hinweisen – auf die Suche nach einer angeblich im brasilianischen Regenwald versunkenen Stadt (von ihm „Z“ genannt).

Biographischer Überblick mini|Fawcetts Heimatstadt Torquay

Percy Fawcett kam 1867 als Sohn des in Indien geborenen Edward B. Fawcett und dessen Frau Myra Fawcett in Torquay zur Welt, einer Kleinstadt in der südenglischen Grafschaft Devon. Er selbst beschrieb seine Kindheit später als frei von elterlicher Liebe. Dies erklärt, warum er schon früh versuchte, den familiären Zwängen zu entkommen und selbstständig zu werden. Fawcett besuchte die Schule in Newton Abbot. Sein Vater war Mitglied der Royal Geographical Society (RGS) und versuchte, den Sohn bereits in jungen Jahren für dieses Themenfeld zu interessieren. Dieser jedoch trat zunächst nach dem Schulabschluss im Jahr 1886 dem Royal Regiment of Artillery bei, für das er in Trincomalee auf Sri Lanka stationiert wurde. Dort lernte er seine zukünftige Frau Nina (Nina Agnes Paterson, 1870–1954), die Tochter eines Richters, kennen. Zwar sagte Fawcett der Militärdienst allgemein zu, doch erachtete er ihn mehr als Mittel zum Zweck des Geldverdienens. In der Dekade von 1893 bis 1903 wurde er häufig versetzt, beispielsweise nach England und nach Malta. Anschließend arbeitete der mittlerweile zum Oberstleutnant aufgestiegene Fawcett für den Secret Intelligence Service in Marokko, wo er das Handwerk der Landesvermessung erlernte. Es folgte ein weiterer Arbeitsplatzwechsel nach Hongkong, bevor er nach Sri Lanka zurückbeordert wurde. Dort heirateten Nina und Percy 1901, und ihr erster Sohn Jack (1903–1925) kam gleichfalls dort zur Welt. 1906 wurde Brian geboren, der 1984 starb.

Percy Fawcett pflegte neben seinem Beruf eine enge Freundschaft mit den Autoren Henry Rider Haggard und Arthur Conan Doyle. Im Ersten Weltkrieg diente er auf Seiten Großbritanniens als Soldat an der Westfront im Schützengraben, und im Jahr 1916 verlieh ihm die Royal Geographical Society eine Goldmedaille für seine Beiträge in Südamerika.Farrington (2001), Seite 136

Es gibt Medienberichte, dass Fawcett und seine Familie ein Jahr vor seiner letzten Mission in finanzielle Not geraten waren. Mit seiner Familie war er gezwungen, in eine Hütte ohne Strom und fließend Wasser umzuziehen. Ein Verkauf von eigenem Mobiliar sollte die Haushaltskasse aufbessern. Auch seinen Mitgliedsbeitrag von drei englischen Pfund für die Royal Geographical Society musste er schuldig bleiben.SPIEGEL ONLINE 2009, Frank Thadeusz, http://www.spiegel.de/einestages/amazonas-expedition-1925-a-948459.html

Forschungsreisen Um 1900 war das Regenwaldplateau von Mato Grosso in Südamerika eines der letzten noch nicht vollständig vermessenen Gebiete der Erde. Zwischen Bolivien und Brasilien herrschten Grenzkonflikte, da wichtige Rohstoffe wie etwa große Kautschukbaumvorkommen in der Region vermutet wurden. Zur Schlichtung wurde 1906 die Royal Geographical Society als neutrale Partei eingeschaltet, welche das Gebiet vermessen, kartieren und so den endgültigen und anerkannten Grenzverlauf festlegen sollte.

George Taubman Goldie, der damalige Präsident der Society, wählte Fawcett nach einem persönlichen Gespräch als Leiter der Vermessungsexpedition aus, obschon dieser über keinerlei Erfahrung bezüglich Südamerika verfügte. Ausschlaggebend für die Wahl war der Umstand, dass Armeekameraden, ebenfalls Mitglieder der RGS, bei Taubman Goldie vorstellig geworden waren und sich für Fawcett ausgesprochen hatten, der ihrer Meinung nach die für die Expedition benötigte Neutralität und Charakterstärke besaß. Fawcett selbst zeigte sich ob dieser Nachricht enthusiastisch und freute sich auf die Reise, da sie ihm als eine willkommene Abwechslung vom Alltag in der Armee erschien. Mehrere Jahre später ließ er verlauten: „Das Geheimnis seiner riesigen, unerforschten Wildgebiete machte die Verlockung von Südamerika unwiderstehlich für mich. Das Schicksal bestimmte, dass ich gehe.“

Die Organisation der Reise übernahm die Royal Geographical Society, die sowohl die Ausrüstung bereitstellte als auch Geldgeber anwarb.

Erste Reise La Paz – Sorata – Mapiri – Rurrenabaque – Riberalta – Cobija – Xapuri – Villa Bella – Riberalta

Nach einer langen Anreise über New York City, Panama sowie durch Peru erreichte der Expeditionstrupp im Juni 1906 die bolivianische Stadt La Paz. Zunächst sah es so aus, als sei die Reise bereits dort wieder zu Ende, da sich Fawcett und die britische Regierung nicht über die Kosten der Reise hatten einig werden können und letztere eine Klärung der Lage vor einem möglichen Start verlangte. Nachdem die Probleme behoben worden waren, brachen die zuvor sämtlich von der Royal Geographical Society bestimmten Teilnehmer – Fawcett, A. J. Chalmers, Carlos Dunn sowie acht Tamupasa-Indianer – am 4. Juli in Richtung Norden auf. Als Lastentiere hatte Fawcett Maultiere ausgewählt.

Die erste Station der Expedition auf der von der Royal Geographic Society festgelegten Route war die Kleinstadt Sorata nördlich von La Paz. Von dort aus zog sie weiter Richtung Nordosten und hielt sich dabei an den Mapiri Trail, einen mautpflichtigen Pfad durch den Regenwald. Diesen hatte die aus Deutschland stammende Familie Richter geschlagen, um das auf ihrer Plantage gewonnene Chinin schneller zum Verkauf transportieren zu können. Ab Mapiri, einer Stadt, in der der Großteil der männlichen Bevölkerung betrunken war, was Fawcett sehr schockierte, setzte er die Reise in Booten zunächst stromabwärts auf dem Río Mapiri und anschließend auf dem aus diesem entstehenden Río Beni fort.

mini|Rurrenabaque – von Fawcett als „trostlose Halde“ bezeichnet

Vierzehn Tage nach der Abreise aus La Paz erreichte die Gruppe schließlich den Ort Rurrenabaque, den Fawcett später als „trostlose Halde“ auf dem Weg in den Regenwald und als „ein Metropolis auf dem Weg raus“ bezeichnete. In der Stadt lagen, anders als abgesprochen, nicht die Vermessungsinstrumente für die Expedition bereit, doch die Briten wurden vertröstet, dass dies im flussabwärts gelegenen Riberalta der Fall sei. Einen Tag nach der Ankunft trafen sie mit zwei Zollbeamten aus La Paz zusammen, die mehrere Postsäcke nach Riberalta bringen sollten. Da alle ein gemeinsames Ziel hatten, entschloss man sich, gemeinsam weiterzufahren. Nach einem mehrtägigen Aufenthalt fuhr die Gruppe am 8. August mit Batelóns, einfachen Holzschiffen, den Fluss hinunter. Ein Batelón maß etwa zwölf Meter Länge und dreieinhalb Meter Breite und hatte einen Tiefgang von ungefähr 90 Zentimetern.

Es gelang den Expeditionsteilnehmern, die gefürchteten Altamarani-Stromschnellen unverletzt zu überwinden. Allerdings schlugen die Boote Leck, so dass sie nach einer 16 Kilometer langen Fahrt an Land gehen und diese ausbessern mussten. Die Reparatur nahm zwei Tage in Anspruch und die weitere Flussfahrt verlief ohne besondere Ereignisse. Die Forscher trieben mit etwa fünf Kilometern pro Stunde flussabwärts und ernährten sich von Affenfleisch, Früchten, Schildkröteneiern und Wildschweinen. Lediglich das Baden im Fluss barg Gefahren, da in diesem Stachelrochen, Zitteraale und Candirus zu finden waren. Vorfälle gab es keine. Als Zeitvertreib dienten die Zeitungen und Zeitschriften aus den Postsäcken, die von den Zollbeamten aus Langeweile geöffnet worden waren.

Zwanzig Tage nach der Abfahrt aus Rurrenabaque, am 28. August 1906, gelangten Fawcett und seine Männer nach Riberalta. Dort fand Fawcett tatsächlich die benötigten Instrumente vor und traf auf sachkundige Offiziere, die über seine Expedition und ihre Bedeutung informiert waren. Riberalta wurde zum Basislager der Expedition. Hier rüstete sie sich aus, um den Vermessungsauftrag auszuführen.

Zusammen mit einem jamaikanischen Koch sowie dem in Bolivien lebenden Schotten Urquhart paddelte die Gruppe um Fawcett von Riberalta aus den Río Orthon und anschließend dessen Quellfluss, den Río Tahuamanu, in südwestlicher Richtung flussaufwärts. Fawcett berichtete später von zahlreichen zum Teil noch unbekannten wildlebenden Tieren, die eine zuvor unterschätzte Gefahr für die Expedition darstellten. So hätten beispielsweise Vampirfledermäuse die Vorräte angefressen, und einem Begleiter, der seine blutbefleckten Hände im Fluss waschen wollte, wurden zwei Finger von Piranhas abgebissen. Er konnte medizinisch versorgt werden. Nach 43-tägiger Flussfahrt gelangte die Gruppe in das Dorf Porvenir. Von dort aus zog sie über Land und durch den Regenwald weiter bis in die nordbolivianische Stadt Cobija. Dort entwickelten sich schnell Probleme im Umgang mit den Einwohnern. Wie sich herausstellte, waren viele der Weißen in der Ansiedlung Gesetzesbrecher, die aus dem Wilden Westen der Vereinigten Staaten nach Bolivien abgeschoben worden waren. Die Expeditionsteilnehmer wurden in einige kleinere Konflikte und einmal in eine durch Alkohol aufgeheizte Schlägerei verwickelt. Die Reisegruppe war gezwungen, über das Weihnachtsfest in Cobija auszuharren. Diese Zeit nutzte Fawcett dazu, die Messdaten für eine Eisenbahnstrecke zu vervollständigen, die Porvenir mit Cobija verbinden sollte.

mini|Fawcetts erste Reise

Im Januar 1907 konnte die Reise fortgesetzt werden, und Fawcett fuhr mit seinen Begleitern per Boot den brasilianisch-bolivianischen Grenzfluss Río Acre hinauf, dessen Quelle es zu finden galt. Als Zwischenstation auf der Etappe diente die Ortschaft Yorongas. Fawcett gelang es, den Ursprung des Flusses ausfindig zu machen und so die genaue Lage des Stroms zu kartographieren. Auf dem Rückweg nach Cobija traf die Expedition, so man den Ausführungen Fawcetts Glauben schenken mag, auf eine Sucuriju gigante, eine Riesenschlange, von der einige Wochen zuvor bereits Einheimische Fawcett berichtet hatten. Das Tier schlängelte sich auf das Ufer zu, und Fawcett feuerte mehrere Gewehrschüsse ab, wobei er es dreimal unterhalb des Kopfes traf. Anschließend vermaß er mit einfachsten Mitteln den noch halb im Wasser liegenden Körper und kam auf eine Länge von 20,5 Metern und eine Dicke von etwa 40 Zentimetern, die er in seinem Expeditionsbericht eintrug (andere Quellen sprechen von 19 Metern Länge und 30 Zentimetern Dicke oder 18,9 Metern Länge). Die Schilderung dieser Begegnung brachte ihm nach seiner Heimkehr seitens der wissenschaftlichen Gemeinschaft Hohn und Spott ein, da keiner an die Existenz solch langer Schlangen glauben wollte.