Die Undine gilt als das älteste, noch erhaltene Seebäderschiff Deutschlands. Das 1910 als Kronprinz Wilhelm gebaute Dampfschiff wurde 1920 in Kronprinz umbenannt. Nach dem zwischen 1948 und 1951 erfolgten Umbau zum Motorschiff Undine wurde das Fahrgastschiff ab 1957 von der Weißen Flotte Stralsund eingesetzt. Inzwischen steht das Schiff unter Denkmalschutz, aber von ihm ist nur wenig mehr als der Schiffskörper übrig geblieben. Dieser sollte ab April 2007 auf der Schiffswerft Laubegast grundlegend restauriert werden. Aufgrund fehlender Geldmittel und der Insolvenz der Dresdner Werft liegt der Rumpf seit Oktober 2014 im Rostocker Stadthafen und wird nun größtenteils verschrottet.

Geschichte Kronprinz Wilhelm 1910–1919 Im Auftrag des Rostocker Kapitäns und Reeders Paul Mestermann legte die Neptunwerft im Frühjahr 1910 unter der Baunummer 306 einen Salon- und Passagierdampfer auf Kiel.Paul Mestermann (1862–1931), Kapitänspatent 1890 Das Schiff lief am 9. März als Kronprinz Wilhelm vom Stapel und machte am 23. April seine Probefahrt.Rostocker Anzeiger, 10. März und 24. April 1910.Vgl. Heinz Lange: Die Rostocker Reederei Paul Hahn, (Schriftenreihe Heft 13), Schifffahrtsgeschichtliche Gesellschaft Ostsee e.V.; Rostock 2000, Seite 12 ffVgl. Robert Rosentreter: Undine alias Kronprinz - Die dramatische Geschichte eines Rostocker Schiffes. Redieck & Schade, Rostock 2012, Seite 8 ff Unstimmigkeiten mit der Rostocker Hafenverwaltung veranlassten Mestermann, den ständigen Liegeplatz des Schiffes von Warnemünde nach Greifswald zu verlegen, dort bot er Fahrten nach Ruden, Swinemünde, Usedom und Rügen an.Vgl. Claus Rothe: Deutsche Seebäderschiffe. 1830 bis 1939. transpress Verlag für Verkehrswesen, Berlin 1989, S. 104 ffVgl. Rosentreter, ebenda, Seite 15 ff

Nach einem Sommermanöver in der Ostsee liefen die Linienschiffe Hessen, Preußen, Schlesien und Pommern am letzten Juli-Wochenende 1912 in die Prorer Wiek ein und warfen dort Anker. Feriengäste und Einwohner hatten nun ein paar Tage Gelegenheit, die Schlachtschiffe zu bewundern. Tausende Menschen bevölkerten am Sonntag, dem 28. Juli, die Promenade und die Prinz-Heinrich-Brücke, von der Marinepinassen, Bäderdampfer und Fischerboote Passagiere aufnahmen und sie zu den Kriegsschiffen brachten. Als die Kronprinz Wilhelm am Nachmittag des 28. Juli am vorderen Teil der Seebrücke anlegen wollte, brach ein tragender Balken der Brücke und der Landungssteg stürzte mit rund einhundert Personen ins Wasser. Trotz sofort eingeleiteter Hilfsmaßnahmen verloren 16 Menschen ihr Leben.Vgl. Heinz Lange, ebenda, Seite 13 Dieses Ereignis war Anlass zur Gründung der DLRG.Vgl. Rosentreter, ebenda, Seite 17 ffKlaus Bartnitzke: Im Zeichen des spähenden Adlers. 50 Jahre Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft, Hrsg. Präsident der DLRG, Essen-Rüttenscheid 1963, Seite 5

Obwohl die Kronprinz Wilhelm keine direkte Schuld traf, wurde sie in Greifswald für das Unglück mitverantwortlich gemacht. Doch nicht nur deshalb verließ Mestermann die Boddenstadt wieder. Hier war das Fahrgastaufkommen bedeutend geringer als in Rostock, der Reeder hatte sich inzwischen auch mit der Rostocker Hafenverwaltung geeinigt. Also verlegte Mestermann den Liegeplatz seines Bäderdampfers wieder nach Warnemünde. In der Zeit des Aufschwungs der Bäderschifffahrt zwischen 1912 und 1914 steuerte die Kronprinz Wilhelm die Seebäder Arendsee, Heiligendamm, Graal-Müritz, Brunshaupten und gelegentlich auch die dänische Insel Møn an.Vgl. Rosentreter, ebenda, Seite 18Vgl. Rothe, ebenda, Seite 104

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs nahm der Ausflugsverkehr stark ab. Ende August 1914 erhielt Mestermann den Befehl, sich mit seiner Kronprinz Wilhelm in Wilhelmshaven zu melden, dort sollte der Dampfer ab dem 27. September als Hilfsschiff für die Kaiserliche Marine Kurier- und Transportaufgaben übernehmen und die auf Reede liegenden Flottenverbände versorgen. Zur Schiffsbesatzung gehörte neben Kapitän Mestermann und seinem Sohn Hans auch Matrose Paul Hahn, der bis zum Sommer 1916 an Bord blieb.Paul Hahn (1897–1980)Hans Mestermann (1898–1943)Vgl. Rosentreter, ebenda, Seite 20 ff Im Sommer 1917 kam es zu ausgedehnten Unruhen in der Marine des Deutschen Reichs, die sich hauptsächlich in und vor Wilhelmshaven abspielten. Auf der Prinzregent Luitpold und ihrem Schwesterschiff Friedrich der Große meuterten Matrosen und Heizer. Auslöser der Rebellion waren neben mangelhafter Versorgung die schikanöse Behandlung der Mannschaft durch die Offiziere. Während der Unruhen transportierte die Kronprinz Wilhelm schwer bewaffnete Infanteristen zu den Kriegsschiffen, nach der Niederschlagung des Aufstands brachte sie verhaftete Matrosen und Heizer nach Wilhelmshaven.Vgl. Rosentreter, ebenda, Seite 22 Das Rostocker Hilfsschiff wurde nach Kriegsende vom Militärdienst entpflichtet und Mestermann kehrte mit seinem Dampfer nach Warnemünde zurück.Erich Gröner: Die deutschen Kriegsschiffe 1815 - 1945, Band 6 Hafenbetriebsfahrzeuge (II. Bagger, Bergungs- u. Taucherfahrzeuge, Eisbrecher, Schlepper, Verkehrsfahrzeuge), Yachten u. Avisos, Landungsverbände, Bernard & Graefe, Koblenz 1989, S. 180

Kronprinz 1920–1950 1919 begannen die Badesaison und der Seebäderverkehr noch sehr zurückhaltend, Mestermann bot mit seinem Dampfer neben Fahrten zwischen Rostock und Warnemünde auch Sonderfahrten an. Nach einer Inspektion und der Umbenennung in Kronprinz wurde der Dampfer 1920 kurzzeitig für den Seedienst Ostpreußen auf der Strecke nach Pillau eingesetzt.Umbenennung in Kronprinz am 24. März 1920. Vgl. Heinz Lange, ebenda, Seite 13 Anschließend fuhr das Schiff wieder auf seinen alten Routen und im Bäderverkehr. Vor und nach der Saison übernahm Mestermann auch Frachtfahrten, Schlepper- und Bergungsarbeiten.Vgl. Rosentreter, ebenda, Seite 23 ff Obwohl Mestermann inzwischen seinem Sohn Hans die Leitung der Reederei übergeben hatte, führten Depression, Trunksucht und Weltwirtschaftskrise zum Zusammenbruch des Unternehmens.Vgl. Willi Hahn (1915–2000): Wirren eines einfachen Lebens - Erinnerungen in Geschichten und Bildern; Ingo Koch Verlag, Rostock 2000, Seite 68 ff Das Schiff wurde bei einer Zwangsversteigerung am 20. April 1932 vom Rostocker Reeder und Schiffsausrüster Carl Cords erworben, der es weiterhin im Bäderverkehr einsetzte. 1934 verkaufte Cords die Kronprinz an Kapitän Paul Hahn.Vgl. Rosentreter, ebenda, Seite 34 ff

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs erhielt Kapitän Paul Hahn seinen Gestellungsbefehl, er diente als Oberbootsmann bei der Kriegsmarine und fuhr bei Narvik Geleitschutz auf einem umgebauten Walfänger. Sein Dampfer Kronprinz wurde wegen Brennstoffkontingentierung in der Neptunwerft aufgelegt.Vgl. Reinhard Kramer: Kronprinz in schwierigem Gewässer in Verschwunden - Vergessen - Bewahrt - Denkmale und Erbe der Rostocker Technikgeschichte, Verlag Redieck & Schade, Rostock 1995, Seite 17 ffVgl. Rosentreter, ebenda, Seite 37 Am 11. Mai 1940 forderte die Kriegsmarine den aufliegenden Bäderdampfer als Hilfsschiff an. Die Kronprinz wurde auf der Neptunwerft entsprechend umgebaut, erhielt einen neuen Anstrich und diente nach Übernahme durch Marinereservisten mit der Kennung DWO 152 als Minenräumboot und Wachschiff auf der Fährlinie Warnemünde–Gedser.Vgl. Kramer, ebenda, Seite 17 ff Am 29. Juli 1943 lag die Kronprinz in Warnemünde am Neuen Strom in Bereitschaft. Bei dem folgenden Luftangriff der USAAF auf die Arado Flugzeugwerke erhielt der Dampfer einen Bombentreffer und geriet in Brand. Sechs Besatzungsmitglieder starben.Oberbotsmannsmaat Glaubitz, Steuermannsmaat Borger, Matrosengefreiter Baumann und die Matrosenobergefreiten Ortjohann, Blume und Kohlhammer wurden im Ehrenhain des Neuen Friedhofs bestattet. Vgl. Rosentreter, ebenda, Seite 38Vgl. Kramer, ebenda, Seite 17 Das brennende Minenräumboot wurde auf den Breitling geschleppt und gelöscht. Aus dem schwer beschädigten Schiff ließ die Kriegsmarine auf der Neptunwerft die unversehrt gebliebenen Kessel- und Maschinenanlagen ausbauen. Ende 1943 lag das ausgeschlachtete Wrack am Gehlsdorfer Ufer auf Grund.Vgl. Rosentreter, ebenda, Seite 36 ffVgl. Kramer, ebenda, Seite 18 Kurz vor Kriegsende wurde Oberbootsmann Paul Hahn als Hafenkommandant in seine Heimatstadt Rostock versetzt und kaufte der Kriegsmarine die Überreste seines Salondampfers ab. Nach dem Krieg nutzte die Rote Armee das provisorisch schwimmfähig gemachte Wrack als Abfalltender. Paul Hahn konnte das Wrack nach Verhandlungen mit den zuständigen Behörden wieder in Besitz nehmen und ließ den ehemaligen Dampfer nach gründlicher Reinigung ab 1948 unter Leitung seines jüngeren Bruders Willi auf der Werft von Otto Ludewig jr. in mehrjähriger Arbeit zu einem Motorschiff umbauen.Vgl. Willi Hahn, ebenda, Seite 70Vgl. Rosentreter, ebenda, Seite 41 ff

Undine 1950–1990 Paul Hahn ließ sein Schiff am 28. April 1950 von der Deutschen Schiffsrevision und -Klassifikation überprüfen und als Motorschraubenschiff Undine ins Schiffsregister eintragen; an Kapitän Walter Döringer übertrug er die Schiffsführung, seinen Bruder Willi stellte er als Steuermann an Deck.Deutscher Schiffsmessbrief des Wasserstraßenhauptamtes Rostock vom 28. April 1950Vgl. Heinz Lange, ebenda, Seite 33Vgl. Rothe, ebenda, Seite 105 Bei der Indienststellung des Segelschulschiffs Wilhelm Pieck am 2. August 1951 nahm die Undine mit geladenen Gästen an der ersten Ausfahrt der Schonerbrigg teil.Vgl. Rosentreter, ebenda, Seite 42 ff Doch die Bäderschifffahrt der jungen DDR hatte Anlaufschwierigkeiten, nach dem gerade erst sechs Jahre zurückliegenden Krieg hatten viele Menschen andere Prioritäten, auch behinderten die vor Warnemünde und in der Warnow liegenden Wracks die Schifffahrt. Da kam die Charter der Undine durch den VEB Schiffsbergung und Taucherei Stralsund Ende 1951 gerade recht. Bis zum Frühjahr 1955 übernahm die Undine unter dem Kommando von Kapitän Willi Hahn zahlreiche Bergungen und Beräumungen von Wracks. Außerdem diente das Bergungsschiff als Stützpunkt für Taucher, zu denen oft auch Tauchermeister Erwin Köbbert und sein Sohn Horst Köbbert gehörten. Im Oktober 1952 begannen die Bergungsarbeiten des vor Warnemünde liegenden Unterseebootes U 1308, das bis zum Februar 1953 wieder schwimmfähig gemacht und in die Volkswerft Stralsund geschleppt wurde. Zu den bemerkenswerten Einsätzen zählte die Bergung des schwedischen Dampfers Gondul, bei dem sich die Besatzung der Undine 1953 ihre neue Schiffsglocke an Bord holte. Gelegentlich wurden Frachtaufträge übernommen, um Baumaterial für den Wiederaufbau Rostocks heranzuholen.Vgl. Rosentreter, ebenda, Seite 44 ffVgl. Kramer, ebenda, Seite 18 ff