Das Dave Brubeck Quartet war ein Jazz-Quartett, das 1951 von Dave Brubeck am Piano zusammen mit Paul Desmond am Altsaxophon gegründet wurde. Mit periodischen Unterbrechungen und Umbesetzungen behielt Brubeck sein „Quartet“-Konzept„I have tried to avold musical straight jackets in my own playing and I have tried not to force them upon the Quartet in a fruitless search for a ‚sound‘ or a ‚style‘. Consequently, the Quartet has been able to explore a variety of techniques as well as varying expressions. In this way we have been able to cross over musical barriers and reach many people.“ Dave Brubeck, zitiert nach Dave Brubeck Anthology, Volume Two. Hansen House, Miami Beach , S. 7. sechs Jahrzehnte bei – und schuf damit eine der erfolgreichsten und am längsten existierenden Formationen der Jazzgeschichte.
Werdegang Meist dem Cool Jazz oder Westcoast JazzTed Gioia: West Coast Jazz. Modern Jazz in California 1945–1960. Oxford University Press, New York – Oxford 1992. zugeordnet, zeichnete sich ihre Musik überdies durch Einflüsse von Johann Sebastian BachVgl. Philip Clark (2020) und seine Rezension zu Brubeck meets Bach (Sony Classical 2004) im Gramophone: „Ask Dave Brubeck who his favourite composer is and the answer always comes back: “Bach”.“ und der Moderne und Neuen Musik aus (Brubeck hatte bei Darius Milhaud studiertZum Einfluss der modernen französischen Musik auf Brubeck siehe auch Deborah Mawer: French Music and Jazz in Conversation. From Debussy to Brubeck. Cambridge University Press, Cambridge 2014. und Vorlesungen von Arnold Schönberg besucht, wie er liebte auch Desmond z. B. Debussy, Bartók, Strawinsky), so dass sich ebenso der Third Stream wiederfindet.Von größeren Kompositionen (inklusive Orchester, Sänger und Chöre) bis hin z. B. zur Einbindung von Passagen der Zwölftontechnik in Titel wie der „Upstage Rumba“ (auf Jazz Impressions of New York, 1964): „It’s also probably the first 12-tone rumba.“ Dave Brubeck in Time Signatures. A Career Retrospective (1992), S. 21.
„Überhaupt war das Brubeck Quartett durch seinen Umgang mit ungeraden Metren, aufwendigen Formkonstruktionen und feingesponnener Kontrapunktik in den 50er und 60er Jahren ein wichtiger Impulsgeber für die Annäherung von klassischer Musik und Jazz.“ Reclams JazzlexikonMarcus Gammel in: Reclams Jazzlexikon (2009), S. 140–141.
Der Autor Philip Clark verwies auf eine Vielzahl von Einflüssen, die sie auf andere Jazz-, aber auch Rockmusiker hatten, darunter Anthony Braxton, Chick Corea, The Doors, Keith Emerson (The Nice, Emerson Lake and Palmer), Donald Fagan (Steely Dan), Herbie Hancock, Andrew Hill, Al Jarreau, Keith Jarrett, The Kinks, Jon Lord (Deep Purple) und Sting.Philip Clark (2020), siehe insbesondere die Introduction, Kap. 7 Timequake und den umfangreichen Index.
Die ersten Quartett-Besetzungen spielten lange Zeit im Black Hawk Club in San Francisco und tourten durch eine Vielzahl von Colleges und Universitäten in den USA. Sie erfuhren eine große Bekanntheit durch Alben wie Jazz at Oberlin, Jazz Goes to College und Jazz Goes to Junior College.Vgl. Ken Burns, Geoffrey C. Ward: Jazz. Eine Musik und ihre Geschichte. Aus dem Amerikanischen von Franca Fritz und Heinrich Kopp. 2. Aufl., Econ, München 2002, S. 378–380. 1954 traten sie beim ersten Newport Jazz Festival auf. Im Vorjahr hatten sie erstmals den DownBeat Readers Poll gewonnen,Down Beat Vol. 20 (1953) Nr. 26, S. 6. was sich sowohl für sie als Gruppe (Kategorie: Combo-Instrumental) als auch für Brubeck (Personalities of the Year) und Desmond (Alto Saxophone) in den Folgejahren bis 1967 mehrfach wiederholte; zur diesbezüglichen quasi-Konkurrenz gehörten Miles Davis, das Modern Jazz Quartet und Cannonball Adderley. Brubeck und Desmond wurden später in die DownBeat Jazz Hall of Fame aufgenommen.
Im Jahr 1958, nach verschiedenen Schlagzeugern und Bassisten (s. u. Diskografie), formierte sich das so genannte „Classic Quartet“, das sich aus Brubeck, Desmond, Joseph „Joe“ Morello am Schlagzeug und Eugene Wright am Kontrabass zusammensetzte. Der perkussive Anschlag und die Blockakkorde von Brubeck zielten weniger auf eigene Brillanz als eher eine akzentuierte und kontrapunktische Spielweise, bei der dem schlank und hintergründig-elegant wirkenden, „coolen“ Saxophon von Desmond oft die Melodieführung und -ausgestaltung überlassen wurde, unterstützt von dem virtuosen und innovativen Morello und dem beständig swingenden Wright als Basis. Die vier sehr unterschiedlichen Musiker ergänzten sich kongenial.Vgl. Ted Gioia (2009) im Begleittext zur Time Out 50th Anniversary Edition (Columbia Legacy/Sony), S. 16: „[Brubeck] tossed out as many surprising moves as a bull just out of the shoot at the rodeo. [...] Paul Desmond’s playing seemed to evoke a slightly louche black tie event. [...] [Morello] was a dramatic drummer whose flamboyant style was out of character with the previous drummers in Brubeck’s verious ensembles. [...] Without his [Wrights] solid time and big sound it is hard to imagine the ensemble achieving such admirable cohesion while navigating through the odd time signatures and compositional twists and turns of Brubeck’s visionary project.“
Mit dem Afroamerikaner „Gene“ Wright setzte Brubeck wiederholtAuch seine von 1951 bis 1958 zeitweiligen Mitspieler Wyatt „Bull“ Ruther (b), Frank Butler (dr) und Joseph Rupert „Joe“ Benjamin (b) waren Afroamerikaner. ein deutliches Zeichen gegen Diskriminierung und Rassentrennung, die damals in großen Teilen der USA durchgeführt wurde (→ Rassismus in den Vereinigten Staaten) – was selbst in ihrer größten Erfolgsphase immer wieder Schwierigkeiten bei Auftritten, besonders in den Südstaaten, mit sich brachte.
Im Jahr 1959 veröffentlichte Columbia Records nur zögerlich das aus ihrer Sicht interessante, aber geschäftlich riskante Album, welches bald das berühmteste werden sollte: Time Out. Es enthielt ausschließlich Originalkompositionen, von denen fast keine im gewöhnlichen 4/4-Takt stand. Das Album erreichte mit Titeln wie Take Five (5/4-Takt), Blue Rondo à la Turk (9/8-Takt) und Pick Up Sticks (6/4-Takt) Doppel-Platinstatus in den USA und Goldstatus in Großbritannien, es war laut Billboard der erste Millionenseller im Jazz und gehört bis heute zu den erfolgreichsten Jazz-Platten aller Zeiten, Take Five wiederum ist weiterhin der „biggest-selling jazz song of all time“. Daran konnte das Quartett zwar auch mit den namentlich verwandten Alben wie Time Further Out (1961), Countdown: Time in Outer Space (1961–62), Time Changes (1963–64) und Time In (1965) nicht mehr anschließen, es behielt aber seine Experimentierfreude bei, etwa in Titeln wie dem von Handklatschen (und in den Konzerten zudem Fußstampfen und Fingerschnipsen) geprägten Unsquare Dance (1961) im 7/4-Takt, in dem Joe Morello sein Schlagzeugsolo im vertrackten Rhythmus, nur mit den Sticks auf dem Rand der kleinen Trommel (Rimshot) zur Meisterschaft brachte – die Single erhielt eine der insgesamt acht Brubeck-Nominierungen bei den Grammy Awards.
Neben ihren Experimenten mit ungewöhnlichen Taktarten waren diese Alben dafür bekannt, zeitgenössische Kunst auf ihren jeweiligen Covern abzudrucken, in der „Time“-LP-Serie mit Bildern von S. Neil Fujita bei Time Out, Joan Miró bei Time Further Out, Franz Kline bei Time in Outer Space und Sam Francis bei Time Changes.
Im Dezember 1959 führten sie außerdem erstmals die Komposition Dialogues for Jazz Combo and Orchestra von Daves Bruder Howard Brubeck zusammen mit dem New York Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Leonard Bernstein auf. Die viersätzige Komposition zielte darauf ab, einen Dialog zwischen dem Symphonieorchester und einer Jazz-Combo zu schaffen, wobei das Orchester strikt der Partitur folgt und die Jazzmusiker frei über das Material improvisieren.„[…] a score giving the orchestra an important part to play which adheres strictly to written notes, while the particular combination, or “combo,” of jazz instruments, is free to improvise on the material of the movement …“ Howard Brubeck (Original-LP-Begleittext) Von den drei Konzerten in der Carnegie Hall wurde eines am 12. Dezember im Rundfunk gesendet. Eine Studioversion entstand 1960 für die LP Bernstein plays Brubeck plays Bernstein, zusammen mit ihren Jazz-Versionen einiger Titel von Bernstein – vier aus dessen Musical West Side Story und einem aus Wonderful Town.
Mit Unterstützung des Außenministeriums der USA besuchte das Quartett als „musikalische Botschafter“ ab 1958 nicht nur Westeuropa (einschließlich der BRDProgrammheft zur Europatournee des Dave-Brubeck-Quartetts 1958/1959 - Deutsche Digitale Bibliothek. Zu dem Konzert 1958 in Hannover siehe Dave Brubeck Quartet | MIG.) und Japan, sondern darüber hinaus Länder wie Polen, die Türkei, Indien, Sri Lanka, Pakistan, den Iran und Irak. Musikalische Einflüsse, die sie während ihrer Tourneen erfuhren, spiegelten sich in einzelnen Titeln wie Blue Rondo à la Turk und der „Jazz Impressions“-LP-Reihe wieder, z. B. den Jazz Impressions of Eurasia (1958) und den Jazz Impressions of Japan (1964).„You know, Milhaud told me to travel the world, and keep my ears open.“ Dave Brubeck in: Time Signatures. A Career Retrospective (1992), S. 19. Gleichzeitig sah Brubeck dies als ein Mittel der Völkerverständigung, mit einer ungehinderten, wenngleich manchmal wortlosen Kommunikation„[...] and uninhibited, if sometimes wordless, communication. … Sources [of jazz] are world-wide – African, European, Asian, American – and therefore may be understood almost instantly, whether by a provincial group of Indians 500 miles inland from Bombay or a cosmopolitan audience in West Berlin.“ Dave Brubeck, zitiert nach Philip Clark: Dave Brubeck: a life in time, S. 226.. Für sie als US-Amerikaner war dies zu Zeiten des „Kalten Krieges“ jenseits des „Eisernen Vorhanges“ schwierig und erschien eben deshalb notwendig.Zu den Bedingungen bei den Konzerten im kommunistischen Polen vgl. Philip Clark: Dave Brubeck: a life in time, S. 206ff. Ihre Produktivität von 1955 bis 1966 wurde durch 19 Studio- und mehrere Live-LPs für Columbia Records dokumentiert. Als ein Höhepunkt ihrer Konzertaufnahmen gilt das Album At Carnegie Hall von 1963, das von dem Kritiker Richard Palmer als „Dave Brubecks bester Auftritt“ und von Philip Clark als das beste Brubeck-Album überhaupt„It would have been better had Columbia followed the Dave Brubeck Quartet around night after night and recorded live concert music rather than the idea of putting together studio albums incredibly quickly, then presuming these albums would sell while the Quartet was on tour. You really get a sense of how this could have worked when you consider the 1963 Dave Brubeck at Carnegie Hall album, which I think is the greatest Brubeck album of all.“ Interview with Philip Clark, author of Dave Brubeck: A Life in Time – Jerry Jazz Musician bezeichnet wurde.
Im Bewusstsein, dass 1967 ihr letztes gemeinsames Jahr sein sollte, wurde dieses noch einmal ausgefüllt mit einer ausgedehnten Tournee durch Kanada, Mexiko und Europa sowie mit über 100 Konzerten in den USA, dann gab das „klassische“ Quartett am 26. Dezember 1967 in Pittsburgh seine finale Vorstellung.A conversation with producer Russell Gloyd and Dave Brubeck, Wilton, CT, August 20, 2011. – Begleittext zu: Their Last Time Out, Columbia Legacy/Sony Music 2011. Sie trafen in dieser Besetzung nur im Jahr 1976 für das 25-jährige Jubiläum – mit 25 Konzerten in 25 Orten – wieder zusammen. Weitere Pläne zerschlugen sich: Morello, der seit seiner Kindheit zunehmend sehbehindert war, erblindete 1976 und zog sich (zugunsten seiner Lehrtätigkeit) weitgehend aus dem Konzertbetrieb zurück; Desmonds letzter Auftritt überhaupt war am 4. Februar 1977 in der Avery Fisher Hall in New York City – mit den Brubecks –, im Mai verstarb er, erheblich geschwächt, im Alter von 52 Jahren an Lungenkrebs.