(in Großbritannien auch Positive Action), deutsch auch positive Diskriminierung, bezeichnet gesellschaftspolitische Maßnahmen, die der negativen Diskriminierung sozialer Gruppen durch gezielte Vorteilsgewährung entgegenwirken sollen. „Affirmativ“ in diesem Sinne bedeutet die besondere Bestätigung, Förderung und Unterstützung solcher Gruppen. Die Vorgehensweise ist umstritten, weil sie Diskriminierung durch erneute, entgegengesetzte Ungleichbehandlung ersetzt.

Maßnahmen der Affirmative Action wurden im Zuge der Bürgerrechtsbewegung zunächst in den USA entwickelt. Gemäß dem Bericht der US-Bürgerrechtskommission von 1977 versteht sich als Affirmative Action Im Hinblick auf Ausbildung, Arbeitsmarktes und Karrierechancen soll mit Maßnahmen der Affirmative Action die Situation insbesondere für Frauen und für Menschen benachteiligter ethnischer Gruppen verbessert werden.

Begriff Für den Zusammenhang sind unterschiedliche deutschsprachige Bezeichnungen gebräuchlich, keine davon konnte sich fachsprachlich oder in der Öffentlichkeit bisher allgemein durchsetzen: „positive Maßnahmen“ () wie in , „fördernde Maßnahmen“,Bauer, Krieger, Günther: AGG. § 5 Rdnr. 3 „affirmative Maßnahmen“ () und „positive Diskriminierung“ (). In verschiedenen Ländern haben diese Begriffe verschiedene Bedeutungen, und selbst in der wissenschaftlichen Literatur herrscht Uneinigkeit darüber, was genau jeder einzelne von ihnen beinhaltet.Mark Bell: Positive Maßnahmen – Einführung des Konzepts. In: Europäische Kommission, Chancengleichheit verwirklichen: Welche Rolle soll positiven Maßnahmen zukommen? Luxemburg (Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften), 2007, S. 5 f. (europa.eu; PDF; abgerufen am 27. März 2008).

Eine Unterscheidung, die der unterschiedenen Person auf den ersten Blick Vorteile bringt, kann dennoch Nachteile für diese Person mit sich bringen, so etwa hinsichtlich ihrer Fähigkeit, sich selbst als gleichberechtigtes Mitglied einer Gruppe zu fühlen und mit ihr zu identifizieren.

Der Begriff „positive Diskriminierung“ ist missverständlich. ZARA Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit. In dieser Begriffsvariante wird das Wort Diskriminierung von seinen Befürwortern in seiner älteren, wertneutralen Bedeutungsvariante im Sinne von Ungleichbehandlung (eigentlich Unterscheidung) verstanden – statt wie heute meist üblich im abwertenden Sinne als Benachteiligung. Allerdings kann er verwendet werden, um auszudrücken, dass eine Affirmative Action ihr Ziel erreicht hat und zu einer positiven oder umgekehrten Diskriminierung umschlägt.

Geschichte der Affirmative Action Erstmals eingeführt wurde das Konzept der Affirmative Action 1961 von Präsident John F. Kennedy, welcher mit der Executive Order 10925 die Equal Employment Opportunity Commission ins Leben rief, welche 1964 wirksam wurde. Im Jahr 1965 erläuterte Präsident Lyndon B. Johnson in einer Rede vor den schwarzen Studenten der Howard University die Grundidee der Affirmative Action:

Am 24. September 1965 erließ Johnson die Executive Order 11246, die festlegt, dass staatliche und staatlich finanzierte Arbeitgeber Personen nicht mehr wegen ihrer Ethnizität, Hautfarbe, Religion, ihrem Geschlecht oder ihrer Nationalität diskriminieren dürfen. Johnsons Executive Order erfordert außerdem, dass diese Arbeitgeber Affirmative Action-Maßnahmen ergreifen müssen, um Chancengleichheit sicherzustellen.John Fobanjong: Understanding the Backlash Against Affirmative Action. Nova Science Publishers, Huntington / New York 2001, ISBN 978-1-59033-065-4, S. 17 ff. ().

In der „Order No. 4“ legte Richard Nixon 1970 als erster PräsidentDean J. Kotlowski: Richard Nixon and the Origins of Affirmative Action. In: The Historian, Band 60, Nr. 3, 1998; . Quoten für die Beschäftigung von Minderheiten bei staatlichen Aufträgen fest, 1971 wurde die Order auf Frauen ausgeweitet und ein Programm zum gezielten Vertragsabschluss mit Unternehmen in Besitz von Minderheiten durch Bundesbehörden verabschiedet.More History of Affirmative Action Policies from the 1960s. American Association for Access, Equity and Diversity; abgerufen am 8. November 2020.

In der KSZE wurde die positive Diskriminierung ebenfalls verpflichtend eingeführt, um Menschenrechte und Grundfreiheiten insbesondere der Minderheiten zu gewährleisten.Christiane Höhn: Zwischen Menschenrechten und Konfliktprävention. Springer, 2005, S. 54.

In Deutschland wurde affirmative action Anfang der 1980er Jahre programmatisch formuliert. Die damalige Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, die FDP-Politikerin Liselotte Funcke, Volker Schmidt von der Berliner Senatskanzlei und Peter Menke-Glückert als Vorsitzender der Gesellschaft für Zukunftsfragen gaben eine Schrift mit dem Titel Ausländer oder Deutsche. Integration ausländischer Bevölkerungsgruppen in der Bundesrepublik heraus, die 1981 im Kölner Bund-Verlag erschien. Im Vorwort wird die Idee umrissen: „Für wenigstens zwei Generationen muss für die Ausländer mehr getan werden als für die Deutschen.“ Auf Seite 13 wird die Programmatik präzisiert: „Um den Ausländern Chancengleichheit zu verschaffen, muss jedoch für wenigstens zwei Generationen mehr für Ausländer getan werden als für Deutsche.“ Rechtlich wurden sogenannte „positive Maßnahmen“ erstmals 2002 vom Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) anerkanntBundesverwaltungsgericht: Frauen dürfen bei der Gewährung von Meistergründungsprämien bevorzugt werden zu BVerwG, Az.: 3 C 53.01, abgerufen am 10. Dezember 2013. und 2006 in Form des AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz) gesetzlich verankert. Deutscher Antidiskriminierungsverband, dadv.de; abgerufen am 26. März 2008.

Innerhalb der EU werden mit affirmative action gewöhnlich zulässige Maßnahmen bezeichnet, während gerichtlich verbotene eher als positive Diskriminierung bezeichnet werden.Mark Bell: Positive Maßnahmen – Einführung des Konzepts. In: Europäische Kommission: Chancengleichheit verwirklichen: Welche Rolle soll positiven Maßnahmen zukommen? Luxemburg (Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften), 2007, S. 6 f. (europa.eu; PDF; abgerufen am 27. März 2008).

2003 wurde in Südafrika das Broad-Based Black Economic Empowerment eingeführt, um nach der Zeit der Apartheid das Wohlstandsgefälle zwischen den Bevölkerungsgruppen aufzuheben. Seither müssen Unternehmen nachweisen, dass sie Schwarze, Coloureds und Inder fördern, um öffentliche Aufträge oder Lizenzen zu erhalten.

2020 stimmten im größten US-Bundesstaat Kalifornien 57 % der Bevölkerung gegen Proposition 16, die Affirmative Action im Bundesstaat erlaubt hätte (bislang verbietet die Verfassung Kaliforniens Bevorzugung und Benachteiligung aufgrund von Hautfarbe, Religion usw.). Die Ablehnung war damit etwas gewachsen im Vergleich zu 1996, als bei einer ähnlichen Volksabstimmung 55 % der Bevölkerung gegen Affirmative Action gestimmt hatten. Eine repräsentative Umfrage der UC Berkeley ergab, dass fast alle Bevölkerungsgruppen (Weiße, Latinos, Asiaten, Indianer) mehrheitlich gegen Affirmative Action stimmten, nur Afroamerikaner stimmten mehrheitlich dafür.Umfrage des UC Berkeley Institute of Governmental Studies, UC Berkeley, Seite 3, Tabelle 6 In der Bevölkerung Kaliforniens stellt keine ethnische Gruppe die Mehrheit (Majority-Minority-State).

+Befürworter und Gegner von Affirmative Action in Kalifornien 2020 VolksgruppeFür Affirmative ActionGegen Affirmative Action Neutral Weiße 35 % 53 % 12 % Afroamerikaner 58 % 33 % 10 % Asiaten 39 % 50 % 11 % Latinos 40 % 42 % 17 % Amerikanische Ureinwohner 22 % 72 % 4 %

Praxis der Affirmative Action Affirmative Action umfasst mehr als die Quotenregelung, die in den Vereinigten Staaten nur sehr selten und dann in besonders starken Fällen von Diskriminierung angewandt wird. Affirmative Action schließt Diversity Trainings und spezielle Bildungsprogramme gegen Rassismus und Sexismus sowie die Senkung von Leistungsanforderungen (beispielsweise an Hochschulen) insgesamt oder für bestimmte benachteiligte Gruppen ein. An einigen Hochschulen in den Vereinigten Staaten findet Affirmative Action durch das Punktesystem statt: An der Universität von Michigan können Bewerber maximal 150 Punkte erreichen, hiervon jeweils 20 Punkte für „sozio-ökonomische Benachteiligung“ und für die Zugehörigkeit zu einer „unterrepräsentierten rassisch-ethnischen Minderheit“. Die meisten Affirmative-Action-Programme in den Vereinigten Staaten verwenden zur Feststellung der Rasse und ethnischen Abstammung die Selbstangabe der potenziell Begünstigten. Die dabei verwendeten Kategorien – zum Beispiel bei Bewerbungsbögen für Aufnahme in ein College – lehnen sich meist an die entsprechenden Definitionen des United States Census an. Wenn sich die Selbstangabe im Nachhinein als unplausibel oder gar Betrug herausstellt, kann dies für den Bewerber negative Konsequenzen haben.Susan Diesenhouse: Boston Case Raises Questions on Misuse of Affirmative Action. In: New York Times, 9. Oktober 1988.

Eine weitere Maßnahme ist die sogenannte Contract Compliance (Vertragseinhaltung). Die US-Bundesregierung verpflichtet damit alle staatlichen Subventions- und Auftragsempfänger zur Umsetzung der Affirmative Action. Die Vergabe öffentlicher Aufträge und Subventionen einschließlich solcher an Schulen und Hochschulen wurde an die Vertragsunterzeichnung und -einhaltung von positiver Diskriminierung gebunden, welche durch das Federal Office for Contract Compliance kontrolliert wird. Diese Contract compliance verpflichtet die Einrichtungen zur Überwachung und Lenkung der ethnischen Zusammensetzung ihrer Belegschaft (oder ihrer Klientel) sowie zur Vorlage von Trendberichten, die ihre konkreten Zukunftspläne für den Diskriminierungsabbau darlegen. Entsprechende Maßnahmen wurden auch in die Antidiskriminierungsstrategien Großbritanniens und der Niederlande aufgenommen.

Der Soziologe Ralf Dahrendorf forderte im September 2007 auch für deutsche Hochschulen aufgrund der anhaltenden Bildungsbenachteiligung eine Migrantenquote; der SPD-Bundesvorstand hat im Mai 2011 eine solche Quote in Höhe von 15 % für die führenden Gremien der Partei beschlossen. Die Linke in Berlin fordert eine Quotenregelung, die Kindern aus armen Haushalten den Zugang zum Gymnasium erleichtern soll. Von der Regelung sollen Hartz-IV-Kinder und auch die Kinder, deren Eltern Wohngeld oder andere staatliche Transferleistungen erhalten, profitieren. Bekannte Gegner und Befürworter der Affirmative Action mini|links|Daniel Patrick Moynihan war ein bekannter Befürworter der Affirmative Action Generell lässt sich Kritik an Affirmative Action unter folgender Formel zusammenfassen: .Beispielhaft am Problem der positiven Diskriminierung Afroamerikaner: Jakob Schissler, Hartmut Wasser, Werner Kremp in: USA: Wirtschaft. Gesellschaft. Politik, S. 185: „Darf Rasse verfassungsrechtlich die Basis für staatliches Handeln sein; gilt für ‚affirmative action‘ – kompensatorische Maßnahmen – das Prinzip der ‚Farbenblindheit‘ nicht? Bedeutet ‚positive Diskriminierung‘ für Schwarze nicht gleichzeitig ‚negative Diskriminierung‘ für Weiße?“ Zu den bekannten Befürwortern der Affirmative Action zählen der Geschichtsprofessor Stanley Elkins (der darin einen Ausgleich für die Sklaverei sah, wie er in seinem Buch Slavery: A Problem in American Institutional and Intellectual Life erklärte) und der Soziologe und US-Senator Daniel Patrick Moynihan, der sich unter anderem auf Elkins berief. Zu den Gegnern zählen Antonin Scalia, Anthony Kennedy und Clarence Thomas, die Richter am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten waren bzw. sind, der Philosoph Carl Cohen und der Buchautor Richard Rodriguez.