Als Mexikanische Revolution (Spanisch: Revolución mexicana) oder Mexikanischer Bürgerkrieg (Spanisch: Guerra civil mexicana) wird die politisch-gesellschaftliche Umbruchphase bezeichnet, die von 1910 bis 1920 in Mexiko stattfand, mit einzelnen Ereignissen bis 1930.
Übersicht Im Jahr 1910 begannen oppositionelle Gruppen um Francisco Madero damit, den Sturz des diktatorisch regierenden mexikanischen Präsidenten Porfirio Díaz herbeizuführen, der von 1884 bis 1911 regierte. Die Erhebung gegen Díaz war der Beginn einer Serie von zum Teil überaus blutigen Kämpfen und Unruhen, die große Teile Mexikos erfassten und das Land bis weit in die 1920er Jahre nicht zur Ruhe kommen ließen. Dabei wurden nicht nur die Interessengegensätze der sehr unterschiedlichen politisch-sozialen Trägergruppen der Mexikanischen Revolution ausgefochten, sondern zum Teil auch eine echte soziale Revolution verwirklicht. Tragend für die sozialrevolutionäre Seite der Revolution war vor allem die zapatistische Bewegung, die sich wiederum auf die Ideen der anarchistischen Magonistas stützte, die unter der Parole Tierra y Libertad („Land und Freiheit“) einen indigenen Kollektivismus und libertären Sozialismus propagierten.
Als wesentliche Ergebnisse der langwierigen Kämpfe der Mexikanischen Revolution, die bis etwa 1920 abgeschlossen waren, können die gewaltsame politische Verdrängung der alten mexikanischen Oligarchie sowie die Vernichtung bzw. Umformung des porfiristischen Staatsapparates und der vorrevolutionären Armee angesehen werden. Damit ging der Aufstieg einer neuen Führungsschicht aus den Reihen der diversen Revolutionsbewegungen und die Entstehung neuer staatlicher Strukturen einher. Allerdings konnten diese vielfach erst gegen den Widerstand lokaler Autonomiebestrebungen, die in der Zeit politisch wirkmächtig geworden waren, als im Land eine starke Zentralgewalt gefehlt hatte, durchgesetzt werden. Dementsprechend kam es noch bis zum Beginn der 1930er Jahre immer wieder zu Revolten einzelner Armeebefehlshaber und Erhebungen bestimmter Ethnien oder Bevölkerungssegmente gegen die neue Zentralregierung. Die Verwirklichung bedeutender sozialer Reformen, die 1910 einer der wesentlichen Gründe für den Ausbruch der Revolution gewesen war, erfolgte daher erst mit beträchtlicher zeitlicher Verzögerung unter der Präsidentschaft von Lázaro Cárdenas del Río.
Ausgangslage: Mexiko unter Porfirio Díaz Politische Situation mini|hochkant|Mexikos Langzeitpräsident Porfirio Díaz Nach Jahrzehnten der ständig wechselnden Regierungen, der Bürgerkriege und militärischer Interventionen fremder Mächte erlebte Mexiko im 19. Jahrhundert während der lange dauernden zweiten Präsidentschaft Porfirio Díaz’ eine noch nie dagewesene Phase innenpolitischer Stabilität und des inneren Friedens. Das war zu einem nicht unbeträchtlichen Teil der von Díaz betriebenen Zentralisierung der politischen Macht in Mexiko geschuldet, die nicht nur zur staatlichen Durchdringung von – verwaltungsmäßig betrachtet – bisher peripheren Gebieten führte, sondern auch zum Aufbau einer starken nationalen Exekutive. Dadurch war es der Regierung möglich, politische Kontrolle bis hinunter in den lokalen Bereich auszuüben und Anordnungen wesentlich wirksamer als früher durchzusetzen. Regionale Machtbereiche, die cacicazgos, wurden sukzessive beseitigt oder – falls das nicht möglich war – ihre Inhaber zumindest auf eine dauerhafte Loyalität gegenüber der Zentralregierung verpflichtet. Sofern die bisher oft weitgehend eigenständig agierenden Gouverneure der Bundesstaaten, aber auch sonstige regionale und lokale Potentaten aller Art bereit waren, das Eingreifen des Staates in ihren einstigen Machtdomänen zu tolerieren, wurde ihnen im Gegenzug die Möglichkeit geboten, sich und ihre Familienmitglieder beispielsweise durch Verleihung von Konzessionen und staatlichen Pfründen aller Art oder durch die Überlassung von Staatsland zu Vorzugspreisen zu bereichern.
Die vom Díaz-Regime betriebene Konzentration politischer Macht und seine Politik des pan o palo („Zuckerbrot oder Peitsche“), die zunächst durchaus vorteilhaft für das Land als Ganzes gewesen waren, wurden auf Dauer allerdings immer problematischer. Es kam nicht nur zur Entstehung eines beispiellosen Patronage-Systems mit all seinen negativen Begleiterscheinungen wie Bestechung und Korruption, sondern auch zu einem weitgehenden Bedeutungsverlust von Legislative und Judikative gegenüber der Exekutive, zur Aushöhlung vieler traditioneller Rechte der Bundesstaaten und einer sukzessiven Einschränkung der Autonomie der Gemeinden. Das gesamte Herrschaftssystem begann, sich immer stärker auf die Person des Präsidenten auszurichten, dessen Regierungsstil zunehmend autokratische Züge annahm. Nachdem Díaz 1888 seine dritte Amtszeit angetreten hatte, konnte de facto kein Gouverneur oder Abgeordneter für den Bundeskongress mehr gewählt werden, wenn er nicht zuvor die Zustimmung des Präsidenten erhalten hatte.Hans W. Tobler: Die mexikanische Revolution, S. 96. Daraus resultierte eine zunehmende Oligarchisierung von Staat und Gesellschaft und – damit verbunden – eine Perpetuierung von Machtpositionen, deren Träger sich bald nur mehr aus einem kleinen und geschlossenen Kreis von dem Präsidenten absolut loyal ergebenen Cliquen und Familien rekrutierten. Gegen Ende von Díaz’ Regierungszeit war nicht nur eine „Vergreisung der meisten [politisch] führenden Persönlichkeiten“ zu konstatieren, sondern auch eine beinahe totale „Versteinerung des politischen Systems“ Mexikos.Hans W. Tobler: Die mexikanische Revolution, S. 101 f., wo auch entsprechende Beispiele angeführt sind. Die Entstehung einer landesweit organisierten Oppositionsbewegung, die ein politisches Gegengewicht zum Präsidenten und seinen Gefolgsleuten hätte bilden können, war in Mexiko aufgrund des patrimonialistischen Charakters des Regierungssystems, des Fehlens echter politischer Parteien und freier und fairer Wahlen und der Einschüchterungs- und Unterdrückungsmaßnahmen des im Sinne des Regimes effizient arbeitenden Polizeiapparates nur sehr schwer möglich.
Wirtschaftliche Situation Parallel zur politischen Zentralisierung Mexikos wurde unter Präsident Díaz im 19. Jahrhundert auch die wirtschaftliche Modernisierung des Landes systematisch vorangetrieben. Der Ausbau der Infrastruktur, vor allem des Eisenbahnnetzes sowie der Rohstoffe produzierenden und verarbeitenden Industrien, und die Kommerzialisierung der Landwirtschaft wurden gezielt gefördert. Nach 1900 begannen zudem die reichen mexikanischen Erdölvorkommen immer stärker ins Zentrum des wirtschaftlichen Interesses zu rücken und bereits 1913 war Mexiko der drittgrößte Erdölproduzent der Welt.Volker Depkat: Geschichte Nordamerikas. Eine Einführung (= UTB 2614), Böhlau Verlag, Köln-Weimar-Wien 2008, ISBN 978-3-8252-2614-5, S. 103. Das bewirkte, dass sich Mexikos Wirtschaft von einer zuvor lokal und regional strukturierten in eine exportorientierte umwandelte, die seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert immer stärker in die US-amerikanische Wirtschaft integriert und von US-Kapital durchdrungen wurde. 1910 stammten bereits 56 Prozent der mexikanischen Importe aus den USA und 80 Prozent der mexikanischen Exporte gingen dorthin.Volker Depkat: Geschichte Nordamerikas. Eine Einführung (= UTB 2614), Böhlau Verlag, Köln-Weimar-Wien 2008, ISBN 978-3-8252-2614-5, S. 104. Die USA waren bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts der größte Investor in Mexiko gewesen. Amerikanische Firmen und Einzelunternehmer besaßen ausgedehnte Ländereien in Mexiko, waren Anteilhaber oder Besitzer von zahlreichen mexikanischen Banken, Bergwerken und sonstigen Unternehmen jeglicher Art, vor allem aber der Erdölgesellschaften.
So imponierend der wirtschaftliche Aufschwung Mexikos an sich war, so ungleich war der Reichtum verteilt. Die überwiegende Mehrheit der mexikanischen Bevölkerung profitierte vom gewaltigen wirtschaftlichen Wachstum in keiner Weise. 1910 beispielsweise verfügte rund ein Prozent der Bevölkerung über den Besitz und die Kontrolle von 96 Prozent des Grund und Bodens. 90 Prozent der Landbevölkerung hatte keinen eigenen Grundbesitz, weshalb sie sich als Arbeiter verdingen mussten. Dabei gerieten sie leicht in Schuldknechtschaft, die kaum von echter Sklaverei zu unterscheiden war. Diese Verhältnisse wurden im Caoba-Zyklus von B. Traven literarisch verarbeitet. Dazu gingen zwischen 1876 und 1912 Gemeindeweiden in der Größenordnung von etwa 1340 km² verloren.
Krisenherde im spätporfiristischen Mexiko mini|hochkant=1.7|Mexiko-Stadt etwa zur Zeit des Ausbruchs der mexikanischen Revolution Aus den oben angesprochenen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen resultierten eine Reihe von spezifischen Krisenphänomenen, die „gleichsam als strukturelle Voraussetzungen […] der Revolution verstanden werden können“,Hans W. Tobler: Die mexikanische Revolution, S. 113. die aber ebenso für ihren in den einzelnen Landesteilen höchst unterschiedlichen Verlauf verantwortlich waren. Für den Ausbruch der Revolution bedeutend war beispielsweise die Tatsache, dass der Konsens der Mittel- und Oberschichten mit dem Díaz-Regime, der wesentlich für dessen politische Stabilität gewesen war, im letzten Jahrfünft der Herrschaft Díaz’ zunehmend in Frage gestellt wurde. Die politische und wirtschaftliche Monopolstellung, welche die Díaz-Günstlinge in vielen Landesteilen errungen hatten – so zum Beispiel der Terrazas-Creel-Familienclan in Chihuahua –, führte nicht nur zu einer Marginalisierung der Mittelschichten, sondern entfremdete selbst Teile der Oberschicht dem Regime. Hinzu kam, dass sich die im Gefolge der nordamerikanischen Wirtschaftskrise von 1907 von der mexikanischen Regierung betriebene Steuer- und Kreditpolitik vor allem für die Mittelschichten nachteilig auswirkte. So war beispielsweise die Unzufriedenheit unter den zahlreichen Staatsangestellten groß, aber auch bei den kleinen Händlern und den Angehörigen der freien Berufe, die meist keine Möglichkeit des gesellschaftlichen Aufstiegs sahen und deren Lebensstandard bedroht war, als gegen Ende der Regierungszeit von Díaz die Reallöhne sanken. Aus der in diesen Kreisen allmählich entstehenden politischen Oppositionsbewegung sollten sich dann beispielsweise im Norden Mexikos die ersten Anführer der Revolution rekrutieren.Hans W. Tobler: Die mexikanische Revolution, S. 58 f. und 112 f.
Einen Krisenherd besonderer Art stellte auch die Entwicklung des mexikanischen Agrarsektors dar. In diesem Zusammenhang ist jedoch zu betonen, dass der früher oft postulierte Konflikt zwischen den reichen, über riesige Ländereien verfügenden hacienderos und den unterdrückten, völlig land- und mittellosen peones die gesellschaftlichen Realitäten Mexikos in dieser Zeit nicht adäquat darstellt. Die Agrarentwicklung während Díaz’ Präsidentschaft verlief wesentlich komplizierter und war vor allem durch die Entstehung einer relativ wohlhabenden bäuerlichen Mittelklasse, die rancheros, gekennzeichnet. Dass die Entwicklungen im agrarischen Bereich dennoch eine der Ursachen der Revolution werden sollten, lag an ihren wirtschaftlichen, noch mehr aber an ihren politisch-gesellschaftlichen Auswirkungen. Kommerzielle und technische Neuerungen in der mexikanischen Landwirtschaft führten zu einem vermehrten ökonomischen Druck und zur ökonomischen Verdrängung vieler Kleinpächter und -bauern sowie zuvor selbständiger landwirtschaftlicher Produzenten. Obwohl diese Entwicklung regional sehr unterschiedlich verlief, hat die Forschung festgestellt, dass gegen Ende der Regierungszeit von Díaz ein beträchtlicher Teil der Landbevölkerung in wirtschaftliche Bedrängnis geraten war.