mini|Pater Pio (1947)
Pio von Pietrelcina, bekannter als Pater Pio (; * 25. Mai 1887 in Pietrelcina, Provinz Benevento, Kampanien, Königreich Italien als Francesco Forgione; † 23. September 1968 in San Giovanni Rotondo in der italienischen Provinz Foggia), war Kapuziner und Ordenspriester. Papst Johannes Paul II. sprach ihn 1999 selig und 2002 heilig. Um Pater Pio entwickelte sich bereits zu Lebzeiten ein Kult; er gilt als einer der beliebtesten Heiligen Italiens.
Leben Kindheit und Ordenseintritt mini|Klosterzelle Pater Pios im Konvent von San Giovanni Rotondo Francesco Forgione war das achte Kind von Grazio Forgione, einem Bauern, und Maria Giuseppa di Nunzio. Eine seiner drei jüngeren Schwestern wurde Birgittin.
Im Alter von ungefähr vierzehn Jahren fühlte er sich zum Ordensleben als Kapuziner berufen.Francesco Castelli, Padre Pio Under Investigation – The secret Vatican files, Ignatius Press, 2011, S. 276f. Am 6. Juli 1902 bewarb sich Francesco als Aspirant bei den Kapuzinern in San Giovanni. Nach Beendigung der Schulzeit trat er im Alter von sechzehn Jahren am 6. Januar 1903 als Postulant den Kapuzinern von Morcone bei, bei denen er am 22. Januar zur Einkleidung den Ordensnamen Pio (der Fromme) erhielt.
Ordensleben und Priestertum Nach den zeitlichen Gelübden am 22. Januar 1904 begann Bruder Pio mit dem Studium. Nach Aufenthalten in Sant’Elia a Pianisi und San Marco in Lamis wurde er 1907 nach Serracapriola entsandt und legte am 27. Januar 1907 die ewigen Gelübde ab. 1909 wurde er nach Morcone geschickt und empfing am 18. Juli die Weihe zum Diakon. Am 10. August 1910 wurde er – mit einem Dispens vorgezogen – in der Kathedrale von Benevent zum Priester geweihtFrancesco Castelli, Padre Pio Under Investigation – The secret Vatican files, Ignatius Press, 2011, S. 289ff. und feierte am 14. August 1910 die Primiz in der Kirche Santa Maria degli AngeliLucinda Vardey, Traveling with the Saints in Italy: Contemporary Pilgrimages on Ancient Paths, Castle Quay Books Canada, 2005, S. 402 in Pietrelcina.
Nach der Priesterweihe verbrachte Pater Pio wegen seines schlechten Gesundheitszustands die Jahre zwischen 1910 und 1916 nicht im Kloster, sondern – mit der Erlaubnis des Kapuzinerordens – im Haus seiner Familie in Pietrelcina.Sergio Luzzatto (2011): Padre Pio: Miracles and Politics in a Secular Age. S. 19. 1915 wurde er in die Armee eingezogen, durfte sie aber für einen einjährigen Genesungsurlaub wieder verlassen. Im Jahre 1918 erklärte man ihn wegen einer doppelseitigen Lungenentzündung schließlich für dienstuntauglich.Francesco Castelli, Padre Pio Under Investigation – The secret Vatican files, Ignatius Press, 2011, S. 290
1916 wurde Pater Pio in den Konvent Unserer Lieben Frau von der Gnade nach San Giovanni Rotondo im Vorgebirge von Gargano entsandt, der zu jener Zeit nur noch aus sieben Ordensbrüdern bestand. Dort blieb er bis zu seinem Tode 1968.Presseamt des Vatikans: Pater Pio von Pietrelcina, 16. Juni 2002, abgerufen am 23. November 2018
Stigmata mini|Fotografie der Stigmata aus dem Sommer 1919 (Ausschnitt)Vollständige Abbildung der Fotografie bei Urte Krass: Kontrollierter Gesichtsverlust. Padre Pio und die Fotografie. In: Zeitschrift für Ideengeschichte, Heft IV/2, 2010, S. 74, die einen laut Krass „inszenierten Charakter“ der Fotografie herausarbeitet und in einen kunsthistorischen Kontext stellt.
Schon in einem Brief vom 21. März 1912, den er an seinen geistlichen Begleiter und Beichtvater Pater Agostino richtete, schrieb Pater Pio von seiner Hingabe an den mystischen Leib Christi und der Ahnung, dass er eines Tages selbst die Wundmale Christi tragen werde. Der italienische Historiker Sergio Luzzatto weist darauf hin, dass Pater Pio in diesem Brief nicht kenntlich gemachte Textstellen aus einem Buch der stigmatisierten Mystikerin Gemma Galgani verwendete. Später habe er abgestritten, das zitierte Buch zu besitzen.
Pater Pios eigener Aussage zufolge sind sichtbare Wunden (Stigmata) bei ihm erstmals nach einer Vision am 20. September 1918 aufgetreten. Die Vision habe sich nach dem Dankgebet im Chor ereignet und den Herrn in der Haltung eines Gekreuzigten gezeigt, der die Undankbarkeit der Menschen beklagt, besonders jener, die sich ihm geweiht hätten. Dies habe das Leiden des Herrn offenbart und seinen Wunsch, Seelen mit seinem Leiden zu vereinen. Er habe Pater Pio „eingeladen, an seinen Beschwernissen teilzuhaben und diese zu betrachten“. Pater Pio sei dann voll des Mitgefühls für die Leiden des Herrn gewesen; und nach einer Frage, was er tun könne, habe er die Stimme Christi gehört, die ihn mit seinem Leiden vereinte. Nachdem die Vision verschwunden war, habe er „diese Zeichen hier“ gesehen, „aus denen das Blut herabtropfte“.Francesco Castelli, Padre Pio Under Investigation – The secret Vatican files, Ignatius Press, 2011, S. xiii Um die Wunden an den Händen zu verbergen, trug Pater Pio meist fingerlose Handschuhe.
Vorwurf der Verwendung chemischer Substanzen Kritiker führten die Wunden auf die Verwendung ätzender Substanzen zurück. Luzzatto erarbeitet in seinem Buch über Pater Pio eine Indizienkette, die eine natürliche Verursachung der Wunden durch den gezielten Einsatz von Phenol (Karbolsäure) als plausibel erscheinen lässt.Sergio Luzzatto (2011): Padre Pio: Miracles and Politics in a Secular Age, S. 5 und 89 ff. Pio soll versucht haben, durch die Cousine des Apothekers Valentini Vista die Säure in größeren Mengen zu beziehen. Die Cousine gehörte zu einem Kreis frommer Frauen, die Luzzatto zufolge in San Giovanni Rotondo ein und aus gingen. In einem erhaltenen Brief benennt Pio als Verwendungszweck des Phenols die Desinfektion von Spritzen. Dieselbe Frau soll er auch umVeratrin in großer Menge gebeten haben, eine äußerst giftige Mischung verschiedener Alkaloide, und um weitere Medikamente.Sergio Luzzatto (2011): Padre Pio: Miracles and Politics in a Secular Age. S. 89 ff. Die Einnahme des Nerven- und Insektengiftes Veratrin verursacht die Unempfindlichkeit gegen Wundschmerzen.Dirk Schümer: Der Säurenheilige. Das katholische Italien bangt: Waren die blutenden Wunden des Wundermannes Padre Pio chemische Tricks? in Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 249 vom 26. Oktober 2007; Hans-Jürgen Schlamp: Heiliger Headliner. In: Spiegel online vom 24. Juli 2015 Pater Pio habe Vista keine ärztlichen Rezepte vorgelegt, wie dieser anmerkt. Vista zog den Bischof von Foggia, Salvatore Bella, ins Vertrauen und zeigte ihm entsprechende Briefe. Bella schickte sie an das Heilige Offizium in Rom.Sergio Luzzatto (2011): Padre Pio: Miracles and Politics in a Secular Age. S. 93 f. Nachdem Luzzattos Veröffentlichungen in Italien Aufsehen erregt hatten, erklärte der Kapuzinerorden im September 2007, Pater Pio sei in seinem Konvent auch für medizinische Dienste zuständig gewesen, und wiederholte die bereits 1921 von Pater Pio abgegebene Erklärung, dass das Phenol zur Desinfektion von Spritzen benutzt worden sei.Radio Vatikan: Italien: Ende der Polemik um Padre Pio, 31. Oktober 2007, online unter Radio Vatikan
Entwicklung des Kultes um Pio Seit 1919 gab es Anzeichen für die Entstehung eines Kultes um Pio.Sergio Luzzatto (2011): Padre Pio: Miracles and Politics in a Secular Age. S. 26. Im selben Jahr erschienen Berichte über Pio in französischen und spanischen Zeitungen.Sergio Luzzatto (2011): Padre Pio: Miracles and Politics in a Secular Age. S. 24. In Spanien wurden auch die ersten beiden Biographien über Pio veröffentlicht. Bewohner von San Giovanni Rotondo sammelten blutgetränkte Taschentücher und verwendeten sie zu Hause als Heilmittel.Sergio Luzzatto (2011): Padre Pio: Miracles and Politics in a Secular Age. S. 27. Ein Fotograf fertigte Bilder von Pio an, die als Postkarten kursierten und die Handstigmata zeigten.Sergio Luzzatto (2011): Padre Pio: Miracles and Politics in a Secular Age. S. 32. Gegenstände, die Pio berührt hatte (Hemden, Gürtel und Stühle), wurden von Anhängern zerschnitten und aus dem Kloster mitgenommen.Sergio Luzzatto (2011): Padre Pio: Miracles and Politics in a Secular Age. S. 39. Bereits in dieser Zeit besuchten jeden Tag Hunderte von Menschen den Ordenspriester, wie eine italienische Zeitung berichtete.Sergio Luzzatto (2011): Padre Pio: Miracles and Politics in a Secular Age. S. 27 Außer Anhängern meldeten sich von Anfang an auch Zweifler, darunter die sich selbst so nennende „Gruppe der Treuen“, die sich mit anonymen Briefen an das Heilige Offizium wandten. Sie beschrieben die angeblichen Wunder als Produkte der „überhitzten Imagination“ der Menge und benannten Verfehlungen der Mönche.Sergio Luzzatto (2011): Padre Pio: Miracles and Politics in a Secular Age. S. 28.
Bereits 1919 versuchte der Provinzialminister des Kapuzinerordens, Pietro von Ischetella, den Kult um Pio einzuschränken. Er verbot z. B. Laien, das Refektorium des Klosters zu betreten; Journalisten und Fotografen sollte das Betreten des Klosters gänzlich verwehrt werden. Auch versuchte er zu verhindern, dass Gegenstände von Pio aus dem Kloster gebracht wurden.Sergio Luzzatto (2011): Padre Pio: Miracles and Politics in a Secular Age. S. 41.
Einschränkungen bei der Ausübung des priesterlichen Dienstes Im Juni 1922 plante der Sekretär des Heiligen Offiziums, Kardinal Rafael Merry del Val, die Befugnisse Pios als Priester stark zu beschneiden. Pio sollte von Gläubigen bestmöglich isoliert werden, seine Stigmata sollte er nicht länger der Öffentlichkeit präsentieren und seine Beziehung zu Pater Benedetto sollte beendet werden. Außerdem wurde vorgeschlagen, ihn an einen anderen Ort zu entsenden.„The Most Eminent Fathers would like to see such a transfer take place right away.“ In: Sergio Luzzatto (2011): Padre Pio: Miracles and Politics in a Secular Age, S. 105. Zur Auslöschung der Erinnerung an P. Pio vgl. auch S. 129. Diesen Plan verfolgte der Vatikan immer wieder, führte ihn aber nie aus. Entscheidend waren sowohl der Umstand, dass Pio die Unterstützung faschistischer Kreise genoss,Sergio Luzzatto (2011): Padre Pio: Miracles and Politics in a Secular Age. S. 167. als auch die Befürchtung, dass gewalttätige Reaktionen der religiösen Bevölkerung hervorgerufen werden könnten.Sergio Luzzatto (2011): Padre Pio: Miracles and Politics in a Secular Age. S. 122 ff.
Am 31. Mai 1923 erklärte das Heilige Offizium öffentlich, dass es im Fall der Pater Pio zugeschriebenen Phänomene keinen Beweis für übernatürliches Eingreifen gebe (non constare de eorundem factorum supernaturalitate),Declaratio. Acta Apostolicae Sedis, 15 (1923), S. 356, zit. nach Sergio Luzzatto (2011): Padre Pio: Miracles and Politics in a Secular Age. S. 121 und wies die Gläubigen an, sich daran zu halten. Pater Pio wurde verboten, die Heilige Messe in der Öffentlichkeit zu feiern.Francesco Castelli, Padre Pio Under Investigation – The secret Vatican files, Ignatius Press, 2011, S. 292 Die Erlaubnis, Beichten zu hören, wurde ihm 1931 entzogen, jedoch 1933 schrittweise wiederhergestellt, zusammen mit derjenigen, die Messe in der Öffentlichkeit zu feiern. 1941 wurde ihm, nach Bitten des Generaloberen des Kapuzinerordens, vom Heiligen Offizium die Erlaubnis erteilt, auch an den Nachmittagen in der Kirche die Beichte abzunehmen; 1948 hörte er die Beichte Karol Wojtyłas, des späteren Papstes Johannes Paul II.