mini|400px|Field of the Cloth of Gold von James Basire, 1774, Stich nach einem zeitgenössischen Ölgemälde, vorne links Heinrich VIII. Das Camp du Drap d’Or ([], englisch Field of the Cloth of Gold, deutsch Feld des Güldenen Tuches) war ein Herrschertreffen zwischen dem König von Frankreich, Franz I., und dem König von England, Heinrich VIII. vom 7. bis zum 24. Juni 1520. Es fand in der französischen Gemeinde Balinghem zwischen Ardres und Guînes in der Nähe von Calais statt. Offizielles Ziel des Treffens war die Verbesserung der Beziehungen zwischen den Königshäusern.Glenn Richardson: The Field of Cloth of Gold. Yale University Press, New Haven/London 2013, S. 1. Beide Herrscher nutzten das Treffen vor allem zur Zurschaustellung ihres Reichtums, und seine politischen Auswirkungen blieben geringfügig.

Hintergrund Durch den Tod Kaiser Maximilians I. 1519 entbrannte ein Nachfolgestreit um die Herrschaft im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation. Sowohl der französische König Franz I. als auch König Karl I. von Spanien machten ihre Ansprüche geltend. Die Wahl fiel am 28. Juni 1519 auf den in Spanien herrschenden Enkel Maximilians, der zum „deutschen“ Kandidaten stilisiert wurde und als Habsburger immerhin sechs Vorgänger auf dem Thron der römisch-deutschen Könige vorweisen konnte. Der 19-Jährige bestieg den Thron als Karl V.Charles Giry-Deloison: 1520, le Camp du Drap d’ór: la rencontre d Henry VIII et de François Ier. Somogy, Paris 2012, S. 24f. Damit standen sich zum Zeitpunkt des Treffens in Europa mit Frankreich unter König Franz I. und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation unter Karl V. zwei rivalisierende und an Einfluss gewinnende Mächte gegenüber, die jeweils England als Verbündeten zu gewinnen versuchten. Im direkten Vorfeld der königlichen Zusammenkunft trafen sich Heinrich VIII. und Karl V. am 26. Mai 1520 in Dover.Charles Giry-Deloison: 1520, le Camp du Drap d’ór: la rencontre d Henry VIII et de François Ier. Somogy, Paris 2012, S. 40. Durch ein Bündnis zwischen den beiden Mächten England und dem Heiligen Römischen Reich wäre die Lage in Europa für Frankreich extrem bedrohlich geworden. Durch den Vertrag von London wurde die französisch-englische Annäherung durch ein wichtiges Dokument gestützt.Glenn Richardson: The Field of Cloth of Gold. Yale University Press, New Haven/London 2013, S. 24. Diese sollte durch das Treffen der beiden Könige im Juni 1520 verstärkt werden.Glenn Richardson: The Field of Cloth of Gold. Yale University Press, New Haven/London 2013, S. 31f.

Das Treffen auf dem Camp du Drap d’Or Die diplomatische Zusammenkunft in einem provisorischen Heereslager erhielt ihren Namen später durch die prunkvolle Gestaltung der Zeltunterkünfte und der luxuriösen goldbestickten Kostüme, mit der die beiden Delegationen einander beeindrucken und ausstechen wollten.

Zahlreiche einflussreiche europäische Diplomaten, auf französischer Seite Galiot de Genouillac und Gilles de la Pommeraie, legten bei der Organisation bewusst Wert auf die Unterkunft der Monarchen und ihres Gefolges. Auf englischer Seite war der Earl of Worcester für die Organisation des Treffens verantwortlich. Er landete am 13. April 1520 im englisch besetzten Calais und vereinbarte mit den französischen Verhandlungsführern, dass das Treffen der beiden Könige im sogenannten Val d’Or stattfinden solle, das zwischen dem englischen Guînes und dem französischen Ardres lag. Mit der Wahl dieses grenznahen Gebiets versuchten die Organisatoren jegliche Benachteiligung oder Bevorzugung einer Delegation zu vermeiden. Außerdem nivellierte man beim ersten Treffen Bodenerhebungen am Veranstaltungsort, um zu vermeiden, dass eine Partei zur anderen heraufschauen und sich gedemütigt fühlen müsste.Christine Tauber: Manierismus und Herrschaftspraxis: die Kunst der Politik und die Kunstpolitik am Hof von François Ier. Walter de Gruyter, Berlin 2009, S. 84. Unter Worcesters Aufsicht wurden mehrere Höflinge beauftragt, eine provisorische Galerie und einen Palast aus Holz und Stoff zu errichten. Der Palast wurde auf einer Fläche von etwa 10.000 Quadratmeter auf einem steinernen Fundament vor der bereits bestehenden Burg von Guînes um einen zentralen Innenhof errichtet. An der Konstruktion des Palastes waren mehrere Tausend Arbeiter und Handwerker beschäftigt. Für den Bau wurde aus dem englischen Kent und den Niederlanden Holz herbeigeflößt und aus Saint-Omer Glas beschafft. Die vorübergehende Residenz bestand schließlich aus einem zehn Meter hohen, mit bemalter Leinwand bespannten Stützgerüst aus Holz, der die Illusion eines soliden Gebäudes erzeugen sollte. Das Schrägdach wurde aus geöltem Leinen hergestellt und sollte Dachschieferplatten imitieren. In das Gebäude wurden aufwendig verzierte Glasfenster mit Goldornamenten integriert. Auf dem Vorplatz richteten die Organisatoren zwei Zierbrunnen ein, aus denen Rotwein sprudelte.BBC Radio 4, "Field of the Cloth of Gold", Steven Gunn, John Guy, Penny Roberts aus: BBC Radio 4 discussion "In our time", Nr. 42, 6. Oktober 2005. Das französische Lager bestand aus 300-400 aufwendig gestalteten Zelten aus Samt und goldfarbenen Stoffen. Franz I. residierte im größten Zelt, das durch zwei Schiffsmasten gestützt wurde. Auf dem Zelt war eine lebensgroße Statue des Erzengels Michael aufgerichtet.R. J. Knecht: Renaissance Warrior and Patron: The Reign of Francis I. Cambridge University Press, Cambridge 1994, S. 171.

Nach seiner Ankunft in Calais erreichte Heinrich VIII. seinen Palast in Guînes am 5. Juni 1520,Glenn Richardson: The Field of Cloth of Gold. Yale University Press, New Haven/London 2013, S. 104. während Franz I. seine Residenz in Ardres bezog. Nachdem Kardinal Thomas Wolsey zunächst den französischen König besucht hatte, fand die erste Begegnung zwischen den beiden Monarchen am 7. Juni auf halbem Weg im Val d’Or statt:Charles Giry-Deloison: 1520, le Camp du Drap d’ór : la rencontre d Henry VIII et de François Ier. Somogy, Paris 2012, S. 49.

„Am Donnerstag, dem 8. Juni – dem Fronleichnamstag –, trafen sich der König von England und der französische König in einem Tal namens ‚Goldenes Tal‘; dieses Tal liegt auf halbem Weg zwischen Guisnes und Ardres, wobei der französische König während der Feierlichkeiten in Ardres Quartier bezogen hatte. In besagtem Tal war ein aus Goldstoff gefertigter Pavillon für die Könige aufgeschlagen worden, in dem ein Bankett für sie vorbereitet war. Seine Majestät, der englische König, wurde von fünfhundert Reitern und dreitausend Fußsoldaten begleitet; ebenso wurde der französische König von einem großen Gefolge aus Reitern und Fußsoldaten begleitet. Zum Zeitpunkt der Begegnung dieser beiden berühmten Fürsten ließen Herolde und Wappenoffiziere beider Seiten verkünden, dass die jeweiligen Gefolge stillstehen sollten – der englische König mit seinem Gefolge auf der einen Seite des Tals und der französische König auf der anderen. Zudem wurde unter Androhung der Todesstrafe befohlen, dass die Gefolge so lange verharren sollten, bis die beiden Könige das Tal hinabgeritten waren; am Talboden trafen sie aufeinander, umarmten sich zu Pferde in großer Freundschaft und stiegen sodann unverzüglich ab. Sie ließen ihre Pferde beiseite führen und umarmten einander, die Kopfbedeckung in der Hand haltend, während Lord Marquess Dorset das entblößte Schwert des englischen Königs und der Herzog von Bourbon das Schwert des französischen Königs trugen.“

- Unbekannt: Joycelene G. Russel: The Field of the Colth of Gold: Men and manners in 1520. London1969. S. 201f

Die Liste der Anwesenden, aufgeschrieben im Auftrag von Heinrich VIII., zählt allein rund 4000 Personen und 2000 Pferde als Begleiter des englischen Königs sowie circa 1100 Begleitpersonen und 770 Pferde auf Seiten der englischen Königin. Unter den Personen befanden sich der Kardinal von York, der Bischof von Winchester und der königliche Sekretär.J. S. Brewer(Hrsg.): Letters and Papers, Foreign and Domestic, Henry VIII, Volume 3: 1519-1523, March 1520, 21-30, R. T. 137, Letters indented specifying, in accordance with the treaty of 12 March 1519, the number and rank of the lords, ladies and gentlemen to attend the King and Queen at the interview with Francis I. Institute of Historical Research, 1867, S. 235–38. Das Programm der folgenden Tage, bestehend aus inszenierten Turnieren und Banketten, ließ politische Handlungen nebensächlich werden. Auf dem Turnierplatz, der nach einer Skizze des englischen Königs errichtet worden war, fanden zwischen dem 11. und dem 22. Juni Turniere mit über 300 Teilnehmern statt.

Als politisches Ergebnis dieses aufwändig inszenierten Herrschertreffens kann allein die Erneuerung des Vertrags von London gelten.Joycelene G. Russell: The Field of the Cloth of Gold: Men and manners in 1520. Routledge & K. Paul, London 1969, S. 201f. Am 24. Juni endete das Treffen mit einer Übergabe von Geschenken und dem Beschluss erneuter Treffen.Charles Giry-Deloison: 1520, le Camp du Drap d’ór : la rencontre d Henry VIII et de François Ier. Somogy, Paris 2012, S. 52.

Wirkung und Folge

Camp du Drap d’Or gilt als eines der repräsentativsten und extravagantesten Herrschertreffen der Frühen Neuzeit.Glenn Richardson: Renaissance Monarchy. The Reigns of Henry VIII, Francis I and Charles V. Arnold Publishers, London 2002, S. 58. Als politischer Grund für das gemeinsame Treffen wird die Annäherung der beiden Dynastien betont. Trotzdem ist man sich über den wirklichen Anlass in der Forschung nicht einig. Einerseits wird auf die Friedensbemühungen beider Herrscher hingewiesen, einen möglichen Krieg zwischen den europäischen Großmächten zu verhindern.Glenn Richardson: The Field of Cloth of Gold. Yale University Press, New Haven/London 2013, S. 2. Andererseits stellt Russell es als exzessive Feierei und Machtrepräsentation beider Könige dar, für die die Politik nur Schein darstelle.Joycelene G. Russell: The Field of the Cloth of Gold: Men and manners in 1520. Routledge & K. Paul, London 1969, S. 2f. Letzteres wird durch die Vermutung bekräftigt, Heinrich VIII. und Franz I. wären nach der Wahl Karls V. in einen finanziellen und physischen Wettkampf um die größere Königswürde getreten.

Fest steht, dass die angestrebte Annäherung nicht ihr erhofftes Ziel eines friedlichen Europas bewirken konnte. Heinrich VIII. und Karl V. schlossen bereits am 14. Juli einen Vertrag, in dem sie sich darauf einigten, kein Bündnis mit Frankreich einzugehen. Bald darauf entbrannten direkte kriegerische Auseinandersetzungen innerhalb Europas.Glenn Richardson: The Field of Cloth of Gold. Yale University Press, New Haven/London 2013, S. 199–203.

Aufgrund der zahlreichen Verschriftlichungen in diplomatischen Korrespondenzschriften und administrativen Aufzeichnungen durch die königlichen Höfe ist das Treffen eines der bedeutendsten für die wissenschaftliche Forschung der Frühen Neuzeit. Durch die Quellen ist nicht nur ein umfassender Überblick des Ereignisses gegeben, sondern auch detaillierte Beschreibungen der Essens-, Fest-, Bau- und Verhandlungskultur des 16. Jahrhunderts.Glenn Richardson: The Field of Cloth of Gold. Yale University Press, New Haven/London 2013, S. 2f.

Quellen Englische Quellen Edward Hall: Chronicle. Containing the history of England, during the reign of Henry the Fourth, and the succeeding monarchs, to the end of the reign of Henry the Eighth, in which are particularly described the manners and customs of those periods. London 1809. Richard Grafton: A chronicle at large, unto the first yere of Queen Elizabeth. London 1569.

Lateinische Quellen Jacques Dubois: Francisci Francorum Regis et Henrici Anglorum Colloqium. Hrsg. Bamforth, Stephen; Dupèbe, Jean. Renaissance Studies, Volume 5, Numbers 1-2, March 1991, pp. 1-237(237).

Literatur