mini|Laaser Marmor Vena Oro („Goldader“), die seltene Sorte des Laaser Marmors. Muster ca. 20 × 13 cm mini|Zerbrochener Laaser Marmorblock mit blauen Adern mini|Aufgetürmte Marmorblöcke, im Hintergrund die Laaser Schrägbahn mini|Weißwasserbruch im Laaser Tal

Laaser Marmor ist ein sehr fester, widerstandsfähiger und wetterbeständiger Marmor aus Südtirol (Italien). Abgebaut wird er am Vinschger Nördersberg, und zwar im Laaser Tal (Gemeinde Laas) unter der Bezeichnung Laaser Marmor, und am Göflaner Berg (Gemeinde Schlanders) als Göflaner Marmor. Die Bezeichnung Laaser Marmor für das Gestein, das lange Zeit als Tiroler Marmor oder Vinschgauer Marmor bekannt gewesen war, begann sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts durchzusetzen. Spätestens seit der Weltausstellung 1873 in Wien, auf der er im umfassenden Bereich der k.k. Geologischen Reichsanstalt von zwei Unternehmen präsentiert wurde,k.k. geologische Reichsanstalt: Catalog ihrer Ausstellungs-Gegenstände bei der Wiener Weltausstellung 1873. Wien 1873, S. 147 gewann der Marmor, unabhängig davon, an welcher Stelle zwischen dem Laaser Tal und dem Martelltal er abgebaut wurde, unter dieser Markenbezeichnung zunehmend an Bekanntheit. Insbesondere im 19. Jahrhundert wurde der Laaser Marmor von mehreren Architekten und Steinbildhauern bevorzugt verwendet.

Geologie Das Laaser Marmorvorkommen gehört zu einer Linie weiterer vereinzelter Marmoreinlagerungen der Ortler-Alpen in südlicher Tallage des Vinschgaus, die unweit und parallel einer großen geologischen Störungslinie (Periadriatische Naht) angeordnet sind. Diese Marmorvorkommen sind als Band von Laas im Westen bis zum Pustertal im Osten zu verfolgen. Nicht alle zutage tretenden Marmoreinlagerungen dieser Zone waren Gegenstand eines Werksteinabbaus. Sie liegen meist in polymetamorphen Gneisen eingebettet, die im Verlauf ihrer Entstehung einen mittleren bis hohen Umwandlungsgrad erlangt haben. Südlich von Laas tritt neben mylonitisierten Glimmerschiefern, Paragneisen und Amphiboliten der überwiegend weiße Marmor an die Oberfläche (zusammen Laaser Einheit genannt).

Diese mächtige Marmoreinlagerung an der Nordostflanke der Ortlergruppe umfasst ein Vorkommen von etwa 500 Mio. Kubikmeter. Sie befindet sich etwa 40 Kilometer westlich von Meran und entstand vor 400 Mio. Jahren während der Variskischen Gebirgsbildung, als der im Norden von Afrika gelagerte Kalkstein durch die Kontinentalplattendrift in die Gegend von Laas transportiert wurde. Dabei wurde dieser Kalkstein durch Hitze und Druck in Marmor verwandelt.

Steinbrüche mini|Stolleneingang des Weiß­wasser­bruchs mini|Verladerampe des Oberen Jenn­wandbruchs () Laaser Marmor wird im Jahre 2009 im Jennwand- und im Weißwasserbruch gebrochen. Ein weiterer Steinbruch dieses Vorkommens ist der Mitterwandl-Bruch, in dem der im Handel so genannte Göflaner Marmor gewonnen wird. Darüber hinaus gab es den Tarnellerbrückl- und den Nesselwandbruch im Laaser Gebiet. In der Jennwand zeigt dieses Marmorvorkommen eindrucksvolle Faltenstrukturen.Dr. Ernst Ott: Zur Geologie der Ortleralpen. In: Peter Holl: Alpenvereinsführer OrtleralpenVergrößerung der Geologischen Übersichtskarte der Republik Österreich 1:1.500.000 (PDF; 20,5 MB), abgerufen am 1. August 2018V. Mair, C. Nocker, P. Tropper: DAS ORTLER-CAMPO KRISTALLIN IN SÜDTIROL (PDF; 3,8 MB)Christoph Franzen: Historische Bauwerksteine in Südtirol. Verteilung und Verwitterungsverhalten. (Dissertation) Innsbruck 2002, S. 48, 57, 71–72

Eigenschaften und Mineralbestand Laaser Marmor ist frostfest, und von den Lieferanten wird Tausalzbeständigkeit zugesichert. Sein Calciumcarbonat-Anteil beträgt 96,4 bis 98,6 Prozent. Die Druckfestigkeit am frischen Bruch beträgt etwa 118 MPa. Eingeschlossen sind Quarz- und Glimmerschichten und es treten größere Calcitkristalle in Rhomboederstruktur auf.

Weitere Mineralbestandteile in diesem Gestein sind Aktinolith, Dolomit, Pyrit, Titanit, Rutil und Zirkon.Christoph Franzen: Historische Bauwerksteine in Südtirol. Verteilung und Verwitterungsverhalten. (Dissertation) Innsbruck 2002, S. 72

Handelssorten Nachfolgende Handelsbezeichnungen des Laaser Marmors sind bekannt: „reinweißer Statuario, Bianco Lasa Classico, Bianco Lasa Ortles, Bianco Lasa Cevedale, Bianco Lasa Cevedale Nuvolato, Vena Oro, Vena Verde, Arabescato, Fior di Melo und Lasa Fantastico.“Wolfgang Morscher, Hubert Tscholl: Marmorbahn auf sagen.at, abgerufen am 10. Oktober 2009.

Insgesamt werden beim Laaser Marmor vierzehn Handelssorten unterschieden, von denen heute lediglich vier im Handel sind. Der Anteil des feinkörnigen, reinweißen Statuario am verwertbaren Marmor beträgt dabei nur noch 4 Prozent. Der Großteil des hellen Marmors gehört der Sorte Lasa Ortles an. Die verschwommene blaue oder graublaue Äderung des Arabesco und die bläuliche Farbe des Cevedale gehen auf Einschlüsse von Turmalin oder Graphit zurück. Graphit in feinster Verteilung färbt den Marmor bläulichgrau, und die Eisenoxide wie Klinozoisit und Limonit lassen ihn rötlich oder gelb erscheinen. Der durch Mineral-Einlagerungen rot gefärbte und leicht durchscheinende Marmor ist sehr selten.

Geschichte des Laaser Marmorabbaus mini|hochkant|Statuen im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek (ehem. Wiener Hofbibliothek) mini|hochkant|Werbeschaltung für den Laaser Marmor (J. Lechner) in der Meraner Zeitung, 1906 Erste Erwähnung als Nutzgestein Laaser Marmor wurde schon in der Römischen Antike für die Herstellung von Meilensteinen an der Via Claudia Augusta im Vinschgau verwendet.

Der früheste urkundliche Hinweis auf den Laaser Marmor ist in Schriftform in einen Grabstein geschlagen, den der Churer Bischof Viktor III. um 720 n. Chr. aus dem Vinschgau herbeischaffen und für jemanden errichten ließ, der namentlich nicht mehr identifizierbar ist: Hic sub ista lapide marmorea, qvem Vector ver in lvster preses ordinabit venire de Venostes, hic reqviescit dominus („Hier unter diesem Marmorstein, den der angesehene Graf Victor aus dem Vinschgau kommen ließ, ruht dieser Herr“).Johann Conrad Fäsi: Genaue und vollständige Staats- und Erdbeschreibung der ganzen helvetischen Eidgenossenschaft. Band 4. Zürich: Orell 1768, S. 135

Erster Abbau So deutlich wie im Laaser Tal, im Gebirgsstock der Jennwand und in deren näherer Umgebung sind die Marmor führenden Schichten auf dem Schlanderser und Laaser Nördersberg sonst nicht erkennbar. Das Auftreten von anstehendem Marmor ist im Geröll der Bachläufe des Laaser Tales und in den Murengräben des Nördersberges zu verfolgen. Diesen Spuren werden die Steinmetzen in früheren Zeiten vermutlich nachgegangen sein. Denn bis zur Öffnung der ersten Steinbrüche sind in den Wäldern auf dem Schlanderser und Laaser Nördersberg sowie im Laaser Tal Findlingsbestände ausgebeutet worden. Solche weit ins Tal hinunter reichende Ansammlungen von Findlingsblöcken haben sich im Laufe der Gebirgserosion durch Abbrüche und Verlagerung von aus Marmorschichten stammenden Felsblöcken durch Gletscherverfrachtung und durch sonstige Naturereignisse gebildet.

Historisches Abbaugebiet Die Qualität dieser Marmorfindlinge ist wie in den massiven Bänken oder Marmorschichten unterschiedlich. Die Marmorvorkommen scheinen von den Steinmetzen je nach Bedarf in Anspruch genommen worden zu sein, ohne dass sie dafür historisch nachweisbare Genehmigungen hätten einholen müssen.

Ein bevorzugtes Zielgebiet für die Steinmetzen waren die verschiedenen so genannten Gruben in den Göflaner und Kortscher Waldungen auf dem Nördersberg, die weite Karsenke der Göflaner Alm mit dem Alpbruch und dem Mitterwandl auf 2.200 m, Abbaustellen im Laaser Tal an der Nesselwand und an der Jennwand, ab 1865 der Zelimbruch am Ausgang des Martelltales, ab 1883 der Weißwasserbruch und der Tarnellerbruch im Laaser Tal.

Heutiger Abbau Im Laaser Tal, das geografisch zur Gemeinde Laas gehört, wird Laaser Marmor ganzjährig im Weißwasserbruch abgebaut. Auf dem Gebiet der Gemeinde Schlanders wird Göflaner Marmor im Mitterwandlbruch abgebaut.

Im untertägigen Weißwasserbruch erfolgt der Abbau des reinweißen Marmors in Abbauhallen mit einer Länge von 100 m, einer Breite von 20 m und in einer Höhe von 30 bis 40 m. Die dabei eingesetzten Diamantseilsägen und eine Diamant-Schrämmaschine schneiden Marmorschichten bis zu 8000 t Einzelgewicht aus dem Berg, die anschließend in handelsübliche Blockgrößen von etwa 3,20 × 1,20 × 1,40 m formatiert werden.

Die so hergestellten Rohblöcke werden mittels eines Kabelkrans bis zur Verladestation am Weißwasserbruch abgeseilt. Von dort werden die Rohblöcke auf Waggons seit 1993 durch eine dieselelektrische LokomotiveMarmorbahn auf sagen.at bis zur Bergstation des Schrägaufzugs, der Verladestelle Weißwasserbruch, gezogen. Im Weißwasserbruch ist es möglich, ganzjährig im 24-Stunden-Schichtbetrieb Marmor abzubauen.

mini|Unter Tage im Göflaner Mitterwandlbruch (anlässlich eines Konzerts) Im Göflaner Bruch, der zwischen 2.200 und 2.500 Höhenmeter liegt, kann nur in den Sommermonaten abgebaut werden, da im Winter Schnee und Eis den Abbau unmöglich machen. Dort wurde mittlerweile damit begonnen, die Steingewinnung untertägig zu betreiben. Die Steinblöcke des Göflaner Bruchs werden auch mit einer Kabelkrananlage zur Verladestelle Weißwasserbruch abgeseilt und anschließend ins Tal gebracht.Wolfgang Morscher, Hubert Tscholl: Schrägbahn auf sagen.at, abgerufen am 10. Oktober 2009.

Die Form dieses Gesteinsabbaus ist die „umweltschonendste industrielle Transportmöglichkeit innerhalb des Nationalpark Stilfserjoch.“Wolfgang Morscher, Hubert Tscholl: Transportbahn Laaser Tal auf sagen.at, abgerufen am 10. Oktober 2009

Verwendung Historische Verwendung Im Mittelalter wurde Laaser Marmor als Werkstoff für Portale, Wappensteine und Ornamentstücke von Vinschgauer Burgen verwendet, etwa beim Palasportal von Schloss Tirol, in dessen Tympanon der Erzengel Gabriel die Besucher mit segnender Geste empfängt. Anonyme Künstler fertigten aus Laaser Marmor Taufsteine, Altäre, Grabsteine und Portaleinfassungen für Kirchen an. Zu den ältesten bekannten Werkstücken aus Laaser Marmor gehören die Marmorreliefs in der karolingischen St.-Benedikts-Kirche in Mals. Von der romanischen Laaser Pfarrkirche konnte nur mehr die Apsis gerettet und rekonstruiert werden. Laaser Marmor wurde in karolingischer Zeit auch für Skulpturen im Benediktinerinnenkloster St. Johann in Müstair verwendet.

Während der Renaissance kam Laaser Marmor für die Ausgestaltung einiger Vinschgauer Schlösser (Churburg, Goldrain, Dornsberg, Obermontani, Schlandersburg) zum Einsatz. Jakob Trapp VII., Jerusalempilger und Herr der Churburg, ließ sich 1573 von Wolf Verdroß ein Grabdenkmal in der Schludernser Pfarrkirche errichten.

Der aus dem Martelltal stammende Barockbildhauer Gregor Schwenzengast verwendete den Marmor in der Zeit um 1700 für zahlreiche Arbeiten. Seine Madonnenreliefs in Form von Marmormedaillons schmücken die Portale verschiedener Gebäude im Vinschgau, unter anderem die Rosenkönigin der St. Annakapelle in Latsch und das Rathaus von Schlanders. Ein von Schwenzengast behauenes großes Reliefbildnis Leopolds I. ist im Hof der Schlandersburg ausgestellt. Von ihm stammt auch das Grabdenkmal in der Latscher Pfarrkirche für den Adeligen Kleinhans, den Erbauer des Roten Schlosses in Latsch. mini|hochkant|Skulpturen des Brunnens „Die Macht zu Lande“ am Michaelerplatz in Wien (1897) In Wien wurde bei den größtenteils vor 1870 errichteten Bauten an der Ringstraße von den Architekten, darunter zum Beispiel Theophil von Hansen, der Laaser Marmor für die Ausführung der Prunkfassaden und Statuen eingesetzt. Besonders für das ehemalige Reichsratsgebäude und spätere Parlament wurden sehr große Materialmengen benötigt.

Heutige Verwendung Heute werden die Marmorblöcke zum Großteil in Platten geschnitten und zu Fußbodenbelägen, Fliesen und Fassadenplatten verarbeitet.