mini|Buchcover Das dreißigste Jahr, Salzburger Edition, 2020 Das dreißigste Jahr ist ein von Ingeborg Bachmann zuerst 1961 veröffentlichter Zyklus von sieben Erzählungen, die sich mit Themen der Nachkriegszeit in Deutschland und Österreich beschäftigen. Obgleich die Öffentlichkeit auf diesen ersten Prosatext der Autorin zurückhaltend reagierte, gilt er als einer der wichtigsten Texte deutscher Sprache nach 1945.Heinrich Vormweg urteilt dagegen meinungsstark: Bachmann habe zwar mit dem "Sammelband Das dreißigste Jahr" ihren Ruhm begründet, aber mit ihren späteren Werken eine existentialistisch-individualistische, auf Selbstverwirklichung fixierte "Erzählgestik" entwickelt - "darüber hinaus verdeutlicht sie nichts." Vormweg, siehe Sekundärliteratur, S. 289.
Bachmann schrieb die sieben Erzählungen ab 1956, obgleich Ein Schritt nach Gomorrha als letzter Text des Bandes erst im April 1961 fertig wurde.Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann (Hrsg.): Ingeborg Bachmann, Max Frisch. „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper Verlag, München/Berlin/Zürich und Suhrkamp Verlag, Berlin, 2022, Anmerkung 16 zu Seite 217, S. 754. Bereits vor der Veröffentlichung in Buchform hat Bachmann seit 1959 einzelne der Erzählungen im Rundfunk, bei Lesungen, in Zeitungen und Zeitschriften und bei der Gruppe 47 präsentiert.
Übersicht „’Nach dem Krieg’ – dies ist die Zeitrechnung“, schreibt Bachmann in der hier enthaltenen Erzählung Unter Mördern und Irren. Die Mehrzahl der repräsentativen deutschen Autoren beschäftigte sich nach einer Bemerkung von W. G. SebaldW.G. Sebald: Campo Santo. Fischer, Frankfurt a. M. 2006, S. 105. in dieser Nachkriegszeit damit, den Mythos vom „guten Deutschen“ zu propagieren. „Das Kernstück der damit in Umlauf gekommenen Apologetik bestand in der Fiktion einer irgendwie bedeutsamen Differenz zwischen passivem Widerstand und passiver Kollaboration.“ (vgl. Literaturangaben) Im Gegensatz zu dieser Literatur des guten Gewissens schildert Ingeborg Bachmann verschiedene Formen der nachträglichen passiven Kollaboration, die die Autorin in der Perspektive einer fortwährenden individuellen Verantwortung erzählt.
Die Erzählung Das dreißigste Jahr gibt in Titel und Gehalt den Grundton der folgenden Erzählungen an, die in verschiedenen Entscheidungssituationen die Verantwortung der Figuren für ihr Tun und Lassen untersuchen. Die Handlungen der Figuren werden zwar durch die Strukturen der Räume, Einrichtungen und Sprache beeinflusst, die als Zeichensysteme das Figurenhandeln prägen. Diese Determination ist aber nie hermetisch, sondern belässt einen Spielraum, in dem die Figuren zwischen Konformität und Schrittweiten der Grenzüberschreitung wählen können und somit für das Ergebnis verantwortlich bleiben. Die Kontingenz der Situationen in diesem Jahr der Entscheidung akzentuiert die unaufhebbare Zuständigkeit der Individuen für die Beziehungen, in denen sie leben.Bachmann thematisiere „Versuche, den Bindungen einer Gesellschaft zu entkommen, die jeden Versuch individueller Entfaltung verhindert. Protest und Resignation kulminieren in diesen Texten zu Lebenskrisen, die als symptomatisch für die Befindlichkeit der Menschen in der Nachkriegszeit gesehen werden.“ Kindlers neues Literatur-Lexikon. Studienausgabe, Kindler 1996, Band 2, siehe Literatur, S. 28.
Geschlechterpositionen Die sieben Erzählungen folgen einem dramaturgischen Aufbau von der Problemstellung über eine vierfache Untersuchung der Anpassung hin zu einem doppelten Ausklang. Neben den Themen der Gewalt, Zerstörung und Anpassung an gesellschaftliche Erwartungen, die die Männer meist unter sich ausmachen, geht es in fast allen Erzählungen auch um die Liebe zwischen Mann und Frau, in der die Geschlechter ihre Positionen weit voneinander entfernt einnehmen und den Aufbruch zu neuen Formen der Beziehung versäumen.
Sigrid Weigel sah die „Durchquerung und Verwerfung eines ganzen Archivs von Wunschbildern“ als Gesamtkonzeption des Bandes an. Dies sei etwa in der Erzählung Das dreißigste Jahr mit der Sehnsucht nach dem Absoluten umgesetzt, in Alles in einer Heilsgeschichte mit dem Erziehungsprogramm zum neuen Menschen und in Ein Wildermuth in dem Verlangen nach einer reineren Wahrheit in der Sprache des Körpers; in Ein Schritt nach Gomorrha sei „die weibliche Neuschöpfung der Welt“ das Wunschbild, und in Undine schließlich sei „das Verhältnis von Kunstbegehren und Vernunftvermögen nicht mehr als einfacher Gegensatz gestaltet“.
In Bachmanns Texten ist der Anteil männlicher Monologe und Perspektiven vergleichsweise hoch. Die männliche Erzählinstanz hat dabei – wie etwa in den Erzählungen Alles und Ein Wildermuth sowie dem Roman Malina – „eine Deutungshoheit über die Frau“. Wiederholt wird das Weibliche durch männliche Protagonisten bedroht und ins Verstummen getrieben. Daher lag es nahe, dass in den 1980er Jahren die Literaturwissenschaft Bachmann-Texte feministisch und genderbezogen interpretierte, was in der Folge aber kritisch gesehen wurde.
Nur in einer der sieben Erzählungen, Ein Schritt nach Gomorrha, steht eine Frau im Fokus; in Undine geht spricht ein weibliches Ich von der Position eines Fabelwesens aus. Beide Texte beschäftigen sich mit dem nicht gelungenen weiblichen Aufbruch und der Unfähigkeit nicht nur von Männern zur Liebe. Die Texte gehören zu den frühesten feministischen Texten der deutschsprachigen Literatur der Nachkriegszeit. In den übrigen fünf Erzählungen, von denen drei aus der Sicht eines männlichen Ichs geschrieben sind, stehen Männer im Mittelpunkt.
In diesen kurzen Anmerkungen kann Bezügen des Textes zur Biografie der Autorin oder zu anderen ihrer Werke, zur gesellschaftlichen Entwicklung oder zu politischen Auseinandersetzungen der 1950er Jahre nicht nachgegangen werden. Hierzu wird auf die umfangreiche Sekundärliteratur verwiesen.Kindlers neues Literatur-Lexikon. Studienausgabe, Kindler 1996, Band 2, siehe Literatur, S. 29.
Jugend in einer österreichischen Stadt Handlung Ein Ich-Erzähler besucht auf der Durchreise die Stadt (s)einer Kindheit und geht durch die Straßen Klagenfurts, in denen seine Familie vor langer Zeit gewohnt hat. Er erinnert sich mancher Facetten einer freudlosen Kindheit, in die der „Anschluss Österreichs“ an Nazideutschland fällt, der für die Kinder alles verändert: Eine Kindheit nur noch unter Vorbehalt, die spätestens mit den Bomben und Beerdigungen des Krieges endet. Manchmal hocken sie nur da, „starren vor sich hin und hören nicht mehr drauf, wenn man sie ‚Kinder‘ ruft.“ Die Machenschaften der Erwachsenen kosten die Kinder die Kindheit und manchmal auch das Leben. Ohne Antworten auf seine Fragen verlässt der Reisende die Stadt.
Deutung Auch Ingeborg Bachmann wuchs in Klagenfurt/Österreich auf, sie hat aber diesen Text nicht als autobiografischen Versuch, sondern als Bericht einer allgemeinen biografischen Verstümmelung geschrieben. Die Erzählung trägt die „Jugend“ zwar im Titel, aber nicht im Text, in dem nur von „Kindern“ im Plural die Rede ist. Offenbar geht es nicht um eine ganze Jugend und nicht um eine bestimmte Kindheit. Es geht um die Zeitmaschine des Krieges, die die Kinder an ihrer Jugend vorbei ins erwachsene Leben katapultiert. Nach dem Krieg werden die Kinder „aufgefordert, ins Leben zu treten“, ihrer Jugend beraubt,Peter Beicken: Ingeborg Bachmann, München: Beck 1988, S. 165f. misstrauisch, mit einem Talent zur Traurigkeit: „Sie gehen fort, die Hände in ausgefransten Taschen und mit einem Pfiff, der sie selber warnen soll.“
Die Besichtigung der Vergangenheit kann die Fragen des berichtenden Ichs nicht beantworten: „Im bewegungslosen Erinnern, vor der Abreise, vor allen Abreisen, was soll uns aufgehen? Das Wenigste ist da, um uns einzuleuchten, und die Jugend gehört nicht dazu.“ Auch die beschwörenden Anrufungen erweisen sich als hilflos bei der Suche nach Erklärungen. Bachmann „meine damit ihre Generation, die den Ausbruch aus der ´schlechtesten aller Welten´ nicht leistet und damit nicht nur ihre eigene Zukunft, sondern auch die ihrer eigenen Kinder zerstört.“Kindlers neues Literatur-Lexikon. Studienausgabe, Kindler 1996, Band 2, siehe Literatur, S. 28 f.
Die Ursachen der Zerstörung scheinen nicht mehr zugänglich, der Reisende verlässt den Ort einer Kindheit ungetröstet und unerlöst, der Leser aber tritt nun mit ihm in die vom Nachfaschismus bestimmten Entscheidungssituationen.
Das dreißigste Jahr Handlung Die Erzählung berichtet von Ereignissen und Reflexionen aus dem Jahr vor dem dreißigsten Geburtstag einer namenlosen Er-Figur, die eines Tages mit der „wundersamen neuen Fähigkeit sich zu erinnern“ aufwacht und eine schmerzhafte Bilanz ihres Lebens, ihrer Hoffnungen und ihrer Möglichkeiten zieht. Dieser Er von „guter Herkunft“ entdeckt in seinem dreißigsten Jahr, dass Er von seiner Vorstellung einer ihm in alle Richtungen offen stehenden Zukunft Abschied nehmen muss. Er sieht sich stattdessen in einem Gefängnis, in einem Netz, in dem Er sich früh gefangen glaubt. Aber Er beschließt, „aus Gleichgültigkeit, Erschöpfung und weil er nichts mehr Besseres weiß“ das Angebot einer festen Anstellung anzunehmen und sich in der gesellschaftlichen Falle zu etablieren.
Wie bei der Autorin (Ingeborg Bachmann hatte am 25. Juni Geburtstag) setzt dieses 30. Jahr im Juni nach dem 29. Geburtstag ein. Im Juli unternimmt Er eine zweite Reise nach Rom, die eigentlich ein weiterer Fluchtversuch ist. In Rom trifft Er seine frühere Geliebte Elena und seinen Freund-Feind Moll. Im September–Oktober findet er noch die Kraft zu einem Aufruf zum Umsturz der Gesellschaft, im November–Dezember entwickelt sich eine „unerträgliche“ Liebe, die ihn zu einer weiteren Flucht nach Süditalien und dort in den Zusammenbruch führt. Schließlich macht Er sich auf den Weg nach Wien, seiner Herkunftsstadt, und trifft hier wieder auf Moll, der als Intellektueller gut von der Anpassungsfähigkeit seiner Meinungen leben kann. In der letzten der in der Erzählung angesprochenen fünf Fluchten reist Er kurz vor der Festanstellung noch einmal nach Italien und überlebt als Mitfahrer nur knapp einen Autounfall.
Erzählweise Der personale Erzähler nimmt eine Erzählperspektive dicht neben und in der Er-Figur ein und wechselt zwischen einem Er und einem uneindeutigen Ich. Der Erzähler taucht in den Gedankenstrom der Er-Figur ein und wechselt noch im letzten Satz in die Rolle eines Dialogpartners: „Ich sage dir: Steh auf und geh!“ Ähnlich schwankend ist auch die Zeitperspektive, in der das Nacheinander der Ereignisse und Stationen vom Leser nicht leicht zu rekonstruieren ist. Der verschlungene Faden der Erinnerung, die schwankende Erzählperspektive, das Mosaik der Orte und Zeiten – in dieser Vagheit des erzählerischen Fadens spiegelt sich das Unfertige der Identität des Suchenden.
Die Erzählung ist weitgehend im Präsens geschrieben, das den Eindruck des Noch-nicht-Entschiedenen und Getriebenwerdens verstärkt. Die Sprache ist reich an Metaphern, experimentiert mit einem Übergang zu einem lyrischen Schriftbild und unterstützt die Thematik von schwankender Identität und Grenzüberschreitung bei diesem Eintritt in die Gesellschaft: „Wenn endlich endlich kommt Dann Dann spring noch einmal auf und reiß die alte schimpfliche Ordnung ein.“
Deutung Die beiden sich gegenüber stehenden Lebenskonzepte sind das der Er-Figur und das seines Freund-Feindes Moll, der mit seinem Opportunismus all das hoch bezahlt verrät, was Er für richtig hält. Moll aber ist kein Individuum, sondern wie das andere musikalische Geschlecht ein anderer Typ Mensch, dem Er in Vergangenheit und Gegenwart, in Rom und in Wien begegnet: „Wie vermeidet man Moll? Welchen Sinn hat es, dieser Hydra Moll ein Haupt abzuschlagen…“