mini|hochkant=0.85|Bernadette Soubirous, 1858. Sie war die erste später heiliggesprochene Person, die fotografiert wurde.Paul Bernadou, Sylvaine Guinle-Lorinet: Une webcam à la grotte : Le sanctuaire marial de Lourdes et l’introduction des tnic, in: tic & société 9 (2015).
Bernadette Soubirous , Taufname Marie Bernarde SoubirousPatrick Dondelinger: Bernadette Soubirous. Visionen und Wunder, Topos, Kevelaer 2007, S. 23. oder okzitanisch Maria Bernada Sobeirons, in der Literatur zuweilen auch Maria Bernadette Soubirous (* 7. Januar 1844 in Lourdes; † 16. April 1879 in Nevers an der Loire), war eine französische Ordensschwester, die als 14-jähriges Mädchen angab, zwischen dem 11. Februar und dem 16. Juli 1858 insgesamt 18 Erscheinungen gehabt zu haben, die wenig später kirchlicherseits als Marienerscheinungen gedeutet wurden. Diese Deutung ist bis heute umstritten, zumal das Mädchen in den ersten Befragungen nicht behauptete, die Muttergottes gesehen zu haben. In der römisch-katholischen Kirche wird Bernadette Soubirous aber wegen dieser Deutung und wegen anschließender Wunderheilungen als Heilige verehrt. Der Geburtsort Bernadettes wurde binnen weniger Jahre zu einem der bedeutendsten Wallfahrtsorte Europas, den jährlich sechs Millionen Pilger aufsuchen. Bernadette Soubirous verließ Lourdes 1866, nachdem sie bereits 1864 Ordensschwester geworden war. 1925 wurde sie selig-, 1933 heiliggesprochen.
Leben Kindheit und Jugend mini|links|Übersichtsplan von Lourdes um 1858 mini|hochkant|‚Vaterhaus der hl. Bernadette‘ heißt es in der Inschrift mini|hochkant|Bernadette Soubirous vor der Grotte von Lourdes auf einem Foto aus dem Jahr 1863 mini|hochkant|Bernadette Soubirous (1866) Als älteste Tochter des Müllers François Soubirous (1807–1871) und seiner Frau Louise geb. Castérot (1825–1866) wuchs Bernadette Soubirous in Lourdes, einem kleinen Städtchen mit etwa 4000 Einwohnern am nördlichen Fuße der Pyrenäen auf. Geboren wurde sie in einer der dortigen Getreidemühlen, der Boly-Mühle. Ihre Taufpaten waren Jean Védère und die ältere Schwester der Mutter Bernarde Castérot. Bernadette Soubirous war die älteste von insgesamt neun Geschwistern, von denen allerdings fünf sehr jung starben.
Die Eltern betrieben eine Wassermühle, doch mussten sie 1854 den Betrieb einstellen, denn sie waren industrieller Konkurrenz nicht mehr gewachsen.Daniel Lebigre: Le coup de Lourdes, Société des Ecrivains, Paris 2011, S. 65. Zudem litt die Region unter wachsender Verarmung, und Epidemien grassierten. Die Bevölkerung war zwischen 1801 und 1846 um 40 % angewachsen. Der Vater musste sich bald als Tagelöhner verdingen, die Mutter arbeitete auf dem Feld, in einer Wäscherei und flickte Kleider.Ruth Harris: Lourdes. Body and Spirit in the Secular Age, Penguin, London 1999, S. 44 f. Beide Eltern waren alkoholkrank.Patrick Dondelinger: Bernadette Soubirous: Visionen und Wunder, Topos, Kevelaer 2007, S. 25.
Der Historiker und Theologe Patrick Dondelinger bezeichnete Bernadettes Kindheit zusammenfassend als „entwicklungspsychologischen Leidensweg“Patrick Dondelinger (2007). Bernadette Soubirous: Visionen und Wunder. Topos, Kevelaer, S. 24 f.: Als Soubirous zehn Monate alt war, verbrannte sich ihre Mutter ihre Brüste. Daher konnte sie ihre Tochter nicht mehr selbst stillen. In der Folge wurde der Säugling zu Marie Lagues nach Bartrès gegeben, deren eigenes Baby verstorben war.Patrick Dondelinger: Bernadette Soubirous: Visionen und Wunder, Topos: Kevelaer 2007, S. 24. Für ihre Dienste als Amme erhielt Marie Lagues fünf Francs im Monat.Ruth Harris: Lourdes. Body and Spirit in the Secular Age, Penguin, London 1999, S. 46. Im Alter von zwei Jahren und drei Monaten kam das Kleinkind wieder zu seinen Eltern nach Lourdes zurück, vermutlich, weil seine Amme ein Kind erwartete. Bereits in früher Kindheit zog sich Bernadette Soubirous ein bis zu ihrem Tode anhaltendes Asthma bronchiale zu. Ihr wird auch eine allgemeine Dystrophie zugeschrieben.René Laurentin: Lourdes. Histoire authentique des apparitions, 6 Bände, Paris 1961–1964, Bd. 1, Paris 1961, S. 103. 1855 steckte sich Bernadette mit der Cholera an, was ihr Asthmaleiden weiter verstärkte. Mit 14 Jahren sah Bernadette Soubirous mehrere Jahre jünger aus, als es ihrem Alter entsprach, und sie war nur etwa 1,40 m groß.Patrick Dondelinger: Bernadette Soubirous: Visionen und Wunder, Topos, Kevelaer 2007, S. 28.Ruth Harris: Lourdes. Body and Spirit in the Secular Age, Penguin, London 1999, S. 72 benennt die Körpergröße von Soubirous mit 1,40 m. "By her account, the figure was very small, no bigger than her own diminutive one metre forty (small even by the standards of this malnourished region) and, according to early interviews, perhaps even shorter. (Nach ihren Angaben war die Gestalt [die Erscheinung] sehr klein, nicht größer als ihre eigene winzige von einem Meter vierzig (klein, selbst nach Maßgabe dieser unterernährten Region) und nach frühen Interviews vielleicht sogar noch kürzer.)" Die Quelle von Harris ist René Laurentin (1961–1964), Lourdes: Histoire authentique des apparitions, Vol. 3, S. 151., der sich auf Dr. Balencie (1879) bezieht. Bei der Angabe würde es sich also um eine Messung im Sterbejahr von Bernadette Soubirous vor oder auch nach ihrem Tod handeln. Harris schreibt auch, dass Soubirous mit etwa 15 Jahren nicht älter als elfjährig aussah (S. 74).
Wie bei Kindern in ihren sozialen Verhältnissen verbreitet, beherrschte sie nicht die französische Hochsprache, sondern sprach das lokal übliche Bigourdan der Region Bigorre. Im Mai 1856 musste die Familie die Mühle, die in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten war, verlassen und in ein leerstehendes Haus umziehen, „Cachot“ (deutsch: „der Kerker“) genannt, das früher als Arrestlokal genutzt worden war. Dieses Haus hatte ihnen der Vetter André Sajous verschafft. Die Armut der Familie verschärfte sich derart, dass Bernadette bereits als Kind Hunger leiden musste. Der Vater wurde wegen der Anschuldigung, einem Bäcker zwei Sack Mehl gestohlen zu haben, für eine Woche in Untersuchungshaft genommen, dann aber freigelassen, weil man ihm den Diebstahl nicht nachweisen konnte.René Laurentin: Das Leben der Bernadette. Die Heilige von Lourdes, Patmos-Verlag, 2. Aufl. 1980, S. 25 f.
Im Winter 1856 kam Soubirous zu ihrer Patentante Bernarde, für die sie in deren Schankwirtschaft arbeiten musste. Dort wurde sie ausgebeutet und mit Schlägen traktiert. Im September 1857 lebte Soubirous wieder bei ihrer Amme Marie Lagues, wo sie ebenfalls streng behandelt wurde. Zwei Wochen vor den Erscheinungen kehrte Bernadette Soubirous zu ihren Eltern nach Lourdes zurück.
Erscheinungen Am 11. Februar 1858 gegen 11 Uhr gingen Bernadette, ihre Schwester Antoinette und ihre Freundin Jeanne Abadie zur nahe gelegenen Grotte Massabielle (Occitan massa vièlha ‚alter Fels‘), um jenseits des Flusses Gave de Pau Holz zu sammeln. Dort soll Bernadette oberhalb der Grotte in einer kleinen Nische das erste Mal eine weißgekleidete Frau erschienen sein: „Eines Tages ging ich mit zwei Mädchen an den Gave-Fluß zum Holzsammeln. Da hörte ich ein Geräusch und schaute mich um nach der Wiese. Aber die Bäume bewegten sich nicht. Da schaute ich zu der Höhle hin. Dort sah ich eine Dame in weißen Gewändern. Sie trug ein weißes Kleid, das mit einer blauen Schärpe gegürtet war. Auf jedem Fuß hatte sie eine gelbe Rose von der gleichen Farbe wie ihr Rosenkranz. […] Zugleich begann ich den Rosenkranz zu beten, indessen auch die Dame die Perlen gleiten ließ, aber ohne die Lippen zu bewegen. Als ich mit dem Rosenkranz fertig war, verschwand die Erscheinung sofort.“Aus einem Brief an P. Gondrand, in: Lektionar zum Stundenbuch, erste Jahresreihe I/2 Fastenzeit, Herder Verlag, 2005, S. 206 f., Gedenktag unserer Lieben Frau in Lourdes, nach: Epistula ad P. Gondrand (1861): A. Ravier, Les écrits de sainte Bernadette (Paris 1961), 55ff. in: Liturgia horarum Bd. III, Editio typica, Rom 1977, S. 1129 f. Der Wortlaut: „J'entends une rumeur, je me tourne du côté de la prairie, je vis que les arbres ne se remuaient pas du tout. Je continuai à me déchausser, j'entends la même rumeur, je levais la tête en regardant la grotte, je vis une dame habillée de blanc, elle avait une robe blanche et une ceinture bleue et une rose jaune sur chaque pied, couleur de la chaîne de son chapelet.“ (28. Mai 1861). Spätere Befragungen, insgesamt sieben, führten zu einigen Ergänzungen, wie im Protokoll vom 20. November 1865, obwohl ihre Formulierungen sich Wort für Wort wiederholten. Am 20. November 1865 ergänzte sie, dass die Dame ihr ein Zeichen gab sich zu nähern, sie es aber nicht wagte: « Elle me fit signe du doigt d’approcher mais je fus saisie, je n’osai pas » („Sie bedeutete mir mit dem Finger näherzukommen, aber ich war ergriffen und wagte es nicht“). Erst im Mai 1866 ergänzte sie, dass es sich um die heilige Jungfrau handelte: « J’aperçois la Très Sainte-Vierge » („Ich erkannte die Allerheiligste Jungfrau“). Ihrer ersten Aussage entsprach dies genauso wenig wie die kurz vor ihrem Tod geäußerte Ansicht, Maria habe blaue Augen gehabt.Jean Éparvier, Marc Hérissé: Le dossier des miracles, Hachette, Paris 1967.
Bernadettes Aussage zufolge bat die Dame sie bei der dritten Erscheinung darum, vierzehn Tage nacheinander zur Grotte zu kommen, zu den Priestern zu gehen, damit man dort eine Kapelle errichte, und forderte Bernadette auf, aus einer Quelle zu trinken, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht erkennbar war, jedoch zutage trat, nachdem das Mädchen etwas am Boden gescharrt hatte: „Vierzehn Tage ging ich hin, und jeden Tag erschien die Dame, außer an einem Montag und Freitag. Jedesmal trug sie mir auf, die Priester an den Bau der Kapelle zu mahnen. Jedesmal forderte sie mich auf, mich in der Quelle zu waschen.“Aus einem Brief an P. Gondrand, in: Lektionar zum Stundenbuch, erste Jahresreihe I/2 Fastenzeit, Herder Verlag, 2005, S. 206 f., Gedenktag unserer Lieben Frau in Lourdes, nach: Epistula ad P. Gondrand (1861): A. Ravier, Les écrits de sainte Bernadette (Paris 1961), 55ff. in: Liturgia horarum, Bd. III, Editio typica, Rom 1977, S. 1129 f.
Bernadette berichtete dem Pfarrer von Saint Pierre in Lourdes, Dominique Peyramale, von „Aqueró“ („die da“). Er beauftragte sie, die Dame nach ihrem Namen zu fragen. Bei der 16. Erscheinung am 25. März 1858, dem Fest der Verkündigung des Herrn, schließlich soll sie auf die Frage, wer sie sei, mit den Worten „Que soy era Immaculada Councepciou“ („Ich bin die Unbefleckte Empfängnis“) geantwortet haben. Als Bernadette dem Pfarrer berichtete, was die Frau gesagt habe, war Peyramale verblüfft, denn in seinen Augen hatte sich damit die Mutter Jesu selbst zu erkennen gegeben. Papst Pius IX. hatte vier Jahre zuvor das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Mariens verkündet. Dass Bernadette mit ihrer mangelnden Bildung und da sie noch nicht den Kommunionsunterricht besucht hatte, von diesem theologischen Begriff gehört haben konnte, erschien dem Pfarrer wenig wahrscheinlich. Dies erhöhte in seinen Augen die Glaubwürdigkeit von Bernadettes Visionsbericht, so dass er seine anfängliche Skepsis aufgab und die Echtheit der Erscheinungen verteidigte. Die Erscheinungen – elf im Februar, fünf im März, eine im April und eine im Juli – endeten am 16. Juli 1858.