Die georgische Rugby-Union-Nationalmannschaft (, Sakartwelos moragbeta erownuli nakrebi) ist die Nationalmannschaft Georgiens in der Sportart Rugby Union und repräsentiert das Land bei allen Länderspielen (Test Matches) der Männer. Ihr Spitzname „Lelos“ leitet sich von einem dem Rugby ähnlichen traditionellen Sport ab. Ein weiterer Spitzname, Bordschghalosnebi („Männer der Sonne“), leitet sich von der Bordschghali ab, dem traditionellen georgischen Symbol der Sonne. Die organisatorische Verantwortung trägt der 1964 gegründete und seit 1991 eigenständig agierende Verband Sakartwelos ragbis kawschiri (englisch: Georgian Rugby Union, GRU). Vom Weltverband World Rugby wird die georgische Nationalmannschaft in die zweite Stärkeklasse () eingeteilt. Damit gehört sie zu den stärkeren europäischen Teams außerhalb der Six Nations.

Das erste inoffizielle Länderspiel fand 1989 gegen Simbabwe statt, also noch vor der Unabhängigkeit Georgiens von der Sowjetunion; das erste Test Match folgte zwei Jahre später. Die Mannschaft errang bei Europameisterschaften bisher 17 Titel und klassierte sich fünf Mal auf dem zweiten sowie zwei Mal auf dem dritten Platz. Traditionell spielt Georgien in weinroten Trikots mit weißen Hosen und weinroten Socken – also in den Farben der Flagge Georgiens. Seine wichtigsten internationalen Auftritte hat das Team bei den alle vier Jahre stattfindenden Weltmeisterschaften. Georgien hat bisher an sechs Turnieren teilgenommen und bei der Weltmeisterschaft 2015 mit dem dritten Gruppenplatz sein bestes Ergebnis erreicht.

Organisation

Verantwortlich für die Organisation von Rugby Union in Georgien ist die Sakartwelos ragbis kawschiri (englisch Georgian Rugby Union, GRU). Sie wurde 1964 gegründet und 1992 Vollmitglied des International Rugby Football Board (IRFB; heute World Rugby). Außerdem trat die Sakartwelos ragbis kawschiri im selben Jahr dem Kontinentalverband Fédération internationale de rugby amateur (FIRA; heute Rugby Europe, RE) bei.

Die höchste Rugby-Union-Liga in Georgien ist die halbprofessionelle Didi 10 („die großen Zehn“) mit zehn Mannschaften. Allerdings ziehen es zahlreiche Spieler wegen der besseren finanziellen Möglichkeiten vor, als Profisportler für Vereine in Frankreich oder anderen westeuropäischen Ländern zu spielen. Nicht in Westeuropa tätige Nationalspieler gehören meist der professionellen Mannschaft Black Lion an, die seit 2021 am Rugby Europe Super Cup teilnimmt. Neben der eigentlichen Nationalmannschaft ruft der Verband weitere Auswahlmannschaften zusammen. Georgia XV bildet die zweite Mannschaft. Hinzu kommt Georgia Sevens, die Nationalmannschaft für Siebener-Rugby. Wie andere Rugbynationen verfügt Georgien über eine U-20-Nationalmannschaft, die an den entsprechenden Europa- und Weltmeisterschaften teilnimmt. Kinder und Jugendliche werden hauptsächlich in Vereinen an den Rugbysport herangeführt, während der Schulsport eher von untergeordneter Bedeutung ist.

Geschichte

Entwicklung in der sowjetischen Ära Wie in einigen anderen Rugbynationen geht die Popularität des Spiels in Georgien auf einen bereits bestehenden Volkssport zurück. Lelo burti („Feldball“) ist ein Vollkontakt-Ballspiel, das Rugby sehr ähnlich ist. Es soll schon in der Antike gespielt worden sein und wird in seiner traditionellen Form noch heute gelegentlich in ländlichen Regionen ausgeübt. Dabei treffen zwei Mannschaften mit mehreren hundert Spielern aufeinander. Ein überdimensionierter schwerer Ball dient als Spielgerät. Ziel des Spiels ist es, den Ball auf die andere Seite eines Feldes (lelo) zu befördern und dabei den Gegner zurückzudrängen. Vom Namen dieser traditionellen Sportart leitet sich das Wort lelo in der georgischen Sprache für einen Versuch ab, ebenso einer der Spitznamen für die Mannschaft.

In der Georgischen Sozialistischen Sowjetrepublik hatte Rugby trotz der Ähnlichkeit mit Lelo burti anfänglich einen schweren Stand. Versuche zur Etablierung scheiterten vor allem am politischen Widerstand der Kommunisten, erstmals 1928. Beispielsweise erließ Josef Stalin, der aus Georgien stammende Herrscher der Sowjetunion, im Jahr 1947 sogar ein vorübergehendes Verbot. Seiner Meinung nach war Rugby wegen der elitären britischen Herkunft zu sehr ein Symbol der Bourgeoisie und damit nicht mit den Werten des Kommunismus vereinbar. Nach dem Ende der stalinistischen Ära begann der Rugbysport in den 1950er und 1960er Jahren Fuß zu fassen, insbesondere bei Studenten. Maßgeblich dafür verantwortlich war der französische Lehrer Jacques Haspékian, ein früherer Spieler bei Lyon Olympique Universitaire. 1959 reiste er zunächst nach Armenien, der Heimat seiner Vorfahren, um Rugby dort bekanntzumachen. Die armenischen Behörden verweigerten jedoch jegliche Zusammenarbeit. Sie waren der Ansicht, Rugby könne in einem Land, das Wertschätzung für das Proletariat zeige, nicht gespielt werden. Im benachbarten Georgien stieß Haspékian auf weitaus mehr Wohlwollen. Mit Unterstützung des Fußballvereins Dinamo Tiflis gelang es ihm, Rugby zu etablieren, obwohl die georgischen Behörden zu Beginn völlig uninteressiert waren und in allen Bereichen erheblicher Mangel herrschte. Haspékian kehrte 1964 nach Frankreich zurück und der Kontakt brach ab, doch die Grundlagen für die weitere Entwicklung waren nun vorhanden.

Ebenfalls 1964 erfolgte die Gründung des georgischen Rugbyverbandes, der dem sowjetischen Verband unterstand. Nach der Wiederbelebung der sowjetischen Meisterschaft im Jahr 1966, die fast drei Jahrzehnte lang geruht hatte, waren georgische Vereine von Anfang an konkurrenzfähig. In der ab 1974 bestehenden sowjetischen Nationalmannschaft stellte Georgien stets einen bedeutenden Teil der Spieler, manchmal sogar mehr als die Hälfte der Startaufstellung. 1978 gewann erstmals ein georgischer Verein den zwei Jahre zuvor eingeführten sowjetischen Rugbypokal und Mitte der 1980er Jahre dominierte der RC Aia Kutaissi die Meisterschaft. Am 12. September 1989 empfing eine Auswahl des georgischen Verbandes die durch Europa tourende simbabwische Nationalmannschaft; in Kutaissi fand ein inoffizielles Länderspiel statt, das mit 16:3 gewonnen werden konnte. Im April 1990 fand ein Gegenbesuch in Simbabwe statt, die inoffiziellen Länderspiele endeten mit je einem Sieg und einer Niederlage.

Erste Länderspiele unter schwierigen Voraussetzungen Georgien erlangte am 9. April 1991 die Unabhängigkeit und der georgische Verband war ab dem 27. Mai desselben Jahres ebenfalls eigenständig. Er hatte bereits 1990 um die Aufnahme in den International Rugby Football Board (IRFB; heute World Rugby) ersucht, doch der Antrag war zunächst abgelehnt worden.Bath: The Complete Book of Rugby. S. 67. Der Beitritt erfolgte schließlich im Februar 1992. Geeignete Gegner zu finden, erwies sich zu Beginn als schwierig, da die meisten anderen ehemaligen Sowjetrepubliken die sowjetische Nationalmannschaft noch bis Ende 1991 unter der Bezeichnung Gemeinschaft Unabhängiger Staaten aufrechterhielten: nur die Ukraine bot sich an. Gegen diese Mannschaft fand am 21. November 1991 in Tiflis das erste Test Match statt, das mit einem 19:15-Sieg endete. Auch in den drei folgenden Test Matches gab es Siege über die Ukraine. Die Aufnahme in den IRFB und den Kontinentalverband Fédération internationale de rugby amateur (FIRA; heute Rugby Europe, RE) ermöglichte ab Juli 1992 die Teilnahme an Europameisterschaften, wobei die Georgier als Neulinge in der dritten Division beginnen mussten. Mit einem Sieg über die Schweiz und einem Unentschieden gegen Luxemburg während des FIRA-Pokals 1992–1994 gelang sogleich der Aufstieg in die zweite Division. Das Heimspiel gegen Lettland konnte nicht ausgetragen werden, denn aufgrund der prekären Sicherheitslage im Westen des Landes (Georgisch-Abchasischer Krieg) weigerten sich die Letten anzutreten. Beim FIRA-Pokal 1994–1997 belegte Georgien den zweiten Platz hinter den Niederlanden.

Angesichts des bis Ende 1993 anhaltenden bürgerkriegsähnlichen Zustandes und der nachfolgenden schweren Wirtschaftskrise waren diese Erfolge erstaunlich, denn es fehlte in allen Bereichen an Ressourcen und vieles musste improvisiert werden. Beispielsweise standen Mitte der 1990er Jahre lediglich zwei Rugbybälle für das Training zur Verfügung. Während die besten Rugbynationen für das Üben des Gedränges spezialisierte Maschinen zur Erzeugung des Gegendrucks einsetzten, mussten sich die Georgier damit begnügen, einen alten Traktor zu stoßen.Richards: A Game for Hooligans: The History of Rugby Union. S. 260. Anstatt für das Trainieren des Tacklings speziell angefertigte Kunststoffsäcke zu verwenden, warfen sich die Spieler auf Säcke aus Denimstoff, die mit Gummi gefüllt und mit einer Haushaltsnähmaschine zusammengenäht worden waren. Im Oktober 1994 war die Nationalmannschaft zu Besuch in Frankreich und sorgte mit einem 23:12-Sieg über die Regionalauswahl von Languedoc-Roussillon für großes Aufsehen. Als der IRFB im August 1995 sämtliche Beschränkungen bezüglich Bezahlung der Spieler aufhob und somit die professionelle Ära von Rugby Union einläutete, begannen französische Vereine unterer Spielklassen sogleich georgische Spieler unter Vertrag zu nehmen.

Der ohnehin schon beträchtliche französische Einfluss verstärkte sich 1997 mit der Verpflichtung von Claude Saurel als Nationaltrainer. Dank seines weitreichenden Beziehungsnetzes gelang es ihm während seiner sechs Jahre dauernden Amtszeit zahlreiche Nationalspieler an Vereine der höchsten französischen Liga zu vermitteln, was sich positiv auf die Qualität der technischen und taktischen Fähigkeiten auszuwirken begann. Georgien beteiligte sich 1998 erstmals an einer WM-Qualifikation. Die Mannschaft stieß bis in die Play-off-Runde vor, in der sie im März 1999 zweimal auf Tonga traf. Während sie das erste Spiel auswärts in Nukuʻalofa mit 6:37 verlor, gewann sie das Rückspiel in Tiflis mit 28:27; das Gesamtergebnis betrug 64:34 zugunsten Tongas.

Etablierung in Europa mini|Weltmeisterschaft 2003 – Spiel gegen Südafrika Nachdem sich die Nationalteams von Frankreich und Italien aus der Europameisterschaft zurückgezogen hatten, begann der allmähliche Aufstieg Georgiens zur dominierenden Mannschaft in diesem Wettbewerb. Dabei erwies sich Rumänien als härtester Konkurrent. In der ersten Ausgabe des European Nations Cup (wie der reformierte Wettbewerb nun hieß) erzielte Georgien im Jahr 2000 mit drei Siegen und zwei Niederlagen den dritten Platz. Beim European Nations Cup 2000/01 blieb Georgien in allen fünf Spielen unbesiegt und holte sich erstmals den Europameistertitel; ausschlaggebend für diesen Erfolg war insbesondere der 30:21-Auswärtssieg über Titelverteidiger Rumänien in Bukarest. Beim European Nations Cup 2001/02 spielten die Georgier gegen den großen Rivalen Russland unentschieden und im letzten Heimspiel mussten sie eine 23:31-Niederlage gegen Rumänien hinnehmen, denen sie den sicher geglaubten Europameistertitel überlassen mussten. In dieser Partie spielten beide Mannschaften erstmals auch um den neu eingeführten Antim Cup.