mini|Darstellung des angeblichen Ritualmords an Simon von Trient im Jahr 1475, aus Hartmann Schedels Weltchronik von 1493

Eine Ritualmordlegende (auch: Ritualmordfabel, Ritualmordvorwurf, Blutlegende, Blutanklage, Blutbeschuldigung, Blutlüge, Blutverleumdung; englisch blood libel) sagt gesellschaftlich diskriminierten Minderheiten Ritualmorde an Angehörigen einer Mehrheitsgruppe nach. Die Kolporteure greifen oft unaufgeklärte Entführungs-, Unglücks-, Tötungs- oder Todesfälle auf, besonders von Kindern, und bieten dafür „Sündenböcke“ an.

Historisch besonders folgenreich waren Ritualmordanklagen im Christentum: Die Juden würden heimlich christliche Kinder entführen und ermorden, weil sie deren Blut für ihre Pessachfeier und zu verschiedenen magischen oder medizinischen Zwecken bräuchten. Kirchliche Interessengruppen erfanden solche Legenden, erstmals 1150 in England, und verbreiteten sie mit Predigtkampagnen, Traktaten, Volkssagen und religiöser Folklore in Europa. Christliche Ritualmordanklagen lösten jahrhundertelang immer wieder Judenpogrome, Verfolgungen und Vertreibungen von Juden aus oder rechtfertigten sie nachträglich. Sie blieben bis ins 20. Jahrhundert hinein „ein allgemein akzeptiertes Kulturmuster des christlichen Europas, das kirchenpolitisch und zeitweise staatspolitisch normative Geltung hatte.“Rainer Erb: Zur Erforschung der europäischen Ritualmordbeschuldigungen. In: Rainer Erb (Hrsg.): Die Legende vom Ritualmord, Berlin 1993, S. 9–16, hier S. 9

Aus diesem Stereotyp des christlichen Antijudaismus entstand die Verschwörungstheorie eines angeblichen Weltjudentums, das sich heimlich für schwerste Verbrechen an Nichtjuden verabrede.Achim Bühl: Antisemitismus: Geschichte und Strukturen von der Antike bis 1848. Marix, Wiesbaden 2020, ISBN 3-7374-1124-7, S. 126 Antijüdische Ritualmordlegenden überdauerten die Aufklärungsepoche und wurden im modernen Antisemitismus seit 1800 wiederbelebt und vermehrt. Die Nationalsozialisten benutzten sie zur ständigen Volksverhetzung vor und während des Holocaust.

Aktuell lebt die antisemitische Ritualmordlegende in verschiedenen Varianten vor allem im Rechtsextremismus und Islamismus fort.

Antike

Griechen und Römer Im antiken Griechenland wurden Menschenopfer bis etwa 480 v. Chr. abgewertet und verboten, zugleich aber manchen Andersgläubigen und Fremden zugeschrieben. Schon die Historien des Herodot enthalten Vorwürfe ritueller Kindesmorde, Menschenverzehr und das Trinken oder den kultischen Gebrauch von Menschenblut gegen Fremdvölker (nicht Juden).Bezalel Bar-Kochva: The Image of the Jews in Greek Literature - The Hellenistic Period. University of California Press, Berkeley 2010, ISBN 0-520-29084-4, S. 253 und Fn. 1 Im Hellenismus brachten gebildete Griechen solche Vorwürfe gegen das Judentum auf.Peter Schäfer: Kurze Geschichte des Antisemitismus. Piper, München 2022, ISBN 978-3-492-31143-4, S. 32 Sie stammten aus älteren antijüdischen Texten, etwa des Ägypters Manetho (3. Jahrhundert v. Chr.), wurden wohl schon vor den Makkabäeraufständen (ab ~160 v. Chr.) im Perserreich und in Ägypten zu einer antijüdischen Verleumdung kombiniert und dann von Hofhistorikern der Seleukiden und der Römer übernommen.Bezalel Bar-Kochva: The Image of the Jews in Greek Literature - The Hellenistic Period. Berkeley 2010, S. 241–278

Um jüdischen Widerstand gegen den Kaiserkult zu brechen, verleumdete der Sophist Apion die Juden in Alexandria um 40 n. Chr. beim römischen Kaiser Caligula mit folgender Erzählung: Der seleukidische Herrscher Antiochos IV. Epiphanes habe 167 v. Chr. im Jerusalemer Tempel einen Griechen gefesselt aufgefunden. Nach dessen Zeugnis hätten die Juden ihn gefangen, im Tempel allein eingeschlossen und ein Jahr lang für ein rituelles Menschenopfer gemästet. Dieses vollzögen sie jährlich, äßen das Fleisch des Opfers und schwörten dabei ihrem Gott einen Eid, die Feindschaft zu den Griechen zu bewahren.Erich S. Gruen: The Construct of Identity in Hellenistic Judaism: Essays on Early Jewish Literature and History. De Gruyter, Berlin 2016, ISBN 3-11-037302-5, S. 249 Der jüdische Historiker Flavius Josephus gab die Legende in seiner Gegenschrift Contra Apionem (94 n. Chr.) wieder.Folker Siegert (Hrsg.): Flavius Josephus: Über die Ursprünglichkeit des Judentums (Contra Apionem) Band 2: Beigaben, Anmerkungen, Griechischer Text. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008, ISBN 978-3-525-54206-4, S. 174f. Ihm zufolge wollte Apion damit die Tempelentweihung und Judenverfolgung des Antiochus rechtfertigen.Tricia Miller: Jews and Anti-Judaism in Esther and the Church. James Clarke & Co, Cambridge 2015, ISBN 0-227-90252-1, S. 51

Laut dem byzantinischen Lexikon Suda schrieb der (sonst unbekannte) griechische Historiker Damokritos kurz vor oder nach der Tempelzerstörung 70 n. Chr., die Juden würden „…alle sieben Jahre einen Nichtjuden fangen, als Opfer anbieten, sein Fleisch zerreißen und ihn so töten.“ Er variierte damit wohl Apions Legende.David Flusser: Judaism of the Second Temple Period, Volume 2: The Jewish Sages and Their Literature. William B. Eerdmans, Grand Rapids 2009, ISBN 0-8028-2458-7, S. 309

Während der Christenverfolgungen im Römischen Reich übertrugen gebildete Römer solche Vorwürfe auf die Christen. Dabei missdeuteten sie deren Bräuche, etwa die Adoption von ausgesetzten römischen Neugeborenen und die nächtliche Eucharistie, als geheime okkulte und staatsfeindliche Praktiken. Laut Minucius Felix (Octavius, ~200) sagten sie den Christen nach, Neugeborene und Kleinkinder zu entführen, heimlich rituell zu töten und zu verspeisen:

Die Vorwürfe sind fast nur aus Werken christlicher Autoren bekannt, die ihnen entgegentraten: etwa Justin der Märtyrer (Dialog mit dem Juden Tryphon, ~160); Origenes (Contra Celsum, ~ 250); Eusebius von Caesarea (Praeparatio evangelica, ~ 320).

Judentum Der Tanach (die hebräische Bibel) erwähnt dreimal ein Opfer des ersten Kindes durch einzelne Israeliten, jedoch ohne Kultkontext (; ; ).Reinhard Achenbach et al. (Hrsg.): Die Welt der Hebräischen Bibel: Umfeld - Inhalte - Grundthemen. Kohlhammer, Stuttgart 2021, ISBN 3-17-039325-1, S. 368 Solche Kindesopfer verbietet die jüdische Tora streng und wiederholt (; ; ; ; ; ; ) und bedroht sie mit der Todesstrafe (). Die biblischen Propheten verurteilten Menschenopfer als Götzendienst (; ; ; ; ) und tabuisierten sie so. Im frühen Judentum galten Kindesmord und Kannibalismus daher als Kennzeichen der Fremdvölker.Heath D. Dewrell: Child Sacrifice in Ancient Israel. Penn State University Press, University Park 2017, ISBN 1-64602-201-7, S. 4–36 und 148–190

Eventuell schon in der vorstaatlichen Zeit um 1200 v. Chr., spätestens bis 800 v. Chr. ersetzten im Judentum nach Tieropfer jedes Menschenopfer. Die Tora verbietet diese als „Greuel für JHWH“ wiederholt streng (; ; ; ).Rainer Lachmann, Gottfried Adam, Christine Reents (Hrsg.): Elementare Bibeltexte: Exegetisch – systematisch – didaktisch. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018, ISBN 3-647-61421-1, S. 66 Auch die Tieropfer regelte die Tora streng und verbietet Juden unter anderem den Blutgenuss, da im Blut das Leben sei und dieses allein dem Schöpfergott gehöre (; ; ; ). Damit wurde eine wesentliche Begründung für Opfer, das Hingeben und Einverleiben fremder Lebenskraft, entkräftet.David Biale: Blood and Belief: The Circulation of a Symbol Between Jews and Christians. University of California Press, Berkeley 2008, ISBN 0-520-25798-7, S. 9–11

Das Buch der Weisheit (~1. Jahrhundert v. Chr.) rechtfertigte die fiktive Ausrottung der Kanaanäer bei der Landnahme der Israeliten nachträglich mit deren angeblichen Kindesopfern ().Hans Hübner: Die Weisheit Salomons: Liber Sapientiae Salomonis. Das Alte Testament Deutsch, Apokryphen Band 4. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999, ISBN 3-525-51404-2, S. 160

Christentum Das Urchristentum übernahm das biblische Verbot der Menschenopfer und begründete es mit dem Kreuzestod Jesu Christi: Dort sei Gottes Versöhnung mit der Welt ein für allemal geschehen (). Mit seinem stellvertretenden Selbstopfer habe der Sohn Gottes alle weiteren Opfer überflüssig gemacht (; ).Christian Lustig: Tod und Opfer Jesu im Hebräerbrief. Mohr Siebeck, Tübingen 2023, ISBN 978-3-16-162128-4, S. 268 Die Urchristen waren eine der jüdischen Gruppen, die Opfer ablehnten.Gerd Theißen: Die Religion der ersten Christen: Eine Theorie des Urchristentums. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2009, ISBN 978-3-641-03244-9, S. 171

Die Kirchenväter unterstellten Juden daher keine kultischen Menschenopfer, behaupteten aber mit NT-Stellen wie eine Kollektivschuld aller Juden am Tod Jesu, die Ersetzung des erwählten Gottesvolks Israel durch die Kirche (Substitutionstheologie, ab ~130) und einen jüdischen Gottesmord (ab ~160). Dies war die theologische Basis späterer antijüdischer Ritualmordlegenden.Michael Theobald: Der Prozess Jesu: Geschichte und Theologie der Passionserzählungen. Mohr Siebeck, Tübingen 2022, ISBN 978-3-16-161610-5, ab S. 17ff.

Beim Aufstieg zur Staatsreligion des Römischen Reiches (bis 391) dogmatisierte die Kirche ihren Glauben an Jesu Messiaswürde, Göttlichkeit, die Heilswirkung seines Todes und der christlichen Sakramente. Ihre Amtsträger beanspruchten nun auch politisch die Alleingeltung dieses Glaubens. Diesen Absolutheitsanspruch stellten bald fast nur noch die Juden in Frage, die allen Bekehrungsversuchen widerstanden. Sie galten daher neben „Ketzern“ als Hauptfeinde des Christentums.Irmgard Bruns: Von der jüdischen Sekte zur Staatsreligion: Machtkämpfe im frühen Christentum. Patmos, Ostfildern 2008, ISBN 3-491-70414-6, S. 194f.; Susanne Galley: Das Judentum. Campus, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-593-37977-5, S. 54

Zugleich wuchs die Vorstellung, Juden müssten wegen ihrer angeblichen Abstammung vom Teufel () die Folter und Kreuzigung Jesu Christi ständig wiederholen. So schrieb Athanasius von Alexandria († 373), die Juden von Beirut hätten ein Christusbild gemartert; es habe zu bluten und Wunder zu wirken begonnen; das habe die Juden zur Taufe bewogen. Diese Legende wurde später weit verbreitet und vielfach abgewandelt, etwa in der Weltchronik des Sigebert von Gembloux († 1112) und vom Protestanten Hieronymus Rauscher († 1569).Rohrbacher/Schmidt: Judenbilder, Reinbek 1991, S. 270f.

Zuerst warfen Christen christlichen Minderheiten einen rituellen Kindesmord vor: Augustinus von Hippo überlieferte um 430 (De haeresibus) das Gerücht, die früheren Montanisten hätten einem einjährigen Kind kleine Wunden zugefügt, ihm das Blut entzogen, dieses mit Mehl verrührt, zu Brot gebacken und es bei ihrem Abendmahl verzehrt. Falls das Kind starb, habe man es als Märtyrer, falls nicht, als Hohepriester verehrt.Joop van Banning: The Vatican and Ritual Murder. In: Buttaroni / Musiał (Hrsg.): Ritualmord, Wien 2003, S. 62–84, hier S. 63

Socrates Scholasticus beschrieb in seiner Historia ecclesiastica (~415) einen Unfall beim damaligen jüdischen Fest Purim: Betrunkene Juden hätten in einem syrischen Dorf einen christlichen Jungen an einem Galgen aufgehängt und zu Tode gefoltert. Er spielte damit auf Jesu Kreuzigung an und schrieb zeitgenössischen Juden zu, sie zu wiederholen.Rohrbacher/Schmidt: Judenbilder, Reinbek 1991, S. 275 Cecil Roth, der britische Herausgeber der Encyclopaedia Judaica, sah hier den Ursprung der christlichen Ritualmordlegende und interpretierte diese damit als Fehldeutung jüdischer Bräuche.Cecil Roth: The Feast of Purim and the Origins of the Blood Accusation. (1933) Nachdruck in: Alan Dundes (Hrsg.): The Blood Libel Legend, S. 261–272 Da jene Episode jedoch kein rituelles Opfer und kein Blut erwähnte und die christlichen Legenden sich nirgends auf das Purimfest bezogen, verwerfen heutige Historiker diese Herleitung.Patricia Healy Wasyliw: Martyrdom, Murder, and Magic: Child Saints and Their Cults in Medieval Europe. Peter Lang, New York 2007, ISBN 0-8204-2764-0, S. 111 und S. 261

Hochmittelalter Die antijüdische Ursprungslegende