mini|Der umgekehrte Soldatenhelm, aus dem eine Blume wächst, war das Logo des Verbandes der Kriegsdienstverweigerer. Der Verband der Kriegsdienstverweigerer (VK) – mit vollem Namen Verband der Kriegsdienstverweigerer in der War Resisters’ International e. V. – war eine links-pazifistische Organisation, deren Wurzeln einerseits auf die 1953 gegründete Gruppe Kölner Wehrdienstverweigerer (GKW), der späteren Gruppe der Wehrdienstgegner (GdW), zurückreichen, andererseits auf eine Abspaltung von der Internationale der Kriegsdienstgegner/innen (IdK). Die sich von der IdK trennenden Gruppen und die GdW bildeten 1958 den Verband der Kriegsdienstverweigerer, der auch, wie bereits die IdK, eine Sektion der War Resisters’ International wurde. Nach der Fusion 1968 der DFG mit der IdK zur DFG-IdK kam es 1974 zur Fusion mit dem VK zur Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen.
Die Gruppe der Wehrdienstgegner Überlebende des Zweiten Weltkriegs gründeten nach 1945 unter schwierigen materiellen und politischen Bedingungen in den westlichen Besatzungszonen mehrere der bis zu ihrem Verbot im Jahr 1933 aktiven pazifistischen Organisationen: Die von 1892 bis zu ihrer Zerschlagung im Jahre 1933 bestehende Deutsche Friedensgesellschaft (DFG) wurde 1946 wiedergegründet; im gleichen Jahr entstand der Friedensbund Deutscher Katholiken wieder, der sich 1951 nach heftigen Angriffen der Adenauer-Regierung und der deutschen Bischöfe auflöste und in der deutschen Sektion von Pax Christi aufging; im Jahr darauf – 1947 – wurde der 1919 gegründete Bund der Kriegsdienstgegner (BdK) als „Internationale der Kriegsdienstgegner“ (IdK) als deutscher Zweig der „War Resisters International“ (WRI) wiederbelebt.Dass es darüber hinaus nach 1945 im deutschsprachigen Raum eine sehr breite Diskussion über Friedenspolitik und gewaltfreien Widerstand gab, lässt sich an den Veröffentlichungen erkennen, die von Wolfgang Hertle auf der Webseite Deutschsprachige Veröffentlichungen 1945–1968 (Auswahl) zum Thema Friedensbewegung und Gewaltfreier Widerstand vorgestellt werden. Dabei wurde organisatorisch, personell und politisch-ideologisch an die Erfahrungen in der Weimarer Republik angeknüpft. Die Traditionslast wurde durch einzelne Persönlichkeiten verkörpert, die zumeist schon vor 1933 friedenspolitisch aktiv waren. Sie waren durch Erfahrungen in der Nazizeit, im Krieg oder in der Emigration geprägt, mussten mit einer neuen Generation zurechtkommen und sich an die Bedingungen der Nachkriegszeit anpassen: Eine bipolare Nachkriegsordnung, Kalter Krieg und Wiederaufrüstung, Restauration und Wirtschaftswunder. Die wiedergegründeten Friedensorganisationen waren Sammelbecken von Personen mit unterschiedlichen Erfahrungen und ideologischen Orientierungen. Als ein Erfolg dieser pazifistischen Gruppierungen kann die Aufnahme des Rechts auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen als Artikel 4.3 in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland angesehen werden. Sie konnten sich dabei auf eine in der Bevölkerung weit verbreitete Stimmung des „Ohne mich“ stützen. „Die aus dem Krieg zurückgekehrte, schrecklich dezimierte Frontgeneration wollte nie wieder Soldat sein, nie wieder Uniform tragen, nie wieder töten müssen.“Karl Holl: Pazifismus in Deutschland. S. 223–224.
Mitte der 1950er Jahre regte sich dann in der Bundesrepublik heftiger Widerspruch gegen die Pläne zur Wiederbewaffnung. Es entwickelte sich eine Kampagne, die sich „zum ersten großen politischen Aufbegehren in der jungen Republik aus[wuchs]“, und „die durchaus mit den Studentenunruhen der Jahre 1967 bis 1969 und den Demonstrationen gegen die Nato-Nachrüstung zu Beginn der 1980er Jahre vergleichbar ist“.Herfried Münkler: Die Deutschen und ihre Mythen. Rowohlt, Reinbek 2010, ISBN 978-3-499-62394-3, S. 414. Fritz Rau ging gar so weit, zu sagen: „Es waren nicht „die 68er“, auf die man gebannt schauen sollte, wenn es darum geht, wer einen demokratischen Wind in unseren Nachkriegs-Staat gebracht hat. Es waren „die 55er“!“Nikel! Kunst will erzählen: Über Nikel
Dieser Widerstand gegen die Wiederbewaffnung war in sich nicht einheitlich. Es gab Differenzen zwischen radikalen Pazifisten pragmatischen Antimilitaristen, die zwar den Wehrdienst ablehnten, aber nicht grundsätzlich einen Waffeneinsatz in bestimmten politischen Umbruchsituationen; und es gab Differenzen in der Bewertung der parallel zur Wiederbewaffnung in der Bundesrepublik betriebenen Wiederbewaffnung in der DDR, „wo nach dem 17. Juni 1953 kein öffentlicher Protest geduldet wurde“. Dadurch geriet die Bewegung gegen die Wiederbewaffnung zwischen die Fronten des Kalten Krieges und musste sich im politisch-ideologischen Spektrum der Bundesrepublik zwischen CDU, FDP, SPD und KPD verorten. Eine Initiative für eine Volksbefragung gegen die Wiederbewaffnung der BRD scheiterte, obwohl sie fast sechs Millionen Unterschriften gesammelt hatte: Nachdem sie in den Verdacht geriet, kommunistisch gesteuert zu sein, verbot sie der Bundesinnenminister 1951.Förderkreis für Polizeigeschichte Niedersachsen e. V.: Die Volksbefragung zur Wiederbewaffnung & das Fünf-Broschüren-Urteil
Vor dem Hintergrund derartiger Erfahrungen und angesichts des beginnenden Aufbaus von Bundeswehr und Nationaler Volksarmee begannen um 1952 innerhalb der Kölner Jungsozialisten (Jusos) die Diskussionen über eine Strategie gegenüber der Wiederbewaffnung, die von den Jusos auch in das 1953 gegründete Arbeiterjugendkartell Köln (AJK) getragen wurde, in dem die Jusos, die Falken und die Naturfreunde zusammenarbeiteten.
Dass es zu dieser Gründung der GWK gekommen war und nicht etwa zu Beitritten zur IdK oder zur DFG, war jenseits politischer Differenzen zu diesen beiden Organisationen auch Ausdruck eines Generationenkonflikts und eines gewandelten kulturellen Selbstverständnisses.
Geradezu als Beispiel für die Generation der langen weißen Bärte könnte der Theologe Fritz Wenzel gelten, der als Präsident der IdK und als Präsident der DFG sicherlich ein prominenter Wehrdienstgegner in der Bundesrepublik war und zusätzlich zu diesen beiden Präsidentenämtern auch noch als SPD-Abgeordneter dem Deutschen Bundestag angehörte – just zu der Zeit, als dort das Wehrpflichtgesetz beraten und verabschiedet wurde. „Aber er ging nur einmal während der Beratungen des Wehrpflichtgesetzes – in der zweiten Lesung – ans Rednerpult und trat dafür ein, den Wehrpflichtbegriff sogar noch weiter zu fassen, als die Bundesregierung vorgesehen hatte.“ Er setzte sich nämlich dafür ein, dass Pfarrer nicht von der Wehrpflicht ausgenommen werden sollten, und macht so deutlich, wie wenig es ihm darum ging, „als sozialdemokratischer Abgeordneter die Wehrpolitik der Bundesregierung durch die Aufweichung des Wehrpflichtgesetzes zu bekämpfen“.WEHRDIENST / VERWEIGERER: Macht es wie Adenauer
Die im September 1953 gegründete GWKFritz Bilz: Auferstanden aus Ruinen führte im Dezember des gleichen Jahres eine erste kleine öffentliche Demonstration durch, bei der die Demonstranten mit umgehängten Pappschildern mit Protestparolen durch die Kölner Schildergasse und die Hohestraße zogen. Ende des Jahres hatte die GWK 24 Mitglieder, und im Frühjahr 1954 wurde Hans Hermann Köper in der Nachfolge von Wischnewski deren Vorsitzender. Die Gruppe, die sich rasch vergrößerte, verfolgte einen antikommunistischen Kurs, der sich aber von dem der SPD und dem der Gewerkschaften unterschied.
Diese kritische Haltung gegenüber der DDR war über Jahre hinweg ein bedeutender Hinderungsgrund für eine Zusammenarbeit oder gar Fusion der GdW mit der IdK beziehungsweise der DFG, verhinderte allerdings nicht das Wachsen der Organisation. Die Deutsche Friedensgesellschaft, in der etwa 20 Jahre später auch der aus GWK/GdW hervorgegangene Verband der Kriegsdienstverweigerer (VK) aufging, konstatierte rückblickend, dass die GdW „eher pragmatisch ausgerichtet war und sich die Bekämpfung der Wehrpflicht, die Propagierung der KDV und die Interessenvertretung der KDVer zur Aufgabe gemacht hatte. Die GdW stützte sich vor allem auf Arbeiter und Angestellte, die den Gewerkschaften und sozialdemokratischen Jugendverbänden nahestanden. Aufgrund unkonventioneller Werbemethoden (Autokorso, Spuckzettel) konnte sie bis 1957 ca. 5.000 Mitglieder gewinnen.“DFG-VK: Unsere Geschichte
Was der Gruppe, die sich im Herbst 1954 im Zuge ihrer Ausbreitung über ganz Nordrhein-Westfalen in Gruppe der Wehrdienstgegner (GdW) umbenannte, Popularität und Aufmerksamkeit bescherte, waren ihre – vor allem für die frühen 1950er Jahre – oft unkonventionellen Parolen und Auftritte. Der Spiegel zitierte dazu 1957 Hans Hermann Köper mit dem Ausspruch „Wir sind weder tierisch ernst noch unsachlich. Wir versuchen die flotte Tour. Keine Grundsatzreferate in Veranstaltungen, kein Veranstaltungszeremoniell mit Eröffnung. Begrüßung, Rednervorstellung und so weiter.“ und zählt dazu auch noch ein paar weitere Aktionen und Parolen auf: Im Oktober 1954 führte die Gruppe einen dreistündigen Autokorso durch Köln durch, an dem sich drei PKWs und 15 Motorräder beteiligten.Grünewald schrieb von „zehn Wagen und fünfzehn Rollern“. (Guido Grünewald: Kriegsdienstverweigerergewerkschaft, S. 33) Im Spiegel kommentierte das Köper mit dem Satz: „Autos sind eindrucksvoller als eine kleine Gruppe von hundert Demonstranten. Der Eindruck wird verstärkt durch die Polizeifahrzeuge.“ „Am Kapitulationstag 1955 veranstalteten Köpers Leute abends in einer zerstörten Kölner Kirche eine Feierstunde. Mitglieder von auswärts kamen in Sternfahrt, es gab Fackeln, rezitierende Schauspieler, und zum Schluß blies vom First der Kirche ein Trompeter, der vom Rundfunk ausgeliehen war, das amerikanische Zapfenstreichsignal aus dem Film ,Verdammt in alle Ewigkeit‘.“ Weit verbreitet waren Parolen wie:In einem Leserbrief an die Frankfurter Rundschau (FR) schrieb Guido Grünewald dazu: „Dass sich die GdW mit lockeren Propagandasprüchen (Weder Volkspolizist noch Bundesarmist! Kopf ab zum Gebet! Lieber Rock'n Roll als Marschmusikl) von der traditionell agierenden ldK abhob, war nicht zuletzt auf Nikel zurückzuführen; Pardon-Zeichner Kurt Halbritter lieferte pointierte Karikaturen.“ (Guido Grünwald: Mit lockeren Sprüchen, FR, 22. Januar 2019) „Kopf ab zum Gebet!“ „Der Weg ins Massengrab führt durchs Kasernentor.“ „Nicht für Dollar, nicht für Rubel, fort mit dem Kasernentrubel.“ „Der Feigling rückt zum Barras, ein, der Mutige sagt: Nein!“. Damit versuchte man vor allem jüngere Menschen anzusprechen, die sich vom kulturellen Mief der Adenauer-Ära abgestoßen fühlten und nach neuen Ausdrucksformen suchten. Klassische Protestformen schloss das aber nicht aus. 1955/56 veranstaltete die GdW gemeinsam mit den Falken, den Jusos und den Naturfreunden Großkundgebungen und Demonstrationen gegen die Wiederaufrüstung.
Am 30. Oktober 1955 fand in Duisburg der erste GdW-Bundeskongress statt. Die GdW war bis zu diesem Zeitpunkt „auf 35 Zweiggruppen angewachsen, von denen 5 Gruppen mehr als 300 und 5 weniger als 50 Mitglieder hatten. Hans-Herrman Köper, der als Vorsitzender wiedergewählt wurde, gab die Absicht der Organisation bekannt, ihre Tätigkeit jetzt auch auf andere Bundesländer auszuweiten.“Guido Grünewald: Kriegsdienstverweigerergewerkschaft, S. 34 Köper wurde auch auf den beiden folgenden Bundeskongressen in seinem Amt als Vorsitzender der GdW bestätigt.