mini|Piktogramm Erste Hilfe – gemäß ISO 7010 mini|Soldaten üben die Herzdruckmassage mini|US-Krankenpfleger üben die Rettung eines Patienten mit vermuteter Wirbelsäulen-Verletzung mini|Arbeitstisch im Erste-Hilfe-Raum bei einem Turnfest Unter Erster Hilfe versteht man lebensrettende und gesundheitserhaltende Sofortmaßnahmen, die einfach erlernt und bei medizinischen Notfällen, etwa bei Atem- oder Kreislaufstillstand oder Blutungen, angewendet werden können. In der Rettungskette übernehmen Ersthelfer die Alarmierung des Rettungsdienstes, die Absicherung der Unfallstelle und die Betreuung der erkrankten bzw. verunfallten Personen, bis professionelle Hilfe eintrifft.
Je nach Kontext werden sowohl Personen, die Erste Hilfe leisten, als auch solche mit Erste-Hilfe-Ausbildung als Ersthelfer bezeichnet (z. B. Betriebsersthelfer).
Inhalte einer Erste-Hilfe-Ausbildung Die Ausbildungsinhalte können sich je nach Ausbildungsstufe und Spezialisierung deutlich unterscheiden.
Lebensrettende Sofortmaßnahmen Stabile Seitenlage (SSL) Atemwegsmanagement, Heimlich-Manöver Herz-Lungen-Wiederbelebung (HLW) Automatisierter externer Defibrillator (AED) Schocklagerung Akute Erkrankungen Erkennung von Herzinfarkten und Schlaganfällen Epilepsie Vergiftungen, Verätzungen Asthma und Hyperventilation Bauchschmerzen, Geburt Unterzuckerung Sonnenstich, Hitzschlag, Hitzeerschöpfung Erfrierungen und Unterkühlung Verletzungen und Wundversorgung Verletzung der Wirbelsäule, Halsschienengriff, Halskragen Druckverband PECH-Regel Knochenbruch, Zerrung und Prellung mit Fixationen und Ruhigstellen Brandverletzung und Verbrühung Augenverletzung, Ohrenverletzung, Nasenbluten Desinfektion Wundverbände für verschiedene Zwecke: Abdeckung, Blutstillung, Wundheilung, Fixation Medikamente Arzneimittelkenntnis Schmerzmittel Nitroglyzerin und ASS bei Herzinfarkten Epinephrin bei allergischen Notfällen Weiteres Notrufnummern Absicherung der Unfallstelle Bergung, Rettung aus Gefahrenzone, Tragegriffe Wasserrettung Handlungsschemata wie FAST, ABCDE Psychologische Erste Hilfe (Gesprächsführung) Inhalt und Verwendung des Erste-Hilfe-Kastens Rettungskette Triage Einsatzleitung
Geschichte Eine frühe, wenn nicht die erste Publikation über Erste Hilfe (Zuflucht des Klugen bei Abwesenheit des Arztes) hatte im 14. Jahrhundert der im mamlukischen Kairo tätige ägyptische Arzt Šams ad-Dīn Moḥammad al-Akfānī verfasst.Friedrun R. Hau: al-Akfānī, Šamsaddīn Muḥammad. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 24.
Im späten 18. Jahrhundert war das Ertrinken eine der am meisten gefürchteten Todesursachen. Im Jahr 1767 bildete sich in Amsterdam eine Wasserrettungsorganisation, und der britische Arzt William Hawes veröffentlichte im Jahr 1773 Traktate über die künstliche Beatmung bei scheinbar ertrunkenen Menschen. 1774 wurden die Society for the Recovery of Persons Apparently Drowned und später die Royal Humane Society gegründet, die ebenfalls zur Verbreitung von Wiederbelebungstechniken beitrugen.
Die Geschichte der Ersten Hilfe als erste Hilfeleistung bei Unglücksfällen ist eng mit dem Militär verbunden. Auf den Arzt Napoleons, Baron Dominique Jean Larrey, geht die Gründung eines Sanitätskorps zurück, das auf dem Schlachtfeld medizinische Hilfe leistete. Schon unter den römischen Legionären gab es allerdings die Funktion des Capsarius, der Verwundete versorgte und zum Lazarett brachte. Das Rote Kreuz wurde gegründet, nachdem Henry Dunant die Folgen der Schlacht von Solferino (1859) betrachtete. Seither sind die verschiedenen Rotkreuz- und Rothalbmond-Organisationen die wichtigsten Anbieter von Erster Hilfe und diesbezüglicher Ausbildungen.
Die ersten formellen Ausbildungen in Erster Hilfe entstanden durch die Tätigkeit des preußischen Militärarztes Friedrich von Esmarch, der nach 1870 in Vorlesungen und Schriften verschiedene Techniken lehrte. Zum ersten Mal wurde Soldaten beigebracht, wie mit dem vielseitig verwendbaren Dreiecktuch Wunden zu verbinden und Glieder zu schienen sind – lange bevor sie diese Hilfe in einer Notsituation benötigen würden.
Im Jahr 1872 verschob der Order of Saint John sein Augenmerk von der Hospiz-Pflege auf die praktische medizinische Hilfe und finanzierte die ersten Krankenwagen des Vereinigten Königreichs. Daraus entstand schließlich die in englischsprachigen Ländern verbreitete Erste-Hilfe-Organisation St John Ambulance, die mit der Johanniter-Unfall-Hilfe auch einen deutschen Ableger hat.
Der britische Militärarzt Peter Shepherd hörte von der Arbeit von Esmarchs und führte zusammen mit dem Oberst und späteren Politiker Francis Duncan mittels Vorlesungen und Veröffentlichungen ein gleichwertiges Programm in der britischen Armee ein. Mit der Unterstützung des Order of Saint John bot Shepherd seine Vorträge an der presbyterianischen Schule von Woolwich – wo er stationiert war – nun auch Zivilisten an.
mini|Navigationsschule mit Kaisertor in Lübeck Der heute sogenannte Erste-Hilfe-Schein hat seinen Ursprung in dem Staat Lübeck. Als von Esmarch 1885 in der Kaufmannschaft einen Vortrag hielt, wandte er sich persönlich an die Vorsitzende des Roten Kreuzes in Lübeck, die Frau des Physicus Carl Türk, um ihr die Unterweisungen im Samariterdienst (benannt nach einer biblischen Gestalt: Barmherziger Samariter) nahezulegen. Es erwuchs der Vorschlag diese Unterweisungen für alle Seemannsschulen an der deutschen Küste für die Steuerleute obligatorisch zu machen. So wurden sie an deren Navigationsschule als der ersten deutschen zivilen Einrichtung für verbindlich erklärt.Emmy Türk: Krankenpflegerinnen auf dem Lande. In: Lübeckische Blätter, 41. Jahrgang, Nr. 32, 2. August 1889, S. 399–400. Eine internationale Konferenz in Berlin resümierte 1896: „Hilfeleistung in den Notständen des Friedens ist für eine lebenskräftige Entwicklung der Hilfsvereine notwendig und der Vorbereitung für den Krieg förderlich.“zitiert aus: Friedrich von Esmarch: Die erste Hilfe bei plötzlichen Unglücksfällen. Ein Leitfaden für Samariter-Schulen in sechs Vorträgen. 27. Auflage. F. C. W. Vogel, Leipzig 1912, S. IV.
In Deutschland wurde für Medizinstudenten eine Ausbildung in Erster Hilfe mit der Approbationsordnung für Ärzte vom 1. Oktober 1972 Voraussetzung für die Teilnahme an der ärztlichen Vorprüfung.Rainer F. Lick, Heinrich Schläfer: Unfallrettung. Medizin und Technik. Schattauer, Stuttgart / New York 1973, ISBN 3-7945-0326-0; 2., neubearbeitete und erweiterte Auflage, ebenda 1985, ISBN 3-7945-0626-X, S. VII.
Die Erste Hilfe in der Rettungskette
Wenn eine Kette reißt, reißt sie immer an ihrer schwächsten Stelle. Um eine optimale Versorgung der erkrankten bzw. verunfallten Personen sicherzustellen, ist jede nachfolgende Station in der Rettungskette darauf angewiesen, dass die vorangehende Hilfe schnell und sorgfältig geleistet wird. Dadurch wird die große Bedeutung der Ersthelfer unterstrichen: Ohne das rechtzeitige Handeln eines Ersthelfers – insbesondere das Alarmieren – kann der Rettungsdienst kein Leben retten.
Die Rettungskette wird je nach Organisation und Quelle unterschiedlich dargestellt. Hier die Gliederung, die vom Schweizerischen Samariterbund verwendet wird: Glied Tätigkeit Wer leistet die Hilfe? 1 Notruf, Unfallstelle sichern, Eigenschutz beachten, falls möglich bzw. notwendig: Patient aus Gefahrenzone bergen Ersthelfer 2 Lebensrettende Sofortmaßnahmen (Beatmung, Herzmassage, Defibrillation) Ersthelfer (mindestens bis zur Übernahme durch den Rettungsdienst) 3 Weitere Hilfe (z. B. Wundversorgung) Je nachdem: Ersthelfer, Rettungsdienst oder Notarzt 4 Zustand des Patienten stabilisieren und überwachenTransport zum Krankenhaus NotarztRettungsdienst 5 Versorgung in der Notaufnahme des Krankenhauses Ärzte verschiedener Fachrichtungen, Pfleger, andere Fachkräfte Innerhalb der Rettungskette kann nicht klar abgegrenzt werden, wo die Erste Hilfe aufhört und die professionelle Hilfe beginnt. Während manche Ausbildungen auf die Alarmierung und die lebensrettenden Sofortmaßnahmen (1. und 2. Glied) ausgerichtet sind, befähigen manche Ersthelferausbildungen auch zu Aktivitäten des 3. und 4. Glieds der Rettungskette. Noch deutlicher wird dies in besonderen Situationen wie Höhenbergsteigen, Höhlenforschung und Forschungsexpeditionen. Bei einem Notfall muss die medizinische Versorgung und der Rettungstransport nicht selten in eigener Verantwortung durchgeführt werden.
Die Rettungskette wird je nach Region durch First-Responder-Systeme ergänzt (deutscher Begriff: Helfer vor Ort). First Responder sind zwischen reinen Ersthelfern und den Rettungsdiensten angesiedelt. Da sie breiter gestreut sind als Rettungswachen und schneller vor Ort sind als herkömmliche Sanitäter und Notärzte verstärken sie vor allem das zweite Glied der Rettungskette, und entlasten Rettungsdienste beim dritten Glied. Im Kanton Bern etwa rückt die Polizei als First Responder aus, in anderen Gebieten kann dies ein Mitglied der Feuerwehr oder einer Erste-Hilfe-Organisation sein. Der First Responder verfügt über eine separate Ausbildung, diese ist bundesweit in Deutschland möglich.
Zunehmend werden auch Smartphone-Apps entwickelt, über die zufällig in der Nähe des Notfallortes befindliche registrierte Ersthelfer geortet und alarmiert werden können.
Psychische Erste Hilfe Wirksame Erste Hilfe umfasst neben medizinischen auch psychologische Maßnahmen.Rita Bourauel: Psychische Erste Hilfe für Laien. Berichte der Bundesanstalt für Straßenwesen. Heft M24. Wirtschaftsverlag NW Bremerhaven 1994, ISBN 3-89429-430-2 Menschliche Nähe bedeutet Beruhigung und Erleichterung. Psychische Maßnahmen bewirken eine Stabilisierung der psychischen Situation des Betroffenen und sind für die Bewältigung der Unfallsituation sowie den Heilungserfolg von großer Bedeutung.
Die 4-S-Regeln zur Psychischen Ersten Hilfe: Sage, dass du da bist und dass etwas geschieht Schirme den Verletzten vor Zuschauern ab Suche vorsichtigen Körperkontakt Sprich und höre zu Weltweit existieren mit Programmen wie Mental Health First Aid (MHFA) und Mental Health Facilitator vereinzelte Angebote privater Anbieter, um Wissen über psychologische Aspekte der Ersten Hilfe sowie Erste Hilfe bei psychologischen Notfällen zu verbreiten.
Situation in verschiedenen Ländern In vielen Ländern sind Erste-Hilfe-Kurse verpflichtend vorgeschrieben, um einen Führerschein zu erhalten, beziehungsweise müssen Arbeitgeber eine bestimmte Anzahl Mitarbeiter zu Ersthelfern (Betriebssanitätern) ausbilden. Jedoch kann man an diesen Kursen auch unabhängig davon jederzeit teilnehmen – dies wird auch stark empfohlen, um in einer Notsituation richtig reagieren zu können. Ebenso wird es empfohlen, die Kenntnisse immer wieder aufzufrischen, damit der Ersthelfer mit hoher Selbstsicherheit die richtigen Entscheidungen trifft.
Deutschland Lebensrettende Sofortmaßnahmen In diesem Lehrgang wurden nur Lebensrettende Sofortmaßnahmen (LSM) aus der Ersten Hilfe vermittelt. Die Lehrgangsdauer betrug 4 Unterrichtseinheiten à 90 Minuten. Seit dem 1. April 2015 ersetzt der neue Erste-Hilfe-Lehrgang (siehe unten) die bisherige LSM-Schulung. Der Teilnehmer sollte nach der Absolvierung des LSM-Lehrganges als Sofort- / Ersthelfer an einer Unfallstelle handeln können. Die Vorlage der Teilnahmebescheinigung war in Deutschland eine Voraussetzung für den Erwerb der Führerscheinklassen AM, A1, A2, A, B, BE, L und T. Für den Führerscheinerwerb waren die älteren LSM-Bescheinigungen noch bis zum 21. Oktober 2017 gültig, seitdem werden nur noch Erste-Hilfe-Kurse akzeptiert.FeV §76 Übergangsrecht 11b. Auch für den Erwerb der Privatpilotenlizenz (PPL) war eine Teilnahme erforderlich.