mini|Blatt 29v der Handschrift: Kreuz, umgeben von den Symbolen der vier Evangelisten Die Handschrift Essener Domschatzkammer Hs. 1, häufig als Großes Karolingisches Evangeliar oder Altfrid-Evangeliar bezeichnet, ist eine Pergamenthandschrift des Essener Domschatzes. Sie entstand um das Jahr 800 und befindet sich möglicherweise seit der um 850 erfolgten Gründung des Essener Frauenstifts in Essen. Das Evangeliar enthält über tausend Glossen auf Latein, Altsächsisch und Althochdeutsch.

Beschreibung Die HandschriftDie kodikologische Beschreibung folgt Bodarwé: Sanctimoniales litteratae. 2004, S. 405f. misst 32,5 cm Höhe und 23,0 cm Breite und ist seit der letzten Restaurierung 1987 zwischen mit grauem Wildleder bezogene und mit Stempelprägung verzierte Holzdeckel eingebunden. Sie ist vollständig erhalten und umfasst 188 Blätter aus Kalbspergament (Vellum) in 28 Lagen, beigebunden ist ein kleinerformatiges (17 × 23 cm) Homiliar-Fragment. Die Lagen sind größtenteils Quaternionen, bestehend aus vier gefalzten und ineinandergelegten Pergamentbögen, die acht Blätter (= 16 Seiten) ergeben.Das Lagenschema nach Bodarwé: Sanctimoniales litteratae. 2004, lautet I (2) + IV (10) + (I+1) (13) + (IV+1) (22) + I (24) + II (28) + 3 IV (52) + (IV+1) (61) + IV (69) + III (75) + 2 IV (91) + III (97) + (IV-1) (104) + IV (112) + (IV-1) (119) + 2 IV (135) + II (139) + 3 IV (163) + IV (170+Vorsatzblatt) + 2 IV (186) + 2 (188). Gerds gibt I + (III+1) + I + (V+1) + III + III + I + 2 IV + (IV+1+1) + III + I + III + 2 IV + III + (III+1) + IV + (III+1) + 2 IV + 2 III + 2 IV + I + III + 2 IV + I an. (Zur Erläuterung der Formel siehe hier). Der Schriftraum des Evangeliars misst 26,5 cm in der Höhe und 16 cm in der Breite. Der Text hat bis fol. 12v, dem Ende des Perikopenverzeichnisses, 38 Zeilen, danach 30 Zeilen. Er wurde im 10. Jahrhundert mit zahlreichen Glossen in Latein, Altsächsisch und Althochdeutsch versehen.

Einige Blätter wurden an den Rändern beschnitten, wodurch Teile einzelner Glossen verloren gingen. Auch wurden Glossen durch den Einsatz von Chemikalien, die die Lesbarkeit erhöhen sollten, beschädigt. Bei einer Restaurierung 1958 wurden einzelne Blätter falsch wieder eingebunden: Das Doppelblatt 48v/49r wurde in die verkehrte Richtung gefalzt und das Doppelblatt 143v/144r in die 21. anstatt in die 22. Lage eingebunden.

Die Handschrift enthält ein Perikopenverzeichnis, in lateinischer Sprache den Brief Novum opus des Hieronymus an Papst Damasus I., die Vorrede plures fuisse des Hieronymus zu den Evangelien, die vier Vorreden zu den einzelnen Evangelien sowie den Text der Evangelien, außerdem 14 Kanontafeln, sowie von derselben Hand, die die meisten Glossen eintrug, einen unvollständigen Ordo lectorum. Das hinzugebundene Homiliar enthält Auszüge aus verschiedenen Texten des Beda Venerabilis. Der Text des Evangeliars wurde von drei verschiedenen Schreibern mit brauner Tinte angelegt, die Schrift ist eine frühe Fassung der karolingischen Minuskel. Zur Auszeichnung, das heißt: zur Hervorhebung, der verschiedenen Abschnitte wurde als Schrift eine Capitalis quadrata verwendet. Die Unziale wurde nur im Matthäus-Evangelium für die Kapitelanfänge, die Genealogie Christi und das Vaterunser verwendet. Die Überschriften sind in Gelb, Rot und Grün ausgemalt. Der Buchschmuck ist polychrom und umfasst sowohl Zierseiten, Kanontafeln, Incipit- und Initialseiten als auch Initialen von unterschiedlicher Gestaltung und Größe. Die verwendeten Farben sind Mennigerot und Kupfergrün, die gelbe Farbe wurde bisher nicht untersucht.Gerds: Das karolingische Evangeliar Hs. 1 des Essener Domschatzes. 1999, S. 11.

Buchmalerei mini|hochkant=1.5|Blatt 68v: Eingangsseite der Vorrede zum Markus-Evangelium. Das Initial I wird aus zwei symmetrisch miteinander verschlungenen wurmartigen Fabeltieren gebildet, die in ein sich kreuzendes Flechtband eingesponnen sind. Das Wort „Incipit“ wird durch zoomorphe Motive gebildet, die Majuskel der folgenden Worte sind farbig unterlegt.

Georg Humann schrieb 1904 in seinem Werk zu den Schätzen des Essener Münsters:

Auch später ist der Buchmalerei der Handschrift ein „barbarischer Geschmack“Bernhard Bischoff: In: Anzeiger für deutsches Altertum. Band 66, 1952/53, wiedergegeben bei Hellgardt: Philologische Fingerübungen. 1998, S. 34. oder „barbarische Großartigkeit“Einleitung. In: Pothmann: Das Karolingische Evangeliar. 1987. bescheinigt worden.

Der Buchschmuck der Handschrift ist außergewöhnlich vielfältig und von Einflüssen mehrerer Kulturkreise durchsetzt. Auffällig sind die Zierbuchstaben, bei denen Teile durch hunde- und vogelartige Figuren ersetzt wurden. Diese Zierbuchstaben lassen sich auf Fisch-Vogel-Buchstaben der merowingischen Buchkunst des 7. und 8. Jahrhunderts zurückführen. Die Initialen weisen dagegen oft Flechtbandornamente auf, die aus Motiven des irisch-angelsächsischen Raums abgeleitet sind. Bei diesen Ornamenten weist die Essener Handschrift identisches Formengut zum sogenannten Psalter Karls des Großen (Bibliothèque nationale de France, ms. lat. 13159) auf, das zwischen 795 und 800 datiert werden kann. Gerds nimmt ein Entstehen im selben Skriptorium an.Gerds: Das karolingische Evangeliar Hs. 1 des Essener Domschatzes. 1999, S. 69. Die Verwendung unterschiedlicher Zierformen in einer Handschrift war in der karolingischen Buchmalerei nicht ungewöhnlich. Der ornamentale Charakter der Darstellung ist unberührt von der karolingischen Renaissance, die einen Rückgriff auf antike Vorbilder beinhaltete und der Darstellung des Menschen mehr Raum gab.Einleitung. In: Pothmann: Das Karolingische Evangeliar. 1987. Die Kanontafeln der Handschrift gestaltete der Buchmaler unterschiedlich: Arkaden sind mit Rundbögen oder Giebeln aus Bandstreifen oder Bandverschlingungen gebildet, die mit Borten aus Blattmustern versehen sind. Eine der Kanontafeln weist ein identisches Ornament als Säulenfüllung auf wie das Gundohinus-Evangeliar (Autun, Bibliothèque Municipale. Ms 3), zu dem auch Ähnlichkeiten bei den Gestaltungen der Rundbögen besteht.Gerds: Das karolingische Evangeliar Hs. 1 des Essener Domschatzes. 1999, S. 28. Unter den Zierseiten ist die Kreuzdarstellung mit dem Brustbild Christi im Schnittpunkt der Kreuzarme und den Evangelistensymbolen zwischen den Kreuzarmen besonders markant. Diese Miniatur weist in den Gesichtern besonders deutlich irische Einflüsse auf. Die niedrigen Stirnen, die in einer Linie mit der Nase gezeichneten Augenbrauen, die weit geöffneten Augen wie auch die Münder finden sich ähnlich an dem im 8. Jahrhundert entstandenen Bandkruzifix auf S. 266 des Codex Sangallensis 51 der Stiftsbibliothek St. Gallen.Leonard Küppers, Paul Mikat: Der Essener Münsterschatz. Fredebeul & Koenen, Essen 1966, S. 25; Gerds: Das karolingische Evangeliar Hs. 1 des Essener Domschatzes. 1999, S. 22ff. weist auf deutliche Unterschiede hin, und zieht Vergleiche zu Mosaiken in den Kirchen Sant’Apollinare in Classe und San Vitale in Ravenna. Die Gestaltung des Kreuzes bei Hs. 1 durch farbige Rechtecke deutet Edelsteine an, die Grundidee der Darstellung ist also eine „crux gemmata“. Die Darstellung meint daher nicht die Kreuzigung als Ereignis, sondern Christus, der durch das Kreuz „in seine Herrlichkeit einging“.Leonard Küppers, Paul Mikat: Der Essener Münsterschatz. Fredebeul & Koenen, Essen 1966, S. 25. Die Darstellung mit dem Brustbild Christi am Schnittpunkt der Kreuzbalken ist dabei im abendländischen Raum selten, die Essener Darstellung ist eine der spätesten Darstellungen dieses Typs. Durch das Buch, das Christus hält, ist er zugleich als Lehrer der Wahrheit charakterisiert.

Die Glossen

mini|Eine Textseite (fol. 65r) mit Glossierung (Scan aus Georg Humanns Tafelwerk von 1904), der Text ist Mt 27,3–21

Die insgesamt 453 altsächsischen Glossen des Evangeliars stammen aus dem 10. Jahrhundert. Sie überliefern insgesamt über 1050 volkssprachliche Einzelwörter der Zeit, das Evangeliar ist damit die zweitumfangreichste Glossierung des Altsächsischen.Ausstellungskatalog Krone und Schleier. Kunst aus mittelalterlichen Frauenklöstern. Hirmer, München 2005, ISBN 3-7774-2565-6, S. 233; Bergmann, Stricker: Katalog der althochdeutschen und altsächsischen Glossenhandschriften. Band 1, 2005, S. 411. Die meisten Glossen wurden von einer Hand, die mit stark wechselndem Duktus schrieb, teils marginal am äußeren Rand, teils auch zwischen die Zeilen geschrieben (interlinear). Reichte der Platz nicht aus, benutzte die SchreiberinEs handelte sich aller Wahrscheinlichkeit nach um eine Schreiberin, da Katrinette Bodarwé: Sanctimoniales litteratae. 2004, nachweisen konnte, dass im Stil des Essener Skriptoriums im 10. Jahrhundert etwa 70 Personen schrieben – zu viele, als dass dies die wenigen männlichen Priester, die im Frauenstift als Kleriker dienten, hätten leisten können. auch den inneren Rand. Die Glossierung folgt dabei inhaltlich einer unbekannten, verlorenen Vorlage, auf die auch die ebenfalls im Essener Skriptorium entstandene Glossierung eines ursprünglich aus dem Stift Elten stammenden Lindauer Evangeliars (Freiherr M. Lochner von Hüttenbach, Codex L, heutiger Verbleib nicht bekannt) zurückzuführen ist. Die Glossen verteilen sich ungleichmäßig auf alle vier Evangelien: 109 interlineare und 78 marginale Glossen erläutern das Matthäus-Evangelium, wogegen das Markus-Evangelium nur mit 15 interlinearen und 12 marginalen Glossen versehen ist. Von den 148 Glossen zum Evangelium nach Lukas sind 87 interlinear und 61 marginal eingeschrieben, das Johannes-Evangelium ergänzen 34 interlineare und 57 marginale Glossen.Alle Zahlen: Bergmann, Stricker: Katalog der althochdeutschen und altsächsischen Glossenhandschriften. Band 1, 2005, S. 411f. Zur Sprache der in das Pergament geritzten Griffelglossen finden sich in der Literatur unterschiedliche Angaben.

Die lateinischen Glossen sind meist Scholien und bestehen aus sprachlich vereinfachten Auszügen aus karolingischen und vorkarolingischen Evangelienkommentaren, besonders aus den Schriften Bedas.Hellgardt: Philologische Fingerübungen. 1998, S. 34. Dabei wurden die kommentierten Stellen des Evangeliumstextes mit Unzialbuchstaben versehen, die bei den Glossen wiederkehren und so die Zuordnung der Kommentierung zur kommentierten Stelle sicherstellen. Sobald die Buchstaben des Alphabets verbraucht sind, ist die nächste Kommentierung wieder als „A“ bezeichnet. Gleichzeitig mit dem Eintrag der lateinischen Glossen wurden einzelne deutsche Wörter hinter selten gebrauchten Wörtern eingetragen. In einer zweiten Bearbeitungsphase wurden die lateinischen Glossen korrigiert und teilweise ergänzt, zudem wurden weitere deutsche Ergänzungen zu den Scholien vorgenommen. In diesem Bearbeitungsabschnitt wurden die lateinischen Glossen auch an ihrem Ende ergänzt. Diese Glossierungen nehmen Bezug auf das Ende der lateinischen Glosse, in zahlreichen Fällen handelt es sich um vollständige deutsche Halbsätze, die den Schluss der lateinischen Glosse paraphrasieren und fortführen. Hellgardt kommt zum Eindruck einer Vorform einer deutsch-lateinischen Mischsprache, wie sie als klerikaler Soziolekt bei Notker dem Deutschen oder Williram vorkommt.Hellgardt: Philologische Fingerübungen. 1998, S. 43.

Geschichte mini|Blatt 16r: Seite mit aus Flechtband gebildeter Prachtinitiale P und zwei unterschiedlichen Auszeichnungsschriften. Der Text ist der Beginn des Hieronymus-Vorrede Plures fuisse.