mini|250px|Szene aus der Krönungszeremonie Nikolaus II. am 14. Mai 1896 in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Moskau. Kaiser und Kaiserin werden unmittelbar nach der Krönung dargestelltGemälde von Laurits Tuxen, dänischer Maler (1853–1927) Die Krönung der russischen Zaren und Kaiser war ein Zeremoniell, das der feierlichen Amtseinführung des designierten russischen Monarchen diente. Es bestand aus der eigentlichen Krönung sowie einer Abfolge von Ritualen, die dieser vorausgingen oder folgten.
In der langen Geschichte der russischen Krönungen wurde das Zeremoniell den Verhältnissen der jeweiligen Zeit immer wieder neu angepasst. Im Kern blieb es aber nahezu unverändert, von der ersten Zarenkrönung Iwans IV. im Jahre 1547 bis zur letzten Kaiserkrönung 1896, der Nikolaus’ II. Es entwickelte sich von einer Krönung ohne Salbung zu einer mitunter mehrere Monate währenden Reihe von Festen und Veranstaltungen rund um die eigentliche Krönungsfeier. Die größten Veränderungen erfuhr das Zeremoniell nach der Annahme des Kaisertitels durch Peter I. Es sind also die Zarenkrönungen von den Kaiserkrönungen zu unterscheiden.
Geschichte des russischen Krönungszeremoniells Byzantinische Ursprünge des Zeremoniells Eine Herrschereinsetzung, wie sie im mittelalterlichen Europa gang und gäbe war, kannte man im Bereich der russischen Fürstentümer nicht. Zwar gab es hin und wieder eine feierliche Inthronisierung, aber in den meisten Fällen erfolgte eine schlichte Ernennung des neuen Herrschers ohne Salbung oder sonstige religiöse Zeremonie. Zur Zeit der tatarischen Fremdherrschaft waren die russischen Großfürsten auch noch relativ machtlos und mussten sich zusätzlich zu ihrem ererbten Recht ihre Herrschaft von den Tatarenkhanen legitimieren lassen.Antonia von Reiche: Der Weg des russischen Zarentums. 2001, S. 42. mini|Großfürst Iwan III., verwendete als erster Moskauer Großfürst den Titel Zaraus: A. Teve: Cosmography. 1575 Mit dem Niedergang der Khane ging ein Erstarken des Großfürstentums Moskau einher. Bis zur Herrschaft des Großfürsten Iwan III. (1440–1505) waren dann die kleineren russischen Fürstentümer nahezu vollständig mit dem Moskauer Reich vereint. Das gestiegene politische Prestige erforderte eine entsprechende äußerliche Darstellung der Macht. Deshalb führte Iwan III. zeitweise den Titel Zar von Russland. Ein weiteres neues Herrschersymbol war der erste Krönungsakt der russischen Geschichte im Jahr 1498. Das hatte es vorher weder in der Kiewer Rus noch in dem Fürstentum Wladimir-Susdal gegeben, die vor dem Aufstieg Moskaus die wichtigsten russischen Großfürstentümer gewesen waren.
Am 4. Februar 1498 ließ Iwan III. seinen Enkel Dmitri Iwanowitsch (1483–1509) als Mitregent krönen. Großfürst Iwan III. nahm als Herrscher an der Zeremonie lediglich teil, gekrönt wurde er aber nicht.Antonia von Reiche: Der Weg des russischen Zarentums. 2001, S. 43. Die Zeremonie wurde nach Vorbildern der Kaiserkrönungen des Byzantinischen Ritus gestaltet.
Iwan stellte sich damit wahrscheinlich in voller Absicht in die Tradition der oströmischen Kaiser, denn nach der osmanischen Eroberung Konstantinopels 1453 und dem Fall des Byzantinischen Reiches, erhoben die Moskauer Großfürsten den umstrittenen Anspruch, Moskau sei, nach Rom und Byzanz das Dritte Rom. Der Theorie von der byzantinischen Nachfolgeschaft stützte sich auf die 1472 erfolgte Vermählung Zar Iwans III. mit der Nichte des letzten byzantinischen Kaisers Zoe Palaiologa, die in Russland Sophia hieß. Infolge der Heirat übernahm Iwan auch den Doppelköpfigen Adler der byzantinischen Kaiser als Symbol für das russische Zartum.
Die Krönung Dmitri Iwanowitschs wich aber auch in mehreren Punkten vom byzantinischen Vorbild ab. Da er lediglich als Mitregent gekrönt wurde, erhielt er weder den Kaisertitel noch wurde er in den Rang eines Geistlichen erhoben. Beides war für einen byzantinischen Kaiser unverzichtbar. Insgesamt war die russische Zeremonie nationaler und christlicher ausgerichtet als die byzantinische.Antonia von Reiche: Der Weg des russischen Zarentums. 2001, S. 44/45.
Antonia von Reiche bezweifelt eine bewusste Übernahme des byzantinischen Zeremoniells. Dafür scheinen ihr die Widersprüche zu groß:
Die Anlehnung des Krönungszeremoniells an byzantinische Bräuche erklärt sich durch die starke Verbindung der Russisch-Orthodoxen Kirche mit der Griechisch-orthodoxen Kirche.
Die erste Zarenkrönung am 16. Januar 1547 Wenn man von der Krönung Dimitris als Mitregenten absieht, war die Krönung Iwans IV. am 16. Januar 1547 die erste zeremonielle Einsetzung eines Großfürsten im Moskauer Reich. Warum sich Iwan IV. dazu entschloss, kann heute nicht mehr mit Bestimmtheit gesagt werden, da die Quellenlage widersprüchlich und lückenhaft ist. Ebenso ist die tatsächliche Existenz einer in manchen Quellen genannten Zusammenkunft, in der die Krönung beschlossen wurde, fraglich. Es ist aber belegt, dass sich Iwan IV. krönen ließ.Antonia von Reiche: Der Weg des russischen Zarentums. 2001, S. 46.
Iwan IV. folgte seinem Vater Wassili III. bereits im Alter von drei Jahren in der Herrschaft. Er wurde von einem Bojarenrat inthronisiert sowie vom Metropoliten gesegnet, aber nicht gekrönt. Es folgte eine Zeit der Regentschaft des Rates, die erst mit der Krönung Iwans IV. und dessen Alleinherrschaft zu Ende ging.Gudrun Ziegler: Das Gold der Zaren. 2000, S. 43/44. Die Zeremonie 1547 orientierte sich stärker an byzantinischen Bräuchen als am Vorbild der Mitregentenkrönungen aus dem 10. Jahrhundert. Ebenso spielte die Tradition der orthodoxen Kirche eine entscheidende Rolle. Die Krönung nahm der Metropolit Makari vor, auf den wohl auch die Idee und die Gestaltung der Zeremonie zurückgehen. mini|Darstellung der Krönung Iwans IV.Holzschnitt aus der Bilderserie des Buchs des Zarentums von 1547. Weitere Bilder dieser Serie finden sich in der Galerie. Die Krönungsinsignien, die in der Zeremonie Verwendung fanden, wurden durch hohe Minister aus dem Palast zur Krönungskirche des Kremls gebracht. Sie bestanden aus der Kappe des Monomach, einem Brustkreuz, einem Zepter sowie dem Barmen, einem Schulterumhang. Der Metropolit nahm sie in Empfang, bevor sie offen auf den Altar vor der Ikonenwand gelegt wurden. Anschließend betrat unter dem Huldigungsruf „Viele Jahre“ das Gefolge Iwans IV. nach Rängen geordnet die Kirche. Iwans IV. Beichtvater schritt mit Kreuz und Weihwasser vor dem Großfürsten, welcher von seinen Brüdern und deren Kindern gefolgt wurde. Zum Schluss betraten hohe Würdenträger und Adlige die Kathedrale.
In der Kirche stand ein zwölfstufiges Podest mit zwei Thronen, einem für den Großfürsten und einem anderen für den Metropoliten. Beide bestiegen das Podest nach einem Gebet. Während der Metropolit auf seinem Thron Platz nahm, blieb Iwan IV. vor diesem auf der untersten Stufe stehen. Der Großfürst berief sich auf das Recht, gekrönt zu werden, da seine Vorfahren bereits Großfürsten von Wladimir, Nowgorod, Moskau und ganz Russland gewesen waren. Der Metropolit erkannte Iwans IV. Anspruch an und segnete ihn. Iwan IV. bat den Metropoliten, nach altem Ritus zum Zaren gekrönt zu werden, und setzte sich auf seinen Thron. Eine Salbung, wie später üblich, gab es bei Iwan noch nicht.Richard Wortman: Scenarios of power. Vol. 1. Princeton 1995, S. 27.
Unter dem Gesang der Geistlichen empfing der designierte Zar dann die Insignien. Zuerst legte der Metropolit ihm das Barmen um, ehe er ihm die Kappe des Monomach aufsetzte. Anschließend erhielt er das Zepter und wurde zum von Gott gekrönten Zaren ausgerufen. Dann belehrte der Metropolit den Zaren über seine Rechte und Pflichten. Die Belehrung glich einer geistlichen Weihe, die den Zaren und die Russisch-Orthodoxe Kirche miteinander verband.Antonia von Reiche: Der Weg des russischen Zarentums. 2001, S. 47.
Ob Iwan IV. das Abendmahl empfing, ist nicht sicher, jedoch eher unwahrscheinlich. Er war wohl nur Augenzeuge des Abendmahls. Nach der Huldigung verließ Iwan IV. im vollen Krönungsornat die Kathedrale. Außerhalb der Kirche wurde der Gekrönte dreimal mit Gold und Silbermünzen überschüttet. Dieses Szenario wiederholte sich an anderen Kirchen des Kremls, in denen der Zar betete und seiner Vorfahren gedachte. Ein Bankett im Palast schloss die erste Zarenkrönung der russischen Geschichte ab.
Mit der Krönung war Iwan IV. zum Zaren von ganz Russland ernannt worden und begründete damit das Russische Zarentum. Mit der Krönung zum Zaren war er nicht mehr nur regierender Großfürst, aber auch nicht Kaiser, wie es in Byzanz üblich war. Die Entwicklung des Zarentitels, die unter Iwan III. begonnen hatte und unter Wassili III. fortgesetzt wurde, fand so mit der Krönung Iwans IV. zum Zaren ihren Abschluss.Gudrun Ziegler: Das Gold der Zaren. 2000, S. 49.
Zarenkrönungen im Russischen Zarentum 1584 bis 1682 Iwans IV. Nachfolger Fjodor I. (1557–1598) wurde am 31. Mai 1584 gekrönt und herrschte vierzehn Jahre lang. Da er körperlich und geistig behindert war, regierte in seinem Namen der Bojarenrat, dem auch der Emporkömmling Boris Godunow angehörte.Gudrun Ziegler: Das Gold der Zaren. 2000, S. 92. Unter Zar Fjodor I. etablierte die Kirche 1589 das Patriarchat von Moskau. Fortan nahm der Patriarch die Krönungen bis zu den Kaiserkrönungen vor.Richard Wortman: Scenarios of power. Vol. 1. Princeton 1995, S. 21. Fjodor I. änderte bei seiner Krönungszeremonie 1584 den Brauch der Münzüberschüttung dahingehend, dass die Münzen vor ihm ausgestreut wurden. Außerdem erhielt er als erster Zar die Kommunion am Altar.Richard Wortman: Scenarios of power. Vol. 1. Princeton 1995, S. 38.
Nach dem Tod Zar Fjodors I. 1598 blieb der Thron vakant, da er selbst keine Nachkommen hatte. Sein Bruder und Zarewitsch Dimitri fiel bereits 1591 einem Mordanschlag zum Opfer, dessen genaue Umstände nie geklärt wurden. Weil Zar Fjodors I. Witwe Irina Godunowa den Thron ablehnte, musste ein neuer Thronfolger gefunden werden.Gudrun Ziegler: Das Gold der Zaren. 2000, S. 93. Damit begann in Russland die Zeit der Smuta, auch Zeit der Wirren genannt. Um einen Thronfolger zu bestimmen, wählten erstmals in der russischen Geschichte die Bojaren in einer Nationalversammlung den neuen Zaren. Die Wahl fiel auf Boris Godunow (1552–1605), der sich am 9. März 1598 umgehend krönen ließ. In dieser Zeit stand die Zeremonie der Krönung besonders im Zeichen der Legitimierung der Herrschaft.Gudrun Ziegler: Das Gold der Zaren. 2000, S. 95.
Zar Boris Godunow konnte sich von allen Zaren während der Zeit der Wirren am längsten auf dem Thron halten. Nach seinem Tod 1605 folgte sein Sohn Fjodor für zwei Monate. Der falsche Dimitri (ca. 1580–1606) stürzte ihn und ließ sich an seiner Stelle krönen. Schon bald setzten Unruhen seiner Herrschaft ein Ende, womit der Thron abermals vakant wurde. Wassili IV. (1552–1612) bestieg nach einer weiteren, umstrittenen Zarenwahl den Thron. Auch er ließ sich umgehend krönen, um seinen Anspruch zu untermauern.Gudrun Ziegler: Das Gold der Zaren. 2000, S. 97.
Er wurde jedoch 1610 nach einer polnischen Invasion im Zuge des Polnisch-Russischen Krieges abgesetzt und ins Kloster verbannt. Für die nächsten drei Jahre blieb der Thron vakant. Nachdem die äußere Sicherheitslage sich wieder etwas entspannt hatte, bestimmten in einer weiteren Nationalversammlung (Semski Sobor) etwa 700 Vertreter aus sämtlichen Schichten des Volkes den erst sechzehnjährigen Michail I. (1596–1645) aus dem Geschlecht der Romanows zum neuen Zaren.Hans von Rimscha: Geschichte Russlands. 1983, S. 256. Am 16. Juli 1613 krönte ihn der Metropolit Moskaus in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale. Es ist nicht bekannt, ob auch er mit Gold und Silbermünzen überschüttet wurde wie seine Vorgänger und wie feierlich die Zeremonie nach der Zeit der Wirren überhaupt war.Gudrun Ziegler: Das Gold der Zaren. 2000, S. 101.