Glücksforschung ist die Erforschung der Bedingungen, unter denen sich Menschen als glücklich bezeichnen und/oder glücklich sind. Die Wissenschaft vom Glück hat einen humanistischen Anspruch. Sie möchte zur Maximierung des menschlichen Glücks beitragen. In Deutschland ist sie seit den 1980er Jahren durch die Arbeit des Soziologen Alfred Bellebaum stark intensiviert worden.
Gegenstand und Methoden der empirischen Glücksforschung Gegenstand Um Glück zu messen, muss „Glück“ definiert werden. Zunächst wird zwischen dem Zufallsglück (englisch: luck) und Lebensglück (englisch: happiness) unterschieden. Wenngleich das Zufallsglück einen Einfluss auf das Lebensglück hat, steht es doch nicht im Fokus der Glücksforschung. Glück kann als das Ziel und der Sinn des Lebens bezeichnet werden, weil letztlich alle anderen Ziele nur auf das eigene oder das Glück anderer (und damit wieder auf das eigene) hinauslaufen. Der Soziologe Gerhard Schulze unterscheidet zwischen zwei Arten von Glück. Unter „Glück 1“ versteht er die Freiheit von Leid und Mangel (diese Glückskonzeption entspricht beispielsweise den Ansichten von Epikur und Schopenhauer). „Glück 2“, das schöne Leben, baut darauf auf. Die erste Variante des Glücks ist also nur die Vorstufe, die Möglichkeit zum Erlangen des wahren Glücks, da sich nach Schulze die Frage ergibt: Wofür lebt man, wenn nicht für das schöne Leben?Gerhard Schulze: Das schöne Leben und seine Feinde. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 2008, ISBN 3-596-17789-8.
Methoden Die Beobachtung ist als Methode der Glücksmessung ungeeignet, da die Einschätzung des Glücks anderer Menschen nicht unabhängig von der eigenen Stimmung ist.Ruut Veenhoven: Conditions of Happiness. Reidel Publishing, Dordrecht / Boston / Lancaster 1989. Auch das Ableiten des Glückszustands eines Menschen aus seinen objektiven Lebensbedingungen führt zu keinen brauchbaren Ergebnissen, da verschiedene Menschen unter den gleichen Bedingungen verschiedene Glückslevel angeben. Die häufigste Methode ist daher die Befragung. Dabei ist es nicht Ziel zu beurteilen, ob das angegebene Glück objektiv gerechtfertigt ist. Glücksforscher bezeichnen das von ihnen erfragte Glück daher üblicherweise als subjektives Wohlbefinden (englisch subjective well-being, kurz: SWB).Ed Diener: Subjective Well-being. In: Psychological Bulletin, 95, S. 542–575. Fragen nach dem Glück müssen bezüglich Zeit und Kontext spezifiziert werden, damit vergleichbare Antworten erzeugt werden. Beispielhaft ist die Frage aus dem General Social Survey (GSS): „Alles in allem, wie würden Sie Ihren Zustand in letzter Zeit beschreiben – Würden Sie sagen, dass Sie a) sehr glücklich, b) ziemlich glücklich, oder c) nicht so glücklich sind?“.
Bei Glücksumfragen treten die gleichen methodischen Schwierigkeiten auf, welche die Sozialforschung bei anderen standardisierten Befragungen hat. Die meisten dieser Probleme können mit intelligenter Fragebogenkonstruktion umgangen werden,Paul Thierbach: Auf dem Weg zu einer allgemeinen Theorie des Glücks. Eine Bestandsaufnahme der Glücksforschung. GRIN Verlag, München 2010, ISBN 3-640-57799-X. wenn die kognitiven und kommunikativen Prozesse bei der Beurteilung des eigenen Wohlbefindens berücksichtigt werden.Norbert Schwarz, Fritz Strack: Reports of subjective well-being: Judgmental processes and their methodological implications. In D. Kahneman, E. Diener, N. Schwarz (Hrsg.): Well-being: The foundations of hedonistic psychology. Russell Sage Foundation, New York 1999, S. 61–84.
Disziplinen der Glücksforschung Die Glücksforschung fasst alle Disziplinen zusammen, die sich zur Aufgabe gesetzt haben, die Bedingungen des Glücklichseins zu erforschen.
Philosophische Glücksforschung Siehe auch: Philosophie des Glücks Die wohl älteste Befassung mit der Frage des menschlichen Glücklichseins stammt aus der Philosophie:
Von Aristoteles (384–322 v. Chr.) stammt die älteste überlieferte formale Definition des Glücks: Glück sei das, was der Mensch um seiner selbst willen anstrebt, und nicht, um etwas Anderes damit zu erreichen.Die Nikomachische Ethik, übersetzt von Olof Gigon. Artemis Verlag, Zürich 1967. Was Glück jedoch inhaltlich sei, bestimmte Aristoteles mit Hilfe des Ergon-Arguments: Jedes Lebewesen hat eine bestimmte Aufgabe (ergon), die sich aus seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten ergibt. Da die Menschen vernünftig sind, ist ein glückliches Leben eines, in dem sie diese Fähigkeit ausbilden und anwenden. Glück ist für Aristoteles also kein subjektives Gefühl wie in der modernen Glücksforschung, sondern meint die objektive Erfüllung der vernünftigen Natur. Lust als subjektives Gefühl kann diese Erfüllung als Folge eines vernünftigen und tugendhaften Lebens ergänzen. Sie kann daher nicht direkt angestrebt, sondern nur indirekt erreicht werden.
Epikur (341–270 v. Chr.) definierte Glück anders als Aristoteles nicht positiv, sondern negativ als Abwesenheit von Schmerz und Bedürfnissen.Epikur, übersetzt von Johannes Mewaldt, Philosophie der Freude. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1973, ISBN 3-520-19805-3. Diese Philosophie liegt noch heute der Medizin zugrunde, die davon ausgeht, es genüge, Menschen zu heilen, um sie glücklich zu machen. Auch die Psychologie folgte bis Seligman dieser Ansicht. Daher beschäftigen sich bis heute nur wenige Psychologen mit dem Glück.
Der Glücksbegriff Senecas (1–65 n. Chr.) und der Stoiker ähnelt dem Epikurs: Glück sei natürlich und werde lediglich durch Einflüsse von außen gestört. Abhilfe versprechen sich die Stoiker von bewusst gepflegter Unempfindlichkeit gegenüber Einflüssen, sprichwörtlich geworden als „stoische Ruhe“.Seneca: Vom glückseligen Leben. Kröner, Stuttgart 1987, ISBN 3-520-00514-X.
Augustinus von Hippo (354–430 n. Chr.) schrieb, Glück sei, das zu bekommen, was man sich wünscht.De beata vita, Philipp Reclam jun., Stuttgart 1982, ISBN 3-15-007831-8. Diese philosophische Definition liegt jenen Umfragen der soziologischen Glücksforschung zugrunde, die nach „Zufriedenheit“ forschen.
Wilhelm Schmid (* 1953) gilt als der wichtigste Glücks-Philosoph der deutschen Gegenwart.Horx: Trend-Report 2007. S. 73. Er betont, dass er mit Glück eigentlich nichts zu tun haben wolle, aber von seinen Klienten immer wieder danach gefragt werde und daher über dieses Thema schreibe: „Viele Menschen sind plötzlich so verrückt nach Glück …“Glück. Alles, was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-458-17373-1.
Weitere sind Baltasar Gracián (Handorakel), Arthur Schopenhauer (Aphorismen zur Lebensweisheit), Friedrich Nietzsche (Also sprach Zarathustra) und Gertrud Höhler (Das Glück), die sich wie viele andere Philosophen ebenfalls mit dem Thema „Glück“ beschäftigt haben.
Physiologische Glücksforschung Mittels fMRI und EEG ist es möglich, die Durchblutung von Hirnarealen zu messen. In vielen Experimenten wurde in den letzten Jahrzehnten erforscht, welche Gefühle zu Aktivitäten welcher Gehirnareale führen. In diesem Zusammenhang wurden auch positive Emotionen und Glücksgefühl erforscht. So zeigt sich, dass eine höhere Aktivität des linken präfrontalen Cortex (PFC) stark mit einer offenen, neugierigen Haltung gegenüber Reizen korreliert, während eine höhere Aktivität des rechten PFC mit einer eher ängstlichen Rückzugshaltung korreliert. In weiteren Experimenten konnten Davidson u. a. eine entsprechende Verbindung zwischen Hirnaktivität und persönlicher Einschätzung des Glücks/der Zufriedenheit zeigen: Stärkere Aktivität des linken PFC korrelierte deutlich mit höherer subjektiver Zufriedenheit.Urry et al.: , psyphz.psych.wisc.edu.
Psychologische Glücksforschung
Der Beitrag der Psychologie zur Erforschung des Glücklichseins überschneidet sich in manchen Bereichen mit der empirischen und der soziologischen Glücksforschung. Er ist in erster Linie durch die handelnden Personen – Psychologinnen und Psychologen – definiert.
Michael Argyle (1925–2002) war einer der Pioniere der Psychologie des Glücks. Sein „Oxford Happiness Inventory“ (OHI) misst Glücklichsein nicht mit einer einzigen Frage, wie dies bei soziologischen Umfragen häufig vorkommt, sondern mit einem ganzen Fragenkatalog nach dem Vorbild der Neurotizismus-Tests von Eysenck und Maudsley. Noch wichtiger als seine Erkenntnisse ist ein Bekenntnis: „The research on happiness has not been theory driven“ (Der Glücksforschung geht keine Theorie voraus). Wohl stellt er Versuche fest, die beobachteten Gleichzeitigkeiten mit Erklärungen zu unterlegen, aber eine einheitliche Theorie des Glücklichseins fehlte in der Psychologie. Das bedeutet, dass sich die damalige Psychologie in erster Linie darauf beschränkt hat, das Glück als Erscheinung zu beobachten, ohne Theorien über seine Ursachen zu entwickeln und diese in der Folge experimentell zu überprüfen, wie dies zum Beispiel in der Naturwissenschaft zum Standard der Vorgangsweisen gehört.
In den nachfolgenden Jahren hat jedoch die überwiegend experimentell orientierte Psychologie die Frage gestellt, wie Gefühle und Erinnerungen auf die Beurteilung des eigenen Wohlbefinden einwirken und welche Urteilsprozesse dabei eine Rolle spielen. Viele dieser Ergebnisse sind in den von Strack, Argyle und Schwarz (1991) und von Kahneman, Diener und Schwarz (1999) herausgegebenen Sammelbänden zusammengefasst.
Zu Beginn des Jahres 1998 übernahm Martin E. P. Seligman, Professor an der University of Pennsylvania, für ein Jahr die Präsidentschaft der American Psychological Association (A.P.A.), der größten Psychologenvereinigung der Welt. In dieser Vereinigung ist es üblich, dass jeder Präsident ein Thema für sein Präsidentenjahr wählt. Schon an diesem ersten Tag seiner Amtszeit, eben am 1. Januar 1998, lud Seligman zwei Kollegen nach Akumal, Mexiko, um ihnen sein Thema vorzustellen: Die Psychologie sollte nicht mehr darauf beschränkt sein, Menschen von Leiden zu befreien, sie gleichsam „von minus 5 auf null“ zu bringen, sondern erstmals auch gesunde Menschen sinnvoll glücklich zu machen, also „von null auf +5“ zu heben. Eingeladen waren Ray Fowler, Geschäftsführer der A.P.A., und Mihály Csíkszentmihályi, der unter dem Kunstnamen „Flow“ psychologische Glücksforschung zu einer Zeit betrieben hatte, als sie in den Kreisen der Psychologen der USA noch verpönt war.
Ökonomische Glücksforschung
Unter dem Titel „Happiness Economics“ hat sich auch die Wirtschaftsforschung der Glücks-Problematik angenommen. Man entdeckte, dass das Streben nach Glück eine wirtschaftliche Triebkraft ist.
Die Kehrseite dieses glücklichen Konsums ist der Stress, mit dem das dazu nötige Geld erarbeitet werden muss. Der Schweizer Ökonomie-Professor Mathias Binswanger spricht von einer „Tretmühle“, die dem Laufrad im Käfig eines gefangenen Hamsters ähnlich sei (Hedonistische Tretmühle).Die Tretmühlen des Glücks. Herder, Freiburg im Breisgau 2006, ISBN 978-3-451-05809-7. Abhilfe verspricht nach übereinstimmender Meinung mehrerer Fachleute ein Abkoppeln vom Zwang nach dem Mehr und ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Leistung und Genuss („Work-Life-Balance“).