Die Malle Babbe (deutsch „Die verrückte Barbara“) ist ein Gemälde des holländischen Malers Frans Hals, das um 1640 bis 1646 entstand. Es hängt heute in der Berliner Gemäldegalerie und ist im Besitz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Es ist zudem unter den Namen Hille Bobbe und Hexe von Haarlem bekannt.
Bildbeschreibung Das 75 × 64 cm große Gemälde zeigt ein Brustbildnis einer alten, lachenden Frau, die an der Ecke eines Tisches sitzt. Mit der rechten Hand hält die Frau den Griff eines Bierkruges. Der Metallkrug mit einem offenen Deckel steht auf der in der unteren rechten gerade noch erkennbaren Ecke eines Holztisches. Der Betrachter sieht die Vorderseite des Kruges mit einer nicht genauer zu erkennenden Spiegelung sowie die Innenseite des aufgeklappten Deckels. Auf der linken Schulter der Frau sitzt eine Eule einer nicht genauer zu bestimmenden Art, deren Blickrichtung zum Bildbetrachter weist, während ihr Körper so gedreht ist, dass der rechte Flügel erkennbar ist.
Die gemalte Frau trägt ein Gewand aus braunem Stoff ohne auffällige Verzierungen. Dieser ist durch eine angedeutete weiße Schürze an den Hüften abgebunden. Auf dem Kopf hat sie eine weiße Haube und der Hals ist von einem breiten weißen, zerknitterten Kragen verdeckt, der bis zum Brustansatz reicht. Diese Kleidung entspricht vor allem der Mode der 1630er-Jahre, die sich als Alltags- und Arbeitskleidung allerdings auch in den darauf folgenden Jahrzehnten finden ließ.Stukenbrock 1993, S. 155. Die Frau sitzt mit der Körpervorderseite in einer leichten Schräge parallel zum Tisch und ist auf den rechten Ellenbogen aufgestützt. In dieser Haltung ist ihr Kopf so verdreht, dass sie zum rechten Bildrand bzw. in die linke untere Ecke schaut; was sie anschaut bleibt für den Betrachter verborgen. Das gesamte Gesicht ist zu einem breiten Lachen mit leicht geöffnetem Mund und zusammengekniffenen Augen verzerrt und in dieser Grimasse erstarrt.
Durch die Anordnung der Eule, der Frau und des Bierkruges entsteht eine sehr strenge Bilddiagonale von der rechten oberen Ecke zur linken unteren. Diese wird durch die Blickrichtung der Alten aufgelöst, die eine kreuzende Diagonale ergibt. Die Beleuchtung des Bildes erfolgt leicht nach links versetzt von vorn und wird vor allem durch die Spiegelungen an dem Krug und in der rechten Gesichtshälfte der Frau sowie durch die Schatten auf der rechten Gesichtshälfte, der vom Krug beschatteten Brustseite sowie dem Rücken der Frau betont. Als Farben herrschen vor allem dunkle Braun- und Grautöne vor.
Besondere Bedeutung erlangte das Bild durch die Malweise, die für die Arbeiten des 17. Jahrhunderts untypisch ist und in ihrer stilistischen Ausführung eher an die Impressionisten des 19. Jahrhunderts erinnert. Das Bild wurde mit kurzen, sehr kräftigen Pinselstrichen gemalt und lässt die für seine Zeit typischen feinen Ausführungen von Details vermissen. Einzelne Aspekte wie etwa die Schleife der Schürze wirken durch nur wenige Pinselstriche flüchtig und schnell eingefügt, wodurch das Bild auf den Betrachter sehr dynamisch und lebendig wirkt.
Namensfrage und Identität der Porträtierten mini|links|hochkant|Théophile Thoré Die Namensgebung des Gemäldes variiert in der Literatur zwischen dem heute anerkannten Namen Malle Babbe und dem als ungültig zu betrachtenden Namen Hille Bobbe. So ist die Malle Babbe bis in das mittlere 19. Jahrhundert als Hille Bobbe bezeichnet und bekannt geworden. mini|400px|Inschrift auf dem alten Keilrahmen Dies rührte von einer fehlerhaften Abschrift der Namensbezeichnung auf einem Teil des inneren Keilrahmens, der im 17. oder frühen 18. Jahrhundert dort eingebracht wurde. Dieser ist beschriftet mit Malle Babbe van Haerlem … Fr[a]ns Hals,u. a. Slive 1989, S. 396. statt Malle Babbe wurde allerdings Hille Bobbe gelesen und das Bild mit diesem Namen benannt. Erst durch die Veröffentlichungen von Théophile Thoré unter dem Synonym Willem Bürger 1868 und 1869 über Frans Hals und vor allem über die Malle Babbe wurde der Fehler aufgeklärt. Von wem die Beschriftung stammt, ist unbekannt, Frans Hals hat das Bild weder signiert noch beschriftet oder datiert.
Die verrückte Babbe konnte aufgrund eines Archivfundes des Gemeentearchief Haarlem als real existierende Frau mit dem Namen oder Spitznamen Malle Babbe identifiziert werden, die 1653 im Arbeitshaus von Haarlem untergebracht war und für die das Leprosenhaus 65 Gulden zum Unterhalt beisteuerte.Stukenbrock 1993, S. 155; Slive 1989, S. 395 f. Dieses diente zu dieser Zeit auch als Gefängnis und Irrenhaus.
Der Sohn Pieter von Frans Hals war etwa um dieselbe Zeit ebenfalls in dieser Anstalt untergebracht. Auf Beschluss der Bürgermeister von Haarlem vom 13. Juni 1642 wurde Pieter als schwachsinnig für den Rest seines Lebens im Arbeidshuis untergebracht. Die Unterbringungskosten von 100 Gulden jährlich zahlte ebenfalls zu einem Teil das Leprosenhaus, der Rest wurde vom Elisabeth-Hospital (Ste Elisabets Gasthuis) und dem Haarlemer Armenfonds aufgebracht. Es ist anzunehmen, dass Hals die reale Babbe bereits früher kennenlernte oder diese in Haarlem allgemein bekannt war. Pieter Hals starb 1667 und wurde am 8. Februar des Jahres auf dem Zuider Kerkhof, dem Haarlemer Südfriedhof, beerdigt.Slive 1989, S. 395 f. Über Malle Babbe gibt es keine weiteren Quellen. Mehr als ihre Existenz ist entsprechend nicht bekannt.
Datierung Der Entstehungszeitraum der Malle Babbe wird bis heute diskutiert. Die Gemäldegalerie datiert das Gemälde nicht mehr nach Slive um 1633 bis 1635, sondern um 1640 bis 1646. Frans Hals selbst hat das Bild weder signiert noch datiert, dadurch muss die Datierung durch den Malstil und andere Indizien erfolgen. So stellt die Malle Babbe das am spätesten datierte Genrebild Hals' dar, während er seine Arbeit danach auf Porträts und Gruppenporträts verlagerte. Der Malstil der Malle Babbe wird als konzis und stetig beschrieben und soll den späten Malstil vorwegnehmen.
Gustave Courbet fügte seiner Kopie der Malle Babbe eine Signatur Frans Hals sowie die Datierung 1645 zu, die jedoch als Erfindung betrachtet wird und nicht dem Originalzustand des Bildes entspricht, wie es zur gleichen Zeit etwa von Théophile Thoré beschrieben wurde, der das Bild im Jahr 1869 auf eine Zeitspanne von 1630 bis 1640 einordnete. Nach Carl von Lützow entstand es in den 1640er Jahren und Wilhelm von Bode sowie W. Unger und C. Vosmaer vertraten eine Einordnung um 1650. Letztere werden durch das Auftauchen des Dokuments von 1653, mit dem die reale Malle Babbe identifiziert werden kann, bestätigt.Stukenbrock 1993, S. 153 f.
Deutung und Ikonographie Die Malle Babbe wurde in vielfältiger Weise interpretiert und gedeutet, wobei vor allem ihr Gesichtsausdruck mit dem breiten Lachen sowie die Eule und der Bierkrug als Elemente des Bildes eine große Rolle spielen.
Die Hexe von Haarlem So wird sie bis heute häufig als Hexe von Haarlem bezeichnet und beschrieben, wobei beispielsweise Seymour Slive 1989 darstellt, dass man nicht an Hexerei glauben muss, „um überzeugt zu sein, daß ihre wilden, tierähnlichen Bewegungen und ihr dämonisches Lachen nicht daraus resultieren, wieviel sie vom Inhalt ihres gigantischen Kruges konsumiert hat, sondern dass beides von mächtigeren, mehr mysteriösen Kräften beherrscht wird.“Slive 1989, S. 236. Er vergleicht diese Wirkung mit Werken des späten Francisco de Goya, der die dunklen Seiten des Menschen ähnlich beschworen haben soll.Slive 1989, S. 236. Die Deutung als Hexe oder dämonisch besessene Frau tritt heute allerdings allgemein eher in den Hintergrund, vor allem im Vergleich mit anderen Gemälden des Künstlers.
Eule und Zinnkrug als Zeichen der Trunksucht Der Zinnkrug und die Eule auf dem Bild werden als deutliche Symbole der Trunksucht angesehen. Das Gesicht und das Verhalten der Malle Babbe auf dem Bild sind deutlich vom Alkohol geprägt, und durch die enorme Größe des Trinkgefäßes wird dieser in den Vordergrund gestellt. Die von Hals wahrscheinlich erst nachträglich in das Bild eingebrachte Eule wird heute mehrheitlich ebenfalls auf den Alkohol und die Trunksucht bezogen. Dabei bildet die niederländische Redewendung: „zo beschonken als een uil“ („besoffen wie eine Eule“) ein Hauptargument. Obwohl die Eule als Nachttier traditionell im Volks- und Aberglauben als Sinnbild für die Sünde und das Böse angesehen wird, spielt diese Deutung bei dem Bild nur eine untergeordnete Rolle.
mini|Louis Bernhard Coclers: Radierung nach Malle Babbe Die New Yorker Malle Babbe oder ihr heute nicht mehr bekanntes Vorbild diente Louis Bernhard Coclers als Vorlage für seine seitenverkehrte Radierung nach Malle Babbe. Auf seinem Bild erscheint unterhalb des Bildes folgendes Reimpaar:
Bartolomaeus Maton: Ein Narr mit einer Eule
Das Lachen über die Gesellschaft Das Lachen ist ein zentrales Element der Porträts von Frans Hals. „An't lachen kendmen den Zoot“ (am Lachen erkennt man den Narr.). So schreibt der Maler Vincent Van Gogh: „Ich habe über Heyerdahls Wort nachgedacht: »Je n’aime pas qu'une figure soit trop corrompue« – gesagt beim Zeichnen nicht einer Frau, sondern eines alten Mannes mit einem Verband über dem Auge, und ich fand es nicht wahr. Es gibt solche Ruinen von Gesichtern, in denen doch etwas liegt, ich zum Beispiel finde es in der »Hille Bobbe« von Frans Hals sehr gut ausgedrückt oder in einigen Köpfen Rembrandts.“ (Brief an Theo van Gogh, Den Haag 5. Februar 1883)Vincent van Gogh, zitiert nach: Van Gogh: Briefe, Gemälde, Zeichnungen. Sämtliche Briefe. Neuübersetzung von Eva Schumann, Herausgegeben von Fritz Erpel. 6 Bände. Henschel Verlag, Berlin 1965, Band 2, S. 188.
Einfluss auf spätere Werke und Kopien Die Malle Babbe wurde in zahlreichen Kopien und Varianten reproduziert, vor allem kurz nach ihrer Entstehung im auslaufenden 17. und beginnenden 18. Jahrhundert sowie zu Beginn des Impressionismus im späten 19. Jahrhundert.
Die New Yorker Malle Babbe mini|New Yorker Malle Babbe Das Metropolitan Museum of Art in New York City ist seit 1871 in Besitz eines dem Original ähnlichen Porträts, welches ebenfalls als Malle Babbe geführt wirdMetropolitan Museum und der ehemaligen Sammlung Cornet entstammt. Der Künstler dieses Bildes ist unbekannt, bis etwa 1880 wurde es allerdings als Gemälde Frans Hals’ betrachtet; die Beschreibung im Museum verzeichnet es heute als „im Stil von Frans Hals“.
Das 74,9 × 61 cm große Gemälde unterscheidet sich vom Original vor allem dadurch, dass die Komposition seitenverkehrt ist und die Eule entsprechend auf der rechten Schulter sitzt. Die Eule ist an den Beinen durch eine Schnur gefesselt, die sich bis zu den auf dem Tisch zusammengelegten Händen herunterzieht, außerdem hält die Babbe in diesem Bild keinen Bierkrug in den Händen. Signiert ist das Bild mit „FH“, wodurch sich die frühere Zuordnung zu Frans Hals erklären lässt.