mini|Spätgotisches Altarbild von 1471: Die Landschaft soll Balingen mit den Albbergen und der Schalksburg und dem gerade wiederhergestellten Hohenzollern darstellen
Die Herrschaft Schalksburg war ein mittelalterliches Territorium auf dem Gebiet des heutigen Zollernalbkreises. Am Beispiel seiner Entstehung und Entwicklung lässt sich die Territoriums- und Herrschaftsbildung des niederen und höheren Adels in Südwestdeutschland exemplarisch ablesen. Im 15. Jahrhundert bildete die Herrschaft Schalksburg zusammen mit der Herrschaft Mühlheim die Herrschaft Zollern-Schalksburg. Trotz des Verkaufs an Württemberg im Jahr 1403, durch den das Territorium im neu geschaffenen Amt Balingen aufging, wurde die Erinnerung an die Herrschaft Schalksburg besonders von zollerischer Seite wachgehalten. Im 19. und 20. Jahrhundert spielte diese Erinnerung eine maßgebliche Rolle in den Diskussionen über die territoriale Gestaltung der Region. Maßgeblichen Anteil an der Auffrischung dieser Erinnerung hatte Die Sage vom Hirschgulden, in der von Gustav Schwab berichteten und von Wilhelm Hauff in die Erzählung Das Wirtshaus im Spessart eingebundenen Fassung. Die historischen Territorien und die in ihnen entstandenen Identitäten hatten entscheidenden Einfluss auf die Festlegung der Struktur des heutigen Zollernalbkreises.
Herrschaftsbildung im Raum der späteren Herrschaft Schalksburg im Hochmittelalter Räumliche Einordnung mini|hochkant=1.5|Die Herrschaft Schalksburg innerhalb der zollerischen Grafschaften
Die Herrschaft Schalksburg umfasste im engeren Sinne die Stadt Balingen, die Feste Schalksburg, sowie die Ortschaften Onstmettingen, Erzingen, Endingen, Engstlatt, Burgfelden, Frommern, Oberdigisheim, Tailfingen, Truchtelfingen, Pfeffingen, Zillhausen, Streichen, Heselwangen, Dürrwangen, Laufen, Weilheim und Waldstetten. Hinzu kamen Höfe und die dazugehörigen Einkünfte in Tieringen, Stockenhausen und Wannental, Melchingen und der Kirchensatz in Roßwangen, sowie zunächst auch Bisingen. Dieser Teil entspricht, abgesehen von Bisingen, dem später an Württemberg veräußerten Teil. Im weiteren Sinne zählte in zollerischer Zeit auch die Herrschaft Mühlheim dazu. Diese bestand aus der Stadt Mühlheim, der Vogtei über das Augustinerchorherrenstift Beuron und den Orten Irndorf, Stetten, Böttingen, Königsheim, Mahlstetten, Buchheim, Allenspach und Aggenhausen, sowie der Burg Bronnen.
Das Territorium der späteren Herrschaft Schalksburg lag zum großen Teil auf dem Gebiet der ehemaligen Grafschaft Scherra des Herzogtums Schwaben. Der Name leitet sich vom althochdeutschen scorra ab und bezieht sich vermutlich auf die schroffen Felsen des Donau- und des Schmeientals und der Balinger Berge. Die Grenzen deckten sich mit alten kirchlichen Verwaltungsgrenzen. Auch an unterschiedlichen Maßsystemen lassen sich die Grenzen festmachen. Bis ins 15. Jahrhundert war die Bezeichnung uf der Scheer noch weit verbreitet.Heute wird diese Bezeichnung nur noch in „Harthausen auf der Scher“ verwendet. Auch in der Abgrenzung des Forsts auf der Scheer blieben die alten Grenzen sichtbar.
Unmittelbar außerhalb der Grenzen lagen die Stammsitze der Grafschaften, die sich im 13. Jahrhundert um das Territorium der Scherragrafschaft stritten: Die Burg Zollern im Norden, die Burg Hohenberg im Süden und Veringen im Osten. Etwas weiter abseits saßen die Herzöge von Teck, die Grafen von Württemberg und die Grafen von Urach.
Entstehung von Ortsadel mini|hochkant=1.5|Klöster mit Gutsbesitz im Gebiet der Scherragrafschaft mini|Schenkungsurkunde von Gütern im Eyachtal und Umgebung an das Kloster St. Gallen vom 27. März 793
Mitte des 12. Jahrhunderts führte das Fehlen eines starken Herrschers im Herzogtum Schwaben zum Erstarken gräflicher Familien wie der Staufer, der Zähringer, der Welfen und der Habsburger. Das Gebiet der späteren Herrschaft Schalksburg lag genau zwischen den Einflussgebieten der zwischenzeitlich zu Herzögen aufgestiegenen Staufersiehe Artikel Herzogtum Schwaben#Die Staufer. im Norden und der Zähringer im Südwesten. Die Orte in diesem Gebiet tauchten nur als königliche oder weltliche Schenkungen auf,Wilfried Schöntag: Der Kampf der Zollern und Habsburger um die Herrschaft Schalksburg. In: Andreas Zekorn, Peter Thaddäus Lang und Hans Schimpf-Reinhardt (Hrsg.): Die Herrschaft Schalksburg zwischen Zollern und Württemberg. Epfendorf 2005, ISBN 3-928471-56-2, S. 43–67. in älterer Zeit an die Reichsabteien St. Gallen und Reichenau, im 11. Jahrhundert an die Klöster Allerheiligen,Schöntag schreibt nur Allerheiligen, es dürfte wegen des zeitlichen Bezugs Allerheiligen in Schaffhausen gemeint sein. Eine mögliche Verwechslung besteht mit dem Kloster Allerheiligen (Schwarzwald). Stein am Rhein, Ottmarsheim, St. Blasien, St. Georgen, Alpirsbach, oder des Hochstifts Bamberg. Im Bereich dieser Schenkungen wurden von den Klöstern Vogteirechte vergeben. Diese erhielten entweder schon bestehende Kleinadelige, oft verbunden mit erblichen Lehen. Meist wurden sie aber an unfreie Ministeriale vergeben. Diesen gelang es oft, zunächst die Erblichkeit ihres Amtes durchzusetzen, um sich anschließend der klösterlichen Verfügungsmacht zu entziehen.Günther Bradler: Studien zur Geschichte der Ministerialität im Allgäu und in Oberschwaben. Göppingen, 1971, ISBN 3-87452-116-8, S. 55 ff. Die klösterlichen Grundherrschaften lösten sich dadurch im 12. und 13. Jahrhundert allmählich auf. Im hier betrachteten Raum konnten sich lediglich in Frommern und Truchtelfingen Fronhöfe der Abtei St. Gallen länger halten.
Auf der Basis von weltlichen und kirchlichen Lehen, ihrem Allodialbesitz und den zusätzlichen Vogteirechten bildeten sich also regionale Kleinherrschaften aus. Einige, wie die Herrschaften Burgfelden, Ebingen, Nusplingen oder Winzeln hatten im hier betrachteten Raum nur kurzzeitigen Bestand. Oft gelang es ihnen nicht, das Niedergericht in den Dörfern an sich zu binden. Dieses gelangte stattdessen in die Hände der benachbarten Grafen. Die anderen dienten weiter als Lehens- und Gefolgsleute den weltlichen und geistlichen Fürsten. Es bildete sich also eine, heute als Niederadel bezeichnete, Herrschaftsschicht aus, die einerseits aus Edelfreien, andererseits aus Ministerialen, die sich eine Ortsherrschaft aufbauen konnten, bestand. Diese Schicht wird heute oft fälschlich als Ritter bezeichnet. Der Begriff Ritter („miles“) bezeichnete lediglich einen militärisch ausgerüsteten Mann und diente erst in späteren Jahrhunderten als Standesbezeichnung.Günther Bradler: Studien zur Geschichte der Ministerialität im Allgäu und in Oberschwaben. Göppingen 1971, ISBN 3-87452-116-8, S. 52 ff.
Ursprünge der Zollern Die Edelfreien von Zollern waren eine der frühesten Familien in Süddeutschland, die sich nach ihrer Stammburg benannten. Eine Reichenauer Quelle des Jahres 1061 nennt Burchard und Wenzil „de Zolorin“. Herkunft und Verwandtschaftsverhältnisse sind aber ungeklärt. Diese erste und weitere Nennungen im Umfeld mit dem Kloster Reichenau lassen vermuten, dass die Zollern als Verwalter Reichenauer Kirchengutes auf oben genanntem Weg zu Macht gekommen sind. Um 1111 wurden den Zollern von Kaiser Heinrich V. Grafenrechte verliehen. Sie traten im 12. Jahrhundert hauptsächlich auf den Landtagen der Herzöge von Schwaben und auf den Hoftagen der Staufer im Zusammenhang mit schwäbischen Angelegenheiten auf. Daraus wird geschlossen, dass die Grafenrechte auf einem Lehen des Herzogtum Schwabens beruhten. Sie waren aber sowohl auf Landtagen der Zähringer als auch auf Landtagen Heinrichs des Löwen (für Lehen in der Nähe von Ravensburg) vertreten. Um 1125 besaßen sie eine Herrschaft mit eigenen Ministerialen. Der Mediävist Dieter Mertens nennt das „alter Adel in neuer Formation“.Dieter Mertens: Zur frühen Geschichte der Herren von Württemberg. In: ZWLG 49 (1990), S. 11–95. Hier S. 93 – zitiert nach: Wilfried Schöntag: Hohenzollern. In: Handbuch der baden-württembergischen Geschichte, Band 2. Die Territorien im alten Reich. Stuttgart 1995, ISBN 3-608-91466-8, S. 264.
Trennung der Hohenberger von den Zollern Die Grafen von Hohenberg waren ein Zweig der Familie der Zollern, der sich nach 1179 abgespaltet hatte. Burkhard, der älteste Sohn des letztmals 1150 belegten, ebenfalls Burkhard genannten B. von Zollern, nannte sich ab dieser Zeit sowohl nach der Burg Hohenberg als auch nach der Burg Zollern. Ebenso wurde sein Bruder Friedrich, der noch 1186 als Graf von Zollern auftrat, danach nur noch nach Hohenberg genannt.Wilfried Schöntag: Die Herrschaftsbildung der Grafen von Zollern vom 12. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts, in: Zeitschrift für Hohenzollerische Geschichte 32 (1996), S. 175 f. Sie traten das Erbe der Grafen von Haigerloch an, erwarben die Güter mehrerer edelfreier Familien im Raum Rottenburg am Neckar und waren Vögte der im oberen Neckarraum liegenden Besitzungen des Hochstifts Bamberg sowie der Klöster in Stein am Rhein und Allerheiligen in Schaffhausen. Sie verlegten ihren Sitz nach Haigerloch und Rottenburg, das sie um 1280 neu gegründet hatten.Die römische Gründung Sumelocenna war lange verfallen, eine Siedlungskontinuität ist nicht festzustellen. Die Verwaltung der Fläche überließen sie eigenen Ministerialen. Ab 1237 gründeten sie das Dominikanerinnen-Kloster Kirchberg als Hauskloster und Grablege.
Analog verlief die Entwicklung bei den Zollern. Sie gründeten Städte, wie Mühlheim (vor 1241), Hechingen (1255), Balingen (1255), Schömberg und Binsdorf, und bildeten ebenfalls eine eigene Ministerialität aus. Nachdem sie die Vogtei über das Kloster Alpirsbach an die Herzöge von Teck verloren hatten, gründeten sie das 1261 erstmals genannte Kloster Stetten als eigene Grablege. Das neue Selbstverständnis ging mit einem Wappenwechsel einher. Vom 1226 erstmals belegten Löwen wurde zur moderneren Form des Heroldsbildes gewechselt, dem silber und schwarz gevierten Schild, das 1248 erstmals nachgewiesen ist.Wilfried Schöntag: Hohenzollern. in: Handbuch der baden-württembergischen Geschichte. Band 2. Die Territorien im alten Reich. Stuttgart 1995, ISBN 3-608-91466-8, S. 366.
Machtkämpfe im Gebiet der späteren Herrschaft Schalksburg mini|Albrecht II. von Hohenberg (hier Graf von Haigerloch genannt) fällt in der Schlacht bei Leinstetten
Die Besitzungen der Zollern und Hohenberger waren zu diesem Zeitpunkt noch stark miteinander verzahnt. Zunächst gehörten Zollern und Hohenberg noch denselben Bündnisparteien an. 1262 waren Ulrich von Württemberg, Albrecht II. von Hohenberg und Friedrich V. von Zollern gemeinsam am Hof Konradins von Hohenstaufen anzutreffen, der damals – vor seinem fatalen Zug nach Italien – in Konstanz versuchte, die staufische Position im ehemaligen Kerngebiet seines Hauses zu sichern. Es kam zur teilweisen Anerkennung der – in den Auseinandersetzungen Friedrichs II. mit dessen Sohn Heinrich VII. errungenen – Positionen des süddeutschen Adels.
Albrecht II. von Hohenberg, als Schwager des Grafen und späteren Königs Rudolf von Habsburg, brach bald darauf aus diesem Bündnissystem aus. Er nutzte die Auseinandersetzungen Rudolfs von Habsburg um den Thron und später dessen Revindikationspolitik auf lokaler Ebene zur eigenen Machtkonsolidierung aus. Es kam zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen den betroffenen schwäbischen Adeligen und der Partei des späteren Königs.
1267 ist ein Angriff der Zollern auf Haigerloch belegt. Da Graf Albrecht von Hohenberg die Mannschaft zu dessen Verteidigung aus Ebingen, Binsdorf, Schömberg, Horb und Rottenburg rekrutierte, mussten schon vorher Auseinandersetzungen stattgefunden haben, in deren Verlauf Binsdorf und Schömberg in hohenbergische Hände gelangt waren.