Die Bezeichnung Europäischer Bürgerkrieg für die wiederholten Konfrontationen in Europa im Laufe des 20. Jahrhunderts machte der Historiker Ernst Nolte bekannt. Er nutzte diesen Begriff als Titel seines Buches Der Europäische Bürgerkrieg 1917–1945, das zusammen mit seinem Artikel Die Vergangenheit, die nicht vergehen will in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 1986 den Historikerstreit auslöste. Ungefähr zehn Jahre später gab es zu diesem Thema einige Veröffentlichungen an der London School of Economics and Political Science. Diese begannen mit der Veröffentlichung eines Werkes 1996, in dem der Spanische Bürgerkrieg als eine Episode eines größeren Europäischen Bürgerkriegs beschrieben wurde. Diese Position fand seitdem größere Akzeptanz. In den folgenden Jahren wurden weitere Arbeiten zu dieser Theorie veröffentlicht.

Der Begriff wird häufig zur Erklärung des schnellen Verfalls der europäischen Suprematie in der Welt und der Entstehung der Europäischen Union herangezogen. Obwohl nur eine Minderheit von Wissenschaftlern die Theorie des Europäischen Bürgerkriegs vertreten, erfreut sie sich dennoch zunehmender Beliebtheit. Die Zeit des Europäischen Bürgerkriegs wird vorwiegend auf den Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie viele Regimewechsel der Zwischenkriegszeit beschränkt. Jedoch gibt es hierzu keinen allgemeinen Konsens. Die Unterstützer der Theorie weisen meist auf das hohe Level der internationalen Beteiligung im Spanischen Bürgerkrieg und bisweilen den Russischen Bürgerkrieg hin.

Erste Prägung des Begriffes

In der Schrift Das geheime Europa, kurz vor seinem Tod an der Front verfasst, interpretiert Marc den Weltkrieg als einen Konflikt geistig-moralischer Art, der zwischen den Kräften eines progressiv-künstlerischen Europas und des säkularisiert-materialistischen Europas ausgetragen würde. Hier wird zum ersten Mal, und in Zeitgenossenschaft mit dem Konflikt, dieser als ein Bürgerkrieg, als einen Konflikt innerhalb einer kulturellen Einheit beschrieben.

Argumente für einen Europäischen Bürgerkrieg Noltes These

Diese radikale Wertung des Faschismus und des Nationalsozialismus, die Nolte als verwandt ansieht, als Reaktion auf den Bolschewismus hat eine heftige und vergiftete Debatte in den deutschen Zeitungen und Fachblättern, unter Historikern und anderen Intellektuellen hervorgerufen, die sicher hysterisch war, insofern häufig die Furcht vor einer Relativierung der Verbrechen des NS-Regimes eine rationale Argumentation erschwerten (siehe Historikerstreit). An der Stelle wissenschaftlichen Diskurses entstand eine politische Diskussion in den wichtigsten Medien der Bundesrepublik Mitte der 80er-Jahre. Noltes Thesen wurden nachträglich in Deutschland weitestgehend abgelehnt und auch nicht wieder offen aufgegriffen; aber der Begriff des Bürgerkrieges für die Zeit der Weltkriege, den er popularisierte, blieb. Auch gewann er an Anhängerschaft, die allerdings im Forschungsdiskurs bis heute eine Minderheit bildet.

Bewertung von Noltes Ansatz Der Europäische Bürgerkrieg, gleich ob er nun 1914 oder 1917 begann, ist zumindest als Hypothese interessant und führt zu einer neuen, und notwendigen Perspektive auf das Geschehen 1914–1945. Der Faschismus hat Wurzeln, die hinter die Russische Revolution reichen, wie auch der Nationalsozialismus. Dass der Nationalsozialismus eine deutsche Form des Faschismus sei, ist wohl zumindest sehr umstritten, wenn nicht sogar abzulehnen. Zu gravierend sind die Unterschiede in der ideologischen Grundausstattung: ständische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung im Faschismus, völkisch-rassische Konzeption beim Nationalsozialismus. Der Faschismus betont weder den Rassismus noch den Antisemitismus in einer der Hitlerschen Gedankenwelt ähnlichen Weise; der Vernichtungswillen gegen ganze Bevölkerungsgruppen und die Auflösung des Staates hin zu einem metaphysisch-verklärten „Führer“ kennt Italien nicht, denn neben Mussolini gab es immer noch den „Große Faschistischen Rat“, der ihn 1943 auch entmachtete. Der Nationalsozialismus war eine eigene deutsche Form der revolutionären Rechten, aber nur im Kontext zum Faschismus zu sehen, wenn auch nicht gleichzusetzen oder unter dem Begriff endgültig subsumierbar. Des Weiteren war die extreme Rechte, die sich nach 1918 bildete, nicht durchgehend antibolschewistisch, wie etwa Außenseiter wie Ernst Niekisch zeigen, oder der linke Flügel der NSDAP ja durchaus nicht dazu taugte, das Abendland vor dem Sozialismus zu retten. Gerade die gesamte sozialistische Rhetorik der Nationalsozialisten widerspricht Noltes These und lässt die Frage aufkommen, ob die revolutionäre Rechte keine Reaktion auf die Russische Revolution war, sondern eine gleichwertige Reaktion auf die Krise Europas seit 1914/1918, dass man also beiden Totalitarismen die gleiche Ausgangslage zubilligt und entgegen Nolte weder den Kommunismus Lenins noch den Faschismus/Nationalsozialismus „ursächlich“ sieht, also moralisch bewertet und apologisierend glättet. Auch die Kommunisten waren in der Weimarer Republik dem Nationalen nicht ablehnend gegenübergestellt, sondern es gab eine ganze Reihe von Momenten, wo eine Synthese von Sozialismus und Nationalismus naheliegend schien: Karl Radeks Versuch der „Schlageter-Linie“ und ebenso die „Querfront“-Gedanken der Kreise um Kurt von Schleicher, der gemeinsame Streik bei der Berliner Verkehrsgesellschaft 1932; all dies sind Zeichen für eine eher gemeinsame Ursache des Totalitarismus. Links – und Rechtsextreme waren sich einig in der Ablehnung von Bürgerlichkeit und Tradition, sie waren beide Anhänger eines radikalen Neuentwurfs. Es war der Kampf um die Vorherrschaft in Europa, der Kommunismus und Faschismus zu Todfeinden machte, nicht etwa dass der Kommunismus als Bedrohung des Abendlandes auf die Verteidiger der Kultur, die Faschisten trafen. Die ideologische Frontstellung in Europa war nach 1918: Der Liberalismus hätte abgewirtschaftet, und der Faschismus (mit dem Sonderfall des Nationalsozialismus) und der Kommunismus sind die beiden konkurrierende Prinzipien, die um die Zukunft des Kontinentes streiten. Die dirigistischen Ansätze der „Kriegswirtschaft“ 1914–1918 und die Krise des Kapitalismus ab 1929 waren beides Marksteine für eine tiefe Krise des Liberalismus, und beide Ereignisse machten die totalitären Gegenentwürfe von Links wie von Rechts plausibel. In Zeiten eines Massenstaates und der Massenkriege, in denen der Einzelne nichts bedeutete und die Toten in Millionen angegeben wurde, wirkte der Liberalismus nicht zeitgemäß, ja, wie Hohn. Dass der Liberalismus dann in Gestalt der westlichen Siegermächte in Westeuropa wieder dominant wurde, ist eine Reaktion auf das Scheitern der Totalitarismen und ihre Gräueltaten, die diese Konzepte völlig desavouierten.

Vorgeschichte Der Begriff des Europäischen Bürgerkrieges ist älter als die Kontroverse um Noltes Werk. Wie das Eingangszitat zeigt, das wohl den ersten Gebrauch dieses Begriffes darstellt, war schon bei den Zeitgenossen eine Vorstellung in Teilen vorhanden, dass dieser Weltkrieg von 1914 bis 1918 eine singuläre Wende in der europäischen Tradition und Geschichte war. Der Erste Weltkrieg wurde als eine Wende gesehen, die eine Zeit des Stillstandes und der Verknöcherung beendete und Platz schuf für eine neue, zeitgemäße und „moderne“ Ordnung; sowohl die revolutionäre Linke wie auch die künstlerische Avantgarde sahen ihre Verurteilung des Bestehenden bestätigt. Der Erste Weltkrieg war auch der Ursprung einer neuen Rechten, der extremen Rechten, die in Charles Maurras und der Action Française ein Präludium hatte. Es gab schon vor dem Ersten Weltkrieg eine Art Antizipation der Entwicklung in Europa in dessen Kolonien; die Behandlung der kolonialisierten Völker und der Aufständischen war nach Niederschlagung beziehungsweise Sieg der Kolonialmächte nicht die von Kriegsgefangenen, sondern von Verbrechern; man wollte nicht gerichtlich verurteilen, sondern vernichten. Die Kolonialkriege waren in Teilen schon Vorwegnahmen des Europäischen Bürgerkrieges, siehe hierzu etwa die Vernichtungsbefehle gegen die Herero und Nama.Bundesarchiv Potsdam, Akten des Reichskolonialamtes, RKA, 10.01 2089, Bl. 23, Handschriftliche Abschrift der Proklamation an das Volk der Herero und des Zusatzbefehls an die Kaiserliche Schutztruppe, 2. Oktober 1904. Vgl. Der Einsatz der Telegraphie im Krieg gegen Afrikaner. (PDF; 1,4 MB) S. 195. Die konfessionellen Kriege im 17. Jahrhundert wie auch die Kriege im Gefolge der Französischen Revolution nahmen Charakteristika des Bürgerkriegs an, weil sie die Grenzen der konventionellen Kriegsführung überschritten und teilweise die Partisanenkämpfe des 20. Jahrhunderts mit ihrer Verwischung der Trennung von Front und Hinterland vorwegnahmen.Enzo Traverso: Im Bann der Gewalt. Der europäische Bürgerkrieg 1914–1945. München 2008, S. 44ff. Im 19. Jahrhundert traten mit dem Guerilla-Kampf der Spanier 1808 bis 1813 und den deutschen Freikorps 1813 (Landsturm-Edikt) irreguläre Kämpfer auf, die Partisanentaktik anwendeten und somit den konventionellen Krieg um Aspekte erweiterten, die Bürgerkriegcharakter haben (Auflösung der Front, Kampf auch in Wohngebieten und unter Zivilisten, keine klare Uniformierung). Auch die „Franctireurs“ Léon Gambettas 1871 muss man in diesen Kontext einordnen (guerre à outrance).Der gesamte Abschnitt nimmt Bezug auf: Carl Schmitt: Theorie des Partisanen. Zwischenbemerkung zum Begriff des Politischen. Berlin 2010, S. 12–16 und 39f.

Epoche des Bürgerkrieges Der als klassischer Krieg geplante Konflikt von 1914 mündete in einer ideologischen Konfrontation, hervorgerufen durch die Russische Revolution 1917, einer nationalen Konfrontation aufgrund der Unabhängigkeit der osteuropäischen und südosteuropäischen Völker vom Zaren – wie vom Habsburgerreich, sowie einer sozialen Konfrontation durch die Entmachtung des Adels und der Durchsetzung sozialer Rechte auf Seiten der Arbeiter (zum Beispiel Achtstundentag). All diese Entwicklungen fußen auf Gegebenheiten, die schon vor 1914 entstanden sind: Marxismus, Massenstaat, Nationalisierung der Massen und technisch-industrielle Revolution waren die Bedingungen, unter denen der Weltkrieg das Gesicht Europas nun derartig stark verändern konnte. Dabei war am Ende der Konflikt nicht mehr im Sinne der abendländischen Kriegstradition „klassisch“, in dem er etwa der Clausewitzschen Konzeption und Begrifflichkeit entsprach. Vielmehr schuf die Kriegshandlungen 1914–1923 (1923 endete mit dem fehlgeschlagenen „Hamburger Aufstand“ die Zeit der Bürgerkriegsunruhen in Deutschland) ein neuartiges Bewusstsein des Totalitären, des „Alles – oder Nichts“. Das Zeitalter der Beliebigkeit, des Tradierten und der Diskussion war vorbei, nun wurden revolutionäre Entscheidungen gefordert und es schien, als ob eine radikale, alles verändernde Politik jederzeit möglich wäre. Am Ende des Krieges standen zwar einerseits die „Betrachtungen eines Unpolitischen“ von Thomas Mann, dessen Buch aber 1918 schon von den Ereignissen überholt wurde, andererseits radikale Werke wie Spenglers „Preußentum und Sozialismus“ von 1919 und Carl Schmitts berühmte Formulierung: