Homosexualität und römisch-katholische Kirche behandelt das Themengebiet Homosexualität und Christentum im Kontext der katholischen Soziallehre, Anthropologie, Sexualethik und Moraltheologie der römisch-katholischen Kirche.
Beim Begriff der Homosexualität unterscheidet die kirchliche Lehre zwischen der Neigung zu gleichgeschlechtlichen Partnern und daraus resultierenden Handlungen. Eine homosexuelle Neigung gilt als „objektiv ungeordnet“, weil sie zwar „in sich nicht sündhaft“ sei, aber „eine mehr oder weniger starke Tendenz, die auf ein sittlich betrachtet schlechtes Verhalten ausgerichtet ist“, begründe. Homosexuelle Handlungen dagegen werden als „moralische Unordnung“ betrachtet, die der „schöpferischen Weisheit Gottes entgegenstehen“ und dem Naturrecht widersprechen, weil die „Weitergabe des Lebens“ beim Geschlechtsakt ausgeschlossen bleibt. Sie entsprängen keiner „wahren affektiven und geschlechtlichen Ergänzungsbedürftigkeit“ und wären daher „in keinem Fall zu billigen“.
Nach katholischem Verständnis besteht eine Ehe aus Mann und Frau;John Hardon, Modern Catholic Dictionary die gleichgeschlechtliche Ehe wird sowohl im kirchlichen Verständnis des Ehesakraments, aber auch als rein staatliche Zivilehe abgelehnt. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften gelten als ungeeignete Umgebung für die Erziehung von Kindern, Legalisierungsbestrebungen als schädlich für die Gesellschaft.
Kirchliches Lehramt Die katholische Lehre verurteilt homosexuelle Handlungen als unmoralisch, gleichzeitig fordert sie, homosexuellen Menschen mit „Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen“ und sie nicht „in irgend einer Weise ungerecht zurückzusetzen“. Neigung zur Homosexualität unterliege keiner bewussten Entscheidung und wird daher nicht als Sünde betrachtet, zu der nach katholischer Lehre der freie Entschluss zu sündigen gehört. Allerdings geht damit eine „Tendenz, die auf ein sittlich betrachtet schlechtes Verhalten ausgerichtet ist“, einher, sodass „die Neigung selbst als objektiv ungeordnet angesehen werden [muss]“.
Homosexuelle Handlungen gelten wie alle Handlungen, die sich nicht dem höheren Gut der Liebe in der Ehe unterordnen (Masturbation, künstliche Empfängnisverhütung), sowie jede Begierde zur Sünde als objektiv falsch und moralisch schlecht.United States Conference of Catholic Bishops: Ministry to Persons with a Homosexual Inclination (PDF) 2006.
Auslegungen, die dieser Lehre widersprechen und Pressionsgruppen, die fordern, dass die katholische Kirche ihre Lehre bezüglich Homosexualität ändern solle, werden strikt abgelehnt. Jedoch werden die Bischöfe ermutigt, Seelsorgeformen zu unterstützen, die homosexuelle Personen auf allen Ebenen ihres geistlichen Lebens fördern, und die christliche Gemeinschaft ist aufgefordert, ihren homosexuellen Brüdern und Schwestern beizustehen, ohne sie zu enttäuschen oder in die Isolation zu treiben.
Persona humana
Die Kongregation für die Glaubenslehre veröffentlichte 1975 die Erklärung Persona humana, in der die Grundlagen der Sexuallehre der katholischen Kirche entfaltet werden. Darin wird die Sexualität des Menschen als zentrales Element der Persönlichkeit beschrieben, das dem menschlichen Leben seine grundsätzlichen, differenzierenden Charaktereigenschaften verleiht.
Aus der Finalität (Zeugung) erhalte der Akt der leiblichen Hingabe seine Würde und ohne diese stehe Homosexualität im Widerspruch zur Funktion der Sexualität in der natürlichen Ordnung, wie sie die Kirche in der Naturrechtslehre des Thomas von Aquin lehrt. Daher seien „homosexuellen Handlungen in sich nicht in Ordnung“ und ihre Akzeptanz widerspreche der kirchlichen Lehre und der Moral. Konstitutiv gehöre zur natürlichen Ordnung die Verschiedenheit der Geschlechter. Die Geschlechtslust sei dann ungeordnet, „wenn sie um ihrer selbst willen angestrebt und dabei von ihrer inneren Hinordnung auf Weitergabe des Lebens und auf liebende Vereinigung losgelöst wird.“ Danach finde die Sexualität ihren Sinn und ihre Würde nur in der Ehe und nur dann, wenn sie grundsätzlich auf Fortpflanzung ausgerichtet ist.
Bezug genommen wird auf eine Unterscheidung zwischen Menschen, „deren Neigung sich von einer falschen Erziehung, von mangelnder sexueller Reife“ oder anderen nicht-biologisch begründeten und als heilbar bezeichneten Ursachen herleitet und solchen, „die durch eine Art angeborenen Trieb oder durch eine pathologische Veranlagung“ unheilbar homosexuell sind. Die Meinung, dass diese zweite Kategorie aufgrund ihrer natürlichen Ursache „als Rechtfertigungsgrund für ihre homosexuellen Beziehungen in einer eheähnlichen aufrichtigen Lebens- und Liebesgemeinschaft“ angesehen werden kann, wird abgelehnt, weil eine moralische Rechtfertigung nicht allein davon abhängen könne, dass die „Handlungen als mit ihrer persönlichen Verfassung übereinstimmend erachtet würden“, während sie nach der „objektiven sittlichen Ordnung“ „ihrer wesentlichen und unerläßlichen Regelung beraubt“ seien.
Dass Homosexualität als „Anomalie“ bezeichnet wird, unter der Homosexuelle leiden, kritisiert Jeffrey Siker als negative sprachliche Konnotation und zeichnet einen Kontrast zu neutraleren oder gar positiven Interpretationen homosexueller Orientierung in den folgenden Jahren. Im Schreiben der Kongregation für die Glaubenslehre an die Bischöfe der katholischen Kirche Über die Seelsorge für homosexuelle Personen von 1986 wies Joseph Ratzinger darauf hin, dass die Beschreibung homosexueller Handlungen als intrinsisch ungeordnet („in sich nicht in Ordnung“) teilweise missinterpretiert wurde, dass damit homosexuelle Neigungen als „indifferent oder sogar gut“ hingestellt würden. Dies sei jedoch eine „über die Maßen wohlwollende Auslegung“ und er stellt klar, dass bereits eine homosexuelle Neigung „objektiv ungeordnet“ sei. Diese Formulierung wurde auch im Katechismus übernommen.
Katechismus Im Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) ist dem Thema der Abschnitt Keuschheit und Homosexualität (2357–2359) gewidmet. Dieser beruft sich auf Persona humana, die biblischen Texte , , und und die lebendige Tradition der Kirche, deren enge Verbindung in Dei verbum betont wird.
In Absatz 2359 lehrt der Katechismus, dass für Homosexuelle das Leben in Keuschheit und in Annäherung an die christliche Vollkommenheit „vielleicht auch mit Hilfe einer selbstlosen Freundschaft“ bewältigt werden könne.
In der vorläufigen Fassung von 1992 wurde Homosexualität noch als eine „nicht selbstgewählte Veranlagung“ bezeichnet, in der maßgeblichen Fassung von 1997 als „tiefsitzende Tendenz“, deren psychische Entstehung weitgehend ungeklärt ist;Oldenbourg Verlagsgruppe – Lektorat Geisteswissenschaften: , 2003. diese „Neigung“, die „objektiv ungeordnet“ sei, stelle für die meisten Betroffenen eine Prüfung dar. Der Katechismus rät, homosexuellen Menschen „mit Achtung, Mitgefühl und Takt zu begegnen. Man hüte sich, sie in irgend einer Weise ungerecht zurückzusetzen“ (Nr. 2358).
In der Differenzierung von lässlichen Sünden, Todsünden und himmelschreienden Sünden im Katechismus zählt nach KKK 1867 die Sünde der Sodomiter mit Verweis auf und (nicht aber auf ) zu letzteren und ist damit als schwerwiegende Störung der sittlichen Ordnung gekennzeichnet.Karl Hörmann: Tötung (des Menschen). In: Lexikon der christlichen Moral. 1976, Sp. 1592–1596, Onlineversion bei stjosef.at. Bei der „Sünde der Sodomiter“ handelt es sich nach Johannes M. Schwarz (2005) um „Sodomie“, Pädophilie und homosexuelle Akte.Johannes M. Schwarz: Sündenmathematik: Eine katholische Zahlenlehre, kath.net vom 3. Januar 2005 & Amici-News Jänner 2005 Nach Joseph Schumacher (2005) zählen Homosexualität, Päderastie und Bestialität (Zoophilie) dazu.Joseph Schumacher: Der Katechismus, theologie-heute.de, Version: 1. Januar 2008, Abruf: 8. Juli 2008. Nach Karl Hörmann (1969, 1976) handelt es sich um „Sodomie“,Karl Hörmann: Sünde. In: Lexikon der christlichen Moral. 1976, Sp. 1529–1544, Onlineversion bei stjosef.at. wobei es sich bei Sodomie im Vollsinn um homosexuelle Betätigung handelt.Karl Hörmann: Sodomie. In: Lexikon der christlichen Moral. 1969, Sp. 1102 f., Onlineversion bei stjosef.at. Nach Franz Xaver Linsenmann (1878) handelt es sich um „vollendete widernatürliche Unzucht“Franz Xaver Linsenmann: Lehrbuch der Moraltheologie, Freiburg im Breisgau 1878, S. 180; zitiert bei Doris Maria Märzinger: Das Verschwinden der himmelschreienden Sünden in der europäischen Kirchenpraxis, Wien 1989, Diplomarbeit an der Katholisch-theologischen Fakultät Wien unter der Leitung von Paul Zulehner, S. 55–56; zitiert in: Karl Golser: , Version vom 23. Mai 2007., aber auch um „Mangel an Barmherzigkeit gegen Arme und rohe Beschimpfung der Fremden, um dem Zuströmen der Fremden Einhalt zu tun“.Franz Xaver Linsenmann: Lehrbuch der Moraltheologie, Freiburg im Breisgau 1878, S. 180 f.; zitiert bei Paul Zulehner: Gemeindepastoral – Kirche ereignet sich in Gemeinden, erschöpft sich aber nicht in ihnen (PDF; 1,1 MB), Wien 1989, Online-Version bei homepage.univie.ac.at/paul.zulehner, S. 73, Fußnote 299. Der Freiburger Moraltheologe Anton Koch zählte 1910 alle sexuellen Handlungen dazu, die den Zweck haben, die Fortpflanzung zu vereiteln (Naturwidrigkeit).Anton Koch: Lehrbuch der Moraltheologie, Freiburg 1910, S. 167 f.; zitiert bei Doris Maria Märzinger: Das Verschwinden der himmelschreienden Sünden in der europäischen Kirchenpraxis, Wien 1989, Diplomarbeit an der Katholisch-theologischen Fakultät Wien unter der Leitung von Paul Zulehner, S. 59–60; Hinweis in: Karl Golser: , Version vom 23. Mai 2007. Josef Scharbert sah 1985 die eigentliche Schuld der Sodomiter in der „Gewalttätigkeit, mit der sie sich über alles Recht, hier vor allem das Gastrecht, hinwegsetzen und Mitmenschen wider alles Recht und alle Sitte zwingen, ihren Lüsten dienstbar zu sein.“Josef Scharbert: Genesis (Die Neue Echter Bibel, Neues Testament 17/19), Würzburg 1985, S. 154; zitiert bei Doris Maria Märzinger: Das Verschwinden der himmelschreienden Sünden in der europäischen Kirchenpraxis, Wien 1989, Diplomarbeit an der Katholisch-theologischen Fakultät Wien unter der Leitung von Paul Zulehner, S. 14; zitiert in: Karl Golser: , Version vom 23. Mai 2007.
Über die Seelsorge für homosexuelle Personen Das im Oktober 1986 verfasste Schreiben an die Bischöfe der Katholischen Kirche über die Seelsorge für homosexuelle Personen der Glaubenskongregation ist eine pastorale Instruktion über den Umgang mit Homosexuellen in der Seelsorge. Es sollte etwaige Ambiguitäten bezüglich der Toleranz homosexueller Orientierung ausräumen, die von Persona Humana ausgingen und hatte einen besonderen Fokus auf die Kirche in den Vereinigten Staaten, wo der Einfluss von Homosexualität befürwortenden Gruppen und Klerikern gewachsen war.
Im Schreiben wird ausgeführt, dass homosexuelle Orientierung zwar keine Sünde sei, aber eine Tendenz zu „moralisch schlechten“ homosexuellen Handlungen mit sich bringt und daher als „objektive Unordnung“, die von der Norm der naturgegebenen Dinge abweicht, betrachtet werden müsse. Robert J. Dempsey führt einen Vergleich mit Kleptomanie an, die zwar nicht in sich sündhaft ist, aber eine objektive Störung, die zu moralisch falschen Handlungen führt. Niemand wähle für sich selbst, Kleptomane zu sein und niemand wolle dies sein. Und je zwanghafter diese psychische Störung ist, desto geringer sei die Schuldfähigkeit dadurch hervorgerufener Handlungen. Dennoch könne man Kleptomanen keine Erlaubnis zu beliebigem Stehlen geben, ihnen ein natürliches oder verfassungsgemäßes Recht auf Diebstahl zusprechen oder Kleptomanie einfach als alternative Form menschlichen Lebens festschreiben. Siker interpretiert dies, dass homosexuelle Identität nicht gefeiert werden oder angemessen mit Stolz erfüllen könne.
Physische oder verbale Gewalt gegen Homosexuelle wird klar verurteilt.