Jens Jürgen Rohwer (* 6. Juli 1914 in Neumünster; † 4. Juni 1994 in Lübeck) war ein deutscher Komponist, Musikpädagoge, Musikwissenschaftler und Autor.

Familie Jens Rohwer war ein Sohn von Charlotte und Klaus Johann Heinrich Rohwer.Gesammeltes über Klaus Johann Heinrich Rohwer (Vater). Memoiren (Gedicht, Erinnerungen, Lebensbilanz, Zeichnung). Von Jens Rohwer eigenhändig dazugeschrieben: von meinem Vater Klaus Johann Heinrich Rohwer. Nachgelassen. In: Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek, Nachlass Jens Rohwer, Signatur Cb 147.87:01,,01-02; kalliope-verbund.info Die Familie war musikliebend und künstlerisch interessiert, der Vater spielte Klavier und Cello.Helmut König: „Wer nur den lieben langen Tag“. Gedankenreise um das Lied von Jens Rohwer. (PDF; 85 kB) In: Barbara Stambolis, Jürgen Reulecke (Hrsg.): Good-bye memories? Lieder im Generationengedächtnis des 20. Jahrhunderts. Klartext, Essen 2007, ISBN 978-3-89861-769-7, S. 137 ff.

Jens Jürgen Rohwer heiratete am 30. September 1944 in NeumünsterStandesamt Neumünster, Reg.-Nr. 316/1944, gem. amtl. Auskunft v. 12. März 2018.Jens Hochzeit am 30.09.1944 in Neumünster. In: Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek, Nachlass Jens Rohwer, Signatur Cb 147.87:03,,01; kalliope-verbund.info die vier Jahre jüngere Gabriele Carry Zimmermann (1918–1998),Nachruf Gabriele Rohwer. In: Lübecker Nachrichten, 9. Dezember 1998. mit der er sechs Kinder bekam, drei Töchter und drei Söhne, darunter Anna Wenka Rohwer (* 1945),Standesamt Neumünster, Reg.-Nr. 646/1945, gem. amtl. Auskunft v. 12. März 2018. der spätere Sozialwissenschaftler und Hochschulprofessor Götz Raimund Rohwer (* 28. März 1947 in Neumünster; † 16. März 2021 in Hamburg), der spätere Violinist im WDR-Sinfonieorchester, Ludwig Friedemann Rohwer (* 23. März 1949 in Neumünster; † 15. Juni 2024 in Köln),Standesamt Neumünster, Reg.-Nr. 334/1949, gem. schriftl. Auskunft v. 12. März 2018.Sterbeanzeige Friedemann Rohwer. In: Kölner Stadt-Anzeiger / Kölnische Rundschau / Express, 22. Juni 2024. der spätere Minister, Volkswirtschaftler und Hochschulprofessor Claus Bernd Heinrich Rohwer (* 1951) und Katharina Charlotte Rohwer (* 1956).Standesamt Neumünster, Reg.-Nr. 768/1956, gem. amtl. Auskunft v. 12. März 2018.

Leben mini|Im Erdgeschoss des Wohngebäudes Arche (5. Fenster von links) mit Blick auf den Botanischen Garten (Lehrgarten) der Schule am Meer auf Juist lebte Jens Rohwer zwischen 1930 und 1933 mini|Jens Rohwer (Violine) 1931 unter der Leitung von Eduard Zuckmayer im Orchester der Schule am Meer auf Juist (links neben dem Dirigenten der vierte dunkelhaarige Streicher)

Jens Jürgen Rohwer erhielt ab dem Alter von neun Jahren Geigenunterricht und bald darauf auch Klavierunterricht. Er begann früh zu komponieren, 24. Oktober 2014, auf: neumuenster.de und durfte bereits im Alter von elf Jahren dem zu dieser Zeit in Kiel lehrenden Universitätsprofessor Fritz Stein eine eigene Klaviersonate vorspielen.

Nach dem Besuch der Volksschule und der Holstenschule in Neumünster war Rohwer von Oktober 1930 bis April 1933 Stipendiat des von Martin Luserke geleiteten reformpädagogischen Landerziehungsheims Schule am Meer auf der Nordseeinsel Juist.Schülerbuch der Schule am Meer, Blatt 174. In: Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel, Nachlass Luserke, Martin, Signatur Cb 37. Dort wurde Rohwer von dem Komponisten und Konzertpianisten Eduard Zuckmayer sowie dem von Josef Wolfsthal ausgebildeten Violinisten Kurt Sydow musikalisch unterrichtet und lernte als Mitschülerin u. v. a. die spätere Komponistin Felicitas Kukuck kennen. Retrospektiv bezeichnete Rohwer seinen multibegabten Lehrer Luserke als hervorragenden Bach-Pianisten. Dessen stark musisch orientiertem Landschulheim, durch das Rohwer mit der Jugendbewegung und der daraus hervorgegangenen Jugendmusikbewegung in alltägliche Berührung kam, schrieb Rohwer zu, ihn während seiner Jugend am stärksten geprägt zu haben.

Nach dem Abitur, das er u. a. neben Rolf Pappiér im Loog auf Juist im März 1933 als einziger mit Auszeichnung ablegte,Logbücher der Schule am Meer Juist, Eintrag vom 22. März 1933 trat er dem Jungstahlhelm bei und begann ein Studium der Nationalökonomie,Schreiben von Jens Rohwer an seinen ehemaligen Mitschüler Hubert Kelter vom 20. Juni 1989, maschinenschriftlich. In: Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek Kiel. womit er vor dem Hintergrund der Fabriken seiner Familie das romantische Ziel verband, in industrielle bzw. gewerbliche Großbetriebe neue musische bzw. kulturelle Vorstellungen zu integrieren.

Seine erste Komposition, das Singspiel Der kleine Klaus und der große Klaus, erschien 1933 beim Voggenreiter-Verlag in Potsdam, den er durch Luserke vermittelt bekam. Dieser und weitere Verlage (Bärenreiter, Kallmeyer → Möseler), von denen teils Luserkes und Rohwers Werke verlegt wurden, waren Bestandteile der Jugendbewegung. Sie gewannen in der Folge während des ausgehenden Deutschen Kaiserreiches und vor allem im Verlauf der Weimarer Republik maßgeblichen Einfluss auf die Bündische Jugend und deren Mentalität, während der Zeit des Nationalsozialismus auf den Bund Deutscher Mädel (BDM) und die Hitlerjugend (HJ), die beide ganz bewusst die bündischen Rituale und Traditionen aufsogen, und ebenso auf die bundesrepublikanische Nachkriegsjugend der 1950er und 1960er Jahre.

mini|Rohwer studierte 1934/35 bei Georg Götsch im Musikheim Frankfurt an der Oder mini|An der Hochschule für Musik in Berlin studierte Rohwer ab 1936 Schulmusik bei Paul Hindemith und Heinrich Spitta mini|An der Reichsuniversität Posen setzte Rohwer nach seiner schweren Kriegsverwundung sein musikwissenschaftliches Studium bis zum Wintersemester 1944/45 fort Nach raschem Wechsel der Fachrichtung studierte Rohwer 1934/35 bei Georg Götsch, der die Erziehung zum „musischen Menschen“ propagierte, im 1928 gegründeten Musikheim in Frankfurt an der Oder, wo er erneut auf Kurt Sydow traf, welcher von der im Frühjahr 1934 auf Juist geschlossenen Schule am Meer dorthin gewechselt war. Bei Paul Hindemith und Heinrich Spitta studierte Rohwer anschließend an der Hochschule für Musik in Berlin Schulmusik.Walther Killy: Dictionary of German Biography. Walter de Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-11-096630-1, S. 399.

Obwohl er sich im NS-StudentenbundFred K. Prieberg: Handbuch Deutsche Musiker 1933–1945, CD-ROM-Lexikon, Kiel 2009, 2. Auflage, S. 6221. und im NS-DozentenbundErnst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-10-039326-5, S. 494. engagiert sowie Gebrauchsmusik im Sinne des Regimes vertont hatte, verbot das Amt Rosenberg wegen des eindeutig ersichtlichen christlichen Bezugs sein Oratorium Und da war Gottes Name.

Nach seinem Staatsexamen wurde er 1938 zum Wehrdienst einberufen und nach Kriegsbeginn während des Unternehmens Barbarossa 1941 in der Sowjetunion schwer verwundet. Während seiner Rekonvaleszenz kam er mit Fritz Jöde in Kontakt, der Schlüsselfigur der Jugendmusikbewegung vor 1933, einem Musikpädagogen des Wandervogels. Rohwer komponierte während dieser Zeit und veröffentlichte dreißig Lieder für Klavier mit selbst verfassten Gedichten nach einer Erzählung Adalbert Stifters.

Durch seine schwere Verwundung nicht mehr kriegsverwendungsfähig (k.v.), ließ er sich an die Gaumusikschule nach Posen abkommandieren, an der er zwischen 1943 und 1945 unter Direktor Georg Blumensaat (1901–1945)M. Vetter: Nachwuchs konzertierte – Vorführungsabend der Gaumusikschule. In: Posener Tageblatt, 81. Jg., Nr. 68, 9. März 1942, S. 4. (Als Spalte mit eigenem Zeitungsheader integriert in Ostdeutscher Beobachter [Organ der NSDAP; Verkündungsblatt des Reichsstatthalters], 4. Jg., Nr. 68, 9. März 1942, S. 4.) neben Kollegen wie Walter Sewigh (1878–1952) lehrte und gleichzeitig sein musikwissenschaftliches Studium an der Reichsuniversität Posen fortsetzte.Jens Rohwer. merseburger.deMichael Struck: Werkeinführung aus Anlass des 100. Geburtstages und 20. Todestages von Jens Rohwer. Stadtbibliothek Neumünster, 14. März 2015

1944 komponierte und textete er u. a. das vor der Realität des zu dieser Zeit stattfindenden Vernichtungskrieges die Augen verschließende ideologiefreie Lied Wer nur den lieben langen Tag … Darin verhieß er einer „munteren, fürwahr, fröhlichen Schar“ die Reise ins „Jungbrunnenreich“, „solang die Welt nicht in Scherben fällt“, obwohl ihm in Posen die dort herrschenden Zustände nicht verborgen geblieben sein konnten.

Vor der heranrückenden Roten Armee floh er Anfang 1945 vom deutsch okkupierten Reichsgau Wartheland unter sehr erschwerten Bedingungen ins Elternhaus nach Neumünster, zumal seine Kriegsverletzung erneut der Behandlung bedurfte.Jens Rohwer: 1914-1994. Eine Gedenkschrift, Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek (Hrsg.), Kiel 1998, S. 5–6.

Von seinen Kompositionen für NS-Liedgut distanzierte sich Rohwer in der Nachkriegszeit und entschuldigte sich explizit. Erst nach Kriegsende habe er „das menschenverachtende und verbrecherische Wesen des Nationalsozialismus“ erkannt, und es sei ihm „schmerzlich bewusst“ geworden, „… wie nah die bündisch organisierte, völkisch gesinnte Jugendbewegung dem Nationalsozialismus gestanden“ habe.Svea Regine Feldhoff: Jens Rohwer. In: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck. Band 13. S. 420. Jens Rohwer sei „auch in Anbetracht seiner politischen Holzwege in jungen Jahren trotzdem nicht als Opportunist einzustufen“.Dr. Klaus Fahrner: Begrüßung zum Gedenkakt für Jens Rohwer am 14. März 2015, Stadtbücherei Neumünster, Neumünster 2015, Redemanuskript, S. 2.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit wurden seine einstimmigen Lieder, vor allem aus der Sammlung „Das Wunschlied“, durch Fritz Jöde, Gottfried Wolters und viele weitere Musikpädagogen verbreitet. Dazu trug zweifellos bei, dass Rohwers Lied „Wer nur den lieben langen Tag…“ musikalisch sehr eingängig war.

Auch sein Musikantenkanon „Fa la la la la la la la la la la, musica“ ist durch Fröhlichkeit, die Freude an der Musik und am Gesang gekennzeichnet: „Fa la la la la la la la la la la, musica, musica, musica, fa la la la la la la la la la la, artium suprema est. Hundertfach geschwungen, gehupft wie gesprungen, jeder Ton ein Fest. Fa la la la la la la la la la la, musica, musica, musica, fa la la la la la la la la la la, artium suprema est. Munter, munter! Kunterbunter Kontrapunkt, doch ah, die Einigkeit ist doch da, die harmonia, die harmonia, die Harmonie, ja!“ (1. Strophe, F-Dur, mindestens drei Kinder- oder Frauenstimmen) volksmusik-forschung.de, abgerufen am 8. August 2025. Auf: musicanet.org Dieser Kanon hat im deutschen Sprachraum, teils aber auch international, viele Schüler, Studierende und Erwachsene geprägt.„Falala … Musica artium suprema est“ – Singen mit Söthje. reichwein.hypotheses.orgSabine Nitschke: In: Kieler Nachrichten, 3. März 2015; kn-online.de, abgerufen am 8. August 2025.

Rohwer war ab 1946 an der Landesmusikschule Schleswig-Holstein in Lübeck für Komposition, Tonsatz und Gehörbildung tätig, an der er auch nach deren Neugründung 1950 als Schleswig-Holsteinische Musikakademie und Norddeutsche Orgelschule weiter lehrte. Er leitete sie von 1955 bis 1971 als Direktor.Sinnsuche: Zum Tod des Komponisten Jens Rohwer. In: FAZ, 8. Juni 1994, S. 36.

mini|Rohwer wirkte in den 1950er Jahren auch am Jugendhof Barsbüttel Rohwer leitete die „Arbeitswochen für neue Kompositionen“ des Jugendhofes Barsbüttel und war Gründer des Barsbütteler Arbeitskreises für neue Komposition, in dem er nach 1950 Komponisten und Musiktheoretiker der Hochschulen zusammenbrachte.Jugendhof Barsbüttel Fritz Jöde und eine Bachwoche. In: Die Zeit, 6 (1948), 5. Februar 1948. Zu den Mitgliedern des Kreises zählten Wilhelm Keller, Manfred Kluge, Friedrich Neumann und andere.