mini|250px|Die Lage der arbeitenden Klasse in England, Leipzig 1845 Die Lage der arbeitenden Klasse in England mit dem Untertitel Nach eigner Anschauung und authentischen Quellen ist eine wichtige Arbeit und Frühschrift von Friedrich Engels aus dem Jahr 1845, in der er die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse in England zur Zeit der frühen Industrialisierung darstellt. Die Schrift gilt als Pionierwerk der empirischen Sozialforschung und erhebt eine vernichtende Anklage gegen die englische Bourgeoisie, deren „zügellose Profitgier“ Engels für die Verelendung der Arbeiter verantwortlich machtLothar Peter: Die Lage der arbeitenden Klasse in England. In: Georg W. Oesterdiekhoff (Hrsg.): Lexikon der soziologischen Werke. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2001. – bis hin zum „sozialen Mord“ durch unzureichende Lebensumstände.vgl. Engels, 1845, S. 325. Die Veröffentlichung ist ein Standardwerk der Industrie- und Stadtsoziologie und wird von der UNESCO als „Meisterstück ökologischer Analyse“ bezeichnet. Das Werk erreichte nicht zuletzt durch die Verknüpfung von empirischer Beschreibung und theoretischer Verallgemeinerung eine enorme Popularität und gilt als Modell für gesellschafts-, wirtschafts- und kulturkritische Schriften, etwa für Der Weg nach Wigan Pier von George Orwell.Josef Rattner, Gerhard Danzer: Die Junghegelianer – Porträt einer progressiven Intellektuellengruppe. Königshausen & Neumann, Würzburg 2005. S. 194. – Orwell griff Elemente Engels’ in seinem Werk Der Weg nach Wigan Pier (1937) auf, in dem er die sozialen Verhältnisse der Bergwerksstadt Wigan nahe Liverpool beschreibt. Umgekehrt bediente sich Engels an Motiven der zeitgenössischen Pauperismusliteratur, deren bekanntester Vertreter Charles Dickens (1812–1870) etwa mit Oliver Twist (1839) die „sozialen und gesellschaftlichen Missstände der Epoche ungeschminkt“ darstellte. Die christlich-humanitären Verfasser der Pauperismusliteratur wollten allerdings die Missstände beseitigen, nicht aber die Ursachen.Günter Wallraff: Die Lage der arbeitenden Klasse in England. In: Die Zeit, 22. Juli 1983, Nr. 30. Trotz seiner sozialen Bedeutung steht Engels Werk in der Kritik, zu wenig Objektivität zu wahren; als Schrift des 19. Jahrhunderts kann sie – zeitgemäß bedingt – die heutigen anerkannten Standards wissenschaftlicher Feldforschung nicht erfüllen.
Zum Werk Entstehung und inhaltliche Struktur Das Werk entstand nach einem 21-monatigen Aufenthalt des damals 24-jährigen Engels in England, wobei auch Erfahrungen aus früheren Besuchen in den vorangegangenen zwei Jahren und über die Lage der Arbeiter in seiner Heimatstadt Barmen eine Rolle spielten. Engels hatte zahlreiche Städte besucht, darunter die „Fabrikstädte“ Nottingham, Birmingham, Glasgow, Leeds, Bradford und Huddersfield, größere Städte mit eigenen Arbeitervierteln wie London (St. Giles), Manchester und Liverpool sowie die Städte Salford, Stalybridge, Ashton-under-Lyne, Stockport und Bolton. Nach seiner Rückkehr im Sommer 1844Fabian Kessl, Christian Reutlinger (Hrsg.): Schlüsselwerke der Sozialraumforschung – Traditionslinien in Text und Kontexten. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden 2008. S. 189f. verarbeitete Engels die Thematik gemäß dem Untertitel des Werks „nach eigner Anschauung und authentischen Quellen“ auf knapp 400 Seiten,Josef Rattner, Gerhard Danzer: Die Junghegelianer – Porträt einer progressiven Intellektuellengruppe. Königshausen & Neumann, Würzburg 2005. S. 189f.In den Marx-Engels-Werken nimmt die Schrift etwa 270 Seiten ein. die er von November 1844 bis Mitte März 1845 in Barmen niederschrieb. Die Auswertung seiner persönlichen Eindrücke ergänzte er durch zeitgenössische Quellen wie Zeitungsartikel, Berichte amtlicher Kommissionen wie Inspektionen und wissenschaftliche Publikationen.Matthias Bohlender: „… um die liberale Bourgeoisie aus ihrem eignen Munde zu schlagen“ – Friedrich Engels und die Kritik im Handgemenge. In: Marx-Engels-Jahrbuch 2007. Akademie Verlag, Berlin 2008. S. 26. Die Quellen lassen sich unterteilen in statistische Daten aus soziografischen Untersuchungen privater und regierungsamtlicher Natur sowie Zeugnisse, Analysen und Traktate bürgerlicher Autoren,Zu nennen sind hier vor allem James Phillips Kays The moral and physical condition of the working classes (1832), Peter Gaskells The manufacturing population of England (1832) und Archibald Alisons The principles of population, and their connection with human happiness (1840) die nicht im Verdacht stehen, Chartisten oder Sozialisten zu sein, vor allem Thomas Carlyle. Carlyle war in gewisser Weise eine „Initialzündung“ für Engels und seine Darstellung der englischen Arbeitersituation, indem Carlyle in seinen Schriften – etwa Chartism (1839) und Past and Present (1843) – argumentierte, die „führenden Klassen“ würden sich im Zuge einer „politischen Selbsttäuschung“ systematisch weigern, „die Führung zu übernehmen“ und wären demnach unfähig, „noch länger die herrschende Klasse der Gesellschaft zu bleiben“.Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei. In: MEW. Bd. 4. S. 473. Herv.: MB. Neben den genannten Quellen verwendete Engels auch Passagen aus seinem Werk Die Lage EnglandsEngels, Die Lage Englands, MEW 1: 525-549. aus dem Jahr 1844 sowie Textteile aus der Studie über die Manufacturing Population of England (1832) von Peter Gaskell für die Entwicklungsgeschichte des Proletariats.
Ursprünglich war die Verarbeitung der Eindrücke der England-Reise „nur als einzelnes Kapitel einer umfassenderen Arbeit über die soziale Geschichte Englands“ geplant. Im Vorwort der deutschen Erstausgabe räumt er jedoch ein, dass er sich durch die „Wichtigkeit“ des Gegenstands gezwungen sah, diesem eine selbstständige Bearbeitung zu widmen: „Einerseits, um den sozialistischen Theorien, andrerseits, um den Urteilen über ihre Berechtigung einen festen Boden zu geben“vgl. Engels, 1845, S. 232f.Sven Papcke, Georg W. Oesterdiekhoff (Hrsg.): Schlüsselwerke der Soziologie. Westdeutscher Verlag. Wiesbaden 2001. S. 143ff. Engels beabsichtigte mit seinem Werk „die Verhältnisse und Zustände wahrheitsgmäß – und das heißt in der objektivierten Form der Zahlen, Tabellen und Statistiken – offen zu legen“, was die Bourgeoisie bis dahin versäumt hätte. Demnach erscheine es schlüssig, dass die „Untersuchungsergebnisse der Regierungskommissionen, der jährlichen Inspektionsberichte und verschiedenster sozialmedizinischer Abhandlungen“ großzügig zitiert wurden. Darüber hinaus beschränkte sich Engels nicht auf die Darstellung der Ausbeutung in den Fabriken, sondern beschreibt auch die Lebensumstände. Er zeigt die gesamte Bandbreite proletarischer Existenz: Gesundheit, Wohnen, Alkoholismus, Kriminalität, Kinder- und Frauenarbeit sowie die Ausbeutung durch das Truck- und Cottagesystem. Diese Kernthemen finden sich in zahlreichen Abschnitten des Werkes.„Ich werde den Engländern ein schönes Sündenregister zusammenstellen; ich klage die englische Bourgeoisie vor aller Welt des Mordes, Raubes und aller übrigen Verbrechen in Masse an …“; Engels, Brief vom 19. November 1844 an Marx, MEW 27:10.
Strukturell gibt Engels in der Einleitung zunächst eine Einführung in die Thematik der Industriellen Revolution. Er geht über zur Entstehung des industriellen Proletariats und dessen Lebensumständen in den großen Städten. Er beschreibt die scharfe Konkurrenzsituation auf dem Arbeitsmarkt und bringt dies in Verbindung mit der irischen Einwandererwelle. Anschließend befasst er sich mit den Arbeitszweigen und Tätigkeiten der Arbeiter und deren gesundheitlichen und sozialen Folgen. Als logische Schlussfolgerung der dargestellten Lebensverhältnisse analysiert Engels die englischen Arbeiterbewegungen. Nach Erläuterungen zum Bergwerks- und Ackerbauproletariat beschreibt er abschließend die Stellung der Bourgeoisie zum Proletariat. Nach Engels Schlussfolgerungen wird „der Krieg der Armen gegen die Reichen, der jetzt schon im einzelnen und indirekt geführt wird, […] auch im allgemeinen, im ganzen und direkt in England geführt werden.“Engels, S. 506.
Veröffentlichungsgeschichte Erstmals veröffentlicht wurde die deutschsprachige Schrift 1845 in Leipzig von Otto Wigand, 1848 folgte eine zweite Auflage. 1887 erschien in New York eine von Engels autorisierte englische Übersetzung, der auf Bitte der Übersetzerin Florence Kelley Wischnewetzky ein Vorwort und ein Anhang Engels’ beigefügt wurden. Diese Übersetzung wurde 1892 von „Swan Sonnenschein & Co“ in London neu aufgelegt, wobei das Vorwort der amerikanischen Auflage weggelassen wurde, da es sich vornehmlich mit der „modernen amerikanischen Arbeiterbewegung“ befasste, und nicht nähergehend mit dem eigentlichen Buchinhalt. Den Anhang der amerikanischen Ausgabe, der das ursprüngliche Vorwort darstellte, verwendete Engels nun für das englische Vorwort. Ebenfalls 1892 erschien in Stuttgart eine zweite deutschsprachige, von Johann Heinrich Wilhelm Dietz veröffentlichte Ausgabe, die von Engels durchgesehen und teilweise mit Fußnoten versehen wurde. Diese Veröffentlichung wurde ebenfalls mit einem auf dem englischen Vorwort basierenden deutschsprachigen Vorwort von Engels versehen. 1903 und 1913 wurde die Schrift erneut von Dietz aufgelegt. Neben den beiden Schriften Der deutsche Bauernkrieg und Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie war Die Lage der arbeitenden Klasse in England das einzige Werk von Engels, das von den Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten 1933 ausgenommen war. Das Marxists Internet Archive stellt das Werk in insgesamt neun Sprachen zur Verfügung. Im Onlinekatalog der Deutschen Nationalbibliothek finden sich etwa 45 Veröffentlichungen der Schrift, beginnend mit dem Jahr 1848 und endend mit 1993. Die Oxford University Press legte die Schrift 2000 erneut auf.
Einordnung in Engels’ Werk mini|220px|Engels als junger Mann Bereits im Alter von 22 Jahren reiste Engels, Sohn eines Textilfabrikanten, nach Manchester und lernte unter anderem in einer Baumwollspinnerei das Leben der Arbeiter kennen. Seine politische Haltung wurde auf Lebenszeit geprägt, und er begann sich mit Arbeiterorganisationen zu verständigen, unter anderem dem Bund der Gerechten und den Chartisten in Leeds. Nachdem er seinem langjährigen Wegbegleiter Karl Marx im Jahr 1842 schon früh begegnet war, entwickelte sich eine andauernde Freundschaft. Ein anhaltender Briefwechsel und ein Treffen im August 1844 zeugten von gleichen gesellschaftlichen Ansichten – der Grundlage für zahlreiche gemeinsame Publikationen.