mini|Porträt von Claude-Joseph Dorat Claude-Joseph Dorat (* 31. Dezember 1734 in Paris; † 29. April 1780 in Paris) war ein französischer Schriftsteller des 18. Jahrhunderts und ein Gegner der Philosophie der Aufklärung. Zu Lebzeiten insbesondere als Autor zahlreicher Theaterstücke bekannt, wird er heute vor allem als Autor zweier Briefromane geschätzt.
Leben und Werk Dorat stammte aus einer adeligen Beamtenfamilie mit Wurzeln in der Region Limousin. Ein Vorfahre, Jean Dorat (1508–1588), war einige Jahre Lehrer des Dichters Pierre de Ronsard gewesen. Der Vater sah für den jungen Dorat eine juristische Karriere vor, doch Dorat strebte nach militärischem Ruhm und trat mit 23 Jahren in die Truppe der königlichen Musketiere (Mousquetaires du Roi) ein. Eine streng religiöse (jansenistische) Tante intervenierte und verlangt von ihrem Neffen, die Armee zu verlassen, was er nach einem Jahr, 1758, tat. mini| Claude Joseph Dorat zur linken und Alexandre-Frédéric-Jacques Masson de Pezay in der Mitte, in der Uniform der Dragoner, dragon. Kupferstich von Charles Eisen aus dem Jahre 1764 Anschließend widmete er sich ganz der Schriftstellerei und suchte den Erfolg mit verschiedenen Gattungen: mit Gedichten unterschiedlichster Art, dann mit fiktiven Briefen, Verserzählungen, Heroiden, schließlich mit einer ganzen Serie von Theaterstücken. Die zahlreichen Publikationen trieben ihn in den finanziellen Ruin, weil er die Werke häufig in aufwendig ausgestatteten, reich illustrierten Ausgaben erscheinen ließ.Gustave Vapereau erwähnt dies: "Dorat publia la plupart de ses ouvrages avec de nombreuses gravures de Marillier et Eisen, ce qui en fit des chefs-d’oeuvre d’art et de luxe typographique." Gustave Vapereau: Dorat (Claude-Joseph). In: Dictionnaire universel des littératures. Hachette, Paris 1876, S. 650. Zwar brachten diese Aktivitäten nur einen begrenzten literarischen Ruhm, Dorat erreichte aber doch einen gewissen Bekanntheitsgrad in kultivierten Kreisen und in der Pariser Gesellschaft. Seine Publikationen wurden zudem regelmäßig in der Correspondance littéraire von Grimm und Meister sowie in L’année littéraire von Fréron rezensiert, was von der Aufmerksamkeit zeugt, die man Dorat widmete. Dorat wurde der Protégé von Fanny de Beauharnais, die ab 1762 einen literarischen Salon führte, in dem man ihn als literarischen Vordenker feierte.F.K. Turgeon: Fanny de Beauharnais: Biographical Notes and a Bibliography. In: Modern Philology, August 1932, S. 61.
Dorat näherte sich zunehmend dem konservativen Lager von Élie Catherine Fréron an und distanzierte sich von den Denkern der Aufklärung, vor allem von Voltaire und dem Kreis um die Encyclopédie. Schon 1765 beispielsweise zog er mit scharfzüngigen satirischen Versen gegen Voltaire die Aufmerksamkeit auf sich. Im Jahre 1777 ließ er die gegen die aufklärerischen Philosophen gerichtete Komödie Les Prôneurs, ou le tartuffe littéraire aufführen, die insbesondere Jean-François de La Harpe, Jean-Baptiste le Rond d’Alembert und Julie de Lespinasse angriff.
Diese Angriffe führten dazu, dass er bei seinen zahlreichen Bewerbungen um einen Sitz in der Académie française chancenlos blieb. Aus finanziellen Gründen übernahm er ab 1777 die Leitung des Journal des dames. Als er 1780 starb, hinterließ er erhebliche Schulden, aber auch eine Werkausgabe, die bereits 1764 begonnen worden war und nun 20 Bände umfasste.
Rezeption
18. Jahrhundert Im 18. Jahrhundert ist Dorat vor allem als Vielschreiber mit spitzer Feder und als Autor von Theaterstücken bekannt, die jedoch nie über einen kurzlebigen Publikumserfolg hinausgehen. Die den Enzyklopädisten nahestehende Correspondance littéraire von Friedrich Melchior Grimm rezensiert seine Schriften und Stücke meist sehr kritischÜber Dorats Essai sur la déclamation tragique schreibt die Correspondance littéraire beispielsweise am 15. Februar 1760: „C’est l’ouvrage d’un écolier“, also: „Es handelt sich um das Werk eines Schülers.“ und fällt ein hartes Gesamturteil über Dorat: „Man muss den Teufel im Leibe haben, um zu reimen und zu schreiben und den Druckerpressen Stoff zu liefern, wenn man rein gar nichts im Kopf hat.“Originalzitat: „il faut avoir le diable au corps pour rimer et écrire, et pour faire aller les presses d’imprimerie quand on n’a rien du tout dans la tête“. Zitiert nach Raymond Trousson (Hrsg.): Romans libertins du XVIIIe siècle. Robert Laffont, Paris 1993, S. 888–889. Die konservative Zeitschrift L’Année littéraire dagegen, die von dem Dorat nahestehenden Élie Catherine Fréron geleitet wird, steht seinem Werk wohlwollender gegenüber.Siehe hierzu Gustave Vapereau: Dorat (Claude-Joseph). In: Dictionnaire universel des littératures. Hachette, Paris 1876, S. 650.
19. Jahrhundert Gegen Ende des 19. Jahrhunderts beurteilt Louis Gustave Vapereau Dorats literarisches Werk insgesamt sehr kritisch, lobt jedoch bestimmte Aspekte der kürzeren Versdichtungen Dorats: „Diese kleinen Gedichte haben Dorats Namen vor dem Vergessen bewahrt. Sie sind schlecht konzipiert und geschrieben, ihr Stil ist häufig von einer künstlichen und ermüdenden Finesse; aber sie zeigen hübsche Details, geglückte Wendungen, feine und elegante Ausdrücke. Er hat eine große Anzahl von kleinen Dichtern hervorgerufen, die man der ‚école de Dorat‘ zurechnet.“„Toutefois ces petits poëmes ont sauvé de l’oubli le nom de Dorat. Ils sont faibelement conçus et composés, le style en est souvent d’une recherche affectée et fatigante; mais ils offrent de jolis détails, des tours heureux, des expressions fines et gracieuses. Il a suscité un grand nombre de petits poëtes qu’on a nommés l’école de Dorat.“ (Gustave Vapereau: Art. Dorat (Claude-Joseph). In: Dictionnaire universel des littératures. Hachette, Paris 1876, S. 650.) Zugleich erscheinen auch die ersten etwas halbherzigen Versuche, Dorat zu rehabilitieren, beispielsweise durch Desnoireterres ;Gustave Desnoiresterres: Le Chevalier Dorat et les Poètes légers au XVIIIe siècle. Perrin, Paris 1887. diese Unternehmen haben jedoch nur begrenzten Erfolg.Hierzu und generell ausführlicher zur Rezeptionsgeschichte: Peter Cryle: Dorat. In: Romanciers libertins du XVIIIe siècle. Band II. Hrsg. unter der Leitung von Patrick Wald Lasowski. Gallimard, Bibliothèque de la Pléiade, Paris 2005, S. 1451–1460, S. 1454.
20. Jahrhundert Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts ändert sich die Einschätzung zu Dorat tiefgreifender. In dem ursprünglich 1960 erschienenen Dictionnaire des lettres françaises liest man noch: "Es fehlte Dorat, der durchaus Geschmack hatte, der Glaube an die Ernsthaftigkeit der Kunst und an die Notwendigkeit der Mühsal. Seine Stücke, Tragödien und Romane sind weder gut aufgebaut noch durchgeführt, und die Charaktere sind schwach."Originalzitat: "Il a manqué a Dorat, qui avait du goût, de croire au sérieux de l’art et à la nécessité du labeur. Ses pièces, tragédies et romans n’ont ni plan ni conduite et les caractères sont faibles." Dorat. In: Dictionnaire des lettres françaises: Le XVIIIe siècle. Nouvelle édition, sous la direction de François Moureau. Fayard / LGF, Paris 1995, S. 416–417. Winfried Engler schreibt 1984, die Schriften Dorats würden „dort originell […], wo der Dichter persifliert“.Art. Dorat, Claude-Joseph. In: Lexikon der französischen Literatur. Kröner, Stuttgart 1984, S. 317.
Eine wirkliche Neubewertung und veränderte Schwerpunktsetzung vollzieht sich jedoch erst, als das Romanwerk Dorats neu bewertet wird: die beiden bis dahin wenig beachteten Briefromane Les Sacrifices de l’amour und Les Malheurs de l’inconstance wurden neu herausgegeben und als eine Brücke zwischen der sentimentalen Julie oder Die neue Heloise (1761) von Jean-Jacques Rousseau und den eiskalten Gefährlichen Liebschaften (1782) von Choderlos de Laclos erkannt. Alain Clerval, der die beiden Romane 1983 bzw. 1996 neu herausgibt, notiert: "In rund zwanzig Jahren […] schrieb der unermüdliche Dorat eine beeindruckende Zahl von Werken, die überwiegend unlesbar geworden sind, mit Ausnahme der Romane, die sich durch eine bemerkenswerte Meisterschaft auszeichnen, die Laclos ankündigt."Originalzitat: „En une vingtaine d’années […] Dorat aura écrit, infatigable, un nombre impressionnant d’ouvrages, devenus illisibles pour la plupart, si l’on excepte ses romans, remarquables par une maîtrise qui annonce Laclos.“ Alain Clerval: Préface. In: Alain Clerval (Hrsg.): Les Malheurs de l’inconstance. Déjonquères, Paris 1983, S. i-xv.
Rezeption in Deutschland In Deutschland wird Dorat schon im 18. Jahrhundert wahrgenommen. Dies zeigt sich insbesondere daran, dass von den 1770er Jahren an einige von Dorats Werken ins Deutsche übersetzt werden bzw. mehrere freie Bearbeitungen publiziert werden. Dabei ist keine klare Präferenz für bestimmte Gattungen feststellbar. Unter diesen Übersetzungen ist auch einer der beiden Briefromane Dorats, unter dem Titel Das Opfer der Liebe, oder Briefe der Vikomtesse von Senanges und des Chevalier von Versenay, der 1792 übersetzt wurde (siehe hierzu die Bibliographie).
Insbesondere zwischen Christoph Martin Wieland und Dorat bestand eine Verbindung. Einerseits war Dorat offenbar von Wieland beeinflusst.„Auch ließ er den Deutschen Dichtern Gerechtigkeit wiederfahren, und borgte von ihnen, besonders von Wieland.“ Andererseits hatte Wieland Werke Dorats in seiner Bibliothek und hätte ihn sich offenbar als Übersetzer einiger seiner Werke ins Französische gewünscht.Wieland schreibt: „Hätte Dorat mich im Original lesen und völlig verstehen können, so wäre er, und er allein, der Mann gewesen, der Musarion und andre Werke dieses Schlags von mir hätte übersetzen können.“ (Wieland in einem Brief an Sophie La Roche, zitiert nach Alan Menhennet: Wieland and Claude-Joseph Dorat (1734–1780): A Footnote to the History of Franco-German Literary Relations in the Eighteenth Century. In: The Modern Language Review, 78.4, 1983, S. 862–868, hier S. 862.)
Werke (Auswahl) Eine umfassende Aufstellung der Werke Dorats findet man in der Ausgabe der Malheurs de l’inconstance von Peter Cryle. Peter Cryle: Dorat. In: Romanciers libertins du XVIIIe siècle. Band II. Hrsg. unter der Leitung von Patrick Wald Lasowski. Gallimard, Bibliothèque de la Pléiade, Paris 2005, S. 1457–1460.
Theater Tragödien Zulica, 1760. Régulus, 1765. Les Deux Reines, 1769. Zoramis, 1780.
Komödien La Feinte par amour, 1773. (Verskomödie) Le Célibataire, 1775. Le Malheureux imaginaire, 1776. Les Prôneurs, ou le tartuffe littéraire, 1777.
Narrativik Romane Les Sacrifices de l’amour, ou Lettres de la vicomtesse de Senanges et du chevalier de Versenay. 2 Bde., Amsterdam & Paris: Delalain, 1771. − Moderne Ausgaben: hrsg. von Alain Clerval, Paris: Le Promeneur, 1995, sowie mit einem Vorwort von Raymond Trousson, Paris-Genève: Slatkine, 1996. Les Malheurs de l’inconstance, ou Lettres de la Marquise de Circé et du comte de Mirbelle, 2 Bde., Amsterdam & Paris: Delalain, 1771. - Moderne Ausgaben: hrsg. von Peter Cryle, in: Romanciers libertins du XVIIIe siècle, vol. 2, Paris: Gallimard, Bibliothèque de la Pléiade, 2005, S. 409–590 sowie hrsg. von Alain Clerval, Paris: Déjonquères, 1983.
Erzählungen Les Dévirgineurs et Combabus, contes en vers, précédés par des réflexions sur le conte, et suivis de Floricourt, histoire françoise. Amsterdam, 1765. (Verserzählungen und Prosaerzählung)
Theoretische Schriften Essai sur la déclamation tragique, 1758. "Réflexions sur le conte", in: Les Dévirgineurs et Combabus, contes en vers, précédés par des réflexions sur le conte, et suivis de Floricourt, histoire françoise. Amsterdam, 1765. La Déclamation théâtrale, poème didactique en trois chants, Paris: Sébastien Jorry, 1766. (Neuausgabe in: Écrits sur l’art théâtral (1753–1801), hg. von Sabine Chaouche, Paris: Honoré Champion, 2005, Band 1, S. 163–254.)