Die Deutsche Zeitung in den Niederlanden (DZN) war eine überregionale deutschsprachige Tageszeitung mit Redaktionssitz in Amsterdam, die während des Zweiten Weltkriegs in den deutsch besetzten Niederlanden fast durchgehend vom 5. Juni 1940 bis zum 5. Mai 1945, dem Tag der deutschen Kapitulation in der „Festung Holland“, erschien. Sie gehörte zu einem Verbund von deutschen Besatzungszeitungen, der während der deutschen Eroberungsfeldzüge systematisch aufgebaut wurde und infolge der alliierten Rückeroberungen allmählich zerfiel.

Wie ihre Schwesterzeitungen diente die DZN als Sprachrohr der Besatzungsmacht und richtete sich an ein deutsches, in ihrem Fall aber auch an ein niederländisches Publikum; es gelang ihr dort jedoch nicht, außerhalb bestimmter Kreise eine signifikante Leserschaft anzuziehen, obwohl konzeptionell Zugeständnisse an den niederländischen Markt gemacht worden waren. Trotz ihres hohen Anspruches an sich selbst konnte die Zeitung ihre Herkunft nicht verleugnen; in ihr war der Ton der NS-Propaganda verbreitet. Zuletzt waren die Herstellungsbedingungen so prekär, dass sie mehr einem Flugblatt als einer Zeitung glich, dennoch wurde bis zuletzt an ihrem Erscheinen festgehalten.

Gründungsphase

mini|Eine Ausgabe aus der Anfangszeit der Zeitung (Titelseiten ohne Foto kamen nur sehr selten vor).

mini|Seit 1942 diente das damalige Gebäude der Zeitung De Telegraaf am Nieuwezijds Voorburgwal auch als Redaktionssitz der DZN.

Die DZN ersetzte die Reichsdeutschen Nachrichten in den Niederlanden, die seit dem 4. März 1939 wöchentlich von der Reichsdeutschen Gemeinschaft, dem niederländischen Teil der NSDAP/AO, herausgegeben worden waren.René Vos: Niet voor publicatie. De legale Nederlandse pers tijdens de Duitse bezetting. Sijthoff, Amsterdam 1988, ISBN 90-218-3752-8, S. 63. Dissertation Leiden 1988. Wöchentliche Erscheinungsweise nach dem Eintrag der Reichsdeutschen Nachrichten im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek, vgl. auch Deutsche Zeitung für die Niederlande. [sic] In: Zeitungswissenschaft (Jg. 15), Ausgabe 5/6, 1940, S. 248. Mit der Deutschen Wochenzeitung für die Niederlande erschien seit 1893 eine weitere deutschsprachige Zeitung, die im Frühjahr 1942 eingestellt wurde.René Vos: Niet voor publicatie. De legale Nederlandse pers tijdens de Duitse bezetting. Sijthoff, Amsterdam 1988, ISBN 90-218-3752-8, S. 62 und 468 (Dissertation Leiden 1988). Die in einer Arbeit von Katja Happe getätigte Aussage, dass die DZN ein Zusammenschluss aus diesen beiden Zeitungen gewesen sei, ist jedenfalls für den Zeitpunkt der Gründung der DZN falsch, vgl. auch den Eintrag für die Zeitung im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek (Katja Happe: Deutsche in den Niederlanden 1918–1945, publiziert im Internet durch die Bibliothek der Universität Siegen im Dezember 2004 (PDF), S. 112). Als Standort bot sich zunächst Rotterdam mit seiner vor allem in Wirtschaftskreisen einflussreichen deutschen Kolonie an, da sich dort die Reichsdeutschen Nachrichten unweit des Nieuwe Rotterdamsche Courant befanden, doch hatte jener bereits durch andere Fremdaufträge seine volle Auslastung erreicht. Das nun kontaktierte Amsterdamer Algemeen Handelsblad wies das Gesuch ab und erhielt von Wehrmachtbefehlshaber Christiansen daraufhin die Anweisung zur Kooperation, konnte jedoch überzeugend darlegen, dass nur Kapazitäten für den Satz bereitstanden. Für den Druck fand sich schließlich der vom Holdert-Konzern herausgegebene Telegraaf; ob ein gutes Angebot, Zwang oder vorauseilende Vorsicht – nach einer ursprünglich deutschfreundlichen Haltung zu Beginn des Ersten Weltkriegs hatte der Telegraaf eine völlige Kehrtwende vollzogen – den Ausschlag gab, ist nicht bekannt. Jedenfalls konnte die DZN ihre Vorgängerin nicht wie geplant sofort am 1. Juni beerben.René Vos: Niet voor publicatie. De legale Nederlandse pers tijdens de Duitse bezetting. Sijthoff, Amsterdam 1988, ISBN 90-218-3752-8, S. 228 und 234. Dissertation Leiden 1988. Kehrtwende des Telegraaf nach Paul Stoop: Niederländische Presse unter Druck. Deutsche auswärtige Pressepolitik und die Niederlande 1933–1940. Saur, München 1987 (= Kommunikation und Politik; 17), ISBN 3-598-20547-3, S. 90, Fußnote 24. Dissertation Amsterdam.

Herausgeber der DZN, wie auch aller anderen Besatzungszeitungen mit Ausnahme der von der Wehrmacht herausgegebenen Militärzeitungen, war der Europa-Verlag, ein von Rolf Rienhardt geleitetes Tochterunternehmen des Franz-Eher-Verlags unter Max Amann. Genaue Darstellung bei Oron J. Hale: Presse in der Zwangsjacke 1933–45. Droste, Düsseldorf 1965, dt. Übersetzung von The captive press in the Third Reich, University Press, Princeton 1964, S. 280 und 340 sowie bei Thomas Tavernaro: Der Verlag Hitlers und der NSDAP. Die Franz Eher Nachfolger GmbH. Edition Praesens, Wien 2004, ISBN 3-7069-0220-6, S. 74–75. Der Europa-Verlag war eine Umfirmierung der zuvor als leere Mantelgesellschaft bestehenden Rheinischen Verlagsanstalt (Tavernaro, S. 75). Als Verlagsdirektor wurde Georg Biedermann eingesetzt, der zugleich auch Leiter des Sonderreferats Verlagswesen im Generalkommissariat zur besonderen Verwendung unter Fritz Schmidt war.Gabriele Hoffmann: NS-Propaganda in den Niederlanden: Organisation und Lenkung der Publizistik. Saur, München-Pullach/Berlin 1972 (= Kommunikation und Politik; 5), ISBN 3-7940-4021-X, S. 87, Fußnote 152. Dissertation München 1972. Im Gegensatz zu ihrem Vorläufer, der von marginaler Bedeutung war, sollte die DZN von Anfang an in Konkurrenz zur niederländischen Presse treten.Gabriele Hoffmann: NS-Propaganda in den Niederlanden: Organisation und Lenkung der Publizistik. Saur, München-Pullach/Berlin 1972 (= Kommunikation und Politik; 5), ISBN 3-7940-4021-X, S. 80. Dissertation München 1972. Die kurz zuvor gegründete Deutsche Zeitung in Norwegen diente als direktes Vorbild.Christoph Sauer: Die Deutsche Zeitung in den Niederlanden. In: Markku Moilanen, Liisa Tiittula (Herausgeber): Überredung in der Presse: Texte, Strategien, Analysen. De Gruyter, Berlin 1994, ISBN 978-3-11-014346-1, S. 198. Bereits im Juli 1940 wurde eine Aktiengesellschaft gegründet, um fortan unter ihrem Mantel die Zeitung sowie Bücher, Illustrationen, Zeitschriften und andere Druckerzeugnisse herauszugeben. Es lässt sich jedoch nur eine geringe Anzahl an Publikationen nachweisen, so kam es noch im gleichen Jahr zur Veröffentlichung eines Buches mit bis dahin erschienenen Artikeln zu den deutsch-niederländischen Wirtschaftsbeziehungen, auch wurden in der DZN später diverse Karten von Kriegsschauplätzen zum Kauf angeboten, doch ansonsten ist lediglich bekannt, dass der Verlag vermutlich Soldatenzeitungen für die Wehrmacht gedruckt hat.Das Buch heißt Die Wirtschaft der Niederlande und ihre Beziehungen zu Deutschland und der Welt (Eintrag im Karlsruher Virtuellen Katalog). Angebote zu Kriegsschauplatzkarten finden sich beispielsweise in den folgenden Ausgaben: 27. Juli 1943 (Ostfrontkarte), 12. September 1943 (Europakarte), 27./28. Mai 1944 (Pazifikkarte) (Digitales Archiv der Königlichen Bibliothek der Niederlande). Mögliche Druckaufträge nach Gabriele Hoffmann: NS-Propaganda in den Niederlanden: Organisation und Lenkung der Publizistik. Saur, München-Pullach/Berlin 1972 (= Kommunikation und Politik; 5), ISBN 3-7940-4021-X, S. 89. Dissertation München 1972.

Das Ziel der Zeitung war, die öffentliche Meinungsbildung in den Niederlanden, insbesondere der dortigen Deutschen (Ansässige, Besatzungspersonal, Soldaten), im Sinne des NS-Regimes zu beeinflussen. Zur Zeit des deutschen Angriffs lebten in den Niederlanden 52.000 Reichsdeutsche (ohne Flüchtlinge), von denen die Mehrzahl keine Verbindung zu einer nationalsozialistischen Organisation hatte.Louis de Jong: Die Deutsche Fünfte Kolonne im Zweiten Weltkrieg. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1959 (Deutsche Ausgabe von De Duitse Vijfde Colonne in de Tweede Wereldoorlog. Van Loghum Slaterus/J.M. Meulenhoff, Arnheim/Amsterdam 1953 (Dissertation Amsterdam 1953). Online-Ausgabe (PDF)), S. 183. Auch die durch die Rassenideologie zu einem „germanischen Brudervolk“ emporgehobenen Niederländer sollten angesprochen werden, was schon aufgrund der unter ihnen weit verbreiteten Deutschkenntnisse nahe lag, doch hatte bislang nur eine bescheidene Anzahl von ihnen dem Nationalsozialismus größere Sympathien entgegengebracht.Gerhard Hirschfeld: Fremdherrschaft und Kollaboration. Die Niederlande unter deutscher Besatzung 1940–1945. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1984 (= Studien zur Zeitgeschichte; 25), ISBN 3-421-06192-0, S. 14. Dissertation Düsseldorf 1980. Dementsprechend vielgestaltig waren die Zielvorgaben, die die DZN in ihre Konzeption einfließen ließ, um diese aus ihrer Sicht gleichermaßen potentiellen Lesergruppen anzusprechen, sodass sie im Gegensatz zu den meisten anderen Zeitungen des Europa-Verlags kein Provinz- oder Heimatblatt war.Gabriele Hoffmann: NS-Propaganda in den Niederlanden: Organisation und Lenkung der Publizistik. Saur, München-Pullach/Berlin 1972 (= Kommunikation und Politik; 5), ISBN 3-7940-4021-X, Kein Provinz- oder Heimatblatt: S. 78, Fußnote 119, Vorgaben: S. 81–83. Dissertation München 1972.