mini|Blick von der Heidecksburg auf Rudolstadt
Rudolstadt (thüringisch Rudelstadt, Mundart: Rolscht) ist eine Stadt im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt im Freistaat Thüringen. Die ehemalige fürstliche Residenz Rudolstadt liegt eingebettet in einem von Wald umgebenen Tal und zieht sich bandartig an dem weiten Bogen der Saale entlang.
Die Stadt wurde 776 erstmals urkundlich erwähnt und hat seit 1326 Stadtrecht. Ihr weithin sichtbares Wahrzeichen ist das Schloss Heidecksburg, das die Stadt überragt. Bekannt ist Rudolstadt durch die Anker-Steinbaukästen der Firma Richter und seine Porzellan-Manufakturen (in Volkstedt). Von 1599 bis 1920 war es die Hauptstadt von Schwarzburg-Rudolstadt.
In Rudolstadt wird der Dialekt Ilmthüringisch gesprochen.
Geographie Rudolstadt liegt im Tal der Saale und erstreckt sich von Süden nach Osten entlang des Saalebogens, welcher unter den Einwohnern auch als „Saaleknie“ bekannt ist. Die Landschaft wird neben diesem Tal von drei weiteren Faktoren bestimmt: Im Norden und Westen der Stadt erstreckt sich die wasserarme, dünn besiedelte Muschelkalkformation der Ilm-Saale-Platte, im Süden beginnt das Thüringer Schiefergebirge und östlich der Saale liegt die Hintere Heide, die vom Hausberg, dem 481 Meter hohen Kulm, dominiert wird. Auf der Ilm-Saale-Platte wechseln sich Wald- und Wiesenflächen ab, die sonstige Umgebung Rudolstadts ist überwiegend bewaldet. Das Saaletal mit seinen Aueflächen ermöglicht eine ertragreiche Landwirtschaft. Während die Kernstadt auf etwa Höhe im Tal liegt, befinden sich einige Ortsteile wesentlich höher in Lagen zwischen 300 und . Im Ortsteil Schwarza mündet die Schwarza in die Saale. Gesteinsarten sind im Norden vor allem Muschelkalk und Buntsandstein sowie Schiefer im Süden.
Das Klima ist aufgrund der geringen Höhenlage im Saaletal milder als in Orten der Umgebung.
Stadtgliederung Rudolstadt ist in 24 Ortsteile gegliedert. Neben der Kernstadt gehören die folgenden Dörfer zur Stadt (in Klammern ist die erste urkundliche Erwähnung angegebenWolfgang Kahl: Ersterwähnung Thüringer Städte und Dörfer. Ein Handbuch. 5., verbesserte und wesentlich erweiterte Auflage. Rockstuhl, Bad Langensalza 2010, ISBN 978-3-86777-202-0, S. 257, 300, 51, 184, 246, 218, 140, 65, 164, 208, 295.):
Ammelstädt (1350) Breitenheerda (1294) Cumbach (10. November 1327) Eichfeld (Dezember 1074) Eschdorf (1372) Geitersdorf (1372) Haufeld (802–817) Heilsberg (822–826) Keilhau (26. März 1306) Lichstedt (mit Groschwitz; 16. August 1275) Milbitz (1350) Mörla (28. April 1417) Oberpreilipp (Dezember 1074) Pflanzwirbach (19. Juli 1295) Remda (mit Altremda und Kirchremda) Schaala (mit Schwarzenshof; 1071) Schwarza (Dezember 1074) Sundremda (750–779) Teichel (1076) Teichröda (1334) Treppendorf (874) Unterpreilipp (Dezember 1074) Volkstedt (842–856)
Volkstedt, Schwarza, Mörla und Cumbach bilden zusammen mit der Kernstadt eine urbane Einheit, während die anderen Orte räumlich getrennt liegen.
Nachbargemeinden Angrenzende Gemeinden sind, von Norden aus im Uhrzeigersinn: Blankenhain, Uhlstädt-Kirchhasel, Unterwellenborn, Saalfeld, Bad Blankenburg, Königsee, Stadtilm, Rittersdorf und Bad Berka.
Geschichte Frühgeschichte Auf dem Weinberg in Oberpreilipp befand sich eine befestigte Höhensiedlung. Die geborgenen Funde stammen aus der ausgehenden Urnenfelderzeit und der beginnenden Eisenzeit.Michael Köhler: Thüringer Burgen und befestigte vor- und frühgeschichtliche Wohnplätze. Jenzig-Verlag Köhler, Jena 2001, ISBN 3-910141-43-9, S. 270. Einer keltischen folgte die germanische Besiedelung und die Zugehörigkeit zum Thüringer Königreich. Aus der Zeit nach 500 ist eine teilweise Ansiedelung von Slawen über archäologische Funde nachgewiesen.
776 wurde der Ort erstmals urkundlich als Rudolfestat (Siedlungsstätte des Rudolf) erwähnt, und zwar als Schenkung Karls des Großen an das Kloster Hersfeld.
Mittelalter mini|Residenzschloss Heidecksburg mini|hochkant|Stadtkirche St. Andreas mini|Blick auf Rudolstadt 1840 mini|Der Marktplatz um 1857
Anfang des 13. Jahrhunderts war Rudolstadt im Besitz der Grafen von Orlamünde, von denen es um 1300 teilweise und 1334 schließlich ganz an die Grafen von Schwarzburg überging. Im Zeitraum von 1264 bis 1334 sind in Rudolstadt die „Niedere Burg“ und die „Obere Burg“ (Heidecksburg) urkundlich nachgewiesen. Erstere stand vermutlich im Bereich der heutigen Ludwigstraße und Burgstraße, die andere auf der späteren Schlossterrasse. Im Jahr 1217 ist ein an der in der Altstadt stehenden einstigen Pfarr- und späteren Stadtkirche des Hl. Andreas wirkender Pfarrer Heinrich beurkundet.
Im 14. Jahrhundert erfuhr der Ort eine entscheidende Erweiterung. Eine am Fuße des Burgbergs längs der vom Schalbach zur Andreaskirche führenden Straße entstandene Siedlung erhielt durch die Grafen von Orlamünde das Stadtrecht. Daraus resultierten der Bau von Rathaus und Markt sowie die Befestigung mit Altem Tor und Kirchtor. Die älteste erhaltene Urkunde mit den Statuten datiert aus dem Jahr 1326. Ratsmeister sind erstmals 1378 bezeugt.
Im gleichen Jahrhundert wurden die Herren von Schaala genannt. Sie hatten wohl Einfluss auf die Gestaltung des wehrhaften Charakters der Kirche und des Kirchhofes. Sowohl Kirche als auch Kirchhof waren bis Mitte des 15. Jahrhunderts zum Schutz der Bürger befestigt.Michael Köhler: Thüringer Burgen und befestigte vor- und frühgeschichtliche Wohnplätze. Jenzig-Verlag Köhler, Jena 2001, ISBN 3-910141-43-9, S. 218–219.
Seit etwa 1340 war Rudolstadt im Besitz der Grafschaft Schwarzburg, deren Hauptstadt sie später wurde und bis 1920 blieb. 1345 erlitten die beiden Burgen und die Stadt (das Rathaus und ein großer Teil der alten und neuen Stadt) erhebliche Zerstörungen durch ein Erfurter Heer im Rahmen des Thüringischen Grafenkrieges. Im Zuge des Wiederaufbaus von 1345 bis 1437 bekam die Stadt ein vollkommen neues Gesicht (Erweiterung der Stadtbefestigung). Zwischen 1434 und 1448 wurde die Obere Burg zu einer dreiflügligen Anlage erweitert. 1573 brannte der Nachfolgebau teilweise aus, woraufhin das dreiflüglige Renaissanceschloss errichtet wurde. 1548 standen an der Stelle des unteren Schlosses freie Siedelhöfe von Lehensleuten der Schwarzburger Grafen.
mini|Rudolstadt um 1900
Neuzeit Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde die ursprüngliche „Neustadt“ zur „Alten Neustadt“ und die „Neue Neustadt“ bebaut. Eine kulturelle Blütezeit brachte das 18. und 19. Jahrhundert der Stadt, als hier zahlreiche Künstler lebten und arbeiteten. Auch Friedrich Schiller weilte oft in der Stadt. Er lernte hier seine spätere Ehefrau Charlotte von Lengefeld kennen und begegnete erstmals Goethe im Beulwitzschen Haus, das heute ein Schiller-Museum ist, am 7. September 1788.
Im Zuge der Märzrevolution 1848 wurden die Demokraten unter Friedrich Carl Hönniger in Rudolstadt zur politisch führenden Kraft. Hönniger übernahm 1848 für kurze Zeit das Amt des Präsidenten im Landtag Schwarzburg-Rudolstadt, bevor er von den Demokraten als Abgeordneter in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt wurde. Bis 1918, als der letzte Fürst abdankte, gehörte Rudolstadt zum Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt (Oberherrschaft). Der letzte Fürst hatte keine leiblichen Nachkommen, so dass das Residenzschloss Heidecksburg in den Besitz des Landes Thüringen überging.
In der Zeit bis 1932 war die SPD die stärkste Partei im Rudolstädter Stadtrat. Bereits im Dezember 1932 bekam die NSDAP genauso viele Sitze wie SPD und KPD (jeweils vier von 19 Sitzen). Nach der Machtübergabe an Hitler 1933 wurden die in der Weimarer Republik geschaffenen Selbstverwaltungsorgane der Gemeinden und Kreise faktisch ausgelöscht. Von 1936 bis 1945 war Rudolstadt Garnisonsstadt der Wehrmacht. 1938 fand das Treffen der deutschen Hitler-Jugend in Rudolstadt statt. Noch 1918 lebten mindestens 80 Juden im Gebiet des damaligen Fürstentums Schwarzburg-Rudolstadt. Die Rudolstädter Juden, die nicht fliehen konnten, wurden nach 1938 deportiert und ermordet. 1935 wurde der jüdische Friedhof eingeebnet, der sich am Nordfuß des Burgberges befand.
Die Verfolgung von Hitler-Gegnern forderte zahlreiche Opfer, so das Leben des KPD-Stadtrates Werner John, der in dem Strafbataillon 999 zu Tode kam. An ihn erinnern eine Straße und ein Wohngebiet. An den Stadtverordneten und Vorsitzenden der KPD-Ortsgruppe Volkstedt Paul Herger, der an Folgen seiner Haft im KZ Buchenwald starb, erinnert seit 1949 die Paul-Herger-Straße. An den Widerstand aus katholischen Kreisen um den Pfarrer Caspar Schulte erinnert ebenfalls seit 1949 ein Straßenname. Im Zeitraum zwischen 1933 und 1944 wurden im Landeskrankenhaus 597 Personen Opfer von Zwangssterilisationen. 126 Insassen des Versorghauses Rudolstadt-Cumbach wurden 1940 im Rahmen des „Euthanasie“-Programms Aktion T4 in Zschadraß und Pirna-Sonnenstein ermordet. An alle Opfer von Widerstand und Verfolgung erinnert eine 1947 eingeweihte Gedenkstätte auf dem Platz der Opfer des Faschismus. Während des Zweiten Weltkrieges mussten 953 Frauen und Männer vorwiegend aus Polen in der kriegswichtigen Thüringischen Zellwolle AG in Schwarza Zwangsarbeit verrichten. Ein Ehrenhain sowie weitere Grabstätten auf dem Nordfriedhof an der Weimarischen Straße erinnern an Opfer der Zwangsarbeit aus der Sowjetunion und weiteren Nationen. An die Opfer der Todesmärsche erinnern seit 1985 Stelen in Volkstedt und Schwarza. Auf dem Friedhof von Lichstedt wurden drei von der SS erschossene Häftlinge beerdigt, die man am Mönchshügel nahe Groschwitz gefunden hatte.Thüringer Verband der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten und Studienkreis deutscher Widerstand 1933–1945 (Hrsg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933–1945. Band 8: Thüringen. VAS – Verlag für Akademische Schriften, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-88864-343-0, S. 239 ff.
In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs wurde der Ortsteil Volkstedt am 10. April 1945 von amerikanischen Flugzeugen bombardiert. Dem fielen 35 Menschen zum Opfer sowie 165 Häuser, darunter auch die Kirche. Im Ortsteil Schaala war bis zu seiner Flucht 1941 der spätere französische Präsident François Mitterrand als Kriegsgefangener untergebracht.
Nach dem Krieg entwickelte sich Rudolstadt-Schwarza zu einem Zentrum der chemischen Industrie in der DDR. Mehr als 6.000 Beschäftigte fanden im damaligen Chemiefaserkombinat „Wilhelm Pieck“ Arbeit und noch mehrere Tausend im Bereich der Zulieferindustrie.
1952 wurde der Landkreis Rudolstadt in den Kreis Rudolstadt umgewandelt und in seinem Zuschnitt verändert. Auch wurde das Land Thüringen aufgelöst und der Kreis Rudolstadt dem Bezirk Gera zugeordnet. Kurz davor war der an Rudolstadt grenzende Industrieort Schwarza (1939: 3.233 Einwohner) eingemeindet worden.
Am 15. August 1992 fand zum fünften Todestag von Rudolf Heß in Rudolstadt ein Rudolf-Heß-Gedenkmarsch statt,Thomas Dörfler, Andreas Klärner: , abgerufen am 22. September 2016. an dem auch die Mitglieder der NSU-Kerngruppe teilnahmen. Gemeinsam mit dem Saalfelder Neonazi Andreas Rachhausen organisierte Thomas Dienel den Anlass, zu dem knapp 2.000 Neonazis aus der gesamten Bundesrepublik anreisten.Matthias Quent: Die Extreme Rechte in Thüringen: Entwicklung der Neonazi-Szene., abgerufen am 22. September 2016. Laut den Autoren des Buchs Heimatschutz über den NSU-Komplex, Stefan Aust und Dirk Laabs, hatte der damals 17-jährige Rudolstädter Tino Brandt die Demonstration mitorganisiert.Stefan Aust, Dirk Laabs: Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie des NSU. Pantheon, München 2014, ISBN 978-3-570-55202-5, S. 88 ff. ().
Eingemeindungen