In der verstehenden oder geisteswissenschaftlichen Psychologie wird das Verstehen zur spezifischen Methode der Psychologie und Psychopathologie erhoben. Als Gegensatz zum psychologisch relevanten Begriff des Verstehens wird dabei für die Naturwissenschaften das Erklären als spezifische Methode angenommen.
Psychologie richtet sich damit nicht allein auf das Erklären kausaler Zusammenhänge, sondern – anders als bei den Naturwissenschaften – insbesondere auch auf das Verstehen von Sinnzusammenhängen. Für die Naturwissenschaften ist eine zweckorientierte (teleologische) Betrachtungsweise in der Regel nicht geeignet. Geisteswissenschaftliche Psychologie machte vor allem am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts Bedeutungserlebnisse, Wertvorstellungen und Sinnrichtung zum Gegenstand der Forschung. Die Unterscheidung zwischen Erklären und Verstehen geht auf Wilhelm Dilthey (1833–1911) zurück.Wilhelm Dilthey: Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie. Berliner Akademie, S. ber. 1894
Nähere begriffliche Erläuterung Verstehen bedeutet seit alters ein bewusstes Grundverhalten, das Gegenstand der Geisteswissenschaften geworden ist.Joachim Wach: Das Verstehen. 3 Bände. Tübingen 1926–1933 Indem verstehende Psychologie auf diese Weise im Gegensatz zum Erklären der Naturwissenschaften gesehen wird, betont man zunächst ihren rationalen Charakter. Dies hat bereits Christian Wolff (1679–1754) mit seiner Definition der rationalen Psychologie hervorgehoben.Christian Wolff (Aufklärer): Philosophia rationalis sive logica (1728). 3. Auflage 1740, mit dem Discursus praeliminaris de philosophia in genere, S. 51, § 112, Google book Wolff grenzte diesen Teil der Psychologie von der empirischen Psychologie ab, vgl. nomothetische und idiographische Wissenschaften. Wenn auch praktische Menschenkenntnis und Lebenserfahrung Voraussetzung für die verstehende Psychologie sind, so wird damit doch ihr deduktiv-methodischer Charakter umschrieben. Dies ist gerade heute von Bedeutung, da das Fach Psychologie zunehmend an naturwissenschaftlichen Fakultäten unterrichtet wird. Siehe auch Kap. Psychologie und Philosophie. Verstehen ist im Erkennen von Zusammenhängen begründet, indem diesen Zusammenhängen ein Sinn verliehen wird. Solcher Sinn kann ganz allgemein sowohl: sinnesphysiologisch semiotisch oder metaphysisch-transzendent
interpretiert werden. Sinn ergibt sich auf diese Weise stets notwendig aus dem Zusammenhang einzelner bereits für sich fassbarer Elemente. Als Beispiel diene hier das Erkennen einer Wortbedeutung aus dem Lesen der einzelnen Buchstaben. Logik als Grundregel für die sprachlich richtige Verständigung und Einsicht ist damit auch die erste Voraussetzung der verstehenden Psychologie – Folgende Darstellung ist angelehnt an Karl Jaspers (1883–1969),Karl Jaspers: Allgemeine Psychopathologie (1913). Springer, Berlin 9. Auflage 1973, ISBN 3-540-03340-8; (a) zu Stw. „Verstehen nach Jaspers“: S. 250 f.; (b) zu Stw. „Wesenschau“: Seite 47, Fußnote 1; (c) zu Stw. „Vorurteilslosigkeit“: S. 48 oben; (d) zu Stw. „Übersicht der psychopathologischen Phänomenologie“: Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis, Erster Teil, Erstes Kap. Seite VI-VII; (e) zu Stw. „Objektivistisches Verständnis nach Jaspers“: S. 252; (f) zu Stw. „Versuche charakterologischer Grundeinteilungen“: S. 363 ff.; (g) zu Stw. „Psychologie und Philosophie“: S. 643 der sich maßgeblich für die Verwendung des Begriffs eingesetzt und dazu beigetragen hat, dass dieser sich durchsetzen konnte. Die Begriffsgeschichte ist im Einzelnen im Kap. Geistesgeschichte dargestellt.
In der Psychologie ergibt sich das Problem des Verstehens in ähnlicher Weise wie auch in der Semiotik. Die einzelnen Kennzeichen oder Zeichen als Grundelemente der Erkenntnis sind in der Psychologie nach Jaspers die Einzeltatbestände des Seelenlebens, die sich vor allem in die subjektiven Erscheinungen und Gegebenheiten (Phänomenologie) und in die objektiven Leistungen des Seelenlebens (Leistungspsychologie) aufteilen. Dazu kann man noch einige wesentliche psychosomatische Grundfunktionen (Vegetative Regulationen) zählen. - Die Phänomenologie nach Husserl hat Jaspers nicht gemeint. Jaspers beschränkt den Begriff der Phänomenologie auf die Lehre von den Erscheinungen als Grundelementen der Erkenntnis, eine „Wesensschau“ ist bei ihm nicht beabsichtigt. Daher ergibt sich die Notwendigkeit, hier die Phänomenologie nach Jaspers zumindest kurz zu umreißen.
Phänomenologie nach Jaspers Nachdem bereits auf den deduktiv-methodischen Charakter der verstehenden Psychologie hingewiesen wurde, weist die Phänomenologie eher auf ihren methodisch-deskriptiven Charakter hin, wie er durch die Arbeiten Husserls angeregt wurde. Die „eigentümliche phänomenologische Vorurteilslosigkeit bei der Anschauung der Erscheinung als solcher ist nicht ursprünglicher Besitz, sondern mühsamer Erwerb nach kritischer Arbeit und oft vergeblichen Bemühungen.“ Phänomenologie nach Jaspers ist hier nur auf die Psychopathologie ausgerichtet. Er versteht darunter die subjektiven Erscheinungen des kranken Seelenlebens, z. B. einer Erinnerungsfälschung. Die objektiven Leistungen werden bereits als Leistungspsychologie bezeichnet. Beide Methoden sind gemeinsam u. U. mit noch weiteren methodischen Gesichtspunkten für die Begriffsbildung einer Krankheitseinheit bedeutsam. Zur Phänomenologie nach Jaspers wird gerechnet: Gegenstandsbewusstsein Raum- und Zeiterleben Leibbewusstsein Realitätsbewusstsein und die Wahnideen Gefühle und Gemütszustände Drang, Trieb und Wille Ichbewusstsein reflexive Phänomene (wie elementares und gedanklich vermitteltes Seelenleben, Störungen der Instinkte und Leibfunktionen sowie Zwangserscheinungen) der Bewusstseinszustand (als das augenblicklich Ganze) Dieses Schema ist noch heute vorbildlich für die Untersuchung jedes psychiatrischen Patienten (Psychopathologie, Psychiatrischer Befund). Jaspers hat die exakte phänomenologische Beschreibung als statisches Verstehen bezeichnet.
Verstehende Psychologie nach Jaspers Nach Jaspers vollzieht sich das Verstehen in fortwährenden Gegensätzen (Hermeneutischer Zirkel).
1. Statisches und genetisches Verstehen Zu den Aufgaben der verstehenden Psychologie nach Jaspers zählt neben der logisch verständlichen Beschreibung der Einzeltatsachen des Seelenlebens (statisches Verstehen oder Querschnitt) auch das genetische Verstehen. Dieses macht einfühlbar, wie sich Seelisches aus Seelischem ergibt. Es zeigt die Motivzusammenhänge (Beweggründe), Kontrastwirkungen (Reaktionen) und dialektischen Umschläge (Paradoxe Entwicklungen, Längsschnitt), vgl.a. Kritik an der Nosologie.
2. Genetisches Verstehen und Erklären Ersteres ist das subjektive Erfassen der Zusammenhänge von innen (Verständnis), letzteres das objektive Aufzeigen von äußeren Zusammenhängen nach dem Kausalprinzip.
3. Rationales und genetisches Verstehen Hier wäre der Gegensatz von kühler Verstandeslogik und einfühlendem Verständnis (Mitgefühl, Empathie) hervorzuheben.
4. Verstehen und Deuten Verstehen bezieht sich auf konkrete, empirisch belegbare Einzeltatsachen, Deuten auf unklare und nur spärliche Anhaltspunkte, denen ein aus anderen Erfahrungen stammendes Erklärungsmodell zugrunde gelegt wird. Mit der Natur dieser Erklärungsmodelle befasst sich die Hermeneutik.
Bewusst und Unbewusst Deutungen beziehen sich daher naturgemäß vor allem auf unbewusste Vorgänge. Das Unbewusste ist subjektiv an automatisch ablaufende körperliche Abläufe geknüpft, die keine Wahrnehmungs-, Vorstellungs- oder Denkvorgänge mobilisieren, zum Beispiel die regelmäßig ablaufende Herztätigkeit. Erst die Störungen körperlicher Abläufe konzentrieren unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte Organe. Das Bewusstsein ist weitgehend Objektbewusstsein, das aus der Subjekt-Objekt-Spaltung hervorgeht. Jaspers stand den Erklärungsmodellen Sigmund Freuds (1856–1939) im Wesentlichen skeptisch gegenüber. Dies lässt sich seinerseits verstehen, indem Jaspers eher den Typus des Denkers darstellte, Freud jedoch gegenüber Naturphänomenen stärker empfänglich war (Empfindungstypus).
Jaspers beschreibt die Evidenz des genetischen Verstehens als etwas Letztes. Das Urteil über die Wirklichkeit eines Verständlichen Zusammenhangs beruhe jedoch nicht allein auf der Evidenz, sondern vor allem auch auf dem objektiven Material greifbarer Anhaltspunkte. Während Evidenz auf idealtypischem Verstehen auch ohne ausreichendes Tatsachenmaterial basieren kann, ist die Realität eines verständlichen Zusammenhangs nur in dem Maße zu behaupten, als ausreichende objektive Daten gegeben sind. Genetisch verständliche Zusammenhänge sind idealtypische Zusammenhänge, so natürlich auch die Freudschen Modelle von „bewusst“ und „unbewusst“ oder dessen Strukturmodell der Psyche.
Charakterologie Auch die Charakterologie sah Jaspers als Teil der verstehenden Psychologie an. Hier gelten vielfach die gleichen idealtypischen Charakterbezeichnungen wie auch durch die Begriffsanalyse im Kap. Bewusst und Unbewusst dargestellt.
Verstehende Psychologie nach Lorenzer (Psychoanalyse) Als Beispiel einer verstehenden Psychologie auf der Subjektstufe sei das szenische Verstehen genannt. Es wurde von Alfred Lorenzer (1922–2002) als allgemeines Verstehen jeder einzelnen vom Patienten beschriebenen Szene seines subjektiven Erlebens geschildert, gewissermaßen als roter Faden des „Drehbuchs“ seines Lebens. In diesem „Drehbuch“ wiederholen sich die dem Patienten in ihrer Bedeutung unbewussten Szenen in immer ähnlicher und beinahe zwanghafter Art und Weise. Diesen Wiederholungen kann z. B. eine systematisch entstellte Kommunikation zugrunde liegen (Privatsprache), die immer wieder zu ähnlichen Fehlern führt. Diese Szenen können nach Freud entschlüsselt werden, wenn der Patient sie auf den Therapeuten überträgt (Übertragungsszenen).Uwe Henrik Peters: Lexikon Psychiatrie, Psychotherapie, Medizinische Psychologie. 6. Auflage. Urban & Fischer, München 2007, ISBN 978-3-437-15061-6; zu Lexikon-Stw. „Klischee“: S. 291 (als Suchwort muss „Verstehen, szenisches“ eingegeben werden)Jürgen Habermas: Der Universalitätsanspruch der Hermeneutik (1970). In: Zur Logik der Sozialwissenschaften. 5. Auflage. Suhrkamp Taschenbuch, Wissenschaft 517, Frankfurt 1982, S. 343 ff. Übertragung versteht sich als eine Interaktionsform.Alfred Lorenzer: Über den Gegenstand der Psychoanalyse oder: Sprache und Interaktion. Frankfurt 1973
Sozialpsychiatrische Ansätze In neuerer Zeit suchte die Sozialpsychiatrie nach weiteren Ansätzen des Verstehens von psychischer Krankheit. Hier ist als Vertreter beispielsweise Ronald D. Laing (1927–1989) zu nennen. Er stützte sich auf Arbeiten von Wilfred Bion (1897–1979) und Elliott Jaques (1917–2003) und nahm damit Positionen der verstehenden Soziologie auf.Ronald D. Laing: Das Selbst und die Anderen. 3. Auflage. Rowohlt Taschenbuchverlag, Reinbek bei Hamburg 1977, ISBN 3-499-17105-8; S. 28 zu Stw. „Bion und Jaques“; Originalausgabe Self and Others. Tavistock, London 1961.
Abstrakte und konkrete Psychologie