Das Zwergflusspferd (Choeropsis liberiensis oder Hexaprotodon liberiensis) ist eine der zwei heute noch vorkommenden Arten aus der Familie der Flusspferde. Das nachtaktive und seltene Zwergflusspferd ist in den Wäldern und Sümpfen des westlichen Afrika heimisch. Die Artbezeichnung liberiensis für „aus Liberia stammend“ spiegelt dies wider.
Das Zwergflusspferd weist eine Reihe von Anpassungen an das Leben an Land auf. Ähnlich wie das (Groß-)Flusspferd ist es jedoch darauf angewiesen, sich in der Nähe von Gewässern aufzuhalten: Zwergflusspferde halten sich über Stunden im Wasser auf, halten darüber unter anderem die Haut elastisch und ihre Körpertemperatur niedrig. Sowohl die Paarung der Elterntiere als auch die Geburt der Jungen kann sich an Land oder im Wasser abspielen. Das Zwergflusspferd ist ein Pflanzenfresser, zu dessen Nahrungsspektrum unter anderem Farne, Laubbäume und Sträucher sowie Gräser und Früchte zählen. Es lebt überwiegend einzelgängerisch und wird nur gelegentlich auch in Gruppen zu drei Tieren beobachtet.
Entdeckung Bis ins 19. Jahrhundert war die Existenz dieser Art außerhalb Westafrikas unbekannt. Erstmals wissenschaftlich bearbeitet wurde das Zwergflusspferd von dem amerikanischen Arzt und Rassentheoretiker Samuel George Morton, der 1843 aus Liberia zwei außergewöhnlich kleine Flusspferdschädel erhielt, die er ein Jahr später als Hippopotamus minor beschrieb. Dieser Name war allerdings schon vorher an ein fossiles Flusspferd vergeben, so dass Morton die Art 1849 als Hippopotamus liberiensis erneut beschrieb.S. G. Morton: Additional Observations on a new living species of Hippopotamus. In: Journal of the Academy of Natural Sciences of Philadelphia. Serie 2, Band 1, August 1849, S. 231–235. (biodiversitylibrary.org) Morton war zu dieser Zeit Vizepräsident der Akademie von Philadelphia und gab die Schädel an den dort als Anatom und Paläontologe tätigen Joseph Leidy weiter. Der erkannte die Unterschiede zu dem bekannten großen Flusspferd und ordnete es in eine neue Gattung Choeropsis ein.J. Leidy: On the Osteology of the Head of Hippopotamus, and a Description of the Osteological Characters of a new Genus of Hippopotamidae. In: Journal of the Academy of Natural Sciences of Philadelphia. Serie 2, Band 2, Januar 1853, S. 207–224. (biodiversitylibrary.org) Dabei blieb es, bis der Zoo von Dublin 1873 aus Liberia ein junges Flusspferd erhielt,Stroman, H. R., & Slaughter, L. M. (1972). The care and breeding of the Pygmy hippopotamus (Choeropsis liberiensis) in captivity. International Zoo Yearbook.
https://repository.si.edu/bitstream/handle/10088/11674/Stroman1972.pdf das mit 30 Pfund weniger wog als ein neugeborenes Flusspferd. Der irische Zoologe Mac Allister, der das wenige Wochen später verstorbene Tier untersuchte, konnte es als Choeropsis liberiensis identifizieren. Das Zwergflusspferd war also eine rezente Art. Erste seriöse Informationen über den Lebensraum brachte der Konservator am Reichsmuseum in Leiden, Johann Büttikofer, der zwischen 1877 und 1887 zwei Expeditionen durch Liberia unternahm. Er sammelte vor allem Skelette und Häute und erfuhr von einheimischen Jägern, dass das Zwergflusspferd nicht in Gruppen, sondern als Einzelgänger lebt und sehr selten ist. Bis 1910 gab es keine weiteren Nachweise und die Art wurde erneut für ausgestorben erklärt. Daran wollte der Hamburger Tierhändler und Zoogründer Carl Hagenbeck nicht glauben. Er engagierte den damals als White Hunter in Afrika lebenden Hans Schomburgk für eine Liberia-Expedition. Am 13. Juli 1911 sichtete Schomburgk das erste Zwergflusspferd am Duquea-River, schoss aber nicht. Ein Jahr später gelang es ihm mit Unterstützung einiger Mitglieder der Gola, fünf Zwergflusspferde in Fallgruben zu fangen,Garteh, J. C. (2013). Studying the distribution and abundance of the Endangered pygmy hippopotamus (Choeropsis liberiensis) in and around the Gola Rainforest National Park in southeastern Sierra Leone (Doctoral dissertation, Thesis. Bo, Sierra Leone: Njala University). und konnte sie wohlbehalten nach Hamburg bringen. Sein Telegramm an Hagenbeck ist Zoologiegeschichte: „Zwerghippo gefangen, ein nettes Tierchen“.
Die ersten Zwergflusspferde wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Zoos gehalten. Sie vermehren sich in Gefangenschaft gut und ein Großteil der Erkenntnisse über das Verhalten dieser Tierart basiert auf Beobachtungen an Zootieren. Der Fortbestand der Art gilt insgesamt als gefährdet. Die IUCN schätzt, dass in der freien Wildbahn nur noch 3000 Zwergflusspferde leben. Der Bestand der Zwergflusspferde ist durch den Verlust ihrer Lebensräume bedroht, da die Wälder zunehmend gerodet und in landwirtschaftliche Flächen umgewandelt werden. Zum Bestandsrückgang trägt auch bei, dass Zwergflusspferde immer noch bejagt werden und dass die Lebensräume immer wieder Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen sind.
Erscheinungsbild mini|Schädel eines Zwergflusspferdes mini|Ruhendes Zwergflusspferd Der Körperbau des Zwergflusspferdes gleicht grundsätzlich dem des Großflusspferdes und wirkt mit den vier kurzen und stämmigen Beinen auch ähnlich massig und untersetzt. Zwergflusspferde werden mit einer Schulterhöhe zwischen 75 und 83 Zentimetern allerdings nur knapp halb so groß wie Großflusspferde und erreichen mit einem Gewicht von 245 bis 275 Kilogramm weniger als ein Viertel des Körpergewichts ihrer Verwandten. Ihre Kopf-Rumpf-Länge liegt zwischen 150 und 177 Zentimetern.
Der Skelettbau der Zwergflusspferde ist, verglichen mit dem der Großflusspferde, graziler, da ihre Knochen proportional dünner sind. Während beim Großflusspferd das Rückgrat waagerecht ist, fällt dieses beim Zwergflusspferd nach vorne ab. Vermutlich ist dies eine Anpassung an den dicht bewachsenen Lebensraum, denn es erleichtert Ortswechsel im dichten Unterholz. Im Vergleich zum Großflusspferd sind die Beine und der Hals außerdem länger und der Kopf deutlich schmaler und weniger massig. Augen, Ohren und Nasenlöcher sitzen hoch oben am Kopf und Ohren und die Nasenlöcher können durch Muskelkontraktion so geschlossen werden, dass beim Untertauchen kein Wasser eindringt. Die Augenöffnungen und die Nasenlöcher sind beim Zwergflusspferd jedoch weniger erhaben als beim Großflusspferd, das sich häufig in tieferen Gewässern aufhält und dank der Form seiner Augen- und Nasenöffnungen den Kopf nur geringfügig aus dem Wasser heben muss, um sehen, riechen und atmen zu können. Die Füße des Zwergflusspferdes sind im Vergleich zum Großflusspferd schmaler. Es kann jedoch die Zehen weiter spreizen und die Schwimmhäute sind reduziert, was die Fortbewegung auf dem Land erleichtert.
Das Zwergflusspferd hat eine schwarz-grünliche bis schwarz-bräunliche Haut. Die Epidermis ist dünn und trocknet an Land leicht aus. Die Dermis ist dagegen mehrere Zentimeter dick. Ähnlich wie Großflusspferde haben auch Zwergflusspferde Drüsen, die eine schleimartige Substanz abgeben, was den Körper häufig rötlich schimmern lässt. Diese Substanz wird gelegentlich auch als „Blutschweiß“ bezeichnet, obwohl es sich weder um Schweiß noch um Blut handelt. Der stark alkalische Schleim wirkt vermutlich antiseptisch und schützt die Haut vor starker Sonnenbestrahlung. Er verhindert jedoch nicht ein Reißen der Haut, wenn diese nicht regelmäßig durch Schlamm oder Wasser befeuchtet wird.
Verbreitung, Lebensraum und Bestandszahl mini|Verbreitungsgebiet des Zwergflusspferdes (rot = ausgestorben) mini|Ein kleiner Bestand an Zwergflusspferden lebt in den dichten Wäldern auf Tiwai Island in Sierra Leone. Zwergflusspferde leben entlang der Flussläufe der westafrikanischen Regenwälder von Liberia, Sierra Leone, Guinea und der Elfenbeinküste. Der größte Teil der heute noch in freier Wildbahn lebenden Zwergflusspferde findet sich in Liberia. Die Populationen in den anderen drei Ländern liegen überwiegend in Grenznähe zu Liberia. Aufgrund der Bestandsrückgänge der letzten Jahrzehnte handelt es sich um verinselte Populationen, zwischen denen kein Austausch mehr stattfindet. Die Unterart C. l. heslopi, die im Nigerdelta vorkam, ist allem Anschein nach in den letzten Jahrzehnten ausgestorben.
Der größte Bestand an Zwergflusspferden in Liberia findet sich im Nationalpark Sapo, dem flächenmäßig größten Naturreservat Liberias. Weitere Populationen soll es darüber hinaus in Grand Kru County, Grand Cape Mount County, Grand Bassa County, Grand Gedeh County, Lofa County, Maryland County, Nimba County und Sinoe County geben. Liberia ist in den letzten Jahren allerdings wiederholt Schauplatz von militärischen Auseinandersetzungen und Unruhen gewesen (siehe auch Liberianischer Bürgerkrieg). Genauere Bestandsuntersuchungen sind deshalb in dieser Region kaum durchzuführen gewesen.
In der Elfenbeinküste kommt das Zwergflusspferd noch in mehreren Regenwäldern vor, darunter in denen im Nationalpark Taï. In Guinea ist die Verbreitung überwiegend auf das unter Naturschutz stehende Gebiet Reserve de Ziama begrenzt. In Sierra Leone leben mehrere vereinzelte Populationen im Gola-Regenwald-Nationalpark, auf Tiwai Island im Fluss Moa und in den Loma Mountains.
Lebensweise Verhalten Während das Großflusspferd den Lebensbedingungen der offenen Grassteppe angepasst ist, ist das Zwergflusspferd eher im feuchten bis sumpfigen Urwalddickicht heimisch. Gebirgswälder meidet es, da es kälteempfindlich ist. Zwergflusspferde können zwar gut schwimmen und tauchen, sie sind aber bei weitem nicht so stark an das Wasser gebunden wie Großflusspferde. So flieht das Zwergflusspferd im Gegensatz zu seinem großen Vetter bei Angriffen landeinwärts statt in Richtung Wasser und vermag auch nicht länger als ein bis drei Minuten zu tauchen. Viele Verhaltensweisen ähneln eher denen von Tapiren, wobei es sich dabei aber um eine konvergente Entwicklung handelt. mini|Zwergflusspferde sind auf den regelmäßigen Aufenthalt im Wasser angewiesen, um zu vermeiden, dass ihre Haut reißt. Die nachtaktiven Zwergflusspferde leben einzeln in ihrem Territorium, das sie auf festen Wechseln durchstreifen. Kontakt zu anderen Artgenossen hat das Zwergflusspferd lediglich während der Brunft und während der Jungenaufzucht. Begegnen sich Zwergflusspferde, neigen sie eher dazu, einander zu ignorieren, als miteinander zu kämpfen. Felduntersuchungen haben ergeben, dass das Revier eines Zwergflusspferdbullen eine Größe von 185 Hektar hat und das Revier einer Kuh zwischen 40 und 60 Hektar umfasst.
Zwergflusspferde halten sich während des Tages gewöhnlich in den Flussläufen auf. Sie verbleiben an einer Stelle meist über mehrere Tage, bevor sie zu einer anderen Stelle weiterziehen. Bei einigen Zwergflusspferden hat man beobachtet, dass sie Deckung in ausgewaschenen Höhlungen der Uferwände und Sandbänke von Flüssen suchen. Es ist bislang nicht bekannt, ob Zwergflusspferde diese Höhlungen teilweise selbst graben oder ob die Nutzung solcher Verstecke für alle Zwergflusspferde typisch ist.
Nahrung und Nahrungserwerb Ähnlich wie das Nilpferd verlässt das Zwergflusspferd das Wasser in der Dämmerung, um sich auf Nahrungssuche zu begeben. Es nutzt dabei überwiegend feste Wechsel, die durch den dichten Unterwuchs der Regenwälder führen. Die Wechsel werden markiert, indem Zwergflusspferde während des Kotens die Fäkalien durch schnelle und kräftige Schwanzbewegungen verteilen. Die Tiere verbringen etwa sechs Stunden am Tag mit der Suche nach Nahrung.
Zwergflusspferde sind Pflanzenfresser, deren Nahrung überwiegend aus Farnen, Blättern von Bäumen und Sträuchern, Knollen, Trieben und herabgefallenen Früchten sowie in geringerem Umfang auch aus Wasserpflanzen, Kräutern und Gräsern besteht. Die breite Palette an genutzten Nahrungspflanzen legt nahe, dass Flusspferde ihre Nahrung nicht selektieren, sondern dass die jeweilige Verfügbarkeit bestimmt, welchen Anteil einzelne Pflanzen daran haben. Insgesamt sind die von ihnen genutzten Nahrungspflanzen energiereicher als die von Großflusspferden gefressenen.
Fortpflanzung