mini|Westwerk der Bartholomäuskirche mit Hochwacht- und Glockenturm mini|1797 hatte die Bartholomäuskirche noch eine Brücke oder einen Querbau zwischen den höheren Turmhelmen und einen Dachreiter auf dem Chor mini|Grabplatte eines der Stifter: Graf Hartmann III. von Grüningen († 1280) mini|Fragment der Weihinschrift (1260) mini|Schlussstein des Baumeisters Aberlin Jörg in der Sakristei (um 1470) mini|Blick vom Mittelschiff in den Chor mini|Blick vom Chor zur Empore
Die Bartholomäuskirche in Markgröningen, der ehemaligen Reichs- und württembergischen Amtsstadt Grüningen, ist ein in mehreren Bauphasen entstandener gotischer Kirchenbau aus dem 13. bis 15. Jahrhundert. Die dem Apostel Bartholomäus geweihte und heute evangelische Kirche hat zwei Kirchtürme mit unterschiedlichen Turmhelmen. Sie ersetzte eine romanische Basilika auf einer aufgeschütteten Rampe über dem frühmittelalterlichen Dorfkern im Südosten und einem Herrenhof im Süden.
Geschichte Kirchenstifter und Baugeschichte An der Stelle der Bartholomäuskirche befand sich zuvor eine dreischiffige romanische Basilika, deren Mittelschiff annähernd die Größe des heutigen erreichte. Sie wurde vermutlich anstelle einer vormaligen Wehrkirche mit frei stehendem Turm auf einer höhengleich aufgeschütteten Rampe oberhalb der ursprünglichen Siedlung um den Wetteplatz erstellt und könnte wie der südlich anschließende Herrenhof von einer Mauer eingefasst gewesen sein. Der Kirchhof wurde noch bis 1618 als Begräbnisplatz genutzt. Prominente wurden bis dahin innerhalb der Kirche bestattet.
Der noch unter dem heutigen Kirchenboden erhaltene Boden der romanischen Basilika wurde 1984 teilweise freigelegt; ein Ausschnitt kann seither durch ein archäologisches Fenster betrachtet werden. Der Legende nach soll Hildegard († 783), die Gattin Karls des Großen, den ob seiner Größe beachtlichen Vorgängerbau gestiftet haben. Sollte dieser tatsächlich aus dem 8. Jahrhundert stammen, schlummert im Untergrund der Kirche eine archäologische Fundgrube von außerordentlicher Bedeutung. Ihre erste schriftliche Erwähnung stammt vom Kloster Hirsau, das um 1150 einen „Anselm presbiter de Grüningen“ aufführt.Quelle: Codex Hirsaugiensis S. 44f = fol. 51a und 52b. Von 1257 stammt die erste Erwähnung eines Leutpriesters.Quelle: Württembergisches Urkundenbuch (WUB) Band V, Nr. 1438, S. 201–203 WUB online.
Neubau im 13. Jahrhundert Der frühgotische Neubau wurde laut der bei der Kanzel als Fragment erhaltenen Inschrift 1260 geweiht, demnach zuvor von dem Württemberger Grafen Hartmann II. gestiftet und von seinem Sohn Hartmann III. weitgehend abgeschlossen.Anhand der überlieferten Urkunden und Regesten lassen sich drei Grafen Hartmann von Grüningen belegen. Zwei Übergangsphasen des Generationenwechsels lassen sich an der zeitweisen Verwendung des Beinamens Senior festmachen. Der in der Kirche erhaltene Grabstein von Hartmann III. († 1280) trägt das Wappen des Hauses Württemberg und gilt als das älteste in Stein gehauene Wappen-Relikt dieses Hauses. Möglicherweise ist das Württemberger Wappen am mittelalterlichen Sockel des benachbarten Pfarrhauses aber noch älter. Hier soll zuvor laut Martin Crusius das „Schloss der Alten Grafen“, also der Herrenhof der von Grüningen, gestanden haben.Dass der eingefriedete Bereich des 1544 fertiggestellten Pfarrhauses im Mittelalter ein Herrenhof des Kirchenpatrons war, kann als gesichert gelten (ab 1336 im Besitz der Grafen von Württemberg, die dabei auch Kirchherr wurden).
1272 wurde die älteste bekannte Glocke von Hartmann II. von Grüningen gestiftet und geweiht. Bis dahin waren zumindest der von einem Kreuzrippengewölbe überspannte Altarraum mit seinen Seitenkapellen und die Türme (in früherer Form) fertiggestellt. Anschließend sei das neue Mittelschiff bis 1277/78 nach Westen hin errichtet worden. Diese im Dachstuhl erfolgte dendrochronologische Datierung könnte aber auch auf eine Reparatur hinweisen. Denn laut Heyd hat das königliche Heer, das den Grüninger Grafen die Stadt und andere ehemalige Reichsgüter im Neckarbecken abnehmen sollte, 1275 die Stadt eingenommen und die neu errichtete Bartholomäuskirche in Brand gesteckt.Ludwig Friedrich Heyd: Geschichte der Grafen von Gröningen, Stuttgart 1829, S. 81, und Geschichte der vormaligen Oberamts-Stadt Markgröningen […], Stuttgart 1829, S. 7. Bei Brackenheim konnte Graf Hartmann III. von Grüningen am 19. Oktober 1277 die feindlichen Truppen trotz ihrer Übermacht zurückschlagen und zahlreiche Gefangene nach Grüningen führen. Diesen Sieg feierte man in Grüningen laut einem überlieferten Gesangbuch mit stadtgeschichtlichen Einträgen als „Rache des Kirchenheiligen Bartholomäus“ für die Kirchenschändung von 1275.Ludwig Friedrich Heyd: Geschichte der Grafen von Gröningen. Stuttgart 1829. S. 81. 1277 bestätigte der mit Hartmann III. verschwägerte Speyrer Bischof Friedrich von Bolanden dessen testamentarische Stiftung auf den Marienaltar der Bartholomäuskirche.Siehe Stiftungsbestätigung auf WUB online Aus diesem Anlass könnte 1277 auch die undatierte Stiftung der Marienglocke des mit einer Ebersteinerin verheirateten Hartmann III. erfolgt sein.Auf ihr war folgendes in Latein eingraviert: „Heilige Mutter Maria, Markus Lukas Matthäus Johannes, Graf Hartmann von Grüningen, der eine Tochter des Herrn von Eberstein zur Frau hat.“
1295 mussten die Brüder Hartmanns III., die Grafen Konrad und Eberhard von Grüningen-Landau und der Geistliche Ludwig von Grüningen, ihr Eigengut in Grüningen und damit auch das Patronatsrecht an der Bartholomäuskirche an König Adolf von Nassau veräußern.Quelle: WUB Band X, Nr. 4708, S. 378–379 WUB online Erst nachdem die von 1280 bis 1322Quelle: Regesta Imperii H. 1 n. 28 RI online reichsfreie Stadt und damit auch das Kirchenpatronat 1336 wieder in württembergische Hände gekommen war,Quelle: Regesta Imperii VII H. 1 n. 264 wurde um 1340/46 am Dach über dem westlichen Joch des Kirchenschiffs gezimmert. Derzeit könnte auch das Westwerk mit den beiden Türmen umgebaut worden sein. Ihre spätromanisch-frühgotische Formensprache und die Glockenstiftungen der Grafen von Grüningen sprechen jedenfalls gegen die Vermutung, dass die Türme erst im 14. Jahrhundert erstellt worden seien.Vgl. Petra Schad: Die Bartholomäuskirche, in: Markgröninger Bauwerke und ihre Geschichte, Band I, Markgröningen 2002, S. 17, und Werner Feil: Evang. Bartholomäuskirche Markgröningen, Schnell Kunstführer Nr. 1655, München und Zürich 1987, S. 22. Laut Hans Grüninger hatten beide Türme zu seiner Zeit (1527) einen Umgang.Hermann Römer: Markgröningen im Rahmen der Landesgeschichte, Bd. 1, Urgeschichte und Mittelalter. Markgröningen 1933, Faksimile auf S. 285, und Wikimedia Commons
Ausbau im 15. Jahrhundert Im 15. Jahrhundert wurde die Kirche um zwei Kapellen an der Südfassade und um einen großen Chor anstelle eines früheren Chors erweitert: Zuerst entstand die nach der Adelsfamilie Reischach benannte Reischachkapelle, 1459 wurde die von Walter von Haslach gestiftete zweite Seitenkapelle von Aberlin Jörg fertiggestellt. Letztere wurde später Vollandkapelle genannt – nach Heinrich Vollands Witwe Elisabeth, geb. Lyher, die hierin einen Altar gestiftet und deren prachtvolles Epitaph von 1490 sich in jener Kapelle erhalten hat. Von 1469 bis 1472 erbaute der in Markgröningen sesshafte Baumeister Aberlin JörgAberlin Jörg wird in den Markgröninger Schatzungslisten von 1448 und 1471 als steuerpflichtiger Bürger aufgeführt (Quelle: HStA Stgt. A54a St. 9) und hatte ein stattliches Haus in der Ostergasse (Quelle: StadtA Esslingen, Spital-Lagerbuch, Nr. 28). Er soll die in Grüningen wohnende Adelheid von Magstatt geheiratet haben. den spätgotischen Chor sowie die Sakristei an, wodurch die Kirche im Wesentlichen ihre heutige Gestalt erreicht hat.
Die Schlusssteine des Chorgewölbes lassen Rückschlüsse auf Altäre und Finanzierung zu: Von Ost nach West findet man nach dem Zeichen von Aberlin Jörg die Symbole von Maria, Petrus, Paulus, Matthias und Bartholomäus, die für Altarpfründen und Patrozinium stehen könnten, und danach die Wappen des Grafen und Kirchherrn Eberhard im Bart und der Stadt, die sich die Baufinanzierung mit den Kassen der Heiligen geteilt haben dürften. Im Gegensatz zur Spitalkirche taucht das Wappen eines naheliegenden Mäzens, der damals schwerreichen Familie Volland, hier nicht auf. Möglicherweise war sie indirekt über die Matthiasbruderschaft involviert. Ein weiterer Stein am Übergang zur Westwand repräsentiert einen weiteren Baumeister, dessen Zeichen von der Straßburger Steinmetz-Familie Dotzinger genutzt wurde und sich auf zahlreichen Steinen im Chor wiederfindet.Vgl. zu den Schlusssteinen Ludwig Friedrich Heyd: Geschichte der vormaligen Oberamts-Stadt Markgröningen, Stuttgart 1829, S. 183, und Petra Schad: Die Bartholomäuskirche, in: Markgröninger Bauwerke und ihre Geschichte, Band I, Markgröningen 2002, S. 18.
Revoluzzer auf der Kanzel Um 1514 stand Reinhard Gaißer, ein promovierter Theologe und ehemaliger Rektor der Universität Tübingen, der Bartholomäuskirche vor. Dieser „erste Sozialrevolutionär auf einer württembergischen Kanzel“Hermann Römer: Markgröningen im Rahmen der Landesgeschichte, Bd. 1, Urgeschichte und Mittelalter. Markgröningen 1933, S. 190–229 rief im Zuge des Armen Konrads den Gemeinen Mann in Grüningen und andernorts zum Aufstand gegen die frühkapitalistisch agierende Ehrbarkeit und insbesondere gegen den Vogt Philipp Volland auf. Über seine gepfefferten Predigten hinaus wurden ihm konspirative Treffen und Verbindungen zu anderen Widerstandsnestern zur Last gelegt. Sein Neffe Wilhelm Gaißer, ebenfalls Geistlicher und als solcher Gaißers Helfer in der Grüninger Bartholomäuskirche, unterstützte ihn dabei als Sendbote insbesondere ins Remstal und nach Leonberg. Obwohl der erboste Grüninger Vogt über Gaißers Umtriebe ausführliche Anzeigen erstattete, kam Gaißer mit einer Abmahnung in der fürstlichen Kanzlei und der Kürzung seiner Bezüge davon, weil er nur dem Bischof von Speyer verantwortlich war und insofern in Württemberg Immunität genoss. Nach der Zerschlagung des Aufstands blieb er Stadtpfarrer in Grüningen und sprach dem Spitalmeister Johannes Betz 1517 den Ablasshandel erfolgreich ab. Auch den 1521 zwischen Betz und Gaißer entstandenen Streit um die geistliche Rangfolge in der Stadt entschied der Speyrer Bischof Georg von der Pfalz zugunsten des Stadtpfarrers und Dekans, der auch dem Landkapitel Grüningen vorstand und damit zu den ranghöchsten Geistlichen im Herzogtum Württemberg zählte.Katholische Kirchengemeinde Markgröningen (Hrsg.): Spitalkirche zum Heiligen Geist Markgröningen von 1297 bis 1981. 25 Jahre Heilig-Geist-Gemeinde, 28. Juli 1957 bis 28. Juli 1982. Markgröningen 1982, S. 73.
mini|Landkapitel Grüningen im Speyrer Archidiakonat Trinitatis (um 1500)Vgl. Karte der gesamten Diözese des Bistums Speyer um 1500 von Franz Xaver Glasschröder (1906). mini|Karte des Gröninger Kirchensprengels von 1736
Archidiakonat, Dekanat und Superintendenz Im Mittelalter diente die Bartholomäuskirche als geistliches Zentrum im Sprengel des Speyrer Archidiakonats Trinitatis, das wiederum in drei Bezirke, das Landkapitel Weil der Stadt, das Landkapitel Grüningen und das Landkapitel Vaihingen, unterteilt war (siehe Karte). Der Archidiakon war regionaler Stellvertreter des Bischofs und hatte in seinem Sprengel auch juristische Gewalt inne. Aufgrund dieser Funktion, wegen des umfangreichen Chorgestühls und vermutlich in erster Linie wegen ihrer Größe und ihrer zwei Türme wurde die Kirche im Volksmund auch als „Strohgäu-Dom“ bezeichnet.