Die Frühere Song-Dynastie, auch Liu-Song-Dynastie () genannt, war eine Epoche des chinesischen Kaiserreichs, die von 420 bis 479 dauerte.
Die Song-Dynastie fiel in die Zeit der Teilung Chinas in einen Süd- und einen Nordteil nach dem Ende der Jin-Dynastie; man spricht auch von der Zeit der Nord- und Süd-Dynastien (420–581). Dabei bildete die Song-Dynastie die erste der südlichen Dynastien; sie wurde von der Qi-Dynastie (479–502) abgelöst.
Geschichte Gründung und Frühphase Der an der Niederschlagung des Aufstands der daoistischen Sekte der Fünf Reisscheffel maßgeblich beteiligte Feldherr Liu Yu setzte sich in den Machtkämpfen und militärischen Konflikten der letzten zwei Jahrzehnte der Östlichen Jin-Dynastie durch. Er wurde der mächtigste Mann im Jin-Reich, setzte 420 dessen letzten Kaiser Gongdi ab und gründete in Nanjing die Frühe Song-Dynastie. Diese wird auch als Südliche Song-Dynastie bezeichnet. Als deren erster Kaiser erhielt Liu Yu den postumen Namen Song Wudi, mit dem er gemeinhin bezeichnet wird.Jacques Gernet: Die chinesische Welt. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988 (französische Originalausgabe Paris 1972), ISBN 3-518-38005-2, S. 157.
Zur Zeit der Machtergreifung von Liu Yu scheinén die Immigrationsprobleme des frühen 4. Jahrhunderts in seinem Reich gelöst und die Einwanderer aus Nordchina in der ansässigen Bevölkerung aufgegangen zu sein, da die neue Dynastie bald zwecks Vereinheitlichung des Steuersystems die Differenzierung in gelbe und weiße Listen aufgab. Liu Yu übertrug einen wesentlichen Teil der Militärmacht an zwei seiner Söhne, die er zu Befehlshabern der beiden bedeutendsten Provinzgarnisonen Jingzhou und Jiangzhou berief. Durch diese Maßnahme versuchte er Rivalitäten mit anderen Provinzgenerälen zu vermeiden.David A. Graff: Medieval Chinese Warfare, 300-900, 2002, S. 87. Ebenso schwächte er damit die Machtbasis politisch einflussreicher vermögender Großgrundbesitzer. Zusätzlich befahl er, dass nur Mitglieder der Kaiserfamilie das wichtige Amt der Regionalinspektoren, denen die Kontrolle der Provinzen des Reichs oblag, ausüben durften. Die Adligen waren wiederum von der Bekleidung der bedeutendsten Posten in der Zentralregierung ausgeschlossen; diese hohen Ämter blieben Angehörigen der unteren Volksschichten vorbehalten. Das Prinzip der Thronfolge durch den jeweils ältesten Kaisersohn wurde de facto aufgegeben, was zu blutigen Machtkämpfen innerhalb des Kaiserhauses führen sollte. Zur Überwachung der Aktivitäten der kaiserlichen Prinzen setzte Liu Yu sog. Dokumentationsbeamte (chinesisch Dianqian) ein, die etwa potentielle Aufstandspläne der Prinzen frühzeitig aufdecken konnten.Liu-Song Dynasty, in: Chinaknowledge – An Encyclopedia on Chinese History and Literature.
In den frühen 420er Jahren wurde das Song-Reich von den in Shenxi und Hebei errichteten Reichen wiederholt attackiert. Obwohl die Song-Armeen Territorien im Einzugsgebiet des Gelben Flusses verloren hatten, stellten die zersplitterten nördlichen Reiche indessen keine größere Bedrohung dar. So wurde eine Offensive der Nördlichen Wei-Dynastie von den am Hulao-Pass nahe Xingyang stationierten Song-Truppen 422 problemlos abgewehrt.David A. Graff: Medieval Chinese Warfare, 300-900, 2002, S. 128.
Blütezeit unter Kaiser Wendi mini|Ungefähre Ausdehnung des Song-Reichs um 450, kurz vor dem Ende der Herrschaft Kaiser Wendis, mit der Lage der wichtigsten damaligen Städte Nach dem Tod von Liu Yu († 422) folgte ihm sein jugendlicher Sohn Liu Yifu als Kaiser Song Shaodi. Dieser stand unter der Regentschaft des Ministers Xu Xianzhi und anderer Adliger, die ihn wegen angeblicher Regierungsuntauglichkeit entthronten und 424 ermorden ließen. Liu Yifus jüngerer Bruder Liu Yilong folgte ihm als Kaiser Song Wendi auf den Thron. Er wurde von Xu Xianzhi sowie dem Feldherrn Xie Hui und dem hohen Beamten Fu Liang unterstützt, die u. a. eine Landreform durchführten, um für den Adel genaue Regeln hinsichtlich des Erwerbs neuer Landgüter festzulegen. 426 ging Kaiser Wendi gegen seine drei Berater vor, ließ Fu Liang ermorden, trieb Xu Xianzhi in den Selbstmord und unterdrückte den folgenden Aufstand von Xie Hui. Dieser wurde ebenfalls getötet. Danach hob der Kaiser das Verbot für die Adligen auf, Regierungsämter zu bekleiden. Ferner übertrug er den kaiserlichen Prinzen wichtige Kommandoposten in den Provinzen und verkleinerte die Militärgarnisonen, um deren Möglichkeiten für die Anzettelung von Aufständen einzuschränken. Es folgten Hofintrigen, in die einige Brüder des Kaisers und sein Kronprinz verwickelt waren. Dennoch erlebte das Song-Reich während Wendis langer Regierung (424–453) eine relativ friedvolle wirtschaftliche Blütezeit. Unter seiner Herrschaft vermochte es seine Beziehungen zu Zentralasien und Japan zu vertiefen. 428 erschienen etwa Gesandte aus Ceylon und Indien am Kaiserhof in Nanjing.Jacques Gernet: Die chinesische Welt, 1988, S. 157 und 587.
431 befahl Wendi seinen Truppen, einen Feldzug gegen die Nördlichen Wei zu unternehmen, der indessen erfolglos verlief. In den 430er Jahren führte er mehrere Kriege gegen das in der heutigen Provinz Gansu gelegene Reich Qiuchi, das von 436-442 von Kaiser Yang Nandang regiert wurde. In den 440er Jahren fielen Song-Truppen in den Staat Champa im heutigen Zentral-Vietnam ein. Unterdessen hatten die Nördlichen Wei bis 439 durch erfolgreiche Feldzüge gegen Nachbarreiche ganz Nordchina unter ihrer Herrschaft wiedervereint. Nun war das Song-Reich mit diesem mächtigen feindlichen Staat konfrontiert, an dessen Spitze zudem mit Kaiser Wei Taiwu (regierte 424-452) ein bemerkenswert kriegerischer Herrscher stand. Der von Wendi 450 angeordnete Feldzug gegen die Wei scheiterte. Im nächsten Jahr gingen die Wei zum Gegenangriff über. Ihre Armeen umgingen die Garnisonen der Song am Huai He und drangen bis zum Jangtsekiang in die Nähe der Hauptstadt des Song-Reichs, Nanjing, vor. Trotz ihrer Überlegenheit zu Land konnten die Wei-Truppen aufgrund des Mangels an Schiffen den Strom nicht überqueren und mussten sich angesichts der umfassenden Mobilisierung der feindlichen Flotte zurückziehen. Dennoch hinterließen sie verwüstete Regionen und verschleppten außerdem zahlreiche Kriegsgefangene in ihr Reich. Die Verteidigungslinie der Song verlagerte sich nun vom Gelben Fluss ins Tal des Huai He, wodurch ihre Hauptstadt feindlichen Angriffen direkter ausgesetzt war.David A. Graff: Medieval Chinese Warfare, 300-900, 2002, S. 129.
Niedergang Als Kaiser Wendi erkrankte, betraute er seinen Bruder Liu Yikang mit der Regierungsführung. 451 ließ er aber seinen Bruder aus Furcht, dass dieser putschen würde, hinrichten. Im März 453 wurde Wendi indessen selbst durch einen Staatsstreich seines Sohnes Liu Shao gestürzt und ermordet.Victor Cunrui Xiong: Historical Dictionary of Medieval China, 2009, S. 326. Liu Shao übernahm nun die Macht, wurde aber nach nur zweimonatiger Regierungszeit von seinem jüngeren Bruder Liu Jun, der den Vatermord missbilligte, besiegt und getötet. Daraufhin bestieg Liu Jun den Thron und regierte unter dem postum verliehenen Namen Song Xiaowudi bis zum Jahr 464.Victor Cunrui Xiong: Historical Dictionary of Medieval China, 2009, S. 575. Im Gegensatz zu seinem Vater ernannte er anstelle von Aristokraten Mitglieder der unteren Volksschichten zu seinen Beratern. Da die vom Reichsgründer Liu Yu betriebene Politik, die militärische Macht vor allem in den Händen von Angehörigen seiner Sippe zu konzentrieren, das Reich nicht stabilisiert, sondern zu heftigen Kämpfen innerhalb der Kaiserfamilie geführt hatte, misstraute Kaiser Xiaowudi seinen Verwandten. Er sorgte für die Beseitigung einiger seiner Brüder als potentiell gefährliche Rivalen. Andere Brüder ließ er – wie es schon Liu Yu getan hatte – durch rangniedrige Beamte überwachen, die er in die Verwaltung von deren Fürstentümern einschleuste.David A. Graff: Medieval Chinese Warfare, 300-900, 2002, S. 88. Die daraus resultierenden Konflikte führten u. a. zu Aufständen seiner jüngeren Brüder Liu Dan († 459) und Liu Xiumao († 461), die niedergeschlagen wurden. Im Jahr 460 wurde den aristokratischen Familie gesetzlich Mesalliancen untersagt.Jacques Gernet: Die chinesische Welt, 1988, S. 588.
Hofintrigen prägten die Regierungen der folgenden Herrscher. Liu Ziye kam nach dem Tod seines Vaters Xiaowudi 464 an die Macht und erhielt als Kaiser den postumen Namen Song Qianfeidi. Er hatte angeblich einen despotischen Charakter und versuchte, potentielle Rivalen innerhalb seiner Familie auszuschalten, wurde aber bereits 465 auf Betreiben von Liu Yu ermordet. Dieser regierte als Kaiser Song Mingdi bis 472 und ließ ebenfalls mögliche Thronanwärter eliminieren. Dies führte zu neuen Konflikten innerhalb der Dynastie, dem sog. „Krieg der Onkel und Neffen“, wobei sich der Kaiser erst durchsetzen konnte, nachdem er in große Gefahr geraten war. Von diesen internen Streitigkeiten profitierten die Nördlichen Wei, die bei neuen, in den Jahren 467 und 469 unternommenen Feldzügen weitere Gebiete des Song-Reichs in der Region des Huai He erobern konnten.
Nachdem Liu Yu, der minderjährige Sohn von Kaiser Mingdi, nach dessen Tod 472 als Kaiser Song Houfeidi auf den Thron gekommen war, rebellierte sein Onkel Liu Xiufan 474 gegen ihn. Liu Xiufan war der einzige Bruder des verstorbenen Kaisers, der die vorangegangenen Konflikte überlebt hatte. Seine Revolte gegen Houfeidi wurde indessen vom Kommandanten der kaiserlichen Garde, Xiao Daocheng, unterdrückt. Letzterer stieg dadurch zum faktischen Reichsregenten auf. 477 ließ er den Kaiser ermorden und inthronisierte dessen Bruder Liu Zhun, der als Kaiser den postumen Namen Song Shundi erhielt. Schließlich nutzte Xiao Daocheng den Machtverlust des Kaiserhauses zu dessen Sturz, indem er Shundi 479 absetzte. Daraufhin gründete er die Südliche Qi-Dynastie und übernahm als deren ersten Kaiser, postum Qi Gao Di genannt, die Herrschaft.Victor Cunrui Xiong: Historical Dictionary of Medieval China, 2009, S. 17.
Literatur Anknüpfend an die Spätphase der Östlichen Jin-Dynastie gab es in der Ära der Früheren Song eine literarische Blütezeit, die sich unter den folgenden Dynastien fortsetzen sollte. In der Übergangszeit zwischen den beiden Dynastien war vor allem Xie Lingyun (* 385; † 433) eine prägende Persönlichkeit; er gilt als erster bedeutender chinesischer Naturdichter. Er entstammte dem angesehenen Geschlecht der Xie, dem auch andere namhafte Gelehrte jener Zeit angehörten. Sein Cousin Xie Hun veranstaltete in seinem Haus wiederholt Diskussionsrunden von Literaten und stellte Anthologien zusammen, die heute verschollen sind. Auch Xie Lingyun selbst verfasste eine Gedichtsammlung. Solche Blütenlesen waren damals in Mode, beispielsweise die Anthologie der Dichterinnen (chinesisch Furen ji) von Yin Chun (* 379; † 438). Dies spiegelt den Geschmack der Intellektuellen der damaligen Ära für Werke wider, die den Stil älterer Poeme nachahmten und das Wesen berühmter Dichter vergangener Epochen einzufangen und zu vermitteln suchten. So imitierte Xie Lingyun die großen Dichter des Wei-Reichs (Cao Pi, Cao Zhi, die Sieben Weisen des Bambushains) und die Yuefu der Han-Zeit. In diesem Genre traten auch die beiden anderen großen Poeten jener Zeit, Yan Yanzhi (* 384; † 456) und Bao Zhao (* um 414; † 466), hervor. Letzterer ahmte sogar Gedichte von Xie Lungyun nach.Xiaofen Tian, in: Kang-i Sun Chang, Stephen Owen (Hrsg.): The Cambridge History of Chinese Literature, Bd. 1: To 1375, 2010, S. 226–243.