Die Philister (; neuägyptisch Peleset) waren ein Volk, das vor allem aus der Bibel und jüngeren jüdischen und christlichen Schriften bekannt ist. Das Gebiet an der südwestlichen Küste des historischen Palästina, das in diesen Texten am häufigsten als ihr Siedlungsgebiet erscheint, nennt man „Philistäa“.

Archäologisch lässt sich vor allem vom 12. bis zum 8. Jahrhundert v. Chr. eine „typisch philistäische“ Kultur identifizieren, für die besonders charakteristisch die philistäische Keramik ist. Für die Zeit danach spricht man gelegentlich stattdessen von „Post-Philistern“, da ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. weitere Völker mit anderen Kulturen nach Philistäa eindrangen.

Herkunft mini|hochkant=1.2|Mykenischer Kulturkreis (violett) und die Großreiche der Hethiter, Ägypter und Assyrer um 1230/20 v. Chr.

Wegen ägyptischer Inschriften nimmt man heute i. d. R. an, dass die Philister nicht ursprünglich aus Philistäa stammen, sondern eines von mehreren Seevölkern waren. Ihre genaue Herkunft jedoch ist wie bei den meisten Seevölkern sehr strittig. Heute beschränkt man sich daher meist darauf, sie wegen deutlicher keramischer Parallelen sehr grob in den mykenischen Kulturkreis zu verorten.Aren M. Maeir (2022): You've Come a Long Way, Baby! Changing Perspectives on the Philistines. In: Journal of eastern mediterranean archaeology and heritage studies. (JEMAHS) Band 10, Nr. 3–4, 2022, S. 216–239, hier 216 f.

Auch eine weitere Kultur, die sich ebenfalls etwa ab dem 12. Jahrhundert v. Chr. weiter nördlich an der Küste des später Palästina genannten Landstrichs nachweisen lässt, hält man oft für ein eingewandertes Volk und bezeichnet dessen Angehörige traditionell als Phönizier/Phönikier. Einigkeit besteht heute allerdings darin, dass die Einteilung der levantinischen Küstenbewohner in die zwei Gruppen „Philister“ und „Phönizier“ als zwei unterschiedliche und in sich homogene Ethnien künstlich ist, da beide sich vielmehr aus diversen Gruppen von Seehändlern, Piraten und Übersee-Migranten aus unterschiedlichen Regionen zusammensetzten,Tristan Barako (2000): The Philistine Settlement as Mercantile Phenomenon? In: American Journal of Archaeology. (AJA). Band 104, S. 513–530.Louise A. Hitchcock, Aren Maeir (2016): A Pirate’s Life for Me: The Maritime Culture of the Sea People. In: Palestine Exploration Quarterly. (PEQ). Band 148, Nr. 4, 2016, S. 245–264, hier S. 255, 259 (doi:10.1080/00310328.2016.1250358).Aren M. Maeir: Iron Age I Philistines: Entangled Identities in a Transformative Period. In: A. Yasur-Landau, E. Cline, Y. Rowan (Hrsg.): The Social Archaeology of the Levant: From Prehistory to the Present. Cambridge University Press, Cambridge 2018, doi:10.1017/9781316661468.018, S. 310–323.Ernst Axel Knauf, Hermann Michael Niemann: Geschichte Israels und Judas im Altertum. De Gruyter, Berlin / Boston 2021, ISBN 978-3-11-014543-4, S. 94. unter denen die Philister wohl erst im Laufe der Zeit zu einem „Volk“ zusammengewachsen sind.

Gelegentlich versucht man in der Forschung nun stattdessen, das palästinische Küstengebiet sauber auf einzelne der bekannten Seevölker aufzuteilen. In der Regel orientiert man sich dabei am Onomastikon des Amenope, in dem in einer Namensliste als einzelne Namen auch „[die philistäischen Städte] (…) Aschkelon, Aschdod, Gaza (…) [und die Seevölker] Scherden, Tjeker, Philister (…)“ aufgelistet werden, am Reisebericht des Wenamun, in dem Dor als Tjeker-Stadt erscheint, und am ähnlichen Namen des Seevolks der Dananu und des biblischen Stammes Dan, der laut ursprünglich u. a. in der Philisterstadt Ekron leben sollte.

Peckham zum Beispiel glaubt hiernach, von Süd nach Nord hätten bis hinauf nach Aschdod und Gat die Philister gelebt, bis nach Ekron und Timna in der Schfela die Dananu, bis nach Dor die Tjeker und bis nach Akko die Scherden.J. Brian Peckham: Phoenicia. Episodes and Anecdotes from the Ancient Mediterranean. Eisenbrauns, Winona Lake 2014, ISBN 978-1-57506-181-8, S. 47. Archäologisch gut auseinanderhalten lassen sich Philister vs. Dananu und Tjeker vs. Scherden (vs. Phönizier) aber nicht.Ayelet Gilboa (2007): Fragmenting the Sea People. With an Emphasis on Cyprus, Syria and Egypt: A Tel Dor Perspective. In: Scripta Mediterranea. XXVII–XXVIII, 2007, S. 209–244, hier 210 f.Jeffrey P. Emanuel (2012): ‘Šrdn of the Strongholds, Šrdn of the Sea‘. The Sherden in Egyptian Society, Reassessed. Vortrag; abgerufen am 19. Januar 2024.

Auf eine neue Spur zur Herkunft der Philister führten 2016 Ausgrabungen in Aschkelon, bei denen ein Friedhof mit mutmaßlich philistäischen Skeletten gefunden wurde, von denen zehn eine aDNA-Analyse zuließen. Dabei zeigte sich, dass die Philister ab der Eisenzeit II (ab etwa 10. Jahrhundert v. Chr.) genetisch von den anderen Völkern der Levante nicht zu unterscheiden waren. Bei den Proben der älteren Skelette aus der Eisenzeit I (ab etwa 12. Jahrhundert) dagegen fanden sich genetische Signale, die auch von anderen Völkern am Mittelmeer bekannt sind – die meisten Übereinstimmungen gab es mit den Kretern der griechischen Welt sowie den alten Iberern und den modernen Sarden.Laura Geggel: Philistines, Biblical Enemies of the Israelites, Were European, DNA Reveals. Auf: livescience.com vom 3. Juli 2019; zuletzt abgerufen am 23. Februar 2023. Eine genauere Eingrenzung ist noch nicht möglich. Das Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena kam damit 2019 zu dem Schluss, dass die DNA-Analyse zumindest die Theorie stützt, dass die Philister als europäische Einwanderer über das Mittelmeer nach Philistäa kamen.

Aussehen mini|hochkant|Inschrift: „Anführer der Philister“

Auf den Reliefs von Medinet Habu sind mehrere Angehörige der Seevölker zu sehen. Traditionell hält man unter diesen eine glattrasierte Gruppe mit Federkrone für die Philister, obwohl es sich laut Inschriften auch um Tjeker oder Dananu handeln könnte.Edward Noort: Die Seevölker in Palästina (= Palaestina antiqua. Neue Serie. Band 8). Kok Pharos Publishing House / Peeters Publishers, Kampen (NL) / Wilsele (BE) 1994, ISBN 90-390-0012-3, S. 77. Ann E. Killebrew hat nun aber darauf hingewiesen, dass ein Angehöriger einer anderen Gruppe mit einer anderen Kopfbedeckung explizit als „Anführer der Philister“ bezeichnet wird.Ann E. Killebrew: The Philistines during the Period of the Judges. In: Jennie Ebeling u. a. (Hrsg.): The Old Testament in Archaeology and History. Baylor University Press, Waco 2017, S. 321 f.

Sofern es sich bei dieser Darstellung nicht nur um ein Stilmittel ägyptischer Bildhauerei handelt, wäre dann für Philister(-Anführer) eine spitz zulaufende Kappe und Spitzbart charakteristisch.

Gebiet Als das Siedlungsgebiet der Philister erscheinen in der Bibel am prominentesten die fünf Stadtstaaten Gaza, Aschkelon, Aschdod, Gat und Ekron. Sie werden auch heute noch als das Kerngebiet der Philister in der Philistäa betrachtet, um das herum sich im Laufe der Zeit viele weitere kleinere Orte gruppiert haben. Von dem unten auf Karte 1 abgebildeten Ausbreitungsgebiet geht man etwa ab dem 11. Jahrhundert aus.

In der Forschung wurde lange angenommen, diese fünf Stadtstaaten hätten sich zum Fünf-Städte-Bund der „Pentapolis“ zusammengeschlossen. Aktuell ist man seltener dieser Ansicht, da die fünf Städte nicht oft gleichzeitig groß und bedeutsam waren.Walter Dietrich: Pentapolis. In: WiBiLex; abgerufen am 21. Februar 2024.

Die philistäische Kultur lässt sich in noch weiter entfernteren Regionen in und um Palästina feststellen. Auf Karte 2 zu sehen ist die Gegend um die Jesreʿel-Ebene weiter nördlich: Eine wachsende Gruppe von ForschernAvner Raban: The Philistines in the Western Jezreel Valley. In: Bulletin of the American Schools of Oriental Research. (BASOR). Band 284, 1991, S. 17–27.Itamar Singer: Egyptians, Canaanites, and Philistines in the Period of the Emergence of Israel. In: Israel Finkelstein, Nadav Naʾaman (Hrsg.): From Nomadism to Monarchy. Archaeological and Historical Aspects of Early Israel. Jad Jizchak Ben-Zvi, Jerusalem 1994, S. 318 f.Ephraim Stern: The Material Culture of the Northern Sea Peoples in Israel. Eisenbrauns, Winona Lake (Ind) 2013, ISBN 978-1-57506-946-3, S. 20–25.Peter M. Fischer, Teresa Bürge: Cultural Influences of the Sea Peoples in Transjordan. The Early Iron Age at Tell Abū Ḫaraz. In: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins. (ZDPV). Band 129, Nr. 2, 2013, S. 132–170.Robert D. Miller: The Judges and the Early Iron Age. In: Bill T. Arnold, Richard S. Hess (Hrsg.): Ancient Israel's History. An Introduction to Issues and Sources. Baker Academic, Grand Rapids 2014, ISBN 978-1-4412-4634-9, S. 188.Jeffrey P. Emanuel (2015/2016): „Sea Peoples“ in Egyptian Garrisons in Light of Beth-Shean, (Re-)Reconsidered. In: Mediterranean Archaeology. Band 28/29, 2015/2016, S. 1–22.Josette Elayi: The History of Phoenicia. Lockwood Press, Atlanta 2018, ISBN 978-1-937040-81-9, S. 91. glaubt, dass auch in den auf dieser zweiten Karte schwarz markierten Orten entweder Philister oder ein ähnliches Seevolk lebte (die grün markierten Orte stehen exemplarisch für die Orte der Phönizier, die hier und weiter nördlich bis hinauf nach Tripoli siedelten).

Auf Karte 3 sieht man Teile des heutigen Libanon und Syrien: Erst vor kurzem wurde bekannt, dass es ab dem 12. Jahrhundert v. Chr. zwischen dem Zerfall des hethitischen Großreichs und der Neugründung der neo-hethitischen Königreiche in dieser Gegend ein Großkönigreich Palastin gab. Wegen des ähnlichen Namens lautete ursprünglich vor den Lautwandeln der Vortonreduktion (pəlištīm < palištīm) und Attenuation (palištīm < palaštīm) fast sicher palaštīm; siehe auch die verwandte persische Bezeichnung Palastai bzw. Palasti und die Bezeichnung Palastu in assyrischen Inschriften. Siehe dazu noch Heike Sternberg-el Hotabi: Der Kampf der Seevölker gegen Pharao Ramses III. Rahden 2012, S. 51., ähnlicher Keramik und einem ähnlichen Totenkult ist es „mittlerweile allgemein anerkannt“,Ann E. Killebrew (2017): The Philistines during the Period of the Judges. In: Jennie Ebeling u. a. (Hrsg.): The Old Testament in Archaeology and History. Baylor University Press, Waco 2007, S. 324. dass dies ein drittes und das größte philistäische Siedlungsgebiet war.John D. Hawkins: Cilicia, the Amuq, and Aleppo. New Light in a Dark Age. In: Near Eastern Archaeology. (NEA). Band 72, Nr. 4, 2009, S. 164–173.David Kaniewski u. a.: The Sea Peoples, from Cuneiform Tablets to Carbon Dating. In: PLoS One. Band 6, Nr. 6, 2011.Amir Gilan (2013): Pirates of the Mediterranean – A View from the Bronze Age. In: Nikolas Jaspert, Sebastian Kolditz (Hrsg.): Seeraub im Mittelmeerraum. Piraterie, Korsarentum und maritime Gewalt von der Antike bis zur Neuzeit. Schöningh, Paderborn 2013, ISBN 978-3-506-77869-7, S. 63 f.Mark Weeden (2013): After the Hittites: The Kingdoms of Karkamish and Palistin in Northern Syria. In: Bulletin of the Institute of Classical Studies. (BICS). Band 56, Nr. 2, 2013, S. 1–20.Marina Pucci (2020): The Amuq region during the Iron Age I-II: Formation, Organization and Development of a Community. In: Alexander E. Sollee (Hrsg.): Formation, Organisation and Development of Iron Age Societies. A Comparative View. Proceedings of the Workshop held at the 10th ICAANE in Vienna, April 2016. Austrian Academy of Sciences Press, Wien 2020, ISBN 978-3-7001-8401-0, S. 137 f. Wie weit genau es sich erstreckte, ist allerdings noch unsicher: In Hamath etwa wurde nur wenig philistäische Keramik nachgewiesen; gleichzeitig könnte es sich noch weiter nach Norden und Osten erstreckt haben.Brian Janeway (2017): Sea Peoples of the Northern Levant? Aegean Style Ceramic Evidence for the Sea Peoples from Tell Tayinat. Eisenbrauns, Winona Lake (Ind) 2017, S. 20–24.121–123.

Verhältnis der alten Philister zu ihren Nachbarvölkern