mini|hochkant|Gerhard Rose während der Nürnberger Prozesse, 1946

Gerhard August Heinrich Rose (* 30. November 1896 in Danzig; † 13. Januar 1992 in Obernkirchen) war ein deutscher Tropenmediziner. In der Zeit des Nationalsozialismus war er Chef der Abteilung für Tropische Medizin am Robert Koch-Institut und Beratender Hygieniker beim Chef des Sanitätswesens der Luftwaffe. Wegen seiner Beteiligung an Menschenversuchen im Konzentrationslager Buchenwald wurde er im Nürnberger Ärzteprozess zu lebenslanger Haft verurteilt. Nach der Haftentlassung 1955 wurden Rose 1963 nach einem Disziplinarverfahren Pensionsansprüche als Beamter zugesprochen.

Ausbildung und frühe Berufstätigkeit

Als Sohn eines Oberpostrates besuchte Gerhard Rose Gymnasien in Stettin, Düsseldorf, Bremen und Breslau. Nach dem Abitur begann er an der Kaiser-Wilhelms-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen Medizin zu studieren. Ab 1914 war er im Pépinière-Corps Saxonia Berlin (ab 1930 zu Hann. Münden) aktiv.Kösener Corpslisten 1960, 63, 189; 60, 545; 40, 1096 Er wechselte an die Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin und die Schlesische Friedrich-Wilhelms-Universität Breslau.biographische Angaben zu Rose bei: Dörner, Ärzteprozeß, S. 136 (Erschließungsband), S. 8/03112 ff. (Gnadengesuch vom 2. November 1953) S. 8/03174 ff. (Urteil der Bundesdisziplinarkammer VII vom 24. Oktober 1960 (Az. VII VI 8/60)). Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer. 3. Auflage, S. Fischer, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-10-039306-6, S. 126. Rose bestand das Medizinische Staatsexamen am 15. November 1921 mit der Note „sehr gut“, erhielt die Approbation als Arzt am 16. Mai 1922 und promovierte am 20. November 1922 in Breslau über Entwicklungsstörungen am Knochen und am Zentralnervensystem in der Gegend des Atlanto-occipitalgelenks mit der Note „Magna cum laude“. Roses Ausbildung war dabei von 1914 bis 1918 durch die Teilnahme am Ersten Weltkrieg unterbrochen. 1921 beteiligte er sich als Angehöriger des Freikorps Roßbach nach eigener Darstellung an der „Abwehr des polnischen Einfalls in Oberschlesien“.Gnadengesuch vom 2. November 1953, in: Dörner, Ärzteprozeß, S. 8/03114. Siehe auch: Hellmann: Gerhard Rose 80. In: Deutsches Ärzteblatt 4/1977, S. 261. 1922 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Großdeutschen Arbeiterpartei, einer Tarnorganisation der zu diesem Zeitpunkt in Preußen verbotenen NSDAP.Annette Hinz-Wessels: Das Robert-Koch-Institut im Nationalsozialismus. Kulturverlag Kadmos, Berlin 2008, ISBN 978-3-86599-073-0, S. 38.

In dem Zeitraum zwischen 1922 und 1926 war Rose als Assistenzarzt am Preußischen Institut für Infektionskrankheiten Robert Koch in Berlin, am Hygienischen Institut in Basel und am Anatomischen Institut der Universität Freiburg im Breisgau tätig. Nach widersprüchlichen Angaben führte er ab 1926 eine Privatpraxis in HeidelbergDörner, Ärzteprozess, S. 136. oder war als Assistent an der Chirurgischen Klinik der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg tätig.Urteil der Bundesdisziplinarkammer VII vom 24. Oktober 1960 (Az. VII VI 8/60), in: Dörner, Ärzteprozeß, S. 8/03174; siehe auch: Klee, Auschwitz, S. 126.

Im Jahr 1929 verließ Rose Deutschland, um in China als ärztlicher Berater der Kuomintang-Regierung zu arbeiten. Im Dezember 1929 wurde er zum Direktor der Landesanstalt für das Gesundheitswesen in Chekiang ernannt, weiterhin war er Berater für das öffentliche Gesundheitswesen beim Innenminister von Chekiang. Roses Zeit in China war von umfangreichen Studienaufenthalten in Europa, Asien und Afrika unterbrochen. Zum 1. November 1930 trat Rose in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 346.161).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/35581165Dörner, Ärzteprozess; S. 136.

Im Vorfeld des Japanisch-Chinesischen Krieges kehrte Rose im September 1936 nach Deutschland zurück, wurde zum Professor ernannt und übernahm am 1. Oktober die Leitung der Abteilung für Tropenmedizin am Preußischen Institut für Infektionskrankheiten Robert Koch in Berlin. Im März 1938 stellte Rose einen Antrag zur Malariaforschung. Ab Sommersemester 1938 hielt Rose als Lehrbeauftragter der Medizinischen und Auslandswissenschaftlichen Fakultät an der Berliner Universität Vorlesungen und Übungen zu Tropenhygiene und Tropenmedizin. Am 1. Februar 1943 wurde Rose zum Vizepräsidenten des ab 1942 so genannten Robert Koch-Instituts ernannt.

1939 trat Rose in den Dienst des Sanitätswesens der Luftwaffe, im gleichen Jahr war er als Angehöriger der Legion Condor in Spanien. Im Jahr 1942 wurde er zum Beratenden Hygieniker und Tropenmediziner beim Sanitätswesen der Luftwaffe ernannt. Bei Kriegsende hatte Rose den Rang eines Generalarztes erreicht.

Im August 1942 heiratete Rose. Aus der Ehe ging ein Kind hervor.

Malaria-Versuche in der Psychiatrie Roses Vorgänger als Abteilungsleiter im Robert Koch-Institut war Claus Schilling. Rose setzte Schillings Malaria-Versuche fort, die vorwiegend an Psychiatriepatienten durchgeführt wurden.Klee, Auschwitz, S. 116 f., 126 f. 1917 war es dem österreichischen Psychiater Julius Wagner-Jauregg gelungen, mit Hilfe von Malariaerregern Erfolge bei der Behandlung progressiver Paralyse zu erzielen. Eine derartige Malariatherapie wurde von Rose auch bei Schizophrenen angewandt.

Zwischen 1941 und 1942 testete Rose für die I.G. Farbenindustrie, Werk Leverkusen, neue Malariamittel. Malaria-Versuche unter der Beteiligung Roses sind für die sächsische Landes-Heil- und Pflegeanstalt Arnsdorf dokumentiert. Bis Juli 1942 wurden insgesamt 110 Patienten durch Mückenstiche infiziert.Zu Arnsdorf und den genannten Zahlen siehe Klee, Auschwitz, S. 127 ff. Bei einer ersten Versuchsreihe, in die 49 Personen einbezogen waren, kamen vier Menschen zu Tode. Die Versuche in Arnsdorf fielen in die Zeit der nationalsozialistischen Krankenmorde, der Aktion T4. Versuchspersonen wurden in andere Anstalten verlegt und dort getötet. Nach eigenen AngabenIn einem Interview 1985, siehe Klee, Auschwitz, S. 129. suchte Rose einen der Hauptorganisatoren der Aktion T4, Viktor Brack, auf und erreichte dessen Zusage, dass Versuchspersonen von den Verlegungen ausgenommen wurden. (Nach eigenen Angaben benutzte Rose 1942 zusätzlich Patienten der Anstalten Brandenburg-Görden und Eberswalde.Ernst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-10-039310-4, S. 180.)

Rose stand weiterhin mit seinem Vorgänger Claus Schilling in Verbindung, der ab Januar 1942 Menschenversuche im KZ Dachau durchführte, um einen Impfstoff gegen Malaria zu entwickeln.beispielhaft: Schreiben von Claus Schilling an Gerhard Rose vom 4. April 1942 beim (Nürnberger Dokument NO-1752). Schreiben von Gerhard Rose an Claus Schilling vom 27. Juli 1943 beim (Nürnberger Dokument NO-1755) Er nahm im Oktober 1942 an der Tagung „Seenot“ (Ärztliche Fragen bei Seenot und Winternot) in Nürnberg teil, auf der u. a. von Versuchen aus Dachau berichtet wurde.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Verlagsgruppe Weltbild, genehmigte Lizenzausgabe, Augsburg 2008, S. 507.

Fleckfieber-Impfstoffversuche in Konzentrationslagern mini|Nürnberger Dokument NO-1186: Schreiben Roses an Joachim Mrugowsky mit der Bitte, im KZ Buchenwald weitere Versuche durchzuführen

Die Ghettoisierung der Juden und die Zustände in den Kriegsgefangenenlagern führten in den von Deutschen besetzten Gebieten im Osten zum Ausbruch von Fleckfieberepidemien.Klee, Auschwitz, S. 287 f. Als Hauptverbreiter des Fleckfiebers im Generalgouvernement wurden „die aus dem jüdischen Wohnbezirk Warschaus stammenden vagabundierenden Juden“ verantwortlich gemacht, so der am Warschauer Hygieneinstitut tätige Rudolf Wohlrab, mit dem Rose in Warschau zusammentraf.Rudolf Wohlrab: Flecktyphusbekämpfung im Generalgouvernement. Münchner Medizinische Wochenzeitschrift, 29. Mai 1942 (Nr. 22) S. 483 ff. Zitiert nach: Klee, Auschwitz, S. 287. Durch Wehrmachtsurlauber und ins Deutsche Reich verschleppte Zwangsarbeiter breitete sich die Krankheit im Herbst 1941 auch im Reichsgebiet aus. Im Dezember 1941 fanden auf der Suche nach einem geeigneten Impfstoff mehrere Treffen zwischen Vertretern der Wehrmacht, von Herstellerfirmen und Vertretern des für Gesundheitsfragen zuständigen Reichsinnenministeriums statt. Da die Impfstoffe mehrerer Hersteller neu waren und über ihre Schutzwirkung noch keine Erfahrungen vorlagen, wurden Menschenversuche im KZ Buchenwald vereinbart, die im Januar 1942 begannen. Die Versuche unterstanden dem Hygieneinstitut der Waffen-SS unter Joachim Mrugowsky, vor Ort in Buchenwald war Erwin Ding-Schuler Versuchsleiter.

Am 17. März 1942 besuchte Rose gemeinsam mit Eugen Gildemeister die Versuchsstation im KZ Buchenwald.Klee, Auschwitz, S. 292. Der Eintrag im Tagebuch der Versuchsstation beim (Nürnberger Dokument NO-265, S. 3) Zu diesem Zeitpunkt waren 150 Häftlinge mit Fleckfieber infiziert worden, bei 148 von ihnen wurde die Krankheit festgestellt. Insgesamt wurden an über 1000 Häftlingen in Buchenwald Versuche mit Fleckfieber durchgeführt, mindestens 250 von ihnen starben.Die Zahlen bei Klee, Auschwitz, S. 293 Nach einem ärztlichen Gutachten, das 1957 erstellt wurde, litt ein Überlebender an völliger Kraftlosigkeit, Gedächtnisverlust, Tendenz zur Fettsucht, Angstzuständen, Schlaflosigkeit, hartnäckigen Kopfschmerzen, Schwindel, Verlust aller Haare und Impotenz.Gutachten des Vertrauensarztes der Deutschen Botschaft in Paris über einen französischen Polizisten, zitiert bei Klee, Auschwitz, S. 293

Auf der 3. Arbeitstagung der Beratenden Ärzte der Wehrmacht hielt Ding-Schuler im Mai 1943 einen Vortrag unter dem Titel Über das Ergebnis der Prüfung verschiedener Fleckfieber-Vaccinen gegen das klassische Fleckfieber, in dem er – die Versuche unter dem Begriff Blitzableiter tarnend – deren Ergebnisse referierte.Mitscherlich, Medizin, S. 126; Klee, Auschwitz, S. 310 f. Rose, Teilnehmer der Tagung und über die Art der Menschenversuche unterrichtet, erhob vor der Versammlung Einspruch gegen die Art der Humanversuche. Nach späteren Angaben eines Anwesenden wurde „daraufhin zwischen den Teilnehmern der Sitzung leise getuschelt […], daß es sich hierbei wohl um Konzentrationslagerversuche gehandelt habe.“Eidesstattliche Erklärung Walter Schells vom 1. März 1947, zitiert nach: Mitscherlich, Medizin, S. 126. Die Erklärung Schells in englischer Übersetzung beim Der Einspruch Roses wurde später unabhängig von den Tagungsteilnehmern durch Eugen Kogon bestätigt. Kogon war als Häftling der Arztschreiber Ding-Schulers, der in Buchenwald mehrfach seinen Unmut über die Intervention Roses kundtat.Klee, Auschwitz, S. 311.

Ungeachtet seines Protestes im Mai 1943 wandte sich Rose am 2. Dezember 1943 an Joachim Mrugowsky vom Hygiene-Institut der Waffen-SS mit der Bitte, im KZ Buchenwald eine weitere Versuchsreihe mit einem neuen Fleckfieberimpfstoff durchzuführen.Mitscherlich, Medizin, S. 129. Siehe auch Nürnberger Dokument NO-1186. Enno Lolling, Chef des Amtes D III (Sanitätswesen und Lagerhygiene) im Wirtschafts-Verwaltungshauptamt der SS, genehmigte am 14. Februar 1944 die Versuchsreihe, für die „30 geeignete Zigeuner“ nach Buchenwald überstellt werden sollten.Mitscherlich, Medizin, S. 130. Dort die Angabe, SS-Standartenführer Calling habe das Schreiben verfasst. Beim wird Ernst Lolling als Autor genannt. Das Schreiben im Faksimile beim (Nürnberger Dokument NO-1188) Die Versuchsreihe wurde zwischen März und Juni 1944 durchgeführt, von den 26 infizierten Häftlingen starben sechs.Mitscherlich, Medizin, S. 130 f. bezugnehmend auf das Buchenwalder Tagebuch, S. 23 (Nürnberger Dokument NO-265)