Die Seenadeln (Syngnathidae) sind eine Familie relativ kleiner und gut getarnter, schlanker Knochenfische aus der Ordnung der Seenadelartigen (Syngnathiformes). Zu ihnen gehören auch die gut bekannten Seepferdchen (Hippocampus).
Verbreitung Seenadeln bewohnen die Küsten aller Weltmeere. Die größte Artenvielfalt lebt in den Gewässern rund um Australien. An den Küsten Amerikas leben Seenadeln von Alaska bis Feuerland. 37 Arten leben auch im Brack- und 18, die meisten aus der Gattung Microphis, im Süßwasser. Sie bevorzugen flaches Wasser in ruhigen Buchten und strömungsarmen Riffen sowie bewachsene Zonen, Algenfelder und Seegraswiesen.
Die Kleine Seenadel (Syngnathus rostellatus) lebt auch in der Nordsee und der westlichen Ostsee, die Große Seenadel (Syngnathus acus) im Mittelmeer, an der Atlantikküste Westeuropas und in der südlichen Nordsee, die Grasnadel (Syngnathus typhle) lebt im Mittelmeer, im Schwarzen Meer und in der Ostsee, in den Buchten und Bodden der Küste Mecklenburg-Vorpommerns und im gleichen Gebiet lebt die fadenförmige Kleine Schlangennadel (Nerophis ophidion) auch in den Flussmündungen, zwischen Algen, vor allem der Meersaite (Chorda filum), einer Braunalge.
Merkmale Die meisten Seenadeln werden etwa 10 bis 40 cm lang. Einige Arten erreichen auch Längen von einem halben Meter.Rudie H. Kuiter: Seepferdchen, Seenadeln, Fetzenfische und ihre Verwandten. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 2001, S. 73. Die kleinsten Seenadeln gehörten zum „bargibanti-Artenkomplex“ der Seepferdchen und werden lediglich 1,35 (Denise-Zwergseepferdchen) bis 2,5 cm lang. Der Körper der Seenadeln ist langgestreckt und von ringförmigen Knochenplatten umgeben, die einen festen Körperpanzer bilden und die Beweglichkeit des Rumpfes stark einengen. Sie haben deshalb eine reduzierte Rumpfmuskulatur und schwimmen mit Brust- und Rückenflosse. Hauptantriebsorgan ist dabei die Rückenflosse, die wellenförmige Bewegungen von vorn nach hinten ausführt und in Ruhe seitlich umgelegt wird. Seepferdchen falten ihre fächerförmige Rückenflosse zusammen. Die Brustflossen dienen vor allem der Manövrierfähigkeit.
Die Rückenflosse wird normalerweise von 15 bis 60 weichen Flossenstrahlen gestützt. Die Afterflosse ist sehr klein, hat 2 bis 6 Flossenstrahlen, oder fehlt. Die Brustflossen haben 10 bis 23 Flossenstrahlen. Diese Flossen fehlen der Gattung Bulbonarcius und den Adulten einiger anderer Gattungen. Die Bauchflossen fehlen stets, die Schwanzflosse einigen Gattungen. Bei letzteren (z. B. bei den Seepferdchen) ist der Schwanzstiel oft als Greifschwanz ausgebildet. Sie sind langsame Schwimmer. Die Kiemenöffnungen sind in Richtung des Rückens verlagert, sehr klein und als Anpassung an das Saugschnappen mit einem häutigen Ventil verschließbar. Die Hoden sind röhrenförmig. Seenadeln können ihre Augen unabhängig voneinander bewegen. Viele Seenadeln haben eine Tarnfarbe, andere, besonders tropische, die Korallenriffe bewohnende Arten sind, sind sehr farbenprächtig.
mini|Männliche Honshu-Seenadel (Doryrhamphus japonicus) mit Eiern an der Bauchseite
Seenadeln ernähren sich vor allem von verschiedenen Kleinkrebsen, Larven anderer Tiere und sehr kleinen Fischen. Sie sind zahnlos. Das Maul ist endständig und als Fangsaugrohr ausgebildet, mit dem sie durch Saugschnappen ihre Beute, meist kleine Krebstierchen, fangen. Dieses Saugschnappen funktioniert – anders als sonst bei Fischen – über einen Federmechanismus, bei dem durch Muskelkraft im Bindegewebe Spannung aufgebaut wird, die sich dann durch „Auslösung“ (vgl. Armbrust) schlagartig entlädt, wobei sehr hohe Einsaug-Geschwindigkeiten auftreten (freilich nur über kurze Distanzen wirksam). Am Mechanismus sind Hyoid und Operculum in noch nicht völlig durchschauter Weise beteiligtSam Van Wassenbergh, Peter Aerts: Rapid pivot feeding in pipefish: flow effects on prey and evaluation of simple dynamic modelling via computational fluid dynamics. In: J. R. Soc. Interface. Band 5, Nr. 28, 2008, S. 1291–1301. doi:10.1098/rsif.2008.0101. Wahrscheinlich sind die Büschelkiemen, wegen derer die Syngnathiden und Pegasiden früher als „Lophobranchii“ zusammengefasst wurden, eine Anpassung an dieses Saugschnappen.
Fortpflanzung Seenadeln leben meist monogam in Paaren. Nach der Balz, die oft von Synchron- oder Hintereinanderschwimmen eingeleitet wird, übernehmen die Männchen die Eier vom Weibchen, um sie an der schwammartig veränderten Bauch- und Schwanzunterseite zu tragen. Bei den Seepferdchen haben die Männchen eine Bruttasche, in die das Weibchen die Eier legt. Wahrscheinlich werden die Eier auch dort erst befruchtet. Nach einer bis zwei Wochen schlüpfen, über zahlreiche Tage verteilt, einzeln die bereits relativ großen Jungnadeln, die sofort winzige Zooplankton-Organismen fressen. Nach Lage der Brutorgane werden Bauchbrüter (Gastrophori) und Schwanzbrüter (Urophori) unterschieden.
Die Fortpflanzung wurde schon oft in Aquarien beobachtet und es konnten Jungnadeln aufgezogen werden. Voraussetzung für eine erfolgreiche Aufzucht ist ein ausreichendes Futterangebot.
mini|hochkant=2|Evolution der Seenadeln. Innere Systematik Die Bestimmung der einzelnen Gattungen und Arten richtet sich vor allem nach der Anzahl und Lage der Körper- und Schwanzringe, der Schwanzlänge und der Lage und Beschaffenheit der männlichen Brutorgane. Es gibt über 50 Gattungen, über 300 beschriebene Arten und noch viele unbeschriebene.
Nerophinae mini|Choeroichthys sculptus mini|Leptoichthys fistularius Bei der Unterfamilie Nerophinae liegt der Brutraum der Männchen unter dem Abdomen. Die Fische besitzen in den meisten Fällen noch eine Schwanzflosse. Choeroichthys , 1856 Doryrhamphus , 1856 Dunckerocampus , 1933 Große Schlangennadel (Entelurus , 1870) Heraldia , 1975 Leptoichthys , 1853 Maroubra , 1948 Microphis , 1853 Nerophis , 1810
Syngnathinae mini|Braunband-Seenadel (Corythoichthys amplexus) mini|Flügel-Seenadel (Halicampus macrorhynchus) mini|Denise-Zwergseepferdchen (Hippocampus denise) mini|Micrognathus crinitus mini|Seedrache (Phyllopteryx taeniolatus) mini|Siokunichthys nigrolineatus
Bei der Unterfamilie Syngnathinae liegt der Brutraum der Männchen in den meisten Fällen unter dem Schwanz. Acentronura , 1853 Amphelikturus , 1930 Anarchopterus , 1935 Apterygocampus , 1913 Australyichthys et al., 2026 Belonichthys , 1868 Bhanotia , 1926 Bryx , 1940 Bulbonaricus in , , , & , 1953 Campichthys , 1931 Cylix & , 2021 Coelonotus , 1855 Corythoichthys , 1853 Cosmocampus , 1979 Doryichthys , 1853 Enneacampus , 1981 Festucalex , 1931 Filicampus , 1948 Halicampus , 1856 Fetzen-Seenadel (Haliichthys , 1859) Hippichthys , 1849 Seepferdchen (Hippocampus , 1810) Histiogamphelus , 1914 Hypselognathus , 1948 Ichthyocampus , 1853 Idiotropiscis , 1947 Kaupus , 1951 Kimblaeus , 1980 Kyonemichthys , 2007 Leptonotus , 1853 Lissocampus , 1921 Lophocampus , 1984 Micrognathus , 1912 Minyichthys , 1972 Mitotichthys , 1948 Nannocampus , 1870 Notiocampus , 1979 Penetopteryx , 1881 Phoxocampus , 1977 Großer Fetzenfisch (Phycodurus , 1896) Phyllopteryx , 1839 Pseudophallus , 1940 Pugnaso , 1948 Siokunichthys in , , , & , 1953 Solegnathus , 1839 Stigmatopora , 1853 Stipecampus , 1948 Syngnathoides , 1851 Syngnathus , 1758 Trachyrhamphus , 1853 Urocampus , 1870 Vanacampus , 1951
mini|Eine fossile Syngnathus-Art und ein Schnepfenmesserfisch (Aeoliscus ascheronicus) aus dem Pliozän im Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt. Fossilbefund Die ersten Seenadeln sind fossil aus der norditalienischen Monte-Bolca-Formation, die aus Ablagerungen der Tethys im Eozän entstand, bekannt. Es sind die Gattungen Pseudosyngnathus, die noch einen unvollständigen Hautpanzer hatte, und Syngnathus, die noch heute existiert. Seepferdchen sind seit dem Pliozän nachgewiesen.Karl Albert Frickhinger: Fossilien Atlas Fische. Mergus-Verlag, Melle 1999, ISBN 3-88244-018-X.
Quellen Literatur Rudie H. Kuiter: Seepferdchen, Seenadeln, Fetzenfische und ihre Verwandten. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 2001, ISBN 3-8001-3244-3. Joseph S. Nelson: Fishes of the World. John Wiley & Sons, 2006, ISBN 0-471-25031-7. Kurt Fiedler: Lehrbuch der Speziellen Zoologie, Band II, Teil 2: Fische. Gustav Fischer Verlag, Jena 1991, ISBN 3-334-00339-6. Dieter Eichler, Robert F. Myers: Korallenfische Zentraler Indopazifik. Jahr-Verlag, 1997, ISBN 3-86132-225-0. Hans A. Baensch, Robert Patzner: Mergus Meerwasser-Atlas Band 6 Non-Perciformes (Nicht-Barschartige). Mergus-Verlag, Melle 1998, ISBN 3-88244-116-X.
Einzelnachweise Graham Short, Ralph Foster, Martin Gomon, Susan Bassham, Clayton Small, Healy Hamilton, Alexander DuToit, Christina Biggs, David Harasti, Kerryn Parkinson, Amanda Hay (2026): Australyichthys gen. nov. (Teleostei, Syngnathidae), a lost mesophotic lineage from southern Australia, with description of A. aegis sp. nov. and reclassification of Hippocampus minotaur and H. paradoxus. Journal of Lost Species, 1: [1-42]. DOI:10.66264/y1ffbcwb Graham A. Short, Thomas Trnski: A New Genus and Species of Pygmy Pipehorse from Taitokerau Northland, Aotearoa New Zealand, with a Redescription of Acentronura Kaup, 1853 and Idiotropiscis Whitley, 1947 (Teleostei, Syngnathidae). In: Ichthyology & Herpetology. Band 109, Nr. 3, 2021, S. 806–835. doi:10.1643/i2020136
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Kategorie:Seenadelartige
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