mini|hochkant=1.6|Ste-Radegonde de Talmont, Chorhaupt mit Querhaus und Vierungsturm, von Osten Die romanische Pfarrkirche Ste-Radegonde befindet sich auf einer Uferklippe des Mündungstrichters der Gironde am Rand der französischen Gemeinde Talmont-sur-Gironde im Département Charente-Maritime in der Region Nouvelle-Aquitaine, circa 30 Kilometer südwestlich von Saintes und 12 Kilometer südöstlich von Royan. Sie ist bekannt für ihre spektakuläre Lage und ihre Architektur im regionalen Stil der Saintonge-Romanik. mini|hochkant=1.6|Talmont-sur-Gironde, Luftaufnahme von NO, ganz hinten die Kirche Ste-Radegonde Geschichte
Römische Siedlungsspuren hat man ein bis zwei Kilometer landeinwärts gefunden. Vermutlich handelt es sich dabei um eine Stadt mit Lagerhäusern, Thermen und einem Amphitheater.
Auf der am weitesten ins Meer hinausreichenden Felsklippe gab es in Nähe der heutigen Kirche bereits kurz nach karolingischer Zeit (8. bis 9. Jahrhundert) eine Kapelle Ste-Radegonde, den Vorgängerbau der heutigen Kirche. Sie blieb noch bis ins 15. Jahrhundert bestehen.
Die Kapelle war der Heiligen Radegundis (frz. Radegonde) gewidmet, einer fränkischen Königin königlich-thüringischer Herkunft, geboren gegen 520, mit einem christlichen, für die damalige Zeit hervorragend dokumentierten Lebenswandel. Sie lebte seit 558 in den Diensten des von ihr gegründeten Klosters Sainte-Croix in Poitiers als Nonne, wo sie nach einem wohltätigen Leben und Wirken am 13. August 587 verstorben ist.
Vom 10. Jahrhundert bis zum 13. Jahrhundert unterhielten die Seigneurs de Talmont im Bereich der heutigen Siedlung einen befestigten militärischen Posten, das castrum Talamo, das von erheblicher militärstrategischer Bedeutung war. Vom Ufer der kleinen Halbinsel aus ließ sich der äußere Mündungstrichter der Gironde weiträumig überblicken. Der Meeresspiegel lag damals deutlich höher als heute.
Im Jahr 1094 wurde die Kapelle an die Benediktiner der Abtei von Saint-Jean-d’Angély verkauft. Nicht lange danach und im frühen 12. Jahrhundert (nach anderen Quellen von 1140 bis 1170) entstand auf Veranlassung der Abtei von Saint-Jean-d’Angély die heute noch weitgehend erhaltene Kirche im Stil der Hochromanik der Saintonge. Sie wurde in zwei Bauabschnitten errichtet: der erste Abschnitt besteht aus dem Querhaus, dem Chor und den Querhauskapellen, der zweite aus dem heute nur in Resten erhaltenen Schiff und der vermutlich üppig dekorierten Westfassade. Nach dem Historiker Ch. Dangibaud wurde Ste-Radegonde von den gleichen Baumeistern errichtet, die auch die Kirchen von Rétaud, Rioux, Pont-l’Abbé und Arces bauten. Es existieren entsprechende Ähnlichkeiten in den Bauformen.
Parallel zur Errichtung der Kirche entstanden auch die Bauten des zugehörigen Priorates von Talmont, das in Abhängigkeit von der Abtei Saint-Eutrope in Saintes geführt wurde.
mini|links|hochkant=0.6|Jakobspilger, Darstellung von 1568 Die Wallfahrt nach Santiago de Compostela erfuhr im 12. Jahrhundert einen großen Aufschwung. Eine der vier Hauptrouten, die Via Turonensis kam über Saint-Jean-d’Angély und Saintes und führte in Verlängerung dieser Richtung direkt nach Talmont, das damit für viele Pilger eine wichtige Etappe nach Santiago wurde. Von hier aus hatten sie die Wahl verschiedener Wegeführungen, entweder direkt über den breiten Mündungstrichter der Gironde überzusetzen, oder entlang des Girondeufers bis nach Blaye zu reisen, und dort den Fluss Garonne zu überqueren, und weiter über Bordeaux nach Süden zu reisen, oder man benutzte den bequemeren Seeweg bis zum Golf von Biskaya (die letzte Möglichkeit ist umstritten, vermutlich eine sekundäre Wegeführung). Zur Einschiffung gab es hier einen kleinen Hafen.
Die Herrschaft von Talmont wurde 1284 von Edward I. von England käuflich erworben, der sie befestigte und daraus eine umschlossene Stadt (Ville close) machte, vergleichbar mit den Bastiden im Südwesten Frankreichs. Im 13. Jahrhundert wurde auch die Kirche wehrtechnisch befestigt.
Während des Hundertjährigen Krieges (1339–1453) wurde Talmont immer wieder belagert und abwechselnd von Franzosen oder Engländern besetzt. Die Talmontaiser blieben in der Zeit der Religionskriege (1562–1598) immer Katholiken. Die Prioratsgebäude sind offensichtlich den Verwüstungen des Hundertjährigen Krieges und/oder der Religionskriege vollständig zum Opfer gefallen.
Im 14. Jahrhundert zerstörte ein verheerendes Hochwasser der Gironde große Teile des Kirchenschiffs – vermutlich wurden zwei oder drei Joche mitsamt der romanischen Fassade niedergerissen. Danach wurde die heutige Westfassade vor dem verbliebenen Teilstück des Schiffs hoch geführt, von zwei Strebepfeilern flankiert und mit einem gotischen Portal versehen.
In den südlichen Strebepfeiler der Apsis ist eine Sonnenuhr eingraviert. Sie wird datiert auf das Jahr 1586.
Während der Fronde des Princes im Jahr 1652 besetzten spanischen Truppen im Bündnis mit den Frondeurs die Stadt, zerstörten ihre Mauern und evakuierten sie.
Im späten 19. Jahrhundert wurde unter dem Niveau des Vorplatzes eine kleine Krypta als Ossuarium (Beinhaus) angelegt. Bereits im Jahre 1890 wurde Sainte-Radegonde unter Denkmalschutz gestellt und als Monument historique eingestuft. Danach erfolgten zahlreiche Restaurierungen und Rekonstruktionen, die wichtigsten im Jahr 1935 (Querschiff und Kuppel des Vierungsturms).
Während des Ersten Weltkriegs begannen die Amerikaner 1918 mit dem den Bau eines großen Hafens, um dort landen zu können. Mit dem Eintritt des Waffenstillstandes am 11. November wurde der weitere Ausbau gestoppt.
Im Jahr 1970 und danach gab es weitere Restaurierungen, unter anderen eine Verfestigung der Felsklippe und deren Abmauerung. Die Restaurierungsarbeiten wurden im Jahr 2004 abgeschlossen.
Bauwerk mini|hochkant=1.7|links|Ste-Radegonde, Grundriss
Äußere Erscheinung mini|hochkant|Chorhaupt von Osten Die beiden Bauabschnitte des heutigen Baus entstanden gegen Ende des 11. Jahrhunderts und im beginnenden 12. Jahrhundert. Im ersten Bauabschnitt wurden das vollständig erhaltene Querhaus, der Chor und seine Kapellen errichtet, im zweiten das Schiff mit vermutlich zwei oder drei Jochen, von denen aber nur das letzte noch existiert, und vielleicht eine Schmuckfassade im Westen. Durch das stark verkürzte Schiff ähnelt die Kirche heutzutage einem Zentralbau. Das Mauerwerk besteht aus beigefarbenen bis gelblichen Naturwerksteinen, die heute überwiegend eine hell- bis dunkelgraue Patina angesetzt haben. Die Verwitterung unter unmittelbarem Einfluss der Meeresbrandung und der salzhaltigen Luft konnte an diesem Bauwerk stark schädigende Einflüsse ausüben. Die großen Blocksteine sind von Steinmetzen exakt zugerichtet und geglättet und im Verband vermauert worden. Alle Dachflächen sind mit rötlichen Hohlziegeln in römischer Form eingedeckt.
Schiff mini|Chorhaupt seitlich, von Nordosten Der Rest des Schiffs erstreckt sich über das letzte Joch, es ist kaum breiter als der Vierungsturm. Die ehemals vorhandene Verlängerung um ein oder zwei Joche wäre heute nicht möglich, da für sie nicht genügend Raum auf dem Felsen zur Verfügung stände – kurz vor der heutigen Fassade geht es senkrecht abwärts, da der Fels im Laufe der Zeit von der Wucht des Meeres weggespült worden ist. Er wurde ersetzt durch eine Steinmauer mit Brüstung, welche auch noch weiter um die Südseite herumreicht.
Die Traufhöhe des Schiffs ist etwas größer als diejenige des Querhauses. Das flach geneigte Satteldach wird von der nach dem großen Unglück errichteten Fassadenwand geringfügig überragt. Auf den Seitenwänden gibt es noch je einen der ursprünglichen gering auftragenden Strebepfeiler, der dem letzten noch erhaltenen inneren Gurtbogen gegenüber angeordnet ist. Etwa in der Jochmitte ist auf beiden Seiten je ein schlitzartiges Fenster mit einem kleinen Rundbogen ausgespart, ähnlich einer Schießscharte. Die Traufausbildung mit verdeckter Regenrinne und Wasserspeiern entspricht derjenigen an den Querhausarmen (siehe Abschnitt Querhaus).
Westfassade mini|hochkant=0.6|Traufgesimse an Chor und Kapelle, mit Kragsteinskulptur Die Fassade wird dominiert von den überdimensional und gewaltig wirkenden, diagonal an ihren Wandecken angeordneten Strebepfeilern. Sie reichen mit den Firsten ihrer steilen Satteldächer bis knapp unter die Dachtraufen. Einziger Schmuck der Fassade bildet das Hauptportal in gotischem Stil; es ist mit einem Spitzbogen überdeckt. Die Gewände und Archivoltenbögen sind vierfach abgestuft. Die Seiten werden flankiert von schlanken, im Querschnitt rechtwinkligen Pfeilervorlagen, auf denen der äußere Bogen ruht. Die Vorlagen verlängern sich aufwärts, mit verjüngtem und um 45 Grad gedrehten Querschnitt, um mit ornamentierten Fialen in Höhe des Bogenscheitels zu enden. Die äußeren Bogenhälften wurden mit Krabben verziert und sind in der Mitte, bevor sie zusammentreffen, nach oben gebogen. Die so entstehende Spitze trägt eine Art Kreuzblume. Über dem Portal ist ein spitzbogiges Fenster ausgespart ohne jegliche schmückende Ausstattung.
Vierungsturm mini|Traufgesims am Chor, Detail Kragsteinskulptur In Verlängerung des Schiffs schließt sich der quadratische, gedrungen wirkende Vierungsturm an. An seinen übrigen drei Seiten sind die beiden Querhausarme und der Chor angebaut, untereinander gleich breit und hoch, und mit flach geneigten Satteldächern überdeckt. Der Vierungsturm weist eine ungewöhnlich geringe Höhe über den ihn umgebenden Bauteilen auf; er birgt keine Glocken. Seine glatten Außenwandflächen weisen – abgesehen von kleineren Lüftungslöchern – keine Öffnungen oder sonstige gestaltende Strukturen auf. Es gibt aber etwa einen Meter unter der Traufe einen umlaufenden Rückversatz der Wände, in dessen Höhe auf jeder Seite zwei Wasserspeier hinausragen. Welche Aufgabe sollten diese erfüllen, bei einem allseits geschlossenen und überdachten Turm, bei dem das Regenwasser über die Traufen abfließt? Es gibt dort auch keine „verdeckte Dachrinne“ wie am Querhaus (siehe dort). Es wäre aber folgendes denkbar: In Zeiten notwendiger Verteidigung entfernte man den Dachstuhl des Turms und schuf eine begehbare Dachfläche in Höhe des Rückversatzes, die über die heute noch vorhandenen Wasserspeier nach außen hin entwässert wurden. Bei dem Vierungsturm handelte es sich dementsprechend um einen Wachturm, auf dem sich die Wachen oder Verteidiger hinter den Brüstungsmauern schützen konnten. Vermutlich ist das eine der im Abschnitt „Geschichtliches“ aufgeführten Befestigungsausstattungen der Kirche im 13. Jahrhundert. In einer anderen Quelle ist die Rede von einem früheren Glockenturm über der Vierung, allerdings auch von seiner militärischen Bedeutung als befestigter Wachturm. Dort wird auch festgestellt, dass der Turm seine heutige Form zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhalten hat. Der Turm ist heute mit einem flach geneigten Pyramidendach überdeckt. Die Traufen bestehen aus einem im Querschnitt rechtwinkligen steinernen Kraggesims, darüber sind die Sparrenköpfe mit einem schrägen, rot gefärbten Brett abgedeckt, das von der ersten Dachziegelreihe geringfügig überragt wird.
Querhaus
Der zur Gironde weisende südliche Querhausarm trägt, außer den lisenenartigen Pfeilervorlagen auf den Gebäudeecken, einem einfachen Fries auf der Stirnwand, in Höhe der Traufen, und einem kleinen Fenster knapp darunter, keine Schmuckelemente oder Strukturen. Er ragt bedrohlich nahe der senkrecht zur Wasseroberfläche absteigenden Felsklippe auf. Bei der Stirnwand oder „Fassade“ des nördlichen Querhausarms sieht das ganz anders aus. Sie ist seit dem Verschwinden der alten Westfassade die eigentliche Schauwand und der Hauptzugang der Kirche. Es ist sogar wahrscheinlich, dass sie das schon immer war, da die Besucher oder Pilger stets von der Dorfseite zur Kirche gelangten, und das war und ist heute immer noch die Nordseite (siehe Abschnitt 'Die Nordfassade').