Die Konservenindustrie in Braunschweig besaß zwischen ungefähr 1870 und 1945 eine herausragende Bedeutung für die Wirtschaft der Stadt und des Herzogtums Braunschweig.Richard Moderhack (Hrsg.): Braunschweigische Landesgeschichte im Überblick, in Quellen und Forschungen zur Braunschweigischen Geschichte, Band 23, Braunschweig 1979, S. 191. Sie führte zu einer nachhaltigen Belebung des Braunschweiger Maschinenbaus. Vor dem Ersten Weltkrieg wurden hier zwei Drittel der deutschen Gemüsekonserven produziert.Gerd Biegel (Hrsg.): Herzöge, Revolution und Nierentisch, Braunschweig 1992, S. 120.
Die Braunschweigische Konservenfabrik Gustav Dommes, gegründet 1923, im Handelsregister erloschen 2017, war das letzte noch in Braunschweig existierende Unternehmen.
Geschichte Erfindung des Verfahrens Nach Vorarbeiten des in England lebenden französischen Physikers und Erfinders des Schnellkochtopfes Denis Papin (1647–1712) entwickelte der Franzose François-Nicolas Appert (1749–1841) eine Methode, Lebensmittel durch Erhitzen unter Luftabschluss in Glasbehältern zu konservieren, heute unter Einkochen bzw. Einwecken bekannt. Er verwendete in seiner 1804 gegründeten Konservenfabrik ab 1812 Weißblechdosen, die er in England kennengelernt hatte. Der britische Ingenieur und Erfinder Bryan Donkin verbesserte Apperts Verfahren weiter.Dietmar Salewsky: Industriezweige, die sich aus der Landwirtschaft entwickelten: Konserven-, Zuckerfabriken und Anlagenbau, in: Gerd Biegel (Hrsg.): Braunschweigische Industriegeschichte 1840–1990. Ausstellung anläßlich des 125-jährigen Bestehens der Industrie- und Handelskammer Braunschweig, Braunschweig 1989, S. 25. In Deutschland folgten 1845 die Firmen Daniel Heinrich Carstens in Lübeck und der Gebrüder Bethmann in Frankfurt am Main.
Anfänge in Braunschweig mini|Postkarte von 1904. Dargestellt werden wichtige Produkte der Braunschweiger Lebensmittelindustrie: Eine Braunschweiger, Spargel, Zuckerrüben, erwähnt wird auch die Cichoria. In der Stadt gab es bereits vor 1847 zwei Herstellbetriebe, die jedoch bald wieder schließen mussten. Im Herzogtum Braunschweig regte der Chemiker und Liebig-Schüler Franz Varrentrapp (1815–1877) die Konservierung von Spargel in Metalldosen an. Erste Versuche in Braunschweig führten die Klempnermeister H. J. Pillmann († 1873) im Jahre 1850 und kurz darauf Daubert durch. Eines der ältesten Unternehmen ist die 1852 gegründete Firma P. W. Daubert. Ihr folgten 1863 die Firmen Gebr. Grahe und 1864 A. W. Querner. Zunächst waren dies kleine Handwerksbetriebe, in denen Dosen hergestellt, abgefüllt und durch Einkochen sterilisiert wurden. Viele Unternehmen, die landwirtschaftliche Erzeugnisse zur Konservierung verarbeiteten, produzierten zunächst die dafür benötigten Dosen selbst.
Die Einführung des Autoklaven zur Sterilisation unter Druck ermöglichte 1873 den Bau der ersten größeren Konservenfabrik durch die Gebrüder Grahe. Weiteren Aufschwung erfuhr die Konservenindustrie durch Fortschritte Braunschweiger Maschinenbaufirmen. So entwickelte R. Karges 1875 Hilfsmaschinen wie die Erbsenlöchtemaschine zum Enthülsen der Erbsen sowie Falzdosen und Verschlussmaschinen.Fritz Ullmann (Hrsg.): Encyklopädie der technischen Chemie, 1943, S. 735. Die 1890 entwickelten Dosenverschließmaschinen führten zu einer Preisreduktion der Konserven um bis zu 50 % im Zeitraum 1872 bis 1897. Die Jahresproduktion der Braunschweiger Fabriken lag Ende des 19. Jahrhunderts bei ungefähr 15 Millionen Kilodosen, die deutschlandweit verkauft wurden.Wolfgang König: Geschichte der Konsumgesellschaft, Franz Steiner Verlag 2000, S. 140. Braunschweig wurde so zum Zentrum der deutschen Konservendosenproduktion.
Marktführung bis zum Zweiten Weltkrieg Im Zeitraum 1875 bis 1900 wurden in Braunschweig 34 Konservenfabriken gegründet. 1882 existierten im Herzogtum Braunschweig 29 Fabriken, 1899 waren es bereits 42. Im Jahre 1921 bestanden allein in der Stadt Braunschweig 35 Fabriken. Die Massenproduktion setzte während des Ersten Weltkrieges durch den schnell ansteigenden Bedarf an haltbaren Lebensmitteln ein. Die durch die Braunschweiger Regierung geförderte Konservenindustrie erhielt Großaufträge durch das Heer, so dass Nachtschichten erforderlich wurden.Horst-Rüdiger Jarck, Gerhard Schildt (Hrsg.): Die Braunschweigische Landesgeschichte Jahrtausendrückblick einer Region, Braunschweig 2000, S. 919f. 1928 existierten 81 Konservenfabriken im Land, davon allein 43 in der Stadt selbst. In den Jahren 1929/30 stellte Braunschweig mit 2.125 ha ein großes Spargel-Anbaugebiet in Norddeutschland dar (zum Vergleich Gesamtanbaufläche in Preußen: 7.598 ha).N.N.: Osterburg im 20. Jahrhundert: Beiträge zur Stadtgeschichte, 2006, S. 82.
Niedergang nach 1945 Bereits während der 1920er und 30er Jahre konnte die Region Braunschweig den Bedarf an Konservengemüse für die heimische Produktion nicht mehr decken. Die großflächigen Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges an den Fabrikanlagen in der Stadt führten zu einem weiteren Produktionsrückgang. Die Einfuhr von zu verarbeitendem Gemüse von außerhalb nahm stetig zu, so dass der importierte Anteil zu Beginn der 60er Jahre bereits mehr als 80 % betrug.Horst-Rüdiger Jarck, Gerhard Schildt (Hrsg.): Die Braunschweigische Landesgeschichte Jahrtausendrückblick einer Region, Braunschweig 2000, S. 1058. Die damit verbundenen Transportkosten und die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 1957 zogen starke Marktverluste für die Braunschweiger Konservenindustrie nach sich, die sich letztlich nicht gegen die Konkurrenz aus Frankreich und den Mittelmeerländern behaupten konnte. Weiterhin ungünstig wirkte sich der Standort im Zonenrandgebiet aus, da der wichtige ostdeutsche Markt wegfiel. Viele Konservenfabriken schlossen in den 1960er und 70er Jahren. Im Jahre 1992 gab es noch zwei Konservenfabriken in Braunschweig: Die Firmen Gustav Dommes und Veltenhof.
Arbeitsbedingungen mini|Spargelschälerinnen in einer Braunschweiger Konservenfabrik, um 1900 In der Braunschweiger Konservenindustrie waren zu ungefähr 90 % ungelernte Frauen beschäftigt, wobei es sich vor allem um niedrig bezahlte Saisonarbeit und HeimarbeitHeidi Lang und Hans Stallmach: Werkbank, Waschtag, Schrebergarten. Das alltägliche Leben der Braunschweiger Arbeiterschaft im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, Braunschweig 1990, S. 28. handelte. Um 1900 waren während der „Kampagnen“, den Erntemonaten von Mai bis September, nahezu 6000 Personen in den Fabriken und ungefähr 8000 Arbeitskräfte, zum Großteil Gastarbeiterinnen, auf den Gemüsefeldern tätig.Horst-Rüdiger Jarck, Gerhard Schildt (Hrsg.): Die Braunschweigische Landesgeschichte Jahrtausendrückblick einer Region, Braunschweig 2000, S. 796. Der Verdienst der Frauen schwankte in Abhängigkeit von den Arbeitsbedingungen (Akkord-, Heim- oder Fabrikarbeit) erheblich. Der durchschnittliche Stundenlohn lag bei 13 Pfennig. Die tägliche Arbeitszeit in den Fabriken lag bei bis zu 11 Stunden,Dietmar Salewsky: Industriezweige, die sich aus der Landwirtschaft entwickelten: Konserven-, Zuckerfabriken und Anlagenbau, in: Gerd Biegel (Hrsg.): Braunschweigische Industriegeschichte 1840–1990. Ausstellung anläßlich des 125-jährigen Bestehens der Industrie- und Handelskammer Braunschweig, Braunschweig 1989, S. 26. in Ausnahmefällen bei 13 und in Extremfällen sogar bei 17½ StundenHeidi Lang und Hans Stallmach: Werkbank, Waschtag, Schrebergarten. Das alltägliche Leben der Braunschweiger Arbeiterschaft im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, Braunschweig 1990, S. 29., obwohl in den 1890er Jahren Arbeitsschutzgesetze eingeführt worden waren, die Sonntags- und Nachtarbeit für Frauen verboten. Auch die Einführung des 8-Stunden-Tages 1918, führte zu keiner spürbaren Entlastung, da die Vorschriften meist durch „Sondervereinbarungen“ umgangen wurden. Die Entlohnung der Frauen betrug z. B. 1905 durchschnittlich die Hälfte jener der Männer, Heimarbeiterinnen wurden noch schlechter bezahlt.
In der Hochzeit dieses Braunschweiger Industriezweiges zwischen den Weltkriegen, beschäftigte der „Verein der Konservenfabrikanten“ fast 20.000 Personen. Die Arbeit war monoton und anstrengend. In den Fabriken wurde ohne Hilfe von Maschinen Spargel geschält und Gemüse geschnitten. Schnittverletzungen oder Hautkrankheiten wie die „Spargelkrätze“ traten häufig auf. Über diese Dermatitis berichtete der Braunschweiger Sanitätsrat und Dermatologe Alfred Sternthal (1862–1942) in der Dermatologischen Wochenschrift.
Während des Zweiten Weltkriegs wurden in der Braunschweiger Konservenindustrie ausländische Zwangsarbeiter beschäftigt.Karl Liedke: Gesichter der Zwangsarbeit. Polen in Braunschweig 1939–1945. Braunschweig 2. Auflage, 1997.
Bedeutende Unternehmen Daubert 1850–1975 Nach ersten Versuchen des Klempnermeisters Philipp Wilhelm Daubert (1799–1875) zur Konservierung von Gemüse in handgearbeiteten Weißblechdosen entstand im Jahre 1852 ein Betrieb am Bohlweg 9 zur fabrikmäßigen Herstellung von Konserven. Die Firma wurde von seinem Sohn Carl Heinrich Daubert seit 1859 unter dem Namen „C. H. Daubert Nachfolger“ zu einem überregional bekannten Unternehmen ausgebaut. Unter dem Markennamen „Daubertus“ wurden überwiegend Spargelkonserven sowie Gemüse- und Obstkonserven hergestellt. Das Unternehmen wechselte seinen Standort 1864 zum Marstall 3 und 1922 in die Wiesenstraße 1. Nach Kriegszerstörungen 1944 wurde die dortige Fabrik 1947 wieder aufgebaut. Im Jahr 1959 umfasste das Angebot 250 Artikel. Die Firma erlosch 1974/75. Die ehemalige Fabrik wurde zu einer Seniorenwohnanlage des Volksgesundheitsvereins umgebaut.
Zwei weitere Firmen gingen aus der Familie Daubert hervor. Dies waren die 1972 nach Bremen verlegte „Braunschweigische Konservenfabrik Niedersachsen Carl Daubert“ sowie die 1862 gegründete Konservenfabrik „Albert Daubert, vorm. P. W. Daubert sen.“. Letztere wurde 1894 an Albert Hoffmeister verkauft und zog 1920 in die Helmstedter Straße. Diese Firma erlosch 1972.
Gebrüder Grahe 1863–1968 Gustav Grahe (1827–1900) erkannte das Potential des neuen Erwerbszweiges, nachdem er 1.000 Spargelkonserven der Firma Daubert gekauft und in kurzer Zeit weiterverkauft hatte. Ab 1861 experimentierte Gustav Grahe mit der Konservierung von Spargel. Zum Anbau dieses Gemüses pachtete er Land und gründete 1863 zusammen mit seinem Bruder Karl Grahe († 1883) einen Betrieb zur Herstellung von Blechdosen und Spargelkonserven. Als erste Braunschweiger Konservenfabrik kaufte Grahe 1873 in Paris einen Autoklaven zur Drucksterilisation, womit deutliche Produktionsvorteile erreicht wurden. Der Standort wurde 1874 an den Bültenweg / Rebenring verlegt. Das 1875 erweiterte Fabrikgebäude wurde mit weiteren modernen Maschinen ausgestattet. Grahe kaufte Land zum Anbau von Spargel, Erbsen, Bohnen und anderen Gemüsesorten. Mit einer Anbaufläche von 600 Morgen war Grahe um 1900 Braunschweigs größter Gemüseanbaubetrieb. Die Zahl der Arbeiter war von 116 im Jahre 1874 auf ungefähr 700 im Jahr 1900 gestiegen. Am 15. Januar 1927 wurde die Firma in eine am 5. Februar eingetragene Aktiengesellschaft umgewandelt. Im Jahre 1943 war die Landesgenossenschaftsbank eGmbH, Hannover Großaktionär mit 56 % der Anteile. Die Firma feierte ihr 100-jähriges Jubiläum am 1. April 1963, erlosch aber bereits 1968.
Querner 1864–1951