Die Volksabstimmungen in Ost- und Westpreußen (teils auch nur: Volksabstimmung in Ostpreußen) fanden am 11. Juli 1920 infolge des Versailler Vertrags statt. Bei den beiden Plebisziten ging es um die Frage, ob das größere Abstimmungsgebiet Allenstein in Ostpreußen (der Regierungsbezirk Allenstein und der Kreis Oletzko) sowie das kleinere Abstimmungsgebiet Marienwerder in Westpreußen (östlich der Weichsel gelegene Gebiete um Marienwerder) zur preußischen Provinz Ostpreußen oder zu Polen gehören sollten.

Im ostpreußischen Abstimmungsgebiet Allenstein stimmten über 97 %, und im westpreußischen Abstimmungsgebiet Marienwerder über 92 % der Abstimmenden für die Zuordnung zu Ostpreußen und somit für den Verbleib im Deutschen Reich. Die Ergebnisse der beiden Abstimmungen waren nicht verbindlich, sondern dienten der Pariser Botschafterkonferenz als Richtschnur für ihre Entscheidung über die territoriale Zuordnung der beiden Abstimmungsgebiete. Während der Zeit der Vorbereitung und Durchführung der Abstimmungen wurde die Regierungsgewalt in den beiden Abstimmungsgebieten jeweils von einer mit britischen, italienischen, französischen und japanischen Vertretern besetzten Interalliierten Kommission übernommen.

Grundsätzlich handelte es sich um zwei voneinander getrennte Plebiszite, die jedoch auf der Ebene der der praktischen Durchführung und der zu entscheidenden Frage eng miteinander verknüpft waren. In der öffentlichen Wahrnehmung und im politischen Diskurs wurden sie daher in aller Regel als gemeinsamer politischer Vorgang verstanden. Entsprechend ist in Polen die Bezeichnung üblich, auf Französisch wird meist vom gesprochen. Im Englischen ist entweder vom oder die Rede.

Vorgeschichte mini|Die polnischen Teilungen führten unter anderem zum Anschluss von Pommerellen als Teil der neuen Provinz Westpreußen an das Königreich Preußen sowie zur Eingliederung des Ermlandes in Ostpreußen. Seit dem Mittelalter waren die Gebiete des späteren West- und Ostpreußen zwischen dem Deutschordensstaat und verschiedenen polnischen sowie litauischen Herrschaften umstritten. Im Zuge des Niedergangs des Deutschordensstaats entstand zunächst im Jahr 1454 Königlich Preußen, das mit der polnischen Krone verbunden war und ab 1569 zu Polen-Litauen gehörte. Im Jahr 1525 wiederum wurde das Herzogtum Preußen begründet, dass unter dem Einfluss der Kurfürsten der Mark Brandenburg stand, ab 1618 in Personalunion regiert wurde und 1701 zum Namensgeber des neugegründeten Königreichs Preußen wurde. Königsberg kam gar die Rolle der Krönungsstätte der preußischen Könige zu. Im Zuge der Ersten Polnischen Teilung gelangte zunächst Pommerellen (polnisch ) unter der Bezeichnung „Westpreußen“ unter preußische Herrschaft. Mit der Dritten Polnischen Teilung 1795 hörte Polen für über 120 Jahre auf, als eigenständige Herrschaft fortzubestehen. In weiten Teilen des nun sogenannten Südpreußens und Neuostpreußens blieb ein Großteil der Bevölkerung polnischsprachig. Entlang der Ostseeküste, in den größeren Städten und im ostpreußischen Kernland dominierte die deutsche Sprache. In Westpreußen (Pommerellen), dem ehemals zu Königlich Preußen gehörenden , dem südlichsten sowie dem nördlichsten Teil Ostpreußens war die Bevölkerung hingegen sprachlich, kulturell und religiös heterogen.

Nach der Reichsgründung 1871 setzte im Zusammenhang mit dem Erstarken des Nationalismus in Deutschland sowohl eine Politik der Germanisierung ein als auch die als Kulturkampf bezeichnete Unterdrückung des Katholizismus. Dabei wurde zugleich eine Politik der Assimilation wie des Ausschlusses verfolgt. In Schulen, der Verwaltung und teils auch an öffentlichen Orten war in aller Regel die deutsche Sprache verpflichtend. Der preußische Staat machte dabei in seinen östlichen Teilen große Unterschiede im Umgang mit den slawischen Sprachen und unterschied diese, beispielsweise in Bevölkerungsstatistiken, akribisch. So galten für Polnisch üblicherweise strengere Vorschriften als für Masurisch und Kaschubisch. Da die weitaus meisten polnischsprachigen Einwohner zugleich katholischen Glaubens waren, traf sie die Diskriminierung doppelt. Sie wurden systematisch aus dem Staatsdienst ausgeschlossen und ihnen wurde der Zugang zu höheren Bildungsabschlüssen verwehrt. Die zumeist protestantische masurischsprachige Bevölkerung sah sich im Vergleich dazu deutlich weniger Beschränkungen ausgesetzt.Sarah Wambaugh: Plebiscites since the world war, Band 1, S. 102.

Die seit der letzten polnischen Teilung bestehende polnische Nationalbewegung hatte sich nach dem Posener Aufstand von 1848 vorrangig auf eine weitergehende Autonomie innerhalb Preußens eingesetzt. Die polnischen Interessen hatten sich in der sogenannten Polnischen Fraktion organisiert. Nach der Reichsgründung und mit Beginn des 20. Jahrhunderts setzte sich, nicht zuletzt als Reaktion auf die aggressive Germanisierungspolitik, mit der Polnischen Nationaldemokratischen Partei eine radikalere Linie durch, die ein unabhängiges Polen anstrebte. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs und dem 1916 vom Deutschen Reich und Österreich-Ungarn aus dem besetzten Russisch-Polen gebildeten Regentschaftskönigreich Polen erschien diese Forderung erstmals seit langer Zeit tatsächlich erreichbar. Der polnischen Unabhängigkeitsbewegung gelang es, dass ihre Forderung in das 14-Punkte-Programm des US-Präsidenten Woodrow Wilson einfloss.Sarah Wambaugh: Plebiscites since the world war, Band 1, S. 102–103.

Beschluss der Volksabstimmungen Die Wiederbegründung der Polnischen Republik Während des Ersten Weltkriegs versuchten das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn, beispielsweise durch die Aufstellung der Polnischen Legionen sowie der den polnischen Nationalismus für ihre Kriegsbemühungen gegen Russland zu nutzen. Spätestens mit der Eidkrise 1917 wurde jedoch deutlich, dass die polnische Nationalbewegung ihre Unterstützung von tatsächlichen Schritten hin zu einem unabhängigen Polen abhängig machte. Da hierfür keine Unterstützung von den Mittelmächten zu erwarten war, wandte sich die Nationalbewegung nun an die Alliierten um Unterstützung. Insbesondere die US-Regierung unter Präsident Woodrow Wilson zeigte große Sympathie für die Nationalbewegungen im Bereich des Deutschen Reichs, Österreich-Ungarns und des Osmanischen Reichs. Letztlich nahm Wilson Anfang 1918 die Forderung nach einem unabhängigen Polen in sein 14-Punkte-Programm auf, in dem es hieß:

Als sich im Verlauf des Jahres 1918 der bevorstehende Zusammenbruch der Mittelmächte immer deutlicher abzeichnete, verstärkte sich die Entschlossenheit der polnischen Nationalbewegung, eine Wiederherstellung Polens nötigenfalls gewaltsam zu erzwingen. Mit dem Posener Aufstand und der Gründung der Zweiten Polnischen Republik am 11. November 1918 gelang dies zumindest teilweise.

Die Verhandlung der Grenzen mini|Gebietsverluste Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg (farblich schraffierte Flächen) Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der staatlichen Restauration Polens war die Grenzziehung zwischen Polen und dem Deutschen Reich umstritten. Bei den Pariser Friedensverhandlungen wurde hierüber in der am 26. Februar 1919 eingerichteten , unter der Leitung von Jules Cambon beraten. Weitere Mitglieder waren der Brite William Tyrrell, der US-Amerikaner Isaiah Bowman, der Italiener Pietro Tomasi Della Torretta sowie der Japaner Kentaro Ochiai. Eine ihrer zahlreichen Aufgaben war es, festzulegen, welche Gebiete zu einem neugegründeten Polen gehören sollten.Sarah Wambaugh: Plebsicites since the world war, Band 1, S. 103.

Die polnische Regierung, vertreten durch Roman Dmowski, vertrat zunächst die Auffassung, dass Polen in den Grenzen von 1772 wiederherzustellen sei. Auf Deutschland bezogen bedeutete das die Abgabe Posens, Westpreußens (ohne den Kreis Stuhm) sowie des Ermlands. Darüber hinaus forderte Polen auch den Anschluss des südlichen Teils Ostpreußens, Oberschlesiens sowie die Abgabe des Memellandes an Litauen. Aus dem verbleibenden Teil Ostpreußens, rund um Königsberg, sollte ein von Deutschland unabhängiges Völkerbundmandat entstehen, das nach Einschätzung polnischer Politiker als Konsequenz langfristig ebenfalls ein Teil Polens werden würde.Wojciech Wrzesiński: Das Recht auf Selbstbestimmung, S. 12–15.

Die eigentlichen Beratungen der Grenzfrage fanden in einem weiteren Unterkomitee statt, dem der französische General Henri Le Rond vorsaß. Weitere Mitglieder waren Isaiah Bowman und der Brite Frederick Kisch. Das Unterkomitee beendet seine Beratungen bereits am 12. März 1919 und schloss sich den Forderungen Polens weitgehend an. Lediglich bezogen auf das südliche Ostpreußen empfahl es, da dort die masurische Bevölkerung zwar eine Form von Polnisch spreche, jedoch protestantischen Glaubens sei, über die Zugehörigkeit in einem Plebiszit zu entscheiden. Die polnische Delegation sprach sich nachdrücklich gegen ein solches Plebiszit aus.Sarah Wambaugh: Plebiscites since the world war, Band 1, S. 104–105.

Im Rat der Zehn wurde die Angelegenheit am 19. März 1919 erstmals besprochen. Insbesondere Lloyd George wandte sich entschieden gegen den ersten Vorschlag der Kommission, wobei er insbesondere die Abgabe des Weichselgebiets (das östliche Westpreußen), das historisch niemals zu Polen gehört hatte, heraushob. Die Angliederung aller von Polen geforderten Gebiete würde unweigerlich zu größeren deutschen Minderheiten in Polen führen, was dem damaligen Ideal des sprachlich-ethnisch homogenen Nationalstaats widersprach. Unter diesen Bedingungen sei zu befürchten, dass der Friedensvertrag von Deutschland möglicherweise nicht unterzeichnet würde. Neben diesen im Rat vorgebrachten Befürchtungen trieb Großbritannien jedoch auch die Sorge eines zu großen französischen Einflusses auf dem europäischen Kontinent an. Denn Frankreich wollte Polen zu einer der tragenden Säulen seiner europäischen Außenpolitik aufbauen, als starken Verbündeten sowohl gegen das Deutsche Reich als auch Sowjetrussland.Florian Paprotny: Die Ausführung des Plebiszits in Ost- und Westpreußen, S. 489–491.

Die Kommission wurde aufgefordert, eine Überarbeitung vorzulegen, doch sie reichte am 22. März 1919 ihren Vorschlag erneut unverändert ein. Letztlich gab US-Präsident Wilson am 22. April 1919 den Ausschlag, als er zusammen mit der Idee der Schaffung einer Freien Stadt Danzig auf die Durchführung von zwei Plebisziten, eines im Weichselgebiet um Marienwerder sowie eines in Ostpreußen um Allenstein, drängte.

Die polnische Regierung sprach sich gegen die Plebiszite in Ost- und Westpreußen aus und forderte nach wie vor eine unmittelbare Angliederung, denn realistischerweise durfte sie dort nicht auf einen Abstimmungssieg hoffen.Hans-Werner Rautenberg: Die Stimmung der Bevölkerung im masurischen Abstimmungsgebiet, S. 36. Aber auch auf deutscher Seite herrschte eine gewisse Verunsicherung.

Der deutschen Reichsregierung wurde der Vertragsentwurf am 7. Mai 1919 zur Kenntnis gegeben.Sarah Wambaugh: Plebiscites since the world war, Band 1, S. 106. Die Formulierung im Versailler Vertrag besagte lediglich, dass die Ergebnisse der Abstimmung „berücksichtigt“ werden sollten.Wörtlich heißt es: Vor diesem Hintergrund gab es vielfach Sorge, dass selbst eine allgemeine Mehrheit für den Verbleib bei Ostpreußen keine Sicherheit vor Gebietsabtretungen an Polen bieten werde.Hans-Werner Rautenberg: Die Stimmung der Bevölkerung im masurischen Abstimmungsgebiet, S. 36–38.