Die Familie Warburg ist eine deutsch-jüdische Familie, aus der international herausragende Bankiers, Mäzene, Politikberater sowie Natur- und Kulturwissenschaftler hervorgegangen sind. Die Warburgs gehören seit dem späten 19. Jahrhundert vor allem in Deutschland und den USA zu den bedeutendsten Familien des jüdischen Bürgertums.
Geschichte Der früheste bekannte Vorfahre der Familie Warburg ist Anselmo Asher Levi Del Banco (1480–1532). Zu Beginn des 16. Jahrhunderts war Del Banco einer der führenden Geld- und Pfandleiher in der italienischen Handelsmetropole Venedig. Per Dekret vom 29. März 1516 beschloss die Regierung Venedigs die jüdische Gemeinde in einem einzigen Stadtviertel zu ghettoisieren.Cyrus Adler: Bulletin of the American Schools of Oriental Research No. 68. The American Schools of Oriental Research, Dezember 1937, S. 2–4 Nach weiteren Einschränkungen verließen Mitglieder der Familie Del Banco Venedig und siedelten ins Fürstentum Hessen im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. mini|Schutzbrief der Hansestadt Warburg für Simon von Cassel (1559) Ab 1556 wirkte Simon Del Banco (1500–1566) als Geldverleiher für Bauern und Getreidehändler in Kassel, der Residenz von Philipp I. Nach einer Hausdurchsuchung änderte Del Banco aus Sorge vor weiteren Repressalien und im Sinne der Integration seinen Namen in Simon von Cassel.Jacques Attali: Dizionario innamorato dell’ebraismo. Plon et Librairie Arthème Fayard, 2009. Via Herford und Beckum siedelte Simon von Cassel 1557 mit Frau, Kindern und Dienerschaft schließlich in die westfälische Hansestadt Warburg im Hochstift Paderborn.Dina van Faasen: Die Juden im Hochstift Paderborn. In: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe
(Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen), Münster 2021, S. 92. In Warburg wurde ihm am 3. Januar 1559 gegen eine einmalige Zahlung von 100 Talern sowie weiteren jährlich zu entrichtenden Gebühren vom Rat der Stadt Warburg eine zeitlich begrenzte Wohn- und Handelserlaubnis ausgestellt. Nach einigen Jahren adaptierte Simon von Cassel schließlich Warburg als neuen Familiennamen und gilt seither als Ur-Ahn der Familie Warburg.Eric Banks: The Rise and Fall of the Merchant Banks. Kogan Page/Reuters, 1999, London, S. 88. Die zunächst auf zehn Jahre begrenzte Aufenthaltsgenehmigung wurde vom Hochstift Paderborn immer wieder verlängert, sodass die Familie fast über 100 Jahre im Westfälischen blieb. Offenbar gelangte sie in dieser Zeit zu Wohlstand und Ansehen.
Bis ins 19. Jahrhundert brauchten Juden eine Genehmigung, um sich niederlassen zu dürfen. Dafür mussten sie Gebühren entrichten, gleichzeitig formulierten diese Schutzbriefe teils rigide Bedingungen für den Aufenthalt. Zwar galt das Zinsverbot nicht mehr, dennoch benötigte die Stadt Kreditgeber, die im Geschäft erfahren waren. Dementsprechend wurde die wirtschaftliche Tätigkeit der Familie Warburg das Geldverleihgeschäft.
Simon von Cassels Urenkel Levi Juspa Joseph Warburg (1627–1678) verlagerte nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) den Familiensitz 1668 nordwärts in das unter dänischer Herrschaft stehende Altona, da den deutschen Kleinstaaten nach dem Westfälischen Frieden (1648) der einfache Weg zum Meer fehlte und der Handel im Binnenland zum Erliegen kam. Gumprich Marcus Warburg (1727–1801) verlegte 1773 seinen Wohnsitz von Altona in die nur wenige Kilometer entfernte Wirtschaftsmetropole Hamburg. Der in voller Blüte stehende Stadtstaat hatte seine eigene Handelsflotte, ein eigenes Militär und verfügte über viele ausländische Konsulate. Europas Reichtum floss durch den Hamburger Hafen: Fischladungen nach Skandinavien, Wolle nach Flandern, Pelze aus Russland. Die Seehandelsatmosphäre, die Hamburgs Bewohner eng mit London, Amsterdam und anderen Städten im Ausland verband, gepaart mit einer toleranten Bürgerkultur brachte die Warburgs mit einem Kosmopolitismus in Berührung, der nach den Erfahrungen im provinziellen Binnenland befreiend war. In der Hansestadt entwickelten Gumprichs ungleiche Söhne Moses Marcus Warburg (1763–1830) und Gerson Warburg (1765–1825) aus dem Geldleih- und Pfandwechselgeschäft ihres Vaters im Jahre 1798 das bis heute bestehende Bankhaus M. M. Warburg & Co. mini|Moritz M. Warburg (1838–1910) mini|V. l.: Frieda Schiff-Warburg, Charlotte Warburg, Felix M. Warburg mini|Aby Warburg auf Feldforschung bei den Hopi-Indianern (1896) Die vierte Generation der Familie Warburg aus der von Moritz M. Warburg (1838–1910) und seiner Frau Charlotte Esther Warburg (geb. Oppenheim, 1842–1921) gegründeten Familienlinie der Mittelweg-Warburgs prägte das frühe Zeitalter der Globalisierung dies- und jenseits des Atlantiks. Während Max M. Warburg (1867–1946) die familieneigene M. M. Warburg & Co. in Hamburg zu einer der größten und renommiertesten Privatbanken der Welt entwickelte, wurden seine Brüder Paul M. Warburg (1868–1932) und Felix M. Warburg (1871–1931) Teilhaber des Wall Street-Bankhauses Kuhn, Loeb & Co. in New York. Paul M. Warburg war zudem maßgeblich an der Entwicklung der US-Notenbank Federal Reserve System sowie an der Gründung des politikberatenden Council on Foreign Relations beteiligt.
Felix M. Warburg gründete 1914 die weltgrößte jüdische Wohltätigkeitsorganisation American Jewish Joint Distribution Committee. Zur Zeit der NS-Diktatur (1933–1945) ermöglichten Max M. Warburg, Felix M. Warburg, Edward M. M. Warburg, Bettina Warburg, Eva Warburg, Gisela Warburg, Anita Wolf-Warburg und Lola Nina Hahn-Warburg mit enormer finanzieller, politischer und organisatorischer Hilfe zehntausenden Juden die Emigration nach Palästina, England, die USA und Skandinavien. Lola Nina Hahn-Warburg (1901–1989), seit 1933 aktives Vorstandsmitglied in der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, war zu dieser Zeit die Geliebte von Chaim Weizmann, dem damaligen Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation und späteren ersten Präsidenten des 1948 gegründeten Staates Israel. Mit ihrer Schwester Anita Wolf-Warburg engagierte sich Lola Nina Hahn-Warburg in besonderer Weise bei der Betreuung deutsch-jüdischer Flüchtlinge in Großbritannien. Durch die 1938 abgehaltenen Verhandlungen einer Delegation unter Leitung von Chaim Weizmann und Lola Hahn-Warburgs Beteiligung beim britischen Innenministerium gelang es, dass die britische Regierung und das britische Unterhaus eine unbegrenzte Anzahl von Kindern nach Großbritannien emigrieren ließ. Über 10.000 jüdische Kinder konnten zwischen 1938 und 1939 mittels dieser Kindertransporte gerettet werden.
Fast die gesamte Warburg-Familie emigrierte bis 1938 in die USA, England und Schweden. In London gründete Siegmund George Warburg 1938 das Bankhaus S. G. Warburg & Co. und wurde in den folgenden Jahrzehnten zu einem der bedeutendsten britischen Bankiers. Eric M. Warburg (1900–1990), als Erich Hermann Moritz Warburg in Hamburg geborener Sohn von Max M. Warburg, gründete 1938 in New York eine Bank und diente in der US-Army als einflussreicher Nachrichtenoffizier. Nach dem Krieg wurde er einer der Hauptinitiatoren der deutsch-amerikanischen Verständigung im Umfeld des US-Hochkommissars John McCloy.
Während des Zweiten Weltkriegs diente Paul M. Warburgs in Hamburg geborener Sohn James Paul Warburg (1897–1969) als Special Assistant der US-Regierungsbehörde Office of the Coordinator of Information zur Zentralisierung der Propaganda- und Geheimdienstaktivitäten während des Zweiten Weltkrieges in Washington. Von 1942 bis 1944 führte er seine Tätigkeit als stellvertretender Direktor der Nachfolgebehörde United States Office of War Information weiter.Lebenslauf von James P. Warburg. Committee on the history of the Federal Reserve System, Federal Reserve Bank of St. Louis
Mitglieder der Familie Warburg leisteten bedeutende international anerkannte natur- und kulturwissenschaftliche Beiträge. Aby M. Warburg gründete zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Hamburg die Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg. Im ehemaligen Wohnhaus von Felix M. Warburg auf der New Yorker 5th Avenue befindet sich seit 1944 das Jüdische Museum. Otto Warburg (1859–1938) war 1918 Mitbegründer der Hebräischen Universität Jerusalem, Leiter der dortigen botanischen Abteilung und fungierte zwischen 1911 und 1920 als Präsident der Zionistischen Weltorganisation. Otto Heinrich Warburg (1882–1970), Leiter des Berliner Kaiser-Wilhelm-Instituts für Zellphysiologie, erhielt 1931 für seine biochemischen Arbeiten den Nobelpreis für Medizin.Salomon Wininger: Große Jüdische National-Biographie. Band 6, 1933, S. 205–210.
Genealogie Stammbaum mini|hochkant|Emil Gabriel Warburg (1846–1931) mini|hochkant|Albert Ballin (1857–1918) mini|hochkant|Otto Warburg (1859–1938) mini|hochkant|Otto Heinrich Warburg (1883–1970) mini|hochkant|Fredric John Warburg (1898–1981)
Simon von Cassel (1500–1566), verheiratet mit Jutte von Cassel (1505–unbekannt) Samuel Warburg (1525–1595), verheiratet mit unbekannt Jacob Simon Warburg (ca. 1570–1636, gestorben in Warburg), verheiratet mit unbekannt Levi Juspa Warburg (1600–1679, gestorben in Hamburg), verheiratet mit unbekannt Jacob Samuel Warburg (1627–1668, gestorben in Hamburg), verheiratet mit Rahel Reizche Goldzieher (1648–1674) Samson Warburg (1651–1711, gestorben in Altona), verheiratet mit Hindle Löb Warburg (ca. 1637–1697) Samuel Moses Warburg (1690–1759, gestorben in Altona), verheiratet mit seiner Cousine Rahel Lea Warburg (1701–1770) Dina Reizche Goldschmidt (geb. Warburg) (1713–1737), verheiratet mit Bendix Levy Goldschmidt (ca. 1683–1721) Salomon Warburg (1653–unbekannt) Isaac Ruben Warburg (1655–1729), verheiratet mit Gitla Meier Heilbut (1657–1734) Rahel Lea Warburg (1701–1770), verheiratet mit ihrem Cousin Samuel Moses Warburg (1690–1759) Moses Samson Warburg (1719–1769) Samuel Ruben Warburg (1702–1756) Daniel Samuel Warburg (1720–1796), verheiratet mit Genendel Warburg (geb. Friedburg, 1740–1821) Samuel Abraham Warburg (1759–1834), verheiratet mit Vogel Warburg (geb. Heckscher 1763–) Daniel Samuel Warburg (1789–1860), ausgewandert nach New Orleans, Louisiana Eugène Warburg (1825–1859), US-amerikanischer Bildhauer Marcus Daniel Warburg (1777–1834), verheiratet mit Hanna Warburg (geb. Levy, 1760–1818) Daniel Marcus Warburg (1803–1882), verheiratet mit Ida Warburg (geb. Cohen, 1818–1898) Emil Gabriel Warburg (1846–1931), verheiratet mit Elisabeth Warburg (geb. Gärtner), bedeutender Physiker Otto Heinrich Warburg (1883–1970), Biochemiker, Leiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Zellphysiologie in Berlin, erhielt für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Biochemie 1931 den Nobelpreis für Medizin Moses Ruben Daniel Warburg (1773–1847), verheiratet mit Schewa Sophie Warburg (geb. Bondi, 1784–1862) Daniel Rudolph Warburg (1804–1883), verheiratet mit Caroline Warburg (geb. Beit, 1820–1892), einer Tante von Ferdinand Beit Ferdinand Samuel Warburg (1844–1924), verheiratet mit Louise Christine Marie Warburg (geb. Voß, 1845–1926) Ferdinand Henry Warburg verheiratet mit Sophie Luise Charlotte Lieselotte Warburg (geb. Freiin von Jungck, 1897–1983) Marlene Luise Margarete Fischer (geb. Warburg, 1920–1994) verheiratet mit Bruno Fischer-Uwe (1915–1992), Worpsweder Kunstmaler Simon Ruben alias Siegmund Rudolf Warburg (1817–1899), verheiratet mit Anna Warburg (geb. Goldschmidt, 1833–1894) Otto Warburg (1859–1938), Mitbegründer der Hebräischen Universität Jerusalem, Leiter der dortigen botanischen Abteilung, Nachfolger von Theodor Herzl zwischen 1911 und 1920 als Präsident der Zionistischen Weltorganisation Moses Warburg (1704–1748) Salomon Warburg (1706–1743) Isaac Selig Warburg (1708–1765) Seligman Warburg (1657–1742, gestorben in Altona) Moses Samuel Warburg (1666–1701), verheiratet mit Hitzla Moses Heilbut (1670–1693) und Röschen Mosche Gumprich (1675–1700) Samuel Moses Warburg (1690–1759), verheiratet mit Zippora Rachel Delbanco (1690–1783) Moses Frankfurter Warburg (1723–1753), verheiratet mit Jettchen Warburg (geb. Wagner, 1726–1833)