mini|Einflussbereich des Byzantinischen Reiches und Venedigs um 840 Giovanni I. Particiaco, in den zeitnahen Quellen Iohannes Particiaco, venezianisch Çuane, in den späteren Quellen meist Participazio oder Partecipazio († um 836), war nach der historiographischen Tradition der Republik Venedig deren 12. Doge. Er regierte von 829 bis 836 als kurzfristiger Vorgänger im Amt des Mitdogen, und später als Nachfolger seines Bruders Iustinianus im Amt des alleinregierenden Dogen, doch wurde er drei Mal gestürzt.

Iohannes’ wenig glückhafte Regierungszeit war durch innenpolitische Spannungen und Verschwörungen geprägt, in deren Verlauf er Metamaucum zerstören ließ, das bis etwa 811 Sitz der Dogen gewesen war – an seine Stelle trat Malamocco. Für diese Spannungen wurden sowohl Konflikte zwischen den führenden Städten der Lagune von Venedig als auch Einwirkungen der Karolinger und der byzantinischen Kaiser verantwortlich gemacht, die sich in entsprechenden Fraktionierungen innerhalb der Lagune niederschlugen. Zudem tauchten verstärkt slawische Piraten, Narentaner genannt, in der oberen Adria auf, die bereits in der Lage waren, ganze Flotten zu kapern; in Süditalien sollten Venezianer erstmals gegen die Sarazenen kämpfen, die 827 begonnen hatten, Sizilien zu erobern. In Iohannes’ Amtszeit wurde der erste, unter seinem Bruder begonnene Vorgängerbau des Markusdomes, die Palastkapelle zur Aufnahme der Reliquie des heiligen Markus fertiggestellt.Volker Herzner: Die Baugeschichte von San Marco und der Aufstieg Venedigs zur Großmacht, in: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte 38 (1985) 1–58, hier: S. 2.

Familie Die Particiaco gehörten zu den tribunizischen Familien in der Frühzeit der Republik Venedig. Diese Familien waren vermögende Grundbesitzer, Inhaber höchster politischer und militärischer Ämter im östlichen Venetien, das bis zu Beginn des 9. Jahrhunderts Teil des Oströmischen Reichs war. Ihnen war es gelungen, das oströmisch-byzantinische Amt eines Tribunen erblich zu machen. Von Beginn des 9. bis Mitte des 10. Jahrhunderts versuchte die Familie immer wieder, Venedig zu einer Erbmonarchie zu machen.

Leben und Herrschaft mini|Die Machtzentren östlich der Adria um 814 Iohannes wurde von seinem Vater Agnellus, Doge seit 810, zum Mitregenten erhoben, während sich sein Bruder Iustinianus in Konstantinopel aufhielt. Als dieser jedoch nach Venedig zurückkehrte, verlor Iohannes, der der pro-fränkischen Partei zuneigte, sein Amt und wurde nach Zara ins Exil geschickt. Nach dem Tod des Vaters wurde er von seinem schon betagten Bruder nach Venedig zurückgerufen. Nach dem Tod Iustinianus’ übernahm Iohannes das Dogenamt.

Während seiner Regierung wurde die unter seinen Vorgängern geförderte Grabeskirche für den Heiligen Markus, eines Vorgängerbaus des heutigen Markusdoms, eingeweiht.

Nach zwei Jahren Amtszeit gelang es dem nach Konstantinopel verbannten ehemaligen Dogen Obelerius, den der Vater der beiden Brüder um 810 vertrieben hatte, aus dem Exil zu entkommen und sich in die nördliche Adria einzuschiffen. Er bemächtigte sich bald der Insel Vigilata vor Istrien und er fand weitere Verbündete in seinem Heimatort Malamocco. Iohannes reagierte sofort, attackierte und verwüstete zunächst Malamocco, um daraufhin Vigilata zu zerstören. Obelerius geriet in seine Gefangenschaft. Iohannes ließ ihn enthaupten und seinen Kopf den Venezianern an der Grenze zum Frankenreich zur Schau stellen – nach anderen Quellenangaben jedoch vor Malamocco. Je nach dem Grundmuster, dem der jeweilige Historiker folgte, wurde mit ersterem Aufstellungsort die staatenübergreifende Konfliktsituation in den Mittelpunkt gerückt, und die Streitenden zu Exponenten einer pro-fränkischen oder pro-byzantinischen Fraktion, oder mit letzterem Ort die Konflikte innerhalb der Lagune betont, vor allem die zwischen Rialto und Malamocco.

Kaum war diese Revolte niedergeschlagen, als ein Aufstand des byzantinischen Tribunen Caroso ihn zwang, an den fränkischen Hof zu fliehen, wo er von Kaiser Lothar mit Wohlwollen aufgenommen wurde. Caroso erklärte sich zum Dogen, wurde aber schon drei, nach anderen Angaben sechs Monate später von den Anhängern der Particiaco, die es verstanden, die vielen mit der Herrschaft des Usurpators Unzufriedenen auf ihre Seite zu ziehen, im Dogenpalast gefangen genommen, geblendet und aus Venedig verjagt.

Bis zur Rückkehr des Iohannes führte der Bischof von Olivolo, dessen Amtssitz im Osten Venedigs lag, die Regierungsgeschäfte, ein Mann namens Ursus. Er gehörte möglicherweise zu den Particiaco. Iohannes wurde nach etwa einem Jahr des Exils mit allen Ehren in Venedig empfangen, sah sich jedoch schon wenig später mit neuen Widerständen wegen seines rigorosen Regierungsstils konfrontiert.

Venedig wurde in dieser Zeit von zahlreichen Piraten bedroht, darunter Slawen und Sarazenen. Erstere saßen an der Mündung der Narenta am Ostufer der Adria, weshalb sie ‚Narentaner‘ genannt wurden. Iohannes schloss mit ihnen, vielleicht um 830, ein Abkommen, das jedoch 834/835 durch den Überfall auf eine Handelsflotte, die auf dem Rückweg vom süditalienischen Benevent war, ein Ende fand.

Angeführt von der Familie der Mastalici wurde der Doge nach Verlassen der Kirche San Pietro di Castello gefangen genommen, rasiert und geschoren und nach Grado abgeschoben, wo er zwangsweise zum Priester geweiht wurde. Er verstarb dort um 836, ohne Erben zu hinterlassen.

Rezeption Bis gegen Ende der Republik Venedig Im Chronicon Altinate oder Chronicon Venetum, einer der ältesten venezianischen Quellen, erscheint der Doge mit dem Namen und der Amtsdauer „Iohannes Particiacus dux ducavit, et filius Angeli, frater Iustiniano, ambo duci, ducavit ann. 8“, er war also acht Jahre, im Amt, wobei jener Angelus ausdrücklich als Doge mitgenannt wird.MGH, Scriptores XIV, Hannover 1883, S. 60, Chronicon Venetum (vulgo Altinate). Nur einmal glaubt der Chronist Johannes Diaconus, den direkten Einfluss des Teufels erkennen zu können, nämlich beim Sturz des Dogen im Jahr 829 durch die Familie der Mastalici. Er führt das Handeln der Familie ausdrücklich auf „diabolica sugestione“ zurück. Allerdings glaubt der Chronist wohl an diese Erklärung, weil die Tat an einem Feiertag und an einem sakralen Ort stattfand, nämlich zu Sankt Peter und vor der Kirche desselben Heiligen.Luigi Andrea Berto: La guerra, la violenza, gli altri e la frontiera nella «Venetia» altomedievale, Pisa 2016, S. 34. Beim Sturz durch Caroso erscheint der Teufel genauso wenig, wie bei dessen eigenem Sturz. mini|Domenico Tintoretto: Darstellung des Dogen im Dogenpalast, die in einem Spruchband seine Verdienste hervorhebt: „SUB ME SANCTI MARCI ECCLESIA CONDITUR IBIQUE CORPUS DEPONITUR. PRIMICERIUS ORDINATUR, SANCTI IULIANI ECCLESIA ERIGITUR, TANDEM CLERICUS DIEM CLAUSI“ (sinngemäß: ‚Unter mir wurde die Kirche des Heiligen Markus gegründet, und dort wurde sein Leib beigesetzt; das Amt des Primicerius wurde eingerichtet; die Kirche San Zulian wurde errichtet, schließlich beschloss ich meine Tage als Kleriker.‘). Das Bildnis ist eines der 38 Doppel-Dogenporträts im Saal des Großen Rates Für das Venedig zur Zeit des Dogen Andrea Dandolo war die Deutung, die man der Herrschaft des Agnellus Particiacus und seiner beiden Söhne Iustinianus und Iohannes sowie des Enkels Agnellus (II.) beilegte, in mehrfacher Hinsicht von hoher symbolischer Bedeutung. Das Augenmerk der Mitte des 14. Jahrhunderts längst fest etablierten politischen Führungsgremien, die vor allem seit Andrea Dandolo die Geschichtsschreibung steuerten, galt der Entwicklung der Verfassung (in diesem Falle der Frage der Dynastiebildung, aber auch der Rolle der Volksversammlung), den inneren Auseinandersetzungen zwischen den possessores (repräsentiert in den Familiennamen), also der sich immer mehr abschließenden Gruppe der Besitzenden, die zugleich die politische Macht besetzten, aber auch den Machtverschiebungen innerhalb der Lagune (der zunehmenden Bedeutung Rialtos, der schwindenden von Malamocco und Eraclea), der Adria und im östlichen Mittelmeerraum sowie in Italien. Dabei standen die Fragen nach der Souveränität zwischen den übermächtigen Kaiserreichen, des Rechts aus eigener Wurzel, mithin der Herleitung und Legitimation ihres territorialen Anspruches, stets im Mittelpunkt. Ähnlich wie bei den Galbaii versuchte man die Unsicherheit der Verhältnisse auf Mängel in der Machtbalance, mithin in der Verfassung zurückzuführen, die es noch nicht gestattete, die Macht des Dogen und seiner Nachkommen so einzubinden, dass keine Dynastiebildung mehr möglich war. Bei Iohannes erwies sich demnach wieder deutlich, dass ein Versagen der Institutionen und Einstellungen bei den Entscheidern zum Wiederausbrechen der gewohnten Gewalttätigkeiten innerhalb der Stadt führen musste. Zudem führten die Brüder Iohannes und Iustinianus vor Augen, dass selbst das Erstgeburtsrecht strittig war und damit väterlicher Unentschlossenheit zu viel Platz eingeräumt wurde.

Die älteste volkssprachliche Chronik, die Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo aus dem späten 14. Jahrhundert, stellt die Vorgänge auf einer in dieser Zeit längst üblichen, sehr persönlichen Ebene dar, was den Dogen noch einmal größere individuelle Macht zuwies.Roberto Pesce (Hrsg.): Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo. Origini–1362, Centro di Studi Medievali e Rinascimentali «Emmanuele Antonio Cicogna», Venedig 2010, S. 33. Während der spätere Doge „Iustinian“ durch seinen Vater nach Konstantinopel gesandt worden war, um dort erfolgreich Abmachungen auszuhandeln („per voler alcuni pati fermar con lui“), wurde in Venedig Iustinians jüngerer Bruder Iohannes deshalb zum Mitdogen erhoben, weil man dem Haus Particiaco vertraut habe, wie die Chronik begründet. Als der Ältere zurückkehrte, gab Iohannes die Position zugunsten seines Bruders auf. Dies musste er laut der Chronik tun, weil er sich ungenannter Vergehen schuldig gemacht hatte („habiando facto alcun despiaser, et grosso, ad alcuni dela Terra“) – von einem Vorrecht des Erstgeborenen ist hier nicht die Rede. Infolgedessen wurde Iohannes nach Konstantinopel verbannt. Ein Zusammenhang mit der Auseinandersetzung der beiden Brüder um die Frage der Mitregentschaft wird hier negiert, obwohl Iohannes zunächst bevorzugt wurde, doch war es gerade dieser Zwei-, wenn man den Enkel Agnellus mit einbezieht sogar Dreigenerationenkonflikt, an dem sich später eine ganze Reihe sich widersprechender Deutungen entzündete. Weil der alte Doge das Amt schließlich nicht mehr ausfüllen konnte, herrschte fortan sein Sohn Iohannes – in den Schriften, so der Verfasser der Cronica –, fand der alte Doge keine Erwähnung mehr. mini|Außenrelief mit Darstellung der Schlüsselübergabe an den hl. Petrus (mit Tiara) durch Jesus, der auf dem Schoß Marias sitzt, seiner Mutter (Calle dietro il campaniel, auf der Insel, auf der sich auch die Kirche San Pietro befindet, im Sestiere Castello)