Der Begriff der Intelligenz erfährt häufig Kritik von verschiedenen Seiten, insbesondere die Zusammenfassung vieler geistigen Leistungen in einem Begriff, die Messung mit Intelligenztests und ihr Ergebnis, der IQ. Es handelt sich hierbei vor allem um Kritik an Charles Spearmans Generalfaktor der Intelligenz (g-Faktor), dem in der differentiellen Psychologie am häufigsten benutzten Intelligenzbegriff. Andere Intelligenzmodelle werden unter anderem in den Artikeln Intelligenztheorie, Theorie der multiplen Intelligenzen, emotionale Intelligenz und praktische Intelligenz behandelt.

Oft wird kritisiert, dass Intelligenztests – und damit die allgemein verwendete Definition von Intelligenz als eine Anzahl kognitiver Fähigkeiten – Personen und besonders Kinder aus niedrigen sozialen Schichten oder auch Minderheiten wie Afroamerikaner benachteiligen. Andere Kritiker sprechen diesen Tests völlig den Anspruch ab, Intelligenz messen zu können oder kritisieren mögliche methodische Fehler.

Soziale Diskriminierung Personen aus den unteren Sozialschichten und deren Kinder erreichen auf standardisierten Intelligenztests einen niedrigeren IQ als Angehörige der oberen Sozialschichten und deren Kinder.Richard J. Gerrig, Philip G. Zimbardo: Psychologie. 18., aktualisierte Auflage. Pearson, München 2008, ISBN 978-3-8273-7275-8, S. 344–353. Man könne behaupten, traditionelle Intelligenztests seien gegenüber Arbeitern und deren Kindern unfair.Pierre Bourdieu: Soziologische Fragen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-518-11872-2, S. 254f.

Einfluss der sozialen Schicht Die Psychologen Hans Jürgen Eysenck (1916–1997) und Arthur Jensen (1923–2012) waren der Meinung, dass Intelligenz zum großen Teil vererbt sei, und waren somit Vertreter des nativistischen Standpunktes. Dennoch schließen sie sich der Meinung an, dass Begabungstests Arbeiterkinder nicht fair behandeln würden. Anders als Bourdieu waren sie der Meinung, dass Begabungstests eine genetisch bedingte Fähigkeit mäßen – doch, so Eysenck, mäßen sie nicht die ganzen Fähigkeiten einer Person. Es würden in den typischen Intelligenztests Fähigkeiten gemessen, die bei Kindern der Mittelschicht typischerweise besonders stark ausgeprägt seien. Fähigkeiten jedoch, die bei Arbeiterkindern besonders ausgeprägt seien, würden eher nicht gemessen.

Jensen und Eysenck wiesen auch darauf hin, dass diese Unterschiede nur bei den kognitiven (sog. Ebene-II-Leistungen, Level II abilities) bestünden, nicht jedoch bei den assoziativen Leistungen (sog. Ebene-I-Leistungen Level I abilities). Jensen schrieb über Unterschichtkinder mit niedrigem IQ:

Bei traditionellen IQ-Tests fänden sich große Unterschiede zwischen den Schichten; beim Pfadfindertest von Jensen und Eyseneck gebe es laut Eyseneck keine.Hans Jürgen Eysenck: Die Ungleichheit der Menschen. List, München 1975, ISBN 3-471-66579-X, S. 245. Bei diesem Test werden dem Kandidaten 30 Gegenstände auf einem Tablett gezeigt, das nach einer gewissen Zeit abgedeckt wird. Anschließend soll die getestete Person die Gegenstände nennen.

Im Zusammenhang mit 'mittelschichtspezifischen Verzerrungsfaktoren' ist darauf hingewiesen worden, dass eine Mittelschichtsverzerrung in Intelligenztests auch „Relevanz und nicht Verzerrung“ bedeuten könne. Die Tests seien dafür vorgesehen, das zu messen, was für den Erfolg in der westlichen Gesellschaft notwendig sei, und diese Gesellschaft sei in erster Linie an den Interessen einer städtischen Mittelschicht orientiert. Verbale Fähigkeiten und die Fähigkeiten, abstrakte Probleme – wie sie in Intelligenztests auftauchen – zu lösen, würden sich gerade als das erweisen, was Industrie, Technik und Wirtschaft in einer städtischen Gesellschaft erforderten. Deswegen wurde gefordert, man solle nicht die Tests selbst verändern, sondern die sozialen Bedingungen, die zu niedrigen Testleistungen führen würden.N. L. Gage, D. C. Berliner: Pädagogische Psychologie. Beltz Psychologie Verlags Union, Weinheim 1996, ISBN 3-621-27311-5, S. 89–90.

Versuche schichtneutraler und sprachfreier Tests Bereits in den 1950er Jahren bemühte man sich darum, sogenannte „kulturfreie“ Tests zu entwickeln, die Unterschichtskinder weniger benachteiligen sollten. Davis und Eels konstruierten und standardisierten einen Test, der Denkprozesse über alltägliche Situationen erforderte. Die Sprache war nicht akademisch und mehr am gesprochenen Wort als an der Schriftsprache orientiert. Der Test sah aus wie ein Comic und wurde wie ein Spiel durchgeführt. Das angestrebte Ziel wurde jedoch nicht erreicht. Kinder der Mittelschicht erzielten noch immer die besseren Ergebnisse. Der Test korrelierte nicht so stark mit den Schulleistungen wie andere Intelligenztests und wurde deswegen verworfen.Lois Wladis Hoffman, Martin L. Hoffman: Review of Child Development Research. Band 2, Russell Sage Foundation, New York 1966, ISBN 978-1-61044-648-8, S. 287.

Kulturelle Einflüsse mini|Konventionelle Intelligenztests ergeben, empirisch gut abgesichert, Unterschiede zwischen schwarzen und weißen Amerikanern, die als zwei überlappende Normalverteilungen mit unterschiedlichem Erwartungswert dargestellt werden können. Darüber, ob diese Unterschiede wesentlich kulturell geprägt sind, oder ob sie angeborene Unterschiede widerspiegeln, und ob die Messgröße Intelligenzquotient überhaupt ein sinnvolles Unterscheidungskriterium zwischen Ethnien oder anderen Gruppen von Menschen darstellt, wird erbittert gestritten.Linda Gottfredson: Social Consequences (PDF-Datei; 357 kB).

Es wurde kritisiert, spezifische Fähigkeiten von ethnischen Minderheiten wie etwa Afroamerikanern oder Deutschtürken würden generell übersehen. John R. Anderson führt aus:

Die Kognitionspsychologen Fons van de Vijver und Norbert K. Tanzer stellten in einer systematischen Übersichtsarbeit drei Arten von Verzerrungseffekten zusammen, die bei der Interpretation interkultureller Unterschiede in standardisierten Tests zu berücksichtigen seien. Eine Konstrukt-Verzerrung tritt auf, wenn die kulturellen Definitionen des Konstrukts sich nur unvollständig entsprechen. Beispielsweise ist die nicht-westliche Definition von Intelligenz häufig breiter und beinhaltet soziale Kompetenzen, während sich die Konzeption von Intelligenz in westlichen Kulturkreisen in erster Linie an akademischen Fähigkeiten, die in IQ-Tests erfasst werden, orientiert. Eine methodische Verzerrung liegt vor, wenn die zu vergleichenden kulturellen Stichproben nicht in allen relevanten Kriterien übereinstimmen, wenn die Testpersonen unterschiedlich vertraut sind mit den Testbedingungen (z. B. geringer räumlicher Abstand des Testleiters zur Testperson) und Testinstrumenten (z. B. Computerunterstützte Tests im Vergleich zu Papier-Bleistift-Tests) und wenn das Verhalten und die Anwesenheit des Testleiters das Antwortverhalten der Testpersonen verändern. Schließlich tritt eine Item-Verzerrung auf, wenn die Frage oder Aufgabe schlecht übersetzt wurde, für bestimmte Kulturen unangemessen oder unvertraut ist und von bestimmten kulturspezifischen Faktoren beeinflusst wird (z. B. wenn ein Ausdruck Nebenbedeutungen hat).F. van de Vijver, N. K. Tanzer: Bias and equivalence in cross-cultural assessment: an overview. In: European Review of Applied Psychology. 54, Nr. 2, 2004, S. 119–135. doi:10.1016/j.erap.2003.12.004 (resilienceproject.org, PDF; 273 kB)

Auch die sogenannten kulturfreien Tests benachteiligen Personen aus Minderheitengruppen.Anita Woolfolk: Pädagogische Psychologie. 10. Auflage. – überarbeitet und übersetzt von Prof. Dr. Ute Schönpflug. Pearson Studium, 2008, ISBN 978-3-8273-7279-6, S. 149 (Kasten). Es wird kritisiert, dass diese Tests „Vertrautheit mit der abendländischen Logik“ voraussetzen würden. So werden zum Beispiel Kenntnisse des Symmetrieprinzips, des Bewegungsprinzips des Uhrzeigers, Gesetze perspektivischer Abbildung, Kenntnisse des Kongruenzprinzips und andere euklidische Axiome in Intelligenztests oft vorausgesetzt. Kritiker befürchten, dass „[d]ie Prinzipien der abendländischen Logik […] demnach auch jene (von Angehörigen der weißen Mittelschicht) entworfenen Intelligenzaufgaben bestimmen, die ohne die Verwendung verbaler Fähigkeiten auskommen.“Christiane Schmerl: Sozialisation und Persönlichkeit: zentrale Beispiele zur Soziogenese menschlichen Verhaltens. Enke Verlag, Stuttgart 1978, ISBN 3-432-90051-1, S. 76.

Fragen, die religiöse Tabus von Angehörigen einer Subkultur verletzen, können unfair sein. Bei der Testkonstruktion werden (obwohl man heute darum bemüht ist) unterschiedliche religiöse Wertvorstellungen nicht immer beachtet. Dies betrifft beispielsweise die Aufgabe, bei der die Kinder aus einer Reihe von Tieren (Elefant, Kuh, Gans, Schwein, Huhn) dasjenige wählen sollen, das nicht zu den anderen passt. Nichtmuslimische deutsche Kinder wählen meist den Elefanten, da dieser als einziges der Tiere in Deutschland kein Haustier ist. Muslimische deutsche Kinder hingegen wählen meistens das Schwein – da dieses im Gegensatz zu den anderen Tieren als unrein gilt.Anette Leonhardt, Frank B. Wember: Grundfragen der Sonderpädagogik. Beltz Verlag, 2003, S. 173.

Versuche mit erweitertem Intelligenzmodell Robert Sternberg war der Meinung, dass Erfolg mehr als einen hohen IQ voraussetze. Er schlug ein Intelligenzmodell mit folgenden Faktoren vor:

Analytische Intelligenz (IQ, Messung mit Intelligenztests) Kreative Intelligenz (Fähigkeit zum schöpferischen Denken, typische Aufgabe in einem Test für kreative Intelligenz: „Finden Sie möglichst viele Worte, die sich auf Butter reimen. Sie haben fünf Minuten Zeit“) Praktische Intelligenz (alltagsnahe mentale Leistungen, „Street Smarts“, typische Aufgabe in einem Test für praktische Intelligenz: „Wie würden Sie den Reifen eines Autos wechseln?“)

Mit Unterstützung des College Board haben Sternberg und Mitarbeiter Tests zur Messung der kreativen und praktischen Intelligenz entwickelt. Erste Ergebnisse lassen vermuten, dass diese Tests in Kombination mit IQ-Tests eine noch bessere Vorhersage der College-Noten ermöglichen als IQ-Tests allein – und dies bei weit geringeren Unterschieden zwischen den ethnischen Gruppen als bei reinen IQ-Tests.David G. Myers: Psychologie. Springer, Heidelberg 2008, ISBN 978-3-540-79032-7, S. 409.

Messung von Intelligenz Durchführungsobjektivität Die Durchführungsobjektivität betrifft die Standardisierung von psychologischen Tests. Um eine Vergleichbarkeit zwischen den Ergebnissen desselben Testes zu gewährleisten, ist es notwendig, die Durchführung des Testes genau fest zu legen. Dabei spielt es bei Intelligenztests beispielsweise eine Rolle, inwieweit der Testleiter Hilfestellungen geben darf, so dass es nicht zu Benachteiligungen bzw. zu Bevorzugungen kommen kann. Das macht es notwendig, die Durchführung genau zu definieren. Teilweise wird hierbei der genaue Wortlaut der Anweisungen vorgegeben, von denen nicht abgewichen werden darf.

Overachievement und Underachievement Als Overachiever („Überleister“) bezeichnet man Personen, die Schulleistungen erreichen, die besser sind, als nach gemessenem Intelligenzniveau zu erwarten war. Im gegensätzlichen Fall, bei dem die Schulleistungen schlechter sind, als vom Intelligenzniveau her erwartet wurde, wird die Person Underachiever genannt. F.E. Weinert spricht von Schulleistungsüberschuss oder SchulleistungsdefizitF. Weinert: Schülerpersönlichkeit und Schulleistung. In: Karlheinz Ingenkamp (Hrsg.): Schulkonflikt und Schülerhilfe. Beltz, Weinheim 1965, S. 19–31. – also von Fällen „erwartungswidriger“ Schulleistungen. Ursachen werden hauptsächlich in den nichtintellektuellen Faktoren (Motivation, insbesondere Leistungsmotivation) gesehen.Michael Kemmer: Hochbegabung: Messmethoden und Informationsquellen für die Identifikation hochbegabter Underachiever. Diplomica Verlag, Hamburg 2015, ISBN 978-3-95934-628-3, S. 12–19.