Die tongaische Rugby-Union-Nationalmannschaft (; ) repräsentiert Tonga in der Sportart Rugby Union bei allen Länderspielen (Test Matches) der Männer. Mit Spitznamen nennen die Tongaer ihre Nationalmannschaft ʻIkale Tahi, was „Seeadler“ bedeutet. Die organisatorische Verantwortung trägt der 1923 gegründete Verband Tonga Rugby Union. Tonga wird vom Weltverband World Rugby in die zweite Stärkeklasse (second tier) eingeteilt. Rugby Union gilt in Tonga als Nationalsport und der Inselstaat ist eines der wenigen Länder, in denen Rugby Union die beliebteste Sportart ist.
Das erste Test Match fand 1924 gegen Fidschi statt. Tonga qualifizierte sich für neun der bisher zehn ausgetragenen Weltmeisterschaften und verpasste nur das Turnier 1991. Seit 2006 nimmt Tonga am jährlichen Pacific Nations Cup (bis 2005 am Pacific Tri-Nations) teil, wo es gegen Fidschi, Japan und Samoa antritt. Vor jedem Spiel tanzen die Tongaer ihren traditionellen Sipi Tau, um die gegnerische Mannschaft einzuschüchtern und sich selbst zu motivieren. Traditionell spielt Tonga in roten Trikots mit weißen Farbakzenten, weißen Hosen und roten Socken – also in den Farben der Flagge Tongas.
Organisation
Verantwortlich für die Organisation von Rugby Union in Tonga ist der Verband Tonga Rugby Union (TRU). Er wurde 1923 gegründet und 1987, kurz vor der ersten Weltmeisterschaft, Vollmitglied des International Rugby Football Board (IRFB; heute World Rugby). Die Tonga Rugby Union war außerdem im Jahr 2000 Gründungsmitglied der Federation of Oceania Rugby Unions (FORU; heute Oceania Rugby, OR).
Neben der eigentlichen Nationalmannschaft ruft die TRU weitere Auswahlmannschaften zusammen. Tonga A bildet die zweite Mannschaft und nimmt an der World Rugby Pacific Challenge teil. Wie andere Rugbynationen verfügt Tonga über eine U-20-Nationalmannschaft, die an den entsprechenden Weltmeisterschaften teilnimmt. Hinzu kommt Tonga Sevens, die Nationalmannschaft für Siebener-Rugby. Kinder und Jugendliche werden bereits in der Schule an den Rugbysport herangeführt und je nach Interesse und Talent beginnt dann die Ausbildung.
Im Rahmen der Pacific Islands Rugby Alliance organisierte der Verband ab 2004 sporadisch Spiele der Pacific Islanders, einer gemeinsamen Auswahlmannschaft der drei Pazifikstaaten Fidschi, Samoa und Tonga. 2009 kündete der samoanische Verband die Zusammenarbeit auf, da die Pacific Islanders die von den Mitgliedsverbänden erhofften finanziellen Vorteile nicht erbracht habe. Seit 2022 werden die Inseln im Stillen Ozean (faktisch die Cookinseln, Fidschi, Samoa und Tonga) in der internationalen Meisterschaft Super Rugby von der professionellen Mannschaft Moana Pasifika vertreten, die bei dem Turnier auf Mannschaften aus Australien, Neuseeland und einer aus Fidschi trifft.
Allgemeine Situation Tonga ist eines der wenigen Länder, in denen Rugby Union Nationalsport ist. Nur in den Cookinseln, Fidschi, Neuseeland, Samoa und Wales ist dieser Sport ähnlich beliebt. Bei wenig mehr als 100.000 Einwohnern ist die Auswahl an verfügbaren talentierten Spielern im Vergleich zu anderen Ländern sehr klein, dennoch gehört Tonga konstant zu den fünfzehn besten Nationalmannschaften der Welt und ist durchaus konkurrenzfähig. Allerdings gehen dem Land zahlreiche Talente gleich wieder verloren, da sie meist in den Profiligen Australiens, Europas, Japans oder Neuseelands spielen und oft vom jeweiligen Zielland eingebürgert werden. Gemäß den Regeln von World Rugby genügt auch ein während fünf Jahren ununterbrochener Wohnsitz, um für die Nationalmannschaft eines anderen Landes spielberechtigt zu sein (bis Ende 2020 waren es sogar nur drei Jahre). Zu den bekanntesten Beispielen solcher Exil-Spieler aus Tonga gehören Israel Folau, Toutai Kefu, Sekope Kepu, Willie Ofahengaue, Wycliff Palu und George Smith (für Australien), Doug Howlett und Jonah Lomu (für Neuseeland), Billy Vunipola und Mako Vunipola (für England) sowie Taulupe Faletau (für Wales). Mit einer Bevölkerung von knapp über 100.000 ist Tonga das kleinste Land, das regelmäßig an Rugby-Weltmeisterschaften teilnimmt.
Die Verbände der pazifischen Staaten sind zu schwach, um den Abgang von Talenten aufhalten zu können. Bisweilen wird das systematische Abwerben ironisch mit dem Blackbirding im 19. Jahrhundert verglichen. Tongaer, die für ihr eigenes Land antreten, können zudem nicht immer frei eingesetzt werden, weil vor allem englische Vereine zögerlich bei der Gewährung von Freigaben für Länderspiele sind. Abhilfe schaffen soll die Profimannschaft Moana Pasifika, die seit der Saison 2022 in der internationalen Meisterschaft Super Rugby vertreten ist. Diesem in der neuseeländischen Stadt Auckland ansässigen Team gehören Samoaner und Tongaer sowie Neuseeländer polynesischer Herkunft an; angestrebt wird eine bewusst „pazifische“ Identität.
Geschichte Einführung und Verbreitung von Rugby Eine traditionelle, entfernt mit Rugby verwandte Sportart war Kasivaki. Das Spielfeld lag in einer Bucht zwischen zwei Korallenfelsen und zwei Mannschaften versuchten, unter Wasser einen 35 kg schweren ovalen Stein zum jeweils entgegengesetzten Felsen zu befördern. Die Spieler unterhielten mit Kasivaki hochrangige Personen und demonstrierten ihre Fähigkeiten, Stärken sowie Kampfkraft im Wasser. Mitunter ertranken Spieler, weshalb König George Tupou I. das Spiel im 19. Jahrhundert verbot.
Nachdem Tonga im Jahr 1900 ein britisches Protektorat geworden war, führten Seefahrer und Missionare den Rugbysport ein. Ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Verbreitung hatten tongaische Adlige, die Rugby während ihres Studiums am renommierten Newington College in Sydney kennengelernt hatten. Bereits 1909 gehörte Rugby zum Lehrplan der beiden führenden Schulen des Landes, dem Tupou College und dem Tonga College. Rugby entwickelte sich rasch zu der mit Abstand beliebtesten Sportart und fand in weiten Bevölkerungskreisen Anklang. Robert F. Dewey, Historiker der DePauw University, führt dies darauf zurück, dass Rugby damals eine wichtige Rolle als Ausdruck des dörflichen Stolzes und der kriegerischen Männlichkeit gespielt habe. Da etliche traditionelle Rituale mit der Kolonialisierung verschwunden waren, galt Rugby als geeigneter Ersatz für die Pflege alter Rivalitäten. Außerdem hätten die benötigten athletischen Fähigkeiten hervorragend zu jenen der Einheimischen gepasst. Eine parallele Entwicklung dazu gab es in zwei weiteren Pazifikstaaten, Fidschi und Samoa.
Die ersten Jahre der Nationalmannschaft 1923 erfolgte die Gründung der Tonga Rugby Football Union, der heutigen Tonga Rugby Union (TRU), und im darauf folgenden Jahr stellte der Verband erstmals eine Nationalmannschaft zusammen. Das erste Test Match fand am 25. August 1924 zuhause in der Hauptstadt Nukuʻalofa im Rahmen einer neun Spiele umfassende Serie gegen Fidschi statt und die Tongaer gewannen mit 9:6, das zweite ging mit 3:14 verloren und das dritte endete mit einem punktelosen Unentschieden. Ende Juli 1926 besuchte Tonga erstmals Fidschi und Westsamoa. 1928 und 1932 besuchten die Tongaer erneut den pazifischen Nachbarn Westsamoa; mit Ausnahme des Jahres 1930 trugen Fidschi und Tonga von 1924 bis 1934 jedes zweite Jahr eine drei Test Matches umfassende Serie aus, wobei sich die Fidschianer meist als die stärkere Mannschaft erwiesen.
Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hatte eine mehrjährige Unterbrechung des internationalen Spielbetriebs zur Folge. 1947 unternahm Tonga wieder eine Tour nach Fidschi und Westsamoa. Während beide Test Matches in Fidschi mit Siegen endeten, mussten die Tongaer gegen Westsamoa erstmals eine Niederlage hinnehmen. Nach dieser Tour legte die Nationalmannschaft überwiegend aus finanziellen Gründen eine weitere Pause von neun Jahren ein. Während die Samoaner 1956 zu Besuch waren, reisten die Tongaer 1957 nach Westsamoa. Bei beiden Touren blieb Tonga unbesiegt. Ein drei Test Matches umfassender Besuch der Fidschianer im Jahr 1958 endete hingegen mit zwei Niederlagen. Bisher hatten sich die internationalen Kontakte auf die unmittelbaren pazifischen Nachbarn beschränkt. Dies änderte sich 1960, als die New Zealand Māori nach Nukuʻalofa kamen und ein Test Match mit 16:27 verloren; es war dies die einzige Niederlage der Auswahl der neuseeländischen Ureinwohner auf ihrer neun Spiele umfassenden Ozeanien-Tour.
Bei den Südpazifikspielen 1963 in der fidschianischen Hauptstadt Suva, den ersten ihrer Art, nahmen die Tongaer am Rugbyturnier teil. Mit zwei Siegen über Westsamoa und zwei Niederlagen gegen Fidschi belegten sie den zweiten Platz und erhielten somit die Silbermedaille. 1967 war Fidschi zu Gast, ein Jahr darauf folgte der Gegenbesuch; beide Male entschied Fidschi die jeweils drei Test Matches umfassende Serie für sich. Im August und September 1969 reisten die Tongaer erstmals überhaupt nach Neuseeland. Während ihnen Begegnungen mit den All Blacks verwehrt blieben, spielten sie drei Test Matches gegen die New Zeland Māori, von denen sie zwei gewannen. In den acht übrigen Spielen gegen regionale Auswahlteams resultierten drei weitere Siege und ein Unentschieden.
Zunehmende internationale Kontakte Nach einer weiteren dreijährigen Länderspielpause waren die Tongaer im Mai und Juni 1972 zu Besuch in Westsamoa, wobei sie alle vier ausgetragenen Test Matches für sich entscheiden konnten. Ein Jahr später unternahmen sie ihre erste Tour nach Australien. Innerhalb von fünf Wochen bestritten sie zehn Spiele. Am 11. Juni gelang ihnen im dritten Spiel in Sydney eine Überraschung, als sie die hoch eingeschätzte und mit zahlreichen Stars besetzte Auswahl des Stadtverbandes Sydney Rugby Union mit 19:14 schlugen. Am 23. Juni trat Tonga ebenfalls in Sydney zum ersten Test Match gegen die Wallabies an, wobei der Gastgeber mit 30:12 die Oberhand behielt. Sieben Tage später folgte beim zweiten Test Match in Brisbane ein völlig unerwarteter 16:11-Sieg der Tongaer, ihr erster über eine der „großen“ Rugbynationen. Spontan bot der Bürgermeister von Brisbane an, die Beherbergungskosten der Mannschaft zu übernehmen, um damit ein drittes Test Match zu ermöglichen. Dazu kam es jedoch nicht, denn auf dem Heimweg stand noch ein Spiel in Fidschi auf dem Programm (das mit einer Niederlage endete).
Im September und Oktober 1975 machte Tonga die erste Tour außerhalb Ozeaniens. Sie umfasste elf Spiele und führte durch Großbritannien und Kanada. Gegen britische Regionalmannschaften gelang nur ein Sieg. Beide Spiele gegen die Nationalmannschaften von Wales und Schottland zählten nicht als Test Matches und endeten mit hohen Niederlagen. Als Test Match gewertet wurde hingegen die erste Begegnung mit der kanadischen Nationalmannschaft in Vancouver, die mit einem deutlichen 40:14-Sieg endete. Die nächste längere Tour fand von Juni bis August 1975 statt. Sie führte zunächst nach Westsamoa, wo zunächst vier Test Matches zu bestreiten waren. Zwei davon gingen verloren; es waren die ersten Niederlagen gegen diesen Kontrahenten seit fast drei Jahrzehnten. Anschließend ging es weiter nach Neuseeland, wo weitere zwölf Spiele auf dem Programm standen. Darunter waren zwei Niederlagen in beiden Test Matches gegen die New Zealand Māori. In den übrigen zehn Partien gegen regionale Teams gelangen acht Siege. Die Fidschi-Tour 1977 führte zu Niederlagen in allen drei Test Matches, auch die Bilanz gegen Regionalteams war negativ.