mini|Karte der Großregion um 846; südlich des grün eingefärbten Mährerreichs das Plattensee-Fürstentum (Pannonien) mit seiner Hauptstadt Blatnohrad

Das Plattensee-Fürstentum oder Pannonisches Fürstentum (auch: Transdanubisches Fürstentum, Fürstentum Moosburg, slowakisch: Balatónské kniežatstvo, slowenisch: Spodnja Panonija, bulgarisch: Blatensko Kneževstvo, lateinisch: Ducatus Mosapurgensis„Românii în veacurile IX–XIV pe baza toponimiei şi a onomasticei.“ Monitorul Oficial, 1933, p. 128) war ein Herrschaftsbereich des Frankenreiches und Ostfrankenreiches. Das Fürstentum bestand von 839 bis 900/901. Hauptstadt war Blatnohrad (auch Blatenski kostel) am Kleinen Plattensee. Die vorwiegend slawisch-awarische Bevölkerung war eine eigenständige Mischkultur: die so genannte Pókaszepetk-Zalakomár-Gruppe. Das historische Geschehen der Region war geprägt von intensiver Christianisierung sowie den Bestrebungen slawischer Knesen nach mehr Unabhängigkeit von den Franken. 900/901 wurde das Gebiet von den Magyaren erobert und in das neu entstehende Ungarn integriert.

Gebiet mini|Das Pannonische Fürstentum (PANNON) vor Ankunft der Magyaren. Karte: Dr. Sándor Márki.

Das Pannonische Fürstentum lag im Osten der Pannonischen Mark und erstreckte sich zwischen der Steiermark, dem Plattensee und der Drau, wobei es Überschneidungen mit der Grafschaft Steinamanger unter Rihheri (von ca. 825 und 860) und Odalrich (nach 860) gegeben haben muss. Östlich und südöstlich grenzte es an das Erste Bulgarische Reich, südlich an das fränkisch-slawische Fürstentum Unterpannonien, westlich an die fränkischen Grafschaften Karantanien und Steinamanger, nördlich an das Mährerreich.Béla Miklós Szőke: Karolingische Kirchenorganisation in Pannonien. In: Uta von Freeden, Herwig Friesinger, Egon Wamers (Hrsg.): Glaube, Kult und Herrschaft. Phänomene des Religiösen (= Kolloquien zur Vor- und Frühgeschichte. Band 12). Rudolf Habelt, Bonn 2009, ISBN 978-3-7749-3663-8, S. 395–416, hier S. 400–410.

Verwaltungseinheiten des Fürstentums waren die Grafschaften Plattensee, Ptuj und Dudleben. Das ehemalige Etgarovho Fürstentum zwischen Klosterneuburg und Kőszeg war möglicherweise ebenfalls eine Grafschaft. Zu Lebzeiten Pribinas verwaltete außerdem noch sein Sohn Kocel ein eigenes Gebiet.Ernst Dümmler: Über die südöstlichen Marken des Fränkischen Reiches unter den Karolingern, 1853. Die Hauptstadt war Blatnohrad (auch Mosapurc, heute Zalavár).MOSABURG – ZALAVÁR, Die Geschichte der Burginsel. Stützpunkte des Fürstentums waren außerdem Ptuj, Veszprém und Eisenburg und das bereits stadtähnliche Pécs.

Aus den Quellen sind zahlreiche karolingerzeitliche Ortschaften des Gebietes dem Namen nach bekannt. Der überwiegende Teil davon lässt sich heute allerdings nicht mehr lokalisieren, da die Ortschaften im Lauf der Zeit abgekommen sind oder neue Namen bekommen haben, wie im Falle von Quartina am Plattensee, Wumpaldsdorf beim Plattensee, Reginwartsdorf, Rosdorf an der Raab, Waltunesbach, Hrabasgiskeit, Chirichstätten,Zur Geschichte und zur Lage der Deutschen in Ungarn Ortach und Fizkere (an der Fischa in NiederösterreichErnst Förstemann: Altdeutsches Namenbuch. 2. Band. Ortsnamen. Verlag Georg Olms, Bonn 1913, ISBN 3-487-01732-6, S. 24, 58.). Bekannt ist beispielsweise Salapiugit (Zalabér). Ternperch ist wahrscheinlich das ungarische Szentlőrinc, Spizzun vielleicht die „Landspitze“ Tihany. Im heutigen Burgenland war vermutlich Kitzladen (Chezilsaden) im Besitz des Fürsten Kocel (auch Chezilo).Fritz Zimmermann: Historisch-ethnographische Analyse der deutschen Besiedlungsgebiete Westungarns. Verlag Braumüller, Wien 1974, ISBN 3-7003-0082-4, S. 147.

Entstehung mini|links|hochkant|Der bairische König Ludwig der Deutsche machte 839 Pribina zum ersten Fürsten des Pannonischen Fürstentums.

Das Gebiet um den Plattensee war im 7. und 8. Jahrhundert Teil des Reiches der Awaren und wurde zu dieser Zeit vorwiegend von Slawen besiedelt, die auf Reste langobardischer und romanischer Bevölkerung trafen. 796 plünderten und zerstörten die von Karl dem Großen beauftragten Truppen unter König Pippin von Italien und Herzog Erich von Friaul den awarischen Herrschaftsmittelpunkt Hring. Damit galt das Awarenreich endgültig als erobert und wurde in Karls Awarenmark eingegliedert.Walter Pohl: Die Awaren, Ein Steppenvolk in Mitteleuropa 567–822 n. Chr. 2 Auflage, C. H. Beck, München 2002, ISBN 3-406-48969-9. Zwischen Carnuntum und Sabaria sowie im Bereich des Neusiedler Sees wurde auf Wunsch unterworfener awarischer Würdenträger (Tudun, Khagan und CanizauciEmanuel Beiser: Karl der Große und die Awaren. GRIN Verlag, Norderstedt 2011, ISBN 978-3-656-14334-5, S. 4–10.) ein abhängiges awarisches Fürstentum – das so genannte Awaren-Khaganat – innerhalb der Awarenmark geschaffen, das von ca. 805 bis 828 bestand.

Der Plattenseeraum lag im äußersten Osten des Frankenreiches. Und obwohl der Franke Rihheri zum Schutz der Grenze vermutlich bereits vor 825 mit der Verwaltung der Grafschaft Steinamanger unweit des Plattensees beauftragt wurde, befand sich das Gebiet aufgrund seiner Grenzen zum Bulgarischen Reich und dem Fürstentum Posavina Ljudevits und Ratimirs, mit denen die Franken kriegerische Auseinandersetzungen führten, sowie dem aufstrebenden Mährerreich (entstanden ab etwa 830) in einer besonderen politischen und militärischen Situation, die sich durch die Auflösung des Awaren-Khaganates, das bis dahin als militärische Pufferzone gewirkt hatte, noch verschärfte. Zudem stand der Plattenseeraum aufgrund seiner vorwiegend heidnischen Bewohner bereits seit den ersten Awarenfeldzügen Karls des Großen in den 790er Jahren im Fokus der kirchlichen Bemühungen um die Christianisierung.Herwig Wolfram: Salzburg, Bayern, Österreich. Die Conversio Bagoarium et Carantanorum und die Quellen ihrer Zeit. Verlag Oldenbourg, Wien/München 1996.

Mit Pribina kam nach 830 auf der Flucht vor dem neuen mährischen Herrscher Mojmir I. ein slawischer Adeliger zum ostmärkischen Präfekten Ratpot. Er hatte bereits zuvor Kontakte mit den Franken gepflegt und ließ der Überlieferung zufolge 827/828 auf seinem damaligen Herrschaftssitz Nitra eine Kirche durch den Salzburger Erzbischof Adalram weihen.Béla Miklós Szőke: Die Karolingerzeit in Pannonien. Verlag des Römisch-Germanischen Zentralmuseums, Mainz 2021, ISBN 978-3-88467-308-9, S. 461. Im bairischen Ostland ließ er sich nun taufen. Pribina beherrschte die Slawische Sprache, war mit den Sitten und Traditionen der Slawen vertraut und musste daher wohl zur Übernahme einer Führungsposition im Plattenseegebiet geeignet erscheinen. Auf Fürsprache Ratpots und Salachos (Fürst der karantanischen Krain) wurde er 839 vom König der Baiern Ludwig dem Deutschen mit der Leitung des heute so genannten Pannonischen Fürstentums beauftragt. Einen Teil des Fürstentums erhielt Pribina dabei als Lehen.

Herrschaftsgeschichte

mini|hochkant|Diplom König Ludwigs des Deutschen vom 20. Februar 860, worin er dem Kloster Niederaltaich die Schenkung „seines getreuen Fürsten“ Pribina aus dessen Fürstentum bestätigte. An der Spitze der herrschaftlichen Hierarchie stand bis 840 der König des Frankenreiches Ludwig der Fromme, der vorwiegend von Aachen aus regierte. Danach löste ihn aus Sicht der Pannonier Ludwig der Deutsche ab, der bevorzugt in Regensburg und Frankfurt am Main residierte. Weitere Könige des Ostfrankenreichs zur Zeit des Bestehens des Pannonischen Fürstentums waren Karl III. (876–887), Arnolf von Kärnten (887–900) und Ludwig IV. das Kind (900–911).

Die fränkische Awarenmark unterstand dem Präfekten des Bairischen Ostlandes mit Sitz in Lorch, der vom König beauftragt wurde. Der Sitz des Präfekten wurde unter Ratpot (Präfekt seit 832/833) nach Tulln verlegt. Ab 839 war Pribina Fürst der neu errichteten Pannonischen „Mark“. Mit dem Vertrag von Verdun wurde Pribinas Fürstentum 843 Teil des neu gegründeten ostfränkischen Reiches unter dessen König Ludwig dem Deutschen. Ratpot blieb auch nach 843 Präfekt.

Am 10. Juni 846 erhielt Pribina vom König ein Gebiet „iuxta fluvium Valchau“, möglicherweise beim bei Osijek in die Drau mündenden Fluss Valko, im Ausmaß von 100 Mansen zum Geschenk.RI I n. 1387 auf der Website Regesta Imperii Am 12. Oktober 848 wurden Pribina auf Anraten Ratpots vom König Ludwig, die Besitzungen des Erzbistums Salzburg ausgenommen, seine bisherigen Lehen im Fürstentum als freies Eigen (Allod) überlassen.Beda Franziskus Dudík: Mährens allgemeine Geschichte. Im Auftrage des Mährischen Landesausschusses dargestellt, Band 1, Druck von Georg Gastl, Brünn 1860, S. 121ff. Vor der Übertragung der Güter in Pribinas Eigen gab es Streitigkeiten zwischen dem Fürsten und Bischof Adalwin, die der König bei einem Gerichtstag im Oktober 848 zugunsten Pribinas entschied. Nahezu vollständig befand sich die bairische Führungselite im Zeugenstand bei dieser Verleihung in der „altbairischen“ Pfalz Regensburg: Prinz Karlmann, Prinz Ludwig III., Liupram (Erzbischof von Salzburg), Erchanbert (Bischof von Freising), Erchanfried (Bischof von Regensburg), Hartwig (Bischof von Passau), Ernst I. (oberster Graf in Baiern), Ernst (Obergeneral der Armee), Präfekt Ratpot, Pribinas Sohn Kocel, Wernher (Untervasall Ratpots), Pabo (dux von Karantanien), Fritilo (bairischer Pfalzgraf), Tacholf (Graf der Sorbischen Mark), Poppo (Burggraf von Regensburg), Odalrich (später Graf von Steinamanger), sowie die Grafen Adalbert, Megingoz, Pernger und Managolt.

854 wurde Ratpot, der angeblich wider den König geheime diplomatische Beziehungen zu Rastislav gepflegt hatte, seines Präfektenamtes enthoben. Zwei Jahre später wurde Ludwigs Sohn Karlmann oberste Instanz des Bairischen Ostlandes, in der er seine eigene Ostpolitik betrieb.Georg Scheibelreiter: Die Babenberger. Reichsfürsten und Landesherren. Böhlau, Wien 2010, ISBN 978-3-205-78573-6, S. 33. Karlmann ersetzte in den ersten Jahren seiner Herrschaft vertraute Grafen und slawische Fürsten seines Vaters durch eigene Gefolgsleute. Zwar konnte sich Pribina, der getreue Gefolgsmann Ludwigs, als Fürst in Pannonien behaupten, doch fand auch er in den Kämpfen der Königsfamilie den Tod. 861 beerbte ihn sein Sohn Kocel als Fürst mit geringfügig vermehrten Kompetenzen. Da Kocel keinen Nachfolger aus seinem Geschlecht hinterließ, wurde das Pannonische Fürstentum vom Ostfrankenreich als erledigtes Lehen betrachtet und nach seinem Tod 875 wieder in das Bairische Ostland eingegliedert und dem Grafen von Karantanien Arnolf von Kärnten unterstellt.Heinz Dopsch: Zwischen Salzburg, Byzanz und Rom. Zur Missionierung Pannoniens im 9. Jahrhundert. In: Christentum in Pannonien im ersten Jahrtausend. Zalaegerszeg 2002, S. 267ff. Weitere Präfekten des Ostlandes bis zur Auflösung des Fürstentums waren bis 871 Wilhelm II. und dessen Bruder Engelschalk I. und von 871 bis 909 Aribo I. – zeitweise verdrängt von Engelschalk II.

mini|Mährische Gebiete