mini|hochkant=1.7|Anzahl der Länder im Prozess der Demokratisierung (gelbe Linie), der Autokratisierung (blaue Linie) sowie bestehende Demokratien, die Rückschritte hin zur Autokratie machen (gestrichelte blaue Linie). Ebenso wie es zwischen den Weltkriegen der Fall war, überwiegt seit 2010 die Anzahl der Länder, die sich zu Autokratien wandeln, nach Bewertung des V-Dem Instituts.Vanessa A. Boese, Staffan I. Lindberg, Anna Lührmann: "number of countries that experience autocratization [and democratization] as defined by the Episodes of Regime Transformation (ERT) Dataset", 1900–2019 [außer 2000]. V-Dem Institute, 2021. Quellen: https://www.tandfonline.com/na101/home/literatum/publisher/tandf/journals/content/fdem20/2021/fdem20.v028.i06/13510347.2021.1923006/20210819/images/large/fdem_a_1923006_f0001_oc.jpeg, https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/13510347.2021.1923006 mini|hochkant=2|Länder, die sich nach den V-Dem Indizes zwischen 2010 und 2020 signifikant demokratisierten (blau) oder autokratisierten (rot). Grau hinterlegte Länder blieben im Wesentlichen unverändert.Nazifa Alizada, Rowan Cole, Lisa Gastaldi, Sandra Grahn, Sebastian Hellmeier, Palina Kolvani, Jean Lachapelle, Anna Lührmann, Seraphine F. Maerz, Shreeya Pillai, and Staffan I. Lindberg. 2021. Autocratization Turns Viral. Democracy Report 2021. University of Gothenburg: V-Dem Institute. Weblink.

Demokratisierung ist ein Begriff der Politikwissenschaft sowie der Soziologie und beschreibt den Abbau von nicht demokratisch legitimierter Herrschaft und die Ausweitung und Entwicklung von Demokratie in zuvor nicht oder weniger demokratischen Staaten oder Gesellschaftsbereichen.Vgl. Manfred G. Schmidt: Demokratisierung. In: ders.: Wörterbuch zur Politik (= Kröners Taschenausgabe. Band 404). 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 2004, ISBN 3-520-40402-8, S. 150. So wird neben der Demokratisierung von Staaten und politischen Systemen auch eine Demokratisierung von Bildung, Wirtschaft, Religion und anderen Bereichen gefordert. Nach Wilhelm Hennis ist Demokratisierung ein „Kampf um die Grenze zwischen dem politischen und nicht-politischen Bereich“.Wilhelm Hennis: Demokratisierung. Zur Problematik eines Begriffs. In: Martin Greiffenhagen: Demokratisierung in Staat und Gesellschaft, München 1973, S. 61.

Der Begriff Demokratisierung bezeichnet einerseits das Ziel, die Demokratie, und andererseits den Prozess der Veränderung von gesellschaftlichen Subsystemen. „Er ist sowohl eine Aktionsbestimmung wie eine Zielbestimmung sozialen Handelns.“Fritz Vilmar: Strategien der Demokratisierung. 1973, Band I, S. 102.

Arten der Demokratisierung

Demokratisierung von unten oder von oben Ein Beispiel für die Demokratisierung von unten ist der Zerfall des Ostblocks. Versuche, Deutschland (vgl. Entnazifizierung), Afghanistan oder den Irak zu demokratisieren, gelten als Demokratisierungen von oben. Der Politikwissenschaftler Manfred G. Schmidt spricht davon, dass Demokratisierung zuweilen „auf den Bajonetten einer demokratisch verfassten Siegermacht“ beginne.Manfred G. Schmidt: Demokratietheorien. Eine Einführung. 6. Auflage. Springer VS, Wiesbaden 2019, S. 469. Otfried Höffe nimmt an, dass „bei beiden Falltypen […] die Demokratisierung nur [gelingt], wenn sich außer den staatlichen Institutionen eine facettenreiche Bürgerschaft ausbildet.“Vgl. Otfried Höffe: Wirtschaftsbürger, Staatsbürger, Weltbürger. Politische Ethik im Zeitalter der Globalisierung. C. H. Beck, München 2004, S. 10; vgl. auch S. 93.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit unterscheidet drei Phasen um ein Land nach einem Konflikt zu demokratisieren: den unmittelbaren Aufbau, Dialog und Rekonstruktion und Institutionalisierung und Konsolidierung.Susanne Buckley-Zistel: Demokratisierung. Beispiele einer solchen Demokratisierung nach einem Konflikt sind: Bosnien-Herzegowina, Libanon, Ruanda und Südafrika. Länder nach einem Konflikt zu einer Demokratie zu transformieren erweist sich als schwierig. „In den achtzehn Nachkriegsgesellschaften, in denen die Vereinten Nationen zwischen 1988 und 2002 Demokratisierungsprozesse unterstützten, haben allein dreizehn trotz vielfach unbestreitbarer Verbesserungen nicht den Sprung in eine demokratische Staats- und Gesellschaftsform geschafft.“Susanne Buckley-Zistel: Demokratisierung.; siehe auch: :en:Regime change Buckley-Zistel folgert aus diesen Erfahrungen, dass „der Anstoß für eine Demokratisierung aus der Gesellschaft selbst kommen“ muss und die „Interessen der verschiedenen Akteure und mögliche Konflikte müssen sensibel vorausgesehen und berücksichtigt werden“.Susanne Buckley-Zistel: Demokratisierung. Eine Reihe von Institutionen unterstützen den Prozess der Demokratisierung durch Demokratieförderung.

Pfade der Demokratisierung Eine Unterscheidung der verschiedenen Wege der Demokratisierung, die auch in politikwissenschaftlichen Lehrbüchern gebraucht wird unterscheidet zwischen 6 Pfaden. Pfad 1 und 2 gehen auf einen externen Akteur zurück, bei Pfad 2 steuert der externe Akteur auch die Demokratisierung. Pfad 3 und 4 beschreiben eine Demokratisierung durch das herrschende Regime, bei Pfad 4 geschieht dies auf Druck der Opposition. Bei Pfad 5 und 6 handelt es sich um abruptere Übergänge, bei denen es nicht selten zur Gewalt kommt, bei Pfad 5 geschieht die Demokratisierung auf Druck der Opposition und bei Pfad 6 wird der Druck durch Streiks, Demonstrationen und ähnliches erzeugt.

Demokratisierungswellen Samuel P. Huntington unterscheidet drei Demokratisierungswellen, in denen sich vermehrt autokratische Systeme in Demokratien wandelten:Samuel P. Huntington: The Third Wave: Democratization in the Late Twentieth Century. University of Oklahoma Press, 1991, ISBN 0-8061-2516-0; siehe auch: :en:The Third Wave of Democratization Die erste Welle verortet er zwischen 1828, als in den Vereinigten Staaten erstmals die Mehrheit der weißen, männlichen Bevölkerung wahlberechtigt war (Jacksonian Democracy), und 1922, als Benito Mussolini in Italien an die Macht gelangte („Marsch auf Rom“). Den Beginn der zweiten Welle datiert Huntington auf den Sturz Mussolinis im Sommer 1943 in Italien, und deren Ende auf 1962, als Jamaika die Unabhängigkeit von der britischen Krone erlangte. Die dritte Welle entfaltete sich seit 1974, dem Jahr der „Nelkenrevolution“ in Portugal, und ebbte Mitte der 1990er-Jahre langsam ab. Nach Wolfgang Merkel ist jene letzte Demokratisierungswelle, „die mit dem Ende der letzten Rechtsdiktaturen in Westeuropa (Portugal, Griechenland, Spanien) Mitte der 70er Jahre begann, sich im Lateinamerika der 80er Jahre fortsetzte, Ostasien erreichte, die kommunistischen Regime Osteuropas und der Sowjetunion erfasste und selbst einige Länder Afrikas berührte, […] beispiellos in der Geschichte.“Wolfgang Merkel: „Eingebettete“ und defekte Demokratien: Theorie und Empirie. In: Claus Offe, Heidrun Abromeit, Arthur Benz, Klaus von Beyme: Demokratisierung der Demokratie. Diagnosen und Reformvorschläge. Frankfurt 2003, S. 43ff. In der Regel werden die sozioökonomischen Modernisierungsprozesse als Auslöser der Demokratisierungswellen angesehen. Ihre Wellendynamik hängt dagegen von kulturellen Rahmenbedingungen und herrschenden Machtzentren der politischen Eliten ab.

Klaus von Beyme bezeichnete die Umstürze infolge des Zusammenbruchs der Sowjetunion und des Zerfall des Ostblocks als vierte Demokratisierungswelle. Diese umfasste insgesamt 47 Staaten, darunter neben dem ehemaligen Ostblock auch einige Staaten Afrikas und Asiens wie Benin und Bangladesch.Manfred G. Schmidt: Demokratietheorien. Eine Einführung. 5. Auflage, Bonn 2010, ISBN 978-3-8389-0059-9, S. 434.

Kenan Engin spricht angesichts des Arabischen Frühlings von einer fünften Demokratisierungswelle und begründet dies mit deren Parallelitäten zur dritten Demokratisierungswelle in Lateinamerika. Ähnlich wie ab 2010 in der arabischen Welt wurden in den 1970er und 80er-Jahren viele lateinamerikanische Diktatoren durch eine Welle von Protesten gestürzt und durch gewählte Regierungen ersetzt.Kenan Engin: Die fünfte Welle der Demokratisierung im islamisch-arabischen Raum?, 27. April 2011, abgerufen am 31. Juli 2011; Ders: The Arab Spring: The 5.0 Democracy Wave, 19. August 2011, abgerufen am 3. Februar 2014; Cevat Dargin: , 22. September 2011, abgerufen am 3. Februar 2014.

Entstanden sind nicht immer rechtsstaatliche liberale Demokratien, sondern viele „defekte Demokratien“. Diese, von Juan Linz und Alfred Stepan auch als „hybride Regime“ bezeichneten Staaten, nehmen eine Stellung zwischen Demokratie und Autokratie ein. Nach Wolfgang Merkel gibt es dafür keine primäre Ursache, sondern ein Ursachenbündel, welches den Modernisierungspfad, das Modernisierungsniveau, die Wirtschaftskonjunktur, das Sozialkapital, die Zivilgesellschaft, die Staats- und Nationalbildung sowie den Typ des autoritären Vorgängerregimes, die Art des Transitionsmodus, die politischen Institutionen und die internationalen Rahmenbedingungen berücksichtigen muss.Vgl. Wolfgang Merkel in: Claus Offe, Heidrun Abromeit, Arthur Benz, Klaus von Beyme: Demokratisierung der Demokratie. Diagnosen und Reformvorschläge. Frankfurt 2003, S. 67 f. „Liberale Demokratien“ sind entstanden im Umkreis der Europäischen Union. „Die Kombination von marktwirtschaftlichen Interessen- und demokratischer Wertegemeinschaft macht die EU zu einem Modell, das bisher einzigartig in der Welt ist.“Wolfgang Merkel in: Claus Offe, Heidrun Abromeit, Arthur Benz, Klaus von Beyme: Demokratisierung der Demokratie. Diagnosen und Reformvorschläge. Frankfurt 2003, S. 62. Alle anderen Organisation wie NATO, ASEAN, Mercosur oder die Vereinten Nationen hatten keine vergleichbare Wirkung. Die „defekten Demokratien“ können nach Merkel relativ stabile Regime sein. „Dies ist vor allem in Gesellschaften mit niedrigen Bildungsniveau, klientelistischen und patrimonialen Strukturen der Fall.“Wolfgang Merkel in: Claus Offe, Heidrun Abromeit, Arthur Benz, Klaus von Beyme: Demokratisierung der Demokratie. Diagnosen und Reformvorschläge. Frankfurt 2003, S. 71.

Demokratisierung der Demokratie Claus Offe weist darauf hin, dass keine Demokratie einer anderen gleicht und dass die Ansprüche an eine Demokratie, die Qualität einer Demokratie, unterschiedlich sind.Vgl. Claus Offe in: Claus Offe, Heidrun Abromeit, Arthur Benz, Klaus von Beyme: Demokratisierung der Demokratie. Diagnosen und Reformvorschläge. Frankfurt 2003, S. 9. Zum einen unterscheidet man weiter reife Demokratien (USA, Großbritannien) von unreifen. Andererseits verfallen reife Demokratien. Offe bezeichnet dies als „Dekonsolidierung der liberalen Demokratie“.Claus Offe in: Claus Offe, Heidrun Abromeit, Arthur Benz, Klaus von Beyme: Demokratisierung der Demokratie. Diagnosen und Reformvorschläge. Frankfurt 2003, S. 11.

Wenn der unstrittige Kern einer Demokratie sich zusammensetzt „aus den Grundsätzen der bürgerlichen Freiheit, der politischen Gleichheit und der zugleich effektiven und verantwortlichen Regierung“,Claus Offe in: Claus Offe, Heidrun Abromeit, Arthur Benz, Klaus von Beyme: Demokratisierung der Demokratie. Diagnosen und Reformvorschläge. Frankfurt 2003, S. 12. dann muss man laut Offe überlegen, wie „sich die Demokratie demokratisieren lässt“.

Der erste Grundsatz, bürgerliche Freiheit, steht heute unter der Herausforderung, dass die Bürger das politische System als unübersichtlich empfinden. „Es ist die notorische kognitive Überforderung der Bürger durch die Komplexität und oft die Neuartigkeit der zur Entscheidung anstehenden öffentlichen Angelegenheiten […].“Claus Offe in: Claus Offe, Heidrun Abromeit, Arthur Benz, Klaus von Beyme: Demokratisierung der Demokratie. Diagnosen und Reformvorschläge. Frankfurt 2003, S. 13. Potenziert wird dies durch eine fehlende Motivation der Bürger.