Die Wiesentalbrücke in der Stadt Lörrach ist mit 1201 Metern die drittlängste Straßenbrücke Baden-Württembergs und gehört auch zu den längsten in Deutschland. Sie ist Teil der A 98 zwischen Luckepass und Homburger Wald und überquert von Nord nach Süd den Fluss Wiese, die Bundesstraße 317, den Landschaftspark Grütt sowie die Wiesentalbahn. Die vierspurige Autobahntrasse verläuft im Grundriss bogenförmig und steigt nach Süden zum Hang hin an. Da sich Lörrach in der höchsten deutschen Erdbebenzone befindet, wurde das Bauwerk erdbebensicher ausgebildet. Seit der Verkehrsfreigabe 1983 setzt die Wiesentalbrücke die A 98 in östliche Richtung fort. Am Ostportal misst eine automatische Zählstelle die Verkehrsstärke der Brücke. Im Jahr 2020 benutzten täglich rund 23.000 Fahrzeuge das Bauwerk, der Schwerlastanteil lag bei gut 10 %. Die meisten Brückenpfeiler der Wiesentalbrücke wurden im Sommer 2010 für legales Graffiti offiziell durch die Stadt Lörrach freigegeben. Die Pfeilerbilder sind seither als Bridge-Gallery überregional bekannt geworden.
Geschichte Vorgeschichte Durch ein Gutachten für den Verkehrsplan 1965 gestützt entstand die Forderung, auf der deutschen Seite eine Autobahn entlang des Hochrheins zu führen, deren Teilstück von Märkt mit dem Autobahndreieck Weil am Rhein nach Rheinfelden in den 1970er Jahren begonnen wurde. Im Dezember 1966 begann das Planfeststellungsverfahren für die Umgebung von Binzen mit Hilfe der B 317, deren Bauarbeiten im Spätsommer 1968 begannen. Das Teilstück durch Lörrach zur Durchquerung des Wiesentals war ursprünglich in Tieflage geplant, das heißt, die A 98 hätte unter der Wiesentalbahn verlaufen sollen. Im Oktober 1970 beschloss das Bundesverkehrsministerium die generelle Linienführung der Hochrheinautobahn, und im selben Monat erging der Planfeststellungsbeschluss für den Bauabschnitt zwischen der Lucke und dem Waidhof. Erst die geänderten Planungen 1976 sahen die Durchquerung des Wiesentals in Hochlage mittels einer Talbrücke vor. Aus Kostengründen sah man zunächst vor, die Brücke nur einbahnig auszuführen.Schmidt: A 98 – Umgehung Lörrach. S. 61. Das bauliche Kernstück des Abschnittes „Umgehung Lörrach“ war die Wiesentalbrücke, welche die Autobahn über das Wiesental bei Lörrach überführtOberbadisches Volksblatt: Leidvoller Abschnitt der A 98, Artikel vom 12. April 1983. und damit gleichzeitig die Funktion einer Ortsumfahrung erfüllt, um den Verkehr aus der Stadt zu bekommen.Wiesentalbrücke Lörrach, S. 3. Im weiteren Planungsverfahren stellte man fest, dass die Kostenersparnis durch den Erdausbau in den Einschnitten in Rötteln und Homburger Wald nicht wesentlich war. Ein einbahniger Ausbau hätte den laufenden Verkehr erheblich beeinträchtigt, sodass man sich entgegen der ursprünglichen Betrachtung zum Vollausbau der Wiesentalbrücke entschloss.Schmidt: A 98 – Umgehung Lörrach. S. 62.
Baugeschichte Nach Vorliegen des Planfeststellungsbeschlusses im Juli 1976 wurde Anfang 1977 mit den Erdarbeiten zwischen Wiesental und Waidhof als Vorarbeit begonnen. Im Vorfeld der Arbeiten fand man Hügelgräber im Homburger Wald, die man zunächst bergen musste. Darüber hinaus mussten umfangreiche Dolinen verfüllt werden. Der Aushub im Einschnitt Homburg betrug 1,3 Mio. Kubikmeter.Schmidt: A 98 – Umgehung Lörrach. S. 63. Die Bauarbeiten zum Autobahnabschnitt in Lörrach selbst begannen im Frühjahr 1978. Bei den Gründungsarbeiten in der Nähe des Haagener Gewerbekanals förderten 1978 Bauarbeiten zwei steinerne Kanonenkugeln zutage, die einer vermuteten Feindesverteidigung der Herrscher von Burg Rötteln zugeordnet wurden. Die Fundstücke befinden sich heute im Dreiländermuseum.Schmidt: A 98 – Umgehung Lörrach. S. 65.
mini|Wiesentalbrücke und Wasserschutzgebiete in Lörrach Nachdem die Arbeitsgemeinschaft Wiesentalbrücke unter der Federführung der Baugesellschaft Bilfinger und Berger im November 1979 den Zuschlag für die Bauarbeiten erhalten hatte, wurde im Dezember 1979 mit dem Bau der Wiesentalbrücke von Süden her begonnen. Während der Bauphase mussten erhöhte Sicherheitsanforderungen erfüllt werden, da die Brücke über ein gut 300 Hektar großes WasserschutzgebietWSG 019 Lörrach: TB 1 - 4 Grütt, WSG-Nr-Amt 336019, (abrufbar über udo.lubw.baden-wuerttemberg.de) führt und die Stadt Lörrach im Grüttpark über umfangreiche Infrastruktur zur städtischen Grundwasserversorgung verfügt. Zu diesem Zweck wurde die Brücke so ausgestaltet, dass das Oberflächenwasser über Längsleitungen im Hohlkasten des Überbaus schadlos abgeleitet wird. Bei den Baumaßnahmen erhielt die Baustelle einen Anschluss an das städtische Wasserversorgungssystem, Park- und Werkstattflächen wurden abgedichtet und eine Ölwehr eingerichtet. Im gesamten Fahrbahnbereich wurden einschließlich der Entwässerungsmulden die Böschungen durch starke Kunststofffolien abgedichtet. Die Schächte und Rohrleitungen mussten besonderen Anforderungen hinsichtlich der Dichtigkeit genügen. Der Bereich der Wiesentalbrücke wurde zusätzlich mit einer 1,5 Meter starken Abdichtungsschicht gesichert, um auch im Fall eines schweren Unfalls eine Störung in der Wasserversorgung zu verhindern.
Bauherr der Brücke war, wie für Autobahnbrücken in Deutschland üblich, die Bundesrepublik Deutschland. Auftraggeber war das Straßenbauamt in Bad Säckingen, welches die Bauleitung der Stadt Lörrach übertrug. Die technische Oberleitung und den Ausschreibungsentwurf hatte das Referat Brücken- und Ingenieurbau des Regierungspräsidiums Freiburg inne. Zur Arbeitsgemeinschaft Wiesentalbrücke gehörten neben Bilfinger und Berger das Unternehmen Gustav Strumpf aus Rheinfelden und Locher & Cie aus der Schweiz. Die statische Bearbeitung oblag dem Ingenieurbüro Schmidt + Partner aus Basel. Mit der Prüfung der Statik und Konstruktion war Leonhardt, Andrä und Partner aus Stuttgart betraut worden.Wiesentalbrücke Lörrach, S. 11.
Nach Gründung der Brückenpfeiler betonierte die Arbeitsgemeinschaft im Oktober 1980 das erste Feld des Hohlkastenträgers und konnte den Überbau bis Juli 1982 im Wesentlichen fertigstellen. Die Schalung war auf einer Vorschubrüstung aufgebaut. Die für die Herstellung benötigten Rüstträger wurden über ein hydraulisches Lager verschoben.Walter Jung, Gerhard Moehring (Hrsg.): Unser Lörrach 1981. Eine Grenzstadt im Spiegel der Zeit. 1981, S. 63, 65.
Für den öffentlichen Verkehr wurde die Autobahnbrücke am 11. April feierlich eröffnet und am 12. April 1983 nach monatelangen Verzögerungen freigegeben. Der Eröffnung wohnten neben dem damaligen Oberbürgermeister Egon Hugenschmidt auch der Regierungspräsident Norbert Nothhelfer, der damalige Bundesverkehrsminister Werner Dollinger und der Landeswirtschaftsminister Rudolf Eberle bei. Eine Schülerin aus Lörrach zerschnitt das Band in den Bundesfarben zur Eröffnung des Teilabschnittes, und anschließend bewegte sich ein mehrerer Kilometer langer Autokonvoi mit der politischen Prominenz über den freigegebenen Autobahnabschnitt vom Autobahnanschluss Mitte in Richtung Waidhof.Oberbadisches Volksblatt: OB: „Wir fordern Einlösung früherer Versprechungen!“, Artikel vom 12. April 1983. Zum Eröffnungszeitpunkt war die Wiesentalbrücke in Lörrach die längste Straßenbrücke Baden-Württembergs.Stadt Lörrach (Hrsg.): Unser Lörrach 1983, eine Grenzstadt im Spiegel der Zeit. (Band 14), Kropf und Herz, Lörrach 1983, S. 214.
Seit Eröffnung mini|Luftbild der Brücke und Autobahnanschlussstelle (Bilddatei annotiert) Seit 2005 erfasst die Bundesanstalt für Straßenwesen am Südwest-Portal der Wiesentalbrücke über eine Automatische Zählstelle systematisch die Verkehrsmenge.
Im Jahr 2008 wurde die Wiesentalbrücke für eine Million Euro saniert.Straßenbaubericht 2008, S. 19. (PDF; 2,9 MB). 2010 gab die Stadt Lörrach die Fläche der Brückenpfeiler offiziell für legales Graffiti frei, das als Bridge-Gallery bekannt ist.Kai Hendrik Schlusche, Stefan Dieterle: Graffiti am richtigen Platz. Die Bridge-Gallery im südbadischen Lörrach. (PDF; 1,2 MB) In: Stadt und Gemeinde Interaktiv. Zeitschrift des Deutschen Städte- und Gemeindebundes Berlin/Bonn/Brüssel Nr. 6.2011, S. 268 ff.Kai Hendrik Schlusche: Kunst aus der Dose & Nie zu spät für Spraygeschichten. (PDF; 2,8 MB) In: Regio Magazin. August 2011, S. 7 ff; Badische Zeitschriften GmbH Freiburg.Willi Adam: Graffiti an Brückenpfeilern: Bridge Gallery wird zur Attraktion. In: Badische Zeitung. 15. August 2011.
In den Sommermonaten des Jahres 2012 wurde die Brückenoberseite für rund zwei Millionen Euro aufwendig saniert. Dafür wurde jeweils eine Fahrbahn komplett gesperrt und der Verkehr auf die andere geleitet. Unter anderem wurden die schadhaften Tropftüllen in der Fahrbahnplatte von der Brückenoberseite erneuert, damit das Tausalzwasser an der Unterseite gut abfließen kann und den Spannbeton nicht schädigt. Zusätzlich wurde die alte Dichtungsschicht des mittlerweile 30 Jahre alt gewordenen Fahrbahnbelages erneuert. Dazu wurden 12.000 Quadratmeter des alten Brückenbelags abgebrochen.Sanierung der Wiesentalbrücke der A 98 bringt Staus. In: Badische Zeitung. 21. Juni 2012.
Im Jahr 2020 wurde die Brücke weiteren Instandhaltungsarbeiten unterzogen.Erhaltungsmaßnahmen 2020 im Regierungsbezirk Freiburg, S. 1 (PDF; 409 kB), aufgerufen am 1. März 2022.
Beschreibung Lage mini|hochkant=2|Verlauf der A 98 im südlichen Teil des Landkreises Lörrach mit den wichtigsten Verkehrsbauwerken Die 1201 Meter lange Wiesentalbrücke überspannt das Wiesental bei Lörrach und führt die Autobahn A 98 in einem weiten Bogen vom Luckepass abschüssig nach Lörrach, um dann wieder an Höhe zu gewinnen, welche die Trasse über den zum Dinkelberg gehörenden Homburger Wald und weiter zum Waidhofpass führt. Entlang des Tals beschreibt die Brücke von Lörrach aus gesehen eine konkave Kurve und liegt zwischen 6 und 24 Meter Höhe über dem Wiesental. Im Nordwesten beginnen Nord- und Südbrücke in der Talsenke auf einer Höhenlage von () und führen nach Süden bis auf (Südbrücke, ) beziehungsweise auf die Nordbrücke ().
mini|Gesamtansicht mit Anschlussbrücken der Anschlussstelle Lörrach-Mitte (Bilddatei annotiert) Etwa 900 Meter des Brückenbauwerks verlaufen im engeren Wasserschutzgebiet der Stadt Lörrach. Damit der Verkehr diese auf- und absteigende Kurvenführung gut meistern kann, variiert die Querneigung der Brücke zwischen 4 und 6 %. Im nordwestlichen Teil der Brücke befinden sich die Zu- und Auffahrten auf die Bundesstraße 317, die zwischen den Pfeilern 3 und 4 unterführt wird. Die Anschlussstelle 5 trägt den Namen Lörrach-Mitte und ist über eine geschwungene Rampenkonstruktion direkt mit dem Brückenbauwerk verbunden. Der Kreuzungsbereich der Auf- beziehungsweise Abfahrt der Anschlussstelle mit der B 317 wird als Hasenloch-Kreuzung bezeichnet und gilt als überregionaler Verkehrsknotenpunkt im Landkreis.Regierungspräsidium Freiburg: B 317 / A 98 Anschluss Lörrach-Mitte, aufgerufen am 1. März 2022. Weiterhin unterführt werden der Fluss Wiese zwischen dem Pfeiler 1 und 2, die Bahntrasse der Wiesentalbahn zwischen Pfeiler 12 und 13 sowie die Brombacher Straße zwischen Pfeiler 22 und 23, die früher Teil der B 317 war. zentriert|mini|750px|Draufsicht und Situationsplan der Wiesentalbrücke mit Pfeilerpositionsnummerierung
Gründung und Widerlager mini|Hohlkästen mit Auskragungen über der Schräglage des Geländes unweit des südöstlichen Widerlagers