Hans Bruno Heinze (* 18. Oktober 1895 in Elsterberg; † 4. Februar 1983 in HannoverSterberegister des Standesamtes Hannover Nr. 965/1983.) war ein deutscher Psychiater, Professor für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Berlin und als Leiter der Landesheilanstalt Brandenburg-Görden sowie als T4-Gutachter an den Krankenmorden in der Zeit des Nationalsozialismus beteiligt.
Leben Herkunft und Studium Hans Heinze wurde am 18. Oktober 1895 als 13. von insgesamt 14 Kindern in Elsterberg im Vogtland geboren. Er wuchs in einem protestantischen Elternhaus auf. Durch den frühen Tod des Vaters und dessen Ersatz durch einen zehn Jahre älteren Bruder wurde er wesentlich geprägt.
An der Fürsten- und Landesschule Grimma erhielt Heinze eine Freistelle und legte im August 1914 sein Abitur ab.
Da ihm aufgrund einer Ellbogenfraktur ein Fronteinsatz im Ersten Weltkrieg nicht möglich war, leistete er Sanitätsdienst in einem Seuchenlazarett bis November 1918.
Eine Begegnung mit Hans Berger, dem Entdecker des Elektroenzephalogramms, sollte sich entscheidend auf die Berufswahl Heinzes auswirken. Er studierte Medizin von 1918 bis 1923 in Leipzig, wo er auch promoviert wurde.
Karrierebeginn in Leipzig und Berlin Zunächst als Assistent bei Paul Schröder, der ab 1924 Ordinarius in Leipzig war, baute er als Oberarzt die kinder- und jugendpsychiatrische Klinik mit auf. Wie viele Mediziner und Psychiater war Heinze in seinen Anschauungen durch die 1920 von Karl Binding und Alfred Hoche veröffentlichte Schrift „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form“ maßgeblich beeinflusst worden. In den Mittelpunkt seines wissenschaftlichen Interesses stellte er die endogenen Psychosen des Kindesalters, die Charakterologie und die genealogische Familienforschung.
Die Universitätsklinik Berlin bestellte ihn zum Leiter ihrer kinderpsychiatrischen Abteilung. Zugleich führte Heinze 1934 in Personalunion die Landesheilanstalt Potsdam. Diese hatte eine Kapazität von 2.000 Patienten, davon 500 Plätze für Kinder.
Am 3. Oktober wurde Heinze, der sich in Leipzig für Psychiatrie und Neurologie habilitiert hatte und dort als Privatdozent tätig war, zum Dozenten in der Medizinischen Fakultät der Universität Berlin ernannt. Nach Einführung der neuen Reichshabilitationsordnung wurde er dort am 2. Oktober 1939 Dozent neuer Ordnung und am 6. April 1943 zum außerplanmäßigen Professor ernannt.Chronik der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, April 1935 / März 1936, bearbeitet von Walter Wienert, Berlin o. J., S. 18. Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, Personal- und Vorlesungsverzeichnis Wintersemester 1944/45, S. 27.
Leiter der Landesanstalt Brandenburg-Görden mini|Von Hans Heinze gestellter Antrag auf Zwangssterilisation einer in der Landesanstalt Görden wohnhaften Frau aufgrund „angeborenem Schwachsinn“, datiert auf den 24. April 1944. Im November 1938 übernahm Heinze die Leitung der Landesanstalt Görden im gleichnamigen Stadtteil von Brandenburg an der Havel. Die Patientenzahl betrug hier 2.500, davon 1.000 Kinder.
Seit 1939Rep.55 C Landesanstalt Görden, Brandenburgischen Landeshauptarchiv Potsdam. Kuratoriumsmitglied des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Hirnforschung (KWI f. Hf.) in Berlin-Buch, verwandte er sich für eine dortige Einstellung der Hirnpathologen Julius Hallervorden und Hugo Spatz. Hallervorden war bei ihm ab April 1937 Oberarzt in der Landesheilanstalt Potsdam, in die die von Hallervorden geleitete Zentralprosektur der psychiatrischen Anstalten der Provinz Brandenburg verlegt worden war, und wurde am 1. Januar 1938 zum Abteilungsleiter Neuropathologie am KWI f. Hf. bestellt. Spatz wurde 1937 der Nachfolger von Oskar Vogt als Direktor des KWI f. Hf. Hallervorden äußerte sich in einem Schreiben an Spatz vom 29. November 1935 geradezu begeistert über Heinze:
„Dieser Mann hat einen geradezu fabelhaften klinischen Betrieb wie an einer Universitätsklinik geschaffen und es ist daher begreiflich, daß wir uns beide wie magisch anziehen. So ist die Sache zustande gekommen und ich kann bei der zentralen Lage hoffen, mein Laboratorium ganz anderes in Schwung zu bringen als es bisher möglich war“.Jürgen Peiffer: „Hirnforschung im Zwielicht: Beispiele verführbarer Wissenschaft aus der Zeit des Nationalsozialismus. Jürgen Hallervorden – H.J. Scherer – Berthold Osterberg“, Husum 1997, Seite 22.
Bei seinem Eintritt in das KWI f. Hf. behielt Hallervorden seine Stellung als Prosektor der Brandenburgischen Psychiatrischen Landesanstalten bei. Jedoch wurde die Prosektur (obwohl weiterhin vom Provinzialverband finanziert) offiziell an die Hauptstelle in Berlin-Buch verlegt. Das Laboratorium in der Landesanstalt Potsdam galt fortan als Außenstelle des Instituts. Als diese 1938 in die Landesanstalt Brandenburg-Görden umzog, die unter der Leitung Heinzes bald zu einem Mittelpunkt der „Euthanasie“-Aktion wurde, entwickelte sich die dortige Außenstelle zum wichtigsten Bindeglied zwischen Krankenmord und Hirnforschung in Berlin.Hans-Walter Schmuhl: „Hirnforschung und Krankenmord. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung 1937–1945 (PDF; 243 kB)“, Seite 20. Auf Vorschlag von Hugo Spatz wurde Heinze 1938 als Sachverständiger für die Erforschung des Schwachsinns im Kindesalter und Berater der Abteilung für Histopathologie des KWI f. Hf. bestellt.
Erste Tätigkeit bei der Kinder-„Euthanasie“ Mitte 1939 wurde Heinze in den „Reichsausschuß zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“ aufgenommen, der als Tarnorganisation der Kanzlei des Führers die Kinder-„Euthanasie“ in die Wege leiten und steuern sollte, wie sie aufgrund einer Entscheidung Hitlers durchgeführt werden sollte. Er war daher von Anfang an unmittelbar an der Vorbereitung und organisatorischen Planung der Tötung behinderter Kinder beteiligt.
Mit Beginn der Kinder-„Euthanasie“ Ende 1939 wurde Heinze einer der insgesamt drei Gutachter, die anhand von Meldebögen über die Einweisung von geistig und körperlich schwer behinderten Kindern in sogenannte „Kinderfachabteilungen“ zu entscheiden hatten. In diesen speziellen Abteilungen ausgewählter Krankenhäuser und Anstalten wurde nach einer klinischen Untersuchung der größte Teil der Kinder getötet. Der in der Kanzlei des Führers mit der Organisation der Kinder-„Euthanasie“ beauftragte Hans Hefelmann sagte dazu aus,
„daß Professor Heinze und Dr. Wentzler […] mit Begeisterung und Professor Catel aus Überzeugung die Euthanasie bejahten und sich deshalb ohne jeden Zwang als Gutachter zur Verfügung stellten.“Aussage Hefelmann vor dem Bayerischen Landeskriminalamt am 31. August 1960 Az.: IIIa/SK-K5526, zitiert nach Ernst Klee: „Was sie taten – was sie wurden“, Seite 139.
Heinze, der zum 1. Mai 1933 der NSDAP beigetreten (Mitgliedsnummer 2.382.841)Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/14480307 und Mitglied des Rassenpolitischen Amtes des Gaues Kurmark war, äußerte sich zu seiner politischen Einstellung nach dem Krieg:
„Ich stand absolut positiv zum Nationalsozialismus in dem Glauben, daß eben nur die Rettung erfolgen würde aus dem Chaos vor dem wir standen, vor allem eben in der Leipziger Zeit, in der wir dem Kommunismus in Sachsen am nächsten waren. Und so bin ich ebendiesem Idealismus treu geblieben bis zuletzt. Ich bin dann im Hinblick auf die Tätigkeit mit bei einem rassepolitischen Amt gewesen, was mich sehr interessiert, mich einsetzen zu können für die kinderreichen Familien usw. und da Hilfestellung zu leisten, wie es eben überhaupt ging. Und so bin ich eben auch in Berlin bekannt geworden, das ist ja ganz sicher.“Manfred Müller-Küppers: „Die Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie unter besonderer Berücksichtigung der Zeit des Nationalsozialismus“, in: Forum der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Heft 2 – 2001.
Der Leiter der NS-Tötungsanstalten Brandenburg und Bernburg, Irmfried Eberl, attestierte Heinze eine „unbedingt positive“ Einstellung zur „Euthanasie“ im nationalsozialistischen Sinne. Und Dietrich Allers, der Geschäftsführer der T4-Zentrale, bezeichnete ihn in einem Schreiben vom 13. Juni 1941 an Irmfried Eberl „als in jeder Beziehung zuverlässig“.Akte Eberl I/42, zitiert nach Ernst Klee: „Was sie taten – Was sie wurden“, Seite 136.
Heinze erhielt am 25. März 1942 von Adolf Hitler das Treuedienst-Ehrenzeichen 2. Stufe und am 1. Mai 1942 das Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse.Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Deutschland in den Jahren 1937 bis 1961, Vandenhoeck & Ruprecht, 2003, S. 356
Die erste „Kinderfachabteilung“ Die erste von etwa 30 bis 40 dieser „Kinderfachabteilungen“ wurde im Oktober 1939 in Heinzes Landesanstalt Brandenburg-Görden eingerichtet. Die 60 bis 80 Betten umfassende Abteilung war großzügig ausgestattet und erhielt den Status einer „Reichsschulstation“. Hier wurden Ärzte ausgebildet, die als Leiter weiterer „Kinderfachabteilungen“ vorgesehen waren.
Vor Eröffnung der „Kinderfachabteilung“ wurden im Mai und Juni 1940 232 Kinder aus Görden in die „Landespflegeanstalt Brandenburg a.H.“ genannte NS-Tötungsanstalt gebracht und dort vergast, um Platz für die ab Sommer 1940 vorgesehenen Aufnahmen von „Reichsausschuß“-Kindern aus dem gesamten Reichsgebiet zu schaffen.Johannes Donhauser: „Das Gesundheitsamt im Nationalsozialismus. Der Wahn vom ‚gesunden Volkskörper’ und seine tödlichen Folgen“ Seite 141, Anmerkung 389Hans-Walter Schmuhl: „Medizin in der NS-Zeit: Hirnforschung und Krankenmord“, in: Deutsches Ärzteblatt 2001; 98: A 1240–1245 [Heft 19]
Heinrich Bunke, der 1940 als Vergasungsarzt in der Tötungsanstalt Brandenburg tätig war, erläuterte in einer Aussage am 16. April 1962 vor dem Ermittlungsrichter des Landgerichts Frankfurt am Main den Hintergrund der Tötung von 33 Kindern, die am 28. Oktober 1940 vergast wurden:
„In Brandenburg wurden auch Kinder im Alter von etwa 8 – 13, es kann auch bis 14 Jahre gewesen sein, vergast. Es handelt sich um Kinder, die uns Prof. Heinze aus Görden – entweder direkt oder über eine Zwischenanstalt – genau weiß ich das nicht mehr – eigens zur Tötung überstellt wurden. Es dürfte sich in der Zeit meiner Tätigkeit in Brandenburg um etwa 100 Kinder gehandelt haben. Mit den Kranken wurde auch deren Krankengeschichte und die Schriftstücke mit den Entscheidungen der Gutachter übersandt. Man konnte also anhand der auf den Akten liegenden Gutachterentscheidungen erkennen, aus welchen Zwischenanstalten die Kranken waren. Aus den Krankenakten selbst konnte man außerdem den Krankheitsverlauf und die Abgabeanstalten entnehmen. Meistens war allerdings keine Zeit da, um die Akten zu studieren. In den Fällen der Kinder waren genaue Durchuntersuchungen und Zusammenfassungen der Krankengeschichte der Krankenakte beigefügt. Das waren die einzigen Fälle, in denen man sagen konnte, daß sie so durchuntersucht waren, wie man es hätte in allen Fällen erwarten sollen. Ich will damit sagen, daß in diesen Fällen auch ein Nichtpsychiater die Möglichkeit hatte, die Erwägungen zu erkennen, die für die Entscheidung des Gutachters bestimmend waren. In allen anderen Fällen war lediglich das Ergebnis der Entscheidung, nicht aber deren Begründung zu erkennen, abgesehen von einer allgemeinen psychiatrischen Diagnose. Ein Teil der Kinderleichen wurde von Prof. Hallervorden aus Berlin (Histologe am Kaiser-Wilhelm-Institut) seziert und zur wissenschaftlichen Auswertung mitgenommen. Ich nehme an, daß dies aufgrund einer Vereinbarung mit Prof. Heinze geschah. Mir ist nicht bekannt, ob Prof. Heinze in Görden auch selbst Tötungen vorgenommen hat. Die vorgenannten Kinder stammten jedenfalls aus seiner Anstalt. Ich glaube, es waren insgesamt 2 Transporte. Prof. Heinze war damals selbst in Brandenburg.“Götz Aly: „Aktion T4“, Seite 155.