Die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS) ist eine deutsche Fachgesellschaft für Sexualwissenschaft mit Wirkungsstätte am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Der Verein ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.

Geschichte Auf Betreiben des Sexualwissenschaftlers Hans Giese wurde sie im Jahr 1950 mit dem Ziel gegründet, sexualwissenschaftliche Forschung, Lehre und Praxis zu fördern. Erster Vorsitzender war Hans Bürger-Prinz, ehemaliges Mitglied der NSDAP und der SA und in der Zeit des Nationalsozialismus „Erbgesundheitsobergutachter“ am Erbgesundheitsgericht. Dort entschied er über die Zwangssterilisation von Personen, die als erbkrank eingestuft waren, und setzte sich dafür ein, dass „Erbkranke“ aus der Gesellschaft ausgesondert wurden.Herbert E. Meister: Europäische Rechtslehre. Vorstudien zu einem positiven Realismus. Pro Business, Berlin 2015, ISBN 978-3-86460-266-5, Bd. 2, S. 364.

Als interdisziplinäre Institution beherbergt sie Vertreter einer Reihe unterschiedlicher Fächer: Medizin, Psychologie, Psychoanalyse, Pädagogik, Soziologie, Jura, Geschichte, Kulturwissenschaft und andere.

Wissenschaftliches und gesellschaftspolitisches Engagement Durch zahlreiche Forschungsberichte, Gutachten und öffentliche Stellungnahmen hat die DGfS in der Vergangenheit immer wieder die Gesetzgebung und höchstrichterliche Entscheidungen beeinflusst. Besonders gilt dies für die Reformen des Sexualstrafrechts sowie für das Transsexuellengesetz, das unter wesentlichem Einfluss des damaligen Vorsitzenden Volkmar Sigusch entstanden ist. Publikationen von Mitgliedern der DGfS berühren so unterschiedliche Themenbereiche wie die Theorie der Sexualität, die Geschichte der Sexualwissenschaft, klinische Forschung, Frauen- und Geschlechterforschung, sozialwissenschaftliche Forschung und sexualforensische Forschung.

Fort- und Weiterbildung Ein zentrales Anliegen des Vereins ist es, die Behandlung von Patienten mit sexuellen Störungen und Konflikten zu verbessern. Hierzu wurden drei Curricula entwickelt, auf deren Grundlage in verschiedenen Städten Fortbildungen durchgeführt werden. Die DGfS bemüht sich zudem intensiv um die Durchsetzung einer qualifizierten sexualwissenschaftlichen Fort- und Weiterbildung für Psychologen und Ärzte.

Publikationsorgane Der Verein verfügt über zwei Publikationsorgane:

Die Monographienreihe Beiträge zur Sexualforschung erscheint seit 1952 und wird derzeit unter anderem von Martin Dannecker, Hertha Richter-Appelt und Andreas Hill herausgegeben. Bis Juli 2015 wurden 100 Bände der Beiträge herausgegeben, die ersten 70 Bände bis 1999 im Enke-Verlag. Seit dem Jahr 2000 werden die Beiträge im Psychosozial-Verlag publiziert.

Die interdisziplinäre Zeitschrift für Sexualforschung (ZfS) erscheint viermal jährlich im Thieme-Verlag. Herausgegeben wird sie derzeit von Peer Briken, Johannes Fuß, Timo O. Nieder und Julia Velten.

Darüber hinaus werden Stellungnahmen an politische Institutionen und Gerichte sowie Erklärungen und Eingaben veröffentlicht. Darunter nehmen die sexualpolitischen Stellungnahmen einen besonderen Platz ein, mit denen die Fachgesellschaft beispielsweise 2004 zur Einführung einer nachträglich angeordneten Sicherungsverwahrung, 2009 zur Reform des Transsexuellengesetzes oder 2011 zur EU-Kinderpornographie-Richtlinie Stellung bezog.

Erste Vorsitzende Hans Bürger-Prinz 1950–1954 Carl Max Hasselmann 1954–1958 Werner Villinger 1958–1962 Franz Günther Ritter von Stockert 1962–1966 Wilhelm Hallermann 1966–1969 Hans Giese 1969–1970 Elisabeth Müller-Luckmann 1970–1975 Gunter Schmidt 1975–1978 Volkmar Sigusch 1978–1982 Eberhard Schorsch 1982–1985 Martin Dannecker 1985–1991 Margret Hauch 1991–1994 Gunter Schmidt 1994–1997 Volkmar Sigusch 1997–2000 Hertha Richter-Appelt 2000–2003 Wolfgang Berner 2003–2007 Ulrike Brandenburg 2007–2010 Peer Briken 2010–2016 Martin Dannecker 2016–2019 Katinka Schweizer 2019–2025 Richard Lemke seit 2025

Internationale Vernetzung Die DGfS ist ebenso Mitglied der European Federation of Sexology (EFS), wie auch die Partnerorganisation Österreichische Gesellschaft für Sexualwissenschaften (ÖGS, ehemals Österreichische Gesellschaft für Sozialforschung). Einzelne Mitglieder der DGfS sind in einer Reihe weiterer Internationaler Fachgesellschaften vernetzt, wie z. B. in der International Academy of Sex Research (IASR), in der World Professional Association for Transgender Health (WPATH, ehemals Harry Benjamin International Gender Dysphoria Association) sowie in der European Professional Association for Transgender Health (EPATH).

Literatur Moritz Liebeknecht: Wissen über Sex. Die deutsche Gesellschaft für Sexualforschung im Spannungsfeld westdeutscher Wandlungsprozesse. Wallstein Verlag, Göttingen 2020 (Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte; 60) ISBN 978-3-8353-3721-3. Katinka Schweizer, Annette Güldenring, Lisa Rustige, Richard Lemke, Johannes Fuß: Zum Jubiläum der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung – 70 Jahre interdisziplinäre Sexualwissenschaft. In: Zeitschrift für Sexualforschung. Bd. 33 (2020), S. 106–107 Volkmar Sigusch: 50 Jahre Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung. In: Zeitschrift für Sexualforschung. Bd. 14 (2001), S. 39–80. Volkmar Sigusch: Geschichte der Sexualwissenschaft. Campus, Frankfurt am Main/New York 2008, S. 415–429, ISBN 978-3-593-38575-4.

Weblinks Offizielle Website der DGfS Sexualpolitische Stellungnahmen der DGfS

Einzelnachweise

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