mini|Julius Perathoner – Gemälde von Alois Delug (1859–1930) mini|hochkant|Bronzetafel im Gedenken an Julius Perathoner von Emil Gurschner (1886–1938) mini|Die 2012 im Bozner Rathaus angebrachte Gedenktafel, die die erzwungene Absetzung Perathoners thematisiert Julius Perathoner (* 28. Februar 1849 in Dietenheim bei Bruneck; † 17. April 1926 in Bozen) war von 1895 bis 1922 letzter deutschsprachiger Bürgermeister Bozens, von 1901 bis 1911 Reichsratsabgeordneter in Wien und von 1902 bis 1907 Landtagsabgeordneter in Innsbruck.

Julius Perathoner war einer der wichtigsten Exponenten der Deutschfreiheitlichen Partei in Tirol. Das Ende seiner Amtszeit als Bürgermeister fiel in die Gewaltphase der sich anbahnenden faschistischen Machtergreifung in Italien: Am 3. Oktober 1922 wurde Perathoner infolge des Marsches auf Bozen der Faschisten von der italienischen Regierung unter Luigi Facta zusammen mit dem Stadtrat abgesetzt und durch einen kommissarischen Verwalter ersetzt.Hannes Obermair, Sabrina Michielli (Hrsg.): Erinnerungskulturen des 20. Jahrhunderts im Vergleich – Culture della memoria del Novecento a confronto (= Hefte zur Bozner Stadtgeschichte. Band 7). Stadtgemeinde Bozen, Bozen 2014, ISBN 978-88-907060-9-7, S. 52–53.

Leben Perathoners Urgroßvater kam aus Wolkenstein in Gröden und bekleidete in Brixen die Stelle eines Gerichtsbeamten. Sein Vater Ulrich war Steuerbeamter in Bruneck. Er war zweimal verheiratet und hatte mehrere Kinder; aus der zweiten Ehe mit Julie von Klebelsberg stammte der Sohn Julius.

Schon als Knabe kam er mit Bozen in Kontakt, da er hier die Volksschule besuchte. Die Mittelschule begann er in Brixen, maturierte aber am Bozner Franziskanergymnasium. Im Oktober 1867 begann er sein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Innsbruck und gehörte seither dem Akademischen Gesangverein Innsbruck (später Universitätssängerschaft Skalden zu Innsbruck) an. Er trat nach der Promotion 1872 als Konzipient in eine Bozner Rechtsanwaltskanzlei ein. 1878 nahm er als Oberstleutnant der Reserve beim III. Tiroler Kaiserjäger-Regiment am Feldzug in Bosnien-Herzegowina teil.Hans Heiss: Das Rathaus von Bozen. Symbolbau städtischen Wandels in der Ära von Bürgermeister Julius Perathoner. In: Stadtarchiv Bozen (Hrsg.): Das Rathaus in Bozen 1907 (= Hefte zur Bozer Stadtgeschichte. Band 6). Stadtgemeinde Bozen, Bozen 2014. ISBN 978-88-907060-4-2, S. 29. Später betrieb er am Obstmarkt Nr. 10 gemeinsam mit Anton Kinsele eine eigene Anwaltskanzlei.Nachgewiesen im Adress-Buch der Stadt Bozen und der Marktgemeinde Gries 8, 1910, S. 23, sowie im Verzeichnis der Telephonämter und Abonnenten-Stationen für Tirol, Jänner 1913. S. 18 (Bozen). 1883 verheiratete sich der junge Rechtsanwalt mit Bertha von Mörl aus Eppan. Der Ehe entsprossen die drei Söhne Hugo, Karl und Ivo.

Perathoner engagierte sich stark im neu aufblühenden Vereinsleben seiner Zeit. So wurde er Obmann des 1881 gegründeten Deutschen Schulvereins und beteiligte sich als Mitglied des Männergesangvereins Bozen maßgeblich an der Ausrichtung des Tiroler Sängerfestes vom 14.–15. September 1889, das in der Einweihung des Walther-Denkmals am Bozner Waltherplatz gipfelte.Hans Heiss: Das Rathaus von Bozen. Symbolbau städtischen Wandels in der Ära von Bürgermeister Julius Perathoner. In: Stadtarchiv Bozen (Hrsg.): Das Rathaus in Bozen 1907 (= Hefte zur Bozer Stadtgeschichte. Band 6). Stadtgemeinde Bozen, Bozen 2014. ISBN 978-88-907060-4-2, S. 29.

1892 wurde Julius Perathoner für die Deutschfreiheitliche Partei – sie hatte die absolute Mehrheit – in den Bozner Gemeinderat gewählt. 1895 wurde er Nachfolger des seit fünfzehn Jahren amtierenden Bürgermeisters Josef von Braitenberg, der Ende Dezember 1894 wiedergewählt worden war, aber die Wahl nicht annahm. Er amtierte von 1895 bis 1922 als Bürgermeister Bozens, war zudem von 1901 bis 1911 Reichsratsabgeordneter in WienVgl. hierzu Perathoners Zwischenbericht in den Bozner Nachrichten vom 28. April 1903, S. 1–2: Abgeordneter Dr. Perathoner in Meran. und von 1902 bis 1907 Landtagsabgeordneter in Innsbruck. 1905 gehörte Perathoner zu den Gründungsmitgliedern des antiitalienisch agitierenden Tiroler Volksbundes.Rolf Petri: Storia di Bolzano (= Le città nelle Venezie. Band 3). Il Poligrafo, Padova 1989, ISBN 88-7115-007-4, S. 45.

Vergeblich versuchte Perathoner, die Annexion Südtirols durch Italien als Folge des Ersten Weltkriegs mit einer Denkschrift vom 6. Dezember 1918 an Woodrow Wilson, die er im Auftrag aller Südtiroler Gemeinden einreichte, abzuwenden.Zum Wortlaut s. Otto Stolz: Die Ausbreitung des Deutschtums in Südtirol im Lichte der Urkunden. Band 3, T. 1. Oldenbourg, München 1932, S. 289ff. (Digitalisat). Hernach engagierte er sich im Deutschen Verband. Seine politische Karriere endete 1922, als er infolge des Marsches auf Bozen der Faschisten von der italienischen Regierung unter Luigi Facta zusammen mit dem Stadtrat abgesetzt und durch einen kommissarischen Verwalter ersetzt wurde.Hannes Obermair, Sabrina Michielli (Hrsg.): Erinnerungskulturen des 20. Jahrhunderts im Vergleich – Culture della memoria del Novecento a confronto (= Hefte zur Bozner Stadtgeschichte. Band 7). Stadtgemeinde Bozen, Bozen 2014, ISBN 978-88-907060-9-7, S. 52–53. In seinem Abschiedsschreiben an den Gemeinderat äußerte er folgende Worte: „Wenn nicht alle Zeichen trügen, geht die deutsche Bevölkerung der Stadt Bozen sehr trüben Zeiten entgegen. Ich bitte aber meine deutschen Mitbürger, den Mut nicht sinken zu lassen und das Vertrauen auf eine bessere Zukunft sich zu bewahren.“Eduard Reut-Nicolussi: Tirol unterm Beil. München, Beck 1928, S. 116 (Digitalisat).

Der Trauerzug für den drei Tage zuvor verstorbenen früheren Bürgermeister am 20. April 1926 gestaltete sich zu einem eindrucksvollen Schauspiel.Evi Pechlaner: Eine Ära geht zu Ende. Die Beerdigung von Julius Perathoner am 20. April 1926, Südtiroler Landesarchiv, 1. April 2026 (mit Fotografie des Kondukts am Waltherplatz).

Bedeutung und Kritik mini|Anleihe der Stadtgemeinden Bozen und Meran vom 10. Mai 1897 mit Unterschrift von Julius Perathoner als Bürgermeister von Bozen mini|Die Bozner Stadtregierung unter BM Julius Perathoner laut dem Adressbuch Bozen-Gries von 1920 Julius Perathoner gilt als eine der wichtigsten politischen Persönlichkeiten der Jahrhundertwende in Tirol.

Sein Wirken als Bürgermeister führte Bozen in die Moderne, machte aus der Kleinstadt ein Zentrum des frühen Tourismus und gab der Stadt neue wirtschaftliche und kulturelle Impulse, so dass von einer „Ära Perathoner“ gesprochen werden kann.Hans Heiss: Das Rathaus von Bozen. Symbolbau städtischen Wandels in der Ära von Bürgermeister Julius Perathoner. In: Stadtarchiv Bozen (Hrsg.): Das Rathaus in Bozen 1907 (= Hefte zur Bozer Stadtgeschichte. Band 6). Stadtgemeinde Bozen, Bozen 2014. ISBN 978-88-907060-4-2, S. 16–35, Bezug: S. 28–31. Viele seiner stadtplanerischen und kommunalpolitischen Entscheidungen prägen Bozen bis heute. Perathoners Amtszeit ist von zahlreichen Baumaßnahmen bestimmt. Dazu zählen das Stadtmuseum (1905), das Theater (1913–1918), die Rittner Bahn (1907), die Straßenbahn nach Gries (1909) und Leifers, die Kaiserjägerkaserne (1898), die Talferbrücke (1900), die Promenaden zu beiden Seiten der Talfer (1901–1905), darunter die Bozner Wassermauer, die Kaiserin-Elisabeth-Schule (Knabenschule 1911, heute italienischsprachige Danteschule) und die Kaiser-Franz-Josef-Schule (Mädchenschule 1908, heute Goetheschule), die Etschwerke (1898) und das neue Rathaus (1907). 1911 gelang die Eingemeindung der großflächigen Umlandgemeinde von Zwölfmalgreien.

Im schwelenden Nationalitätenstreit der Habsburgermonarchie galt Perathoner hingegen als intransingenter Vertreter des völkischen Deutschtumsgedankens.Rolf Petri: Storia di Bolzano (= Le città nelle Venezie. Band 3). Il Poligrafo, Padova 1989. ISBN 88-7115-007-4, S. 45. Schon in seiner Antrittsrede als Bürgermeister am 15. März 1895 betonte er:

Trotz rhetorischer und typisch bildungsbürgerlicher Konzessionen an die italienische Kulturnation unterstrich er damit den Gedanken einer deutschen Leitkultur, der sich italienischsprachige Mitbürger unterzuordnen hatten.Günther Pallaver: „Bozen ist eine deutsche Stadt“. In: ff – Südtiroler Wochenmagazin, 16. April 2026, Nr. 16. S. 40–43. Dies bedeutete eine subalterne „Präsenz ohne Parität“, verbunden mit hohem Assimilierungsdruck.Hans Heiss: Das Rathaus von Bozen. Symbolbau städtischen Wandels in der Ära von Bürgermeister Julius Perathoner. In: Stadtarchiv Bozen (Hrsg.): Das Rathaus in Bozen 1907 (= Hefte zur Bozer Stadtgeschichte. Band 6). Stadtgemeinde Bozen, Bozen 2014. ISBN 978-88-907060-4-2, S. 30.

Perathoner war 1878 Mitbegründer und später langjähriger Obmann des Männergesangvereins Bozen sowie des Deutschen Schulvereins Bozen (1881). Seit 1872 war er Mitglied des ab 1901 (Einführung eines Arierparagraphen) offen antisemitischen Bozner Turnvereins;Generalversammlung des Bozner Turnvereins, in: Bozner Nachrichten, 29. September 1901, S. 5 (Digitalisat). zunächst war er als Schriftwart tätig, später wurde er zum Ehrenmitglied ernannt.

Ehrungen mini|Der Perathoner-Stein in München-Harlaching Im Jahr 1911 wurde Perathoner vom akademischen Maler Alois Delug porträtiert.Ein Porträt unseres Bürgermeisters. In: Bozner Nachrichten. 27. August 1911, S. 11. 1919 richtete der Bozner Musikverein einen Festakt anlässlich des 70. Geburtstags des Bürgermeisters aus. Hierbei wurden ihm zu Ehren das Krippenspiel „Bübchens Weihnachstraum“ aufgeführt und von Franz Sylvester Weber ein panegyrisches „Huldigungsnachspiel“ publiziert.Der 70. Geburtstag von Bozens Bürgermeister Julius Perathoner am 28. Februar 1919.

An Julius Perathoner erinnert der Perathoner-Stein im Münchner Stadtteil Harlaching, der bald nach Perathoners Tod im Jahr 1927 eingeweiht wurde und die Verbundenheit zwischen Bayern und Tirol dokumentiert.Karl Schindler: Der Perathoner-Stein von Harlaching: Stiftung Münchener Bürger zur Erinnerung an das Schicksal Südtirols. In: Südtirol in Wort und Bild. Nr. 38–39/1994, S. 5–7.

Die Pennale Burschenschaft Gothia Bozen (gegr. 1901) ernannte Perathoner zum Ehrenburschen.Oskar Waas: Die Pennalie – Ein Beitrag zu ihrer Geschichte, Graz 2011 (Neuauflage von 1967), S. 442.

In Bozen wurde bereits 1913 eine Straße nach Julius Perathoner benannt. Es handelt sich um die Verbindungsstraße zwischen der Bozner Altstadt und dem 1911 auf maßgebliche Initiative Perathoners hin eingemeindeten Stadtteil Zwölfmalgreien. Nach der Machtergreifung des Faschismus wurde die Perathonerstraße in „via Piave“ umbenannt und trägt bis heute unverändert diesen Namen, wiewohl 2012 der dortige Durchgang am Bozner Amonnhaus als Dr.-Julius-Perathoner-Passage dem Andenken Perathoners gewidmet wurde. (mit Fotos), abgerufen am 15. Nov. 2012. Die vollständige Rückbenennung der Piavestraße war nach 1945 am Widerstand der italienischen Mehrheitsparteien im Bozner Gemeinderat gescheitert.Bruno Mahlknecht: Gedenkblatt für Julius Perathoner. In: Dolomiten. 23. August 2001, S. 8. An Perathoner erinnert heute auch eine etwa 200 Meter lange Straße südlich des Walther-von-der-Vogelweide-Platzes (in der Nähe des Ortes an dem Perathoner, das ehemalige Stadttheater errichten ließ).

Filmografie , Tagung vom 2. Oktober 2012. Pionier und Visionär: Julius Perathoner, Bürgermeister von Bozen. Regie Verena Gruber, 45 min, RAI Südtirol, 2017.

Literatur

Bettina Mitterhofer: Der Tiroler Reichsratsabgeordnete Julius Perathoner. Portrait eines deutschnationalen Politikers. Diplom-Arbeit. Universität Wien, 1984. Bruno Mahlknecht: Gedenkblatt für Julius Perathoner. In: Dolomiten, 23. August 2001. Siegfried Tappeiner: Dr. Julius Perathoner, der Sänger. In: Der Schlern 50, 1976, S. 228.

Weblinks

Einzelnachweise

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