mini|Osttimors Präsident José Ramos-Horta wurde schwer verletzt Am 11. Februar 2008 wurde in Dili ein Attentat auf den Staatspräsidenten und den Premierminister von Osttimor verübt.
Dabei schossen Männer des Rebellen Alfredo Reinado auf den Präsidenten und Friedensnobelpreisträger José Ramos-Horta und den Premierminister Xanana Gusmão.Süddeutsche Zeitung, 11. Februar 2008, Präsident Ramos-Horta in kritischem Zustandtageszeitung vom 23. Mai 2008, Ramos-Horta schwer verletztNACH ANSCHLAG AUF PRÄSIDENT RAMOS-HORTA – Regierung in Osttimor ruft Notstand aus Während Ramos-Horta schwer verletzt wurde, konnte Gusmão unverletzt entkommen. Reinado und ein weiterer Attentäter kamen ums Leben und die Rebellenbewegung brach zusammen. Einige der Aufständischen wurden im Laufe der folgenden Wochen gefangen genommen, die meisten ergaben sich bis Ende April. Die Frage nach möglichen Hintermännern und Finanziers Reinados ist ungeklärt.
Vorgeschichte mini|Australische Truppen auf dem Weg nach Osttimor Im Frühjahr 2006 kam es zu massiven Unruhen in Osttimor, nachdem mit etwa 600 Soldaten fast die Hälfte der Streitkräfte unter der Führung von Leutnant Gastão Salsinha meuterte.Quellen für den folgenden Abschnitt in den Artikeln Unruhen in Osttimor 2006 und zu Alfredo Reinado
Die sogenannten Petitioners beschwerten sich, sie würden als westliche Osttimoresen (Kaladi) beim Militär diskriminiert. Ihnen schloss sich Major Alfredo Reinado mit ihm unterstellten Militärpolizisten an. Es kam zu mehreren Gefechten mit regierungstreuen Einheiten und der Polizei, bei denen acht Menschen getötet und 25 verletzt wurden. Für diese Opfer wurde Reinado direkt verantwortlich gemacht. Später brachen ethnische Konflikte aus, und Straßenbanden brandschatzten in mehreren Orten des Landes. Insgesamt mussten 155.000 Einwohner des Landes aus ihrem Heim fliehen, 2008 lebten immer noch 100.000 in Flüchtlingslagern. Insgesamt kamen im Laufe der Unruhen mindestens 37 Menschen ums Leben.
Die Regierung unter Marí Alkatiri (FRETILIN) musste zurücktreten, und Ramos-Horta übernahm bis zu seiner Wahl zum Präsidenten 2007 das Amt des Premierministers. Eine von Australien geführte internationale Militärmission und eine UN-Mission sorgten seitdem für Recht und Ordnung im Land. Reinado war aufgrund des Vorwurfes des unerlaubten Waffenbesitzes zeitweise in Untersuchungshaft, konnte aber mit 56 Anhängern aus dem Gefängnis fliehen und versteckte sich danach in den Bergen im Westen des Landes. Ein Zugriffsversuch im März 2007 durch australische Spezialeinheiten in Same misslang. Hatte Reinado während der Unruhen noch Ramos-Horta und Xanana Gusmão, dem damaligen Präsidenten, sein Vertrauen ausgesprochen, drohte er in den letzten Monaten vor dem Attentat immer wieder mit Bürgerkrieg und Angriffen auf die Landeshauptstadt Dili, falls sie nicht zurücktreten würden. Die internationalen Truppen bezeichnete Reinado als Besatzer. Am 3. Dezember begann in Dili am Distriktgericht die Verhandlung gegen Reinado in seiner Abwesenheit. Gleichzeitig gab Reinado widersprüchliche Erklärungen in einem Interview ab, ob und unter welchen Bedingungen er sich dem Verfahren stellen würde. In einem Interview, das auch über YouTube verbreitet wurde, beschuldigte Reinado zudem Xanana Gusmão, der inzwischen Premierminister geworden war, Hauptverantwortlicher für die Unruhen von 2006 zu sein. Die oppositionelle FRETILIN nutzte dies, um den Rücktritt Gusmãos zu fordern. Mehrere Verhandlungen und Treffen zwischen Reinado und Präsident Ramos-Horta blieben erfolglos.BBC, 11. Februar 2008, Who are East Timor's rebel soldiers?Henri Myrttinen: Timor Leste – A Kaleidoscope of Conflicts (2007) Das letzte Treffen fand am 13. Januar statt, bei dem Reinado sich erneut weigerte, seine Waffen abzugeben. Er bestand darauf, ein Recht auf Selbstverteidigung zu haben. Von diesem letzten Gespräch machte Reinado heimlich eine Aufnahme. Die Bänder gelangten im August 2008 an die Öffentlichkeit.The Australian:
Anfang Februar 2008 wurde erstmals der Nationalpolizei wieder die Verantwortung für die Landeshauptstadt Dili übergeben. Am 6. Februar 2008 feuerten Männer Reinados bei Lauala acht Warnschüsse in Richtung einer australischen Patrouille. Dabei wurde niemand verletzt, ebenfalls nicht bei einer Explosion in einem australischen Militärcamp am 6. Februar.Sydney Morning Herald, 10. Februar 2008, MP accuses diggers over Reinado fracas, abgerufen am 9. Januar 2015.
In den letzten Monaten vor dem Attentat wurden malaysische UN-Polizisten gewarnt, dass die Rebellen „etwas Großes“ planen würden. Da aber keine weiteren Hinweise gefunden werden konnten, wurden keine Sicherheitsmaßnahmen ergriffen.The Age, 14. Februar 2008, Rebels 'meant to abduct leaders’ Das Büro von Generalstaatsanwalt Longuinhos Monteiro erhielt am 8. Februar einen Hinweis über Bewegungen der Rebellengruppe. Hinweise auf Anschlagspläne habe es aber nicht gegeben, erklärte Monteiro später.
Das Attentat mini|Premierminister Xanana Gusmão mini|Der Toyota Land Cruiser, in dem Gusmão angegriffen wurde, wird im Xanana Reading Room ausgestellt
Nach Aussagen des Wachpersonals wird bisher von folgendem Ablauf der Ereignisse ausgegangen: Am 11. Februar 2008 verließ Präsident Ramos-Horta sein Haus im Osten der Landeshauptstadt Dili, um sein allmorgendliches Jogging am Strand zu absolvieren. Zwei Soldaten der F-FDTL begleiteten ihn.TV Timor Leste, 31. März 2008, Interview mit José Ramos-Horta Um 6:15 Uhr morgens (Ortszeit)Timor Online, 12. Februar 2008, East Timor: Chronology of attacks on PR and PM stürmten Reinado und sechs weitere Rebellen das Wohnhaus des Präsidenten.The Age, 11. Februar 2008, Critical Ramos Horta on life supportThe Australian: Sinchew, 14. Februar 2008, East Timor: Timorese Rebels Stormed President’s Compound Firing Guns, Shouting 'Traitor!' Die Attentäter entwaffneten die zwei Wachleute im Haus und warteten auf die Rückkehr Ramos-Hortas. Allerdings kamen unerwartet acht weitere Sicherheitsbeamte ins Haus. Sie waren eine Stunde zu früh zum Schichtwechsel erschienen. Als sie Reinado im Haus sahen, eröffneten sie das Feuer und töteten Reinados persönlichen Leibwächter, den ehemaligen Militärpolizisten Leopoldino Exposto da Costa. Reinado gab noch den Befehl Responde! (Feuer erwidern!), bevor er dreimal getroffen wurde und starb.The Australian: Es folgte ein Feuergefecht.
Ramos-Horta hörte auf dem Rückweg vom Strand Schüsse von der Nähe seines Hauses. Er lief daraufhin mit seinen beiden Leibwächtern zurück. Als Ramos-Horta auf sein Haus zuging, sah er einen der bewaffneten Rebellen bei seinem Haustor. Der Maskierte riss seine Waffe hoch, und als Ramos-Horta sich umdrehte, um zu fliehen, trafen ihn zwei Kugeln. Ein Leibwächter fuhr mit einem Wagen in die Schusslinie, um den Präsidenten zu schützen. Leutnant Celestino Fili Gama wurde dabei zweimal von Schüssen getroffen.The Age, 15. März 2008, With a bullet in his brain, a Timor soldier goes for fish'n'chipsSydney Morning Herald, 12. Februar 2008, Ramos-Horta braved rebels Auch ein Attentäter wurde lebensgefährlich verwundet. Die restlichen Attentäter entkamen, teils verletzt, mit einem Wagen.The Australian: Ramos-Horta konnte blutend noch per Telefon seinen Armeechef, Taur Matan Ruak, und seinen Kabinettchef alarmieren.
João Carrascalão, der Schwager von Ramos-Horta, kritisierte, dass Ramos-Horta eine Stunde lang in seinem Haus medizinisch nicht versorgt worden sei, obwohl bereits UN-Polizisten vor Ort waren. Auch der Bruder des Präsidenten, Arsenio Ramos-Horta, der ebenfalls in dessen Haus während des Überfalls war, warf den UN-Polizisten vor, dem verletzten José Ramos-Horta eine halbe Stunde lang nicht geholfen zu haben.BBC, 14. Februar 2008, U.N. East Timor police called "cowards" Die UN wiesen die Beschuldigungen zurück. Der Notruf erreichte die UN-Polizei um 6:59 Uhr, eine Minute später waren zwei Polizeieinheiten unterwegs, die um 7:18 Uhr eintrafen. Die Fahrt dauere normalerweise eine Viertelstunde, erklärte eine UN-Sprecherin. Ramos-Horta sei innerhalb von drei Minuten gefunden worden und bereits zwei Minuten später in einem Krankenwagen zu einem australischen Militärkrankenhaus unterwegs gewesen. Nach seiner Operation in Dili wurde er zur medizinischen Behandlung in das australische Darwin ausgeflogen. Ramos-Horta wurde für zehn Tage in Schlaf (Sedierung) versetzt, die Verletzungen waren aber nicht mehr lebensbedrohlich.CNN, 22. Februar 2008, E. Timor seeks to extend emergency rule Auch Leutnant Gama wurde, da sein Zustand weiter kritisch war, nach Darwin zur Behandlung ausgeflogen.
Um 7:45 Uhr klopften sieben bewaffnete Rebellen an der Tür des Hauses von Premierminister Gusmão. Sie sagten, sie seien hier, um den Premierminister zu holen. Allerdings war Gusmão zu diesem Zeitpunkt nicht daheim, nur Gusmãos Frau Kirsty Sword Gusmão, mit ihren drei kleinen Kindern. Kirsty versteckte sie unter ihren Betten, als die Bewaffneten ins Haus eindrangen. Ihnen geschah nichts.The Age, 16. Februar 2008, Man on a deadly mission Zur selben Zeit wurde aus einem Auto auf Xanana Gusmãos Wagenkolonne das Feuer eröffnet. Die zwei Fahrzeuge wurden von mehreren Kugeln getroffen, beim Geleitfahrzeug kam es zu einem Zusammenstoß. Der Premierminister entging dem Beschuss unverletzt und floh mit seinem Fahrer zu Fuß in den angrenzenden Wald.Sydney Morning Herald, 18. Februar 2008, Call for helicopter ignored Gusmão nannte die Attentate einen misslungenen Staatsstreich.Herald Sun, 12. Februar 2008, Australia to send rescue force after Ramos-Horta attacks
Folgen mini|Gedenkstein am Ort des Attentats auf Präsident Ramos-Horta
Ramos-Horta wurde zweimal in Brust und Rücken getroffen, Lunge und der Magen wurden verletzt.NASDAQ, 13. Februar 2008, E Timor President Could Be Home In 3 Weeks, Say Doctors -AFP Am 19. März wurde Ramos-Horta wieder aus dem Krankenhaus entlassen und kehrte einen Monat später nach Osttimor zurück.The Age am 19. März 2008: Teary Ramos Horta leaves hospitalCNN, 19. März 2008, East Timor president discharged from hospital Vorher wurde sein Haus mit einer alten timoresischen Zeremonie von den bösen Geistern gereinigt. Man tötete ein Huhn, um es dem Geist von Reinado zu ermöglichen, das Haus in Frieden zu verlassen.Sydney Morning Herald, 14. April 2008, Home exorcised as Ramos-Horta prepares to return Mitte April kam auch Leutnant Gama aus dem Krankenhaus in Darwin. Er hat immer noch mehrere hundert Fragmente der Kugel, die ihn in den Kopf traf, in der linken Gehirnhälfte, wird aber nach Meinung der Ärzte ein normales Leben führen können. Der 32-jährige Vater zweier Kinder hat noch Probleme beim Sprechen und einige Lähmungserscheinungen.
Da der Parlamentspräsident Fernando La Sama de Araújo sich zuerst in Portugal befand, übernahm sein Stellvertreter Vicente da Silva Guterres der Verfassung folgend das Amt des Übergangspräsidenten bis zu de Araújos Rückkehr am 13. Februar.Timor-Online, 11. Februar 2008, COMUNICADO DE SUA EXCELÊNCIA, O PRESIDENTE DA REPÚBLICA INTERINO, DR. VICENTE DA SILVA GUTERRES (portugiesisch) Guterres und Gusmão riefen für 48 Stunden den Notstand aus und verhängten eine nächtliche Ausgangssperre und ein Demonstrationsverbot. Entgegen den Befürchtungen blieb es allerdings auf den Straßen von Dili ruhig.Reuters, 13. Februar 2008, East Timor seeking arrests over assassination attempts Der Notstand wurde noch mehrmals bis zum 22. April 2008 verlängert.BBC, 23. Februar 2008, East Timor extends emergency ruleRadio Timor Leste, 24. März 2008, Lasama announces extension of 'State of Siege' and 'State of Emergency' Am 23. April wurde er wieder in fast ganz Osttimor aufgehoben. Nur im Distrikt Ermera, in dem die verbliebenen Rebellen vermutet wurden, blieb der Notstand zunächst bestehen.