mini|Gebäude der Schule Reimann in Berlin-Schöneberg Die Schule Reimann, auch Reimann-Schule genannt, war eine private Kunst- und Kunstgewerbeschule in Berlin-Schöneberg. Sie wurde 1902 von Albert Reimann gegründet und endete mit der Zerstörung des Schulgebäudes am 23. November 1943 bei einem Luftangriff auf Berlin.

Geschichte 1902 wurde die Reimann-Schule vom Deutschen Werkbund und dem Verband Berliner SpezialgeschäfteBerliner Adressbuch 1920 zunächst unter der Bezeichnung Schülerwerkstätten für Kleinplastik gegründet. Später wurde sie umbenannt in Schule Reimann und durfte ab 1913 die Zusatzbezeichnung Kunst- und Kunstgewerbeschule führen.

Anfänglich bezog sich das Unterrichtsangebot auf Zeichnen, Modellieren, Holzschnitzen, Metalltreiben und Entwerfen kunstgewerblicher Gegenstände. Angeregt von den neuen weiblichen, am antiken Gewand orientierten Silhouetten des Modeschöpfers Paul Poiret, die Albert Reimann auf der Weltausstellung Paris 1900 erlebte, nahm er 1910 die Ausbildung zum Modezeichner in das Schulprogramm auf.Albert Reimann: Die Reimann-Schule in Berlin. (= Schriften zur Berliner Kunst- und Kulturgeschichte, Band 8.) Bruno Hessling, Berlin 1966, S. 14 f., S. 34. Dieser Studiengang war bald gefragt und bekannt. In den Werkstätten für Schneiderei wurde der Unterricht erweitert mit Abformen, Schnittzeichnen und Zuschneiden. Zusätzlich gab es Klassen für Mode-Entwurf und -Illustration sowie Kostümkunde und Textilkunst.

1912 wurde die seit 1910 bestehende Höhere Fachschule für Dekorationskunst der Schule Reimann angegliedert, nachdem ein Jahr zuvor eine Fachklasse für Plakatkunst eingerichtet worden war. 1913 wurde zur Ausbildung von Bühnenbildnern die Höhere Fachschule für Theaterkunst eröffnet. 1923 wurde der Freundeskreis der Schule Reimann gegründet. 1927 unterrichteten 31 Lehrkräfte in 33 Klassen und Werkstätten annähernd 1.000 Schüler.Swantje Wickenheiser: Die Reimann-Schule in Berlin und London (1902–1943). Bonn 1993, S. 54.

1928 ergänzte Albert Reimann das Lehrangebot seiner Schule um eine Filmabteilung, ein Erweiterungsbau wurde unumgänglich. In den neuen Räumen wurde zusätzlich ein Fotostudio für den Unterricht und die Produktion eingerichtet. In einer Werkstatt widmete man sich dem Trickfilm. 1932 eröffnete Albert Reimann die Höhere Fachschule für Reklame. Einige Monate zuvor hatte er ein Tonfilm-Seminar ins Lehrprogramm aufgenommen. Die Ausbildung umfasste sämtliche Berufsfächer des Tonfilms auf technischer und künstlerischer Basis. Außerdem bildete er die bisher bestehenden Werkstätten zu Meisterwerkstätten um, was die Berufschancen der Absolventen in der Industrie verbesserte.H. Wingler: Kunstschulreform 1900–1933. Gebr. Mann, Berlin 1977, S. 259.

mini|Teilnehmer des „Sommerstudios“ der Schule Reimann an der Via Appia in Rom, Juli 1933 Da Albert Reimann jüdische Eltern hatte,H. Strauss, W. Röder: International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933–1945. K. G. Saur, München 1983, S. 954. wurde seine Schule im Deutschland nach 1933 mehrmals von der SA umstellt. Lehrer und Schüler wurden zeitweilig daran gehindert, das Gebäude zu betreten. Es gab Hausdurchsuchungen und Unterrichtsinspektionen sowie Diffamierungen in der Zeitung Das Schwarze Korps. Durch all diese Maßnahmen litt der Unterricht erheblich, was einen Rückgang der Schülerzahl zur Folge hatte.Swantje Wickenheiser: Die Reimann-Schule in Berlin und London (1902–1943). Bonn 1993, S. 454 ff.

1935 wurde der Autor (Pseudonym: Hans Rein) und Journalist und zuvor als Dramaturg und Regisseur am Stadttheater Halberstadt wirkende Fritz Aeckerle Lehrer an der Tonfilm-Abteilung der Schule Reimann. Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 7. Im selben Jahgr übergab Albert Reimann die Leitung seiner Schule dem Architekten Hugo Häring. Dieser sah hier eine Möglichkeit, seinen Gestaltungsideen Ausdruck und Sprache zu verleihen, obwohl seine Architektur von den Nationalsozialisten als „undeutsch“ diffamiert wurde. Die offizielle Erlaubnis, die Schule weiterzuführen, erhielt er vom Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung erst ein Jahr später.Swantje Wickenheiser: Die Reimann-Schule in Berlin und London (1902–1943). Bonn 1993, S. 462. Sie wurde in Kunst und Werk – Privatschule für Gestaltung umbenannt. Das Adressbuch verzeichnete sie 1941 als Kunst und Werk, Berufsschule, in der Landshuter Straße 38 und 1943 am Warschauer Platz 6–8.Adressbuch Berlin 1943, S. 4376

Im Verlauf des Jahres 1943 wurde das Schulgebäude mehrmals von Bomben getroffen, so dass Ende August kein Unterricht mehr stattfinden konnte. Am 23. November 1943 wurde es dann bei einem Luftangriff völlig zerstört.

Reimann School and Studios in London Die Reimann School and Studios in London wurden Anfang 1937 von Heinz Reimann, Albert Reimanns Sohn, gegründet. Wie die Berliner Schule Reimann ging sie mit der Zerstörung ihres Gebäudes im Luftkrieg 1944 unter.Swantje Wickenheiser: Die Reimann-Schule in Berlin und London (1902–1943). Bonn 1993.Swantje Kuhfuss-Wickenheiser: Die Reimann-Schule in Berlin und London (1902–1943). Ein jüdisches Unternehmen zur Kunst- und Designausbildung internationaler Prägung bis zur Vernichtung durch das Hitlerregime. Aachen 2009.Lehrkräfte der Reimann School in London, abgerufen am 31. März 2020 auf www.artbiogs.co.uk Lehrer an der Schule waren Heinz Loew, Else Taterka, Elisabeth von Sydow und andere.

Öffentlichkeitsarbeit (Auswahl) Veranstaltungen Seit 1912 wurde regelmäßig zur Faschingszeit das „Gauklerfest“ veranstaltet, bekannt unter dem Namen „Reimann-Ball“. Lehrer und Schüler gestalteten ihn jährlich zu einem herausragenden Erlebnis. Mit den Überschüssen aus dem Erlös wurden begabte mittellose Schüler unterstützt. Als „Quintessenz Berliner Amüsiervergnügens“ bezeichnete 1926 der Kritiker Pem den Ball. „Alles ist da! Bei Reimann kann man, wenn man Pech hat, seine komplette Vergangenheit versammelt finden. Man trifft Leute, denen man sonst ängstlich zu begegnen vermeidet.“Paul Marcus (d. i. Pem): Reimann-Ball. In: Der Junggeselle, Nr. 4 (4. Januarheft 1926), S. 7.

Begeisterte Zustimmung der Berliner Bevölkerung und der Presse fand der im Sommer 1928 veranstaltete Wagenkorso „Alt Berlin“. Die Teilnehmer, unter ihnen viele Prominente, fuhren in Biedermeier-Kostümen im Kremser, Landauer oder in alten Kaleschen vom Lustgarten über die Prachtstraße Unter den Linden zum Festplatz an der Krolloper. Sogar die führende Wochenschau Emelka filmte das Spektakel.Albert Reimann: Die Reimann-Schule in Berlin. (= Schriften zur Berliner Kunst- und Kulturgeschichte, Band 8.) Bruno Hessling, Berlin 1966, S. 50 ff.H. Wingler: Kunstschulreform 1900–1933. Gebr. Mann, Berlin 1977, S. 256.

Schulzeitschrift 1916 erschien zum ersten Mal monatlich die Schulzeitschrift „Mitteilungen an die Schüler der Schule Reimann“, ab 1920 unter dem Titel „Farbe und Form, Mitteilungen der Schule Reimann“, ab 1923 „Farbe und Form, Zeitschrift für Kunst und Kunstgewerbe“, ab 1933 „Farbe und Form, Zeitbild des Kunstschaffens“. 1934 erschien die Schulzeitschrift mit vier Heften zum letzten Mal.

Präsentation von Schülerarbeiten / Teilnahme an Ausstellungen 1902–1909 (jährlich): Große Berliner Kunstausstellung im Ausstellungspalast beim Lehrter Bahnhof in Berlin-Moabit 1904: Internationaler Frauenkongreß in Berlin 1906: III. Deutsche Kunstgewerbeausstellung in Dresden 1906: Ausstellungshallen am Zoologischen Garten in Berlin 1907: Deutsche Armee-, Marine- und Kolonialausstellung in Berlin 1908: Internationale Batik-Ausstellung in Berlin (in den eigenen Räumen der Schule) 1909: Batik-Ausstellung im Kunstgewerbemuseum Stuttgart 1914: Internationale Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik (Bugra) in Leipzig 1921 wurde im Erdgeschoss der Schule ein Ausstellungs- und Verkaufsraum für Schülerarbeiten eröffnet. 1927–1929: Wanderausstellung der Schule Reimann zum 25-jährigen Bestehen, 1930/31 auch in vielen Großstädten der USA 1928: Schaufensterschau („Schau, Schau!“) im Leipziger Grassi-Museum 1929: Internationale Reklameschau in den Ausstellungshallen am Kaiserdamm in Berlin-CharlottenburgPlakat zur Reklameschau 1929 in Berlin, entworfen von F. Rosen und L. Bernhard, abgerufen am 31. März 2020 auf eMuseum/Museum für Gestaltung Zürich 1931: Studienausstellung deutscher Kunstgewerbeschulen in Chemnitz 1932: Film-Lehrausstellung ABC des Filmens im Kino Capitol am Zoo in Berlin-Charlottenburg 1933: Leistungsschau der Schule Reimann (in den eigenen Räumen der Schule)

Lehrer mini|hochkant|Freskomalerei mit Prof. Melzer, 1931 Eine Liste der Lehrkräfte der Schule Reimann bzw. der Schule Kunst und Werk – Privatschule für Gestaltung – ist in der Dissertation von Swantje Wickenheiser veröffentlicht worden.Swantje Wickenheiser: Die Reimann-Schule in Berlin und London (1902–1943). Bonn 1993, S. 587 ff. Einige von ihnen gehörten zur künstlerischen Avantgarde. Sie waren Mitglieder verschiedener Künstlervereinigungen, wie der Neuen Secession (NSe), der Novembergruppe (NG) oder des Arbeitsrats für Kunst (AfK). Zu ihnen gehörten Rudolf Ausleger (NG), Heinz Fuchs (NG), Oswald Herzog (NG), Bernhard Klein (NG), Moriz Melzer (Nse, NG, AfK), Georg Muche (NG), Kurt Hermann Rosenberg (NG) und Georg Tappert (Nse, NG, AfK). Aber auch Bauhaus-Lehrende wie Joost Schmidt und Walter Peterhans fanden dort wieder eine Vollzeitanstellung, während Hans Scharoun und Oskar Schlemmer sich anhand kleinerer Gestaltungstätigkeiten im Rahmen der Schulorganisation einbrachten.

Weitere bedeutende Lehrer waren Ludwig Kainer (Modezeichnen), Paul Scheurich (Aktzeichnen und Modellieren), Annie Offterdinger (Modezeichnen), Rolf Niczky (Modezeichnen), Kenan (Modeentwurf, Modezeichnen), Maria May (Dekorative Malerei, Textilkunst), Erna Hitzberger (Textilkunst), Erna Schmidt-Caroll (Kostümentwurf), Gerda Juliusberg (Textilkunst, Stickerei, Weberei), Ina von Kardorff (textile Handarbeiten), Elisabeth von Stephani-Hahn (Schaufenstergestaltung), Georg Fischer (Schaufenstergestaltung), Julius Klinger (Plakatgestaltung), Jupp Wiertz (Plakatgestaltung), Max Hertwig (Gebrauchsgrafik), Josef Seché (Plakatgestaltung), Else Taterka (Plakatgestaltung), Karl Heubler (Metallgestaltung), Werner Graeff (Fotografie), Walter Nuernberg (Fotografie), Wilhelm Deffke (Buchgewerbe und Batik) und Frieda Wiegand (Grafik und konstruktives Zeichnen).

Schüler An der Berliner und der Londoner Reimann-Schule haben in den Jahren 1902 bis 1943 schätzungsweise 15.000 Studierende ihre künstlerische Ausbildung erhalten. Eine Liste mit 750 Namen und Kurzbiografien von ehemaligen Reimann-Schülerinnen und -Schülern, unter denen viele bekannte Designer und Künstler zu finden sind, ist im 2009 erschienenen Buch von Swantje Kuhfuss-Wickenheiser aufgeführt.Swantje Kuhfuss-Wickenheiser: Die Reimann-Schule in Berlin und London (1902–1943). Ein jüdisches Unternehmen zur Kunst- und Designausbildung internationaler Prägung bis zur Vernichtung durch das Hitlerregime. Aachen 2009, S. 511–580.

Würdigung Die Schule Reimann in Berlin entstand im gleichen Jahr wie die Debschitz-Schule in München im Zuge der Reformbewegung der Kunstgewerbeschulen als privat geführte Werkstättenschule.

Den Anfang hatten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Gründungen staatlicher Kunstgewerbeschulen gemacht. Sie sollten dem Niedergang des künstlerischen Schaffens, hervorgerufen durch die industrielle Massenproduktion, entgegenwirken. Die Ausbildung in der „angewandten“ Kunst beschränkte sich aber vielfach auf das Zeichnen und Formen von Ornamenten, Rosetten, Löwenköpfen und Säulenkapitellen wie es auch Albert Reimann während seines Studiums an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin erlebt hatte. Der Künstler entfremdete sich mit dieser historisierenden Stilimitation (Historismus) seiner eigenen Zeit.Albert Reimann (Hrsg.): 25 Jahre Schule Reimann. Verlag Farbe und Form, Berlin 1927, S. 15.